Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/97:
Heißer Sommer für die Finanzmärkte
G-7 Gipfel in Denver. Auch für diesen
Gipfel gilt das Motto: "Außer Spesen nichts gewesen". Die Lage
des Weltfinanzsystem wurde schöngeredet. Aber schon am Tag nach
dem Gipfel erschütterte ein finanzielles "Erdbeben" an der Wall
Street die Finanzwelt, als der Dow Jones Index um 192 Punkte
einbrach.
Ein Realitätsschock von 30 Minuten
Hinter "Optimismus" lauert Angst
Es gibt auch nüchterne Einschätzungen
Wir wissen, was zu tun ist
Einen Tag vor der formellen Eröffnung des diesjährigen
Weltwirtschaftsgipfels in Denver (Colorado) hielt Präsident
Clinton eine der schlechtesten Reden seiner bisherigen Amtszeit:
"Die Globalisierung ist irreversibel" und unaufhaltsam
"marschiert Amerika vom Industrie- ins
Informationszeitalter". Die amerikanische Wirtschaft sei
"in der besten Verfassung während der letzen 20 Jahre". Dank
konsequenten "Freihandels", Budgetkürzungen und der Politik der
"Federal Reserve [Zentralbank], die Wachstum und niedrige
Inflation" bewirkt habe, sei die amerikanische Wirtschaft die
"stärkste der Welt".
In diesem Tenor ging es dann den ganzen G-8-Gipfel hindurch
weiter. Hatte es vor dem Gipfel noch einige besorgte Äußerungen
über die Gefahr einer "Systemkrise" der Weltfinanzen seitens der
Regierung Clinton gegeben, so wurden auf dem Gipfel selbst nur
Maßnahmen zur Erhaltung des Status quo beschlossen. Dies soll
durch verbesserte "Überwachung", "Vorwarnung", "Selbstkontrolle"
und "Transparenz" geschehen, wobei dem Internationalen
Währungsfonds (IWF) und der Bank für internationalen
Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel eine Führungsrolle zukommen
sollen. Der tatsächliche Zustand des spekulativ bis aufs
Äußerste aufgeblähten Finanzsystems war kein Thema, jedenfalls
nicht in öffentlichen Äußerungen und auch nicht bei den
gipfelüblichen "Hintergrundgesprächen" der
Regierungsdelegationen. Wollte man der
Medienberichterstattung über den Denver-Gipfel glauben, so
wurde in Denver das "goldene Zeitalter" zelebriert.
Ein Realitätsschock von 30 Minuten
Am Montag nach dem Gipfelwochenende kam dann aber die kalte
Dusche. Am Sonntag hatte Präsident Clinton recht scharf die
japanische Regierung angegriffen, weil Japan durch eine massive
Exportoffensive seine inneren Wirtschaftsproblem lösen
wolle. Der riesige japanische Exportüberschuß schlägt sich
nämlich in einem wachsenden Handelsbilanzdefizit der USA nieder.
Der japanische Ministerpräsident Hashimoto reagierte
prompt. Bei einer Rede in New York am Montag präsentierte er ein
"Gedankenspiel": Die von Japanern gehaltenen US-Schatzanleihen
im Wert von 450 Mrd. Dollar könnten unter Umständen veräußert
und dieses Geld statt dessen in Gold angelegt werden. Dieses
"Gedankenspiel" schlug in der Wall Street wie eine Bombe ein. In
einer halben Stunde verlor der Dow-Jones-Aktienindex 2,5% bzw.
192 Punkte, der zweitgrößte Punktverlust seit den Crash von
1987. Das war ein echter Schock, auch wenn der Dow Jones 1987
bei 2700 Punkten lag und gegenwärtig 5000 Punkte höher liegt.
Genau diese gigantische Wertpapierinflation der letzten zehn
Jahre wurde nun absurderweise dazu benutzt, den Einbruch vom 23.
Juni an der Wall Street zum unbedeutenden "Ausrutscher" zu
verharmlosen. Tatsächlich offenbart dieser Einbruch die
Hyperinstabilität des Finanzsystems. Eine vage Drohung -
japanische Anlagen wurden ja überhaupt nicht verkauft - reicht
aus, um die hartgesottenen Geldhändler in einem Zustand der
Panik zu treiben. Erst nachdem Hashimoto erklärte, er habe das
alles gar nicht so gemeint, beruhigten sich Finanzmärkte, um
einige Tage später wieder in hektische Ausschläge zu verfallen.
Hinter "Optimismus" lauert Angst
Hinter der Fassade des "glühenden Optimismus" der Geldhändler
und "Finanzexperten" lauert die nackte Angst. Wie nervös und
angespannt die Stimmung hinter den Kulissen der Bankwelt ist,
mag folgende Episode illustrieren, die sich letzte Woche in
einer der führenden Investmentbanken der Londoner City, die
einer deutschen Großbank gehört, ereignet hat: Ein erfahrener
Börsenmakler wagte es, seine Kollegen in der Bank nachdrücklich
darauf hinzuweisen, daß er einen baldigen "großen Börsenkrach"
für immer wahrscheinlicher halte. Er verlangte, die meist jungen
Händler in der Bank, die meinen, daß es "immer so weitergeht",
müßten auf die enormen Risiken der gegenwärtigen Finanzlage
aufmerksam gemacht werden. Die Geschäftsführung reagierte prompt
- der zur Vorsicht mahnende Makler wurde entlassen. Man könne
nicht zulassen, daß "unsere jungen Händler durch Pessimismus
desorientiert und verunsichert werden," lautete die Begründung
für die Entlassung. Als Deutscher fühlt man sich unwillkürlich
an die Schlußphase des Zweiten Weltkrieges erinnert, als die
Führung damals glaubte, durch die Beseitigung von
"Wehrkraftzersetzern" die unvermeidliche Niederlage abwenden zu
können.
Es gibt auch nüchterne Einschätzungen
Während die Masse der internationalen Finanzpresse
hysterischen Zweckoptimismus verbreitet und den Einbruch an der
Wall Street zum "Nichtereignis" erklärten, gab es aber auch
andere Einschätzungen. So schrieb beispielsweise der
Chefredakteur des Handelsblatts Klaus C. Engelen einen
Kommentar mit dem Titel "Offene Flanke". Darin stellt er fest,
der gegenwärtige "Boom" an den amerikanischen Finanzmärkten sei
gehe wesentlich auf die Tatsache zurück, daß 900 Mrd. Dollar aus
Japan in US-Finanzanlagen geflossen seien, weil in Japan die
Zinsraten und damit die Finanzrenditen gegen Null tendieren. Das
werde sich in dem Moment ändern, wenn in Japan die Zinsraten
wieder anhebe, dann drohe den US-Finanzmärkten ein "Debakel".
Das eigentliche Problem seien die immer "labileren
Marktverhältnisse" mit "schwindelerregenden Börsenkursen". Die
"heutige globale Konstellation der Weltfinanzmärkte birgt nicht
mehr überschaubare Risiken". Und richtigerweise stellt Engelen
fest: "Weder die Baseler Bank für Internationalen
Zahlungsausgleich (BIZ) noch die meisten ,Experten' scheinen
beim heutigen Grad der Globalisierung und Finanzinnovation
verläßliche Antworten zu haben."
Wir wissen, was zu tun ist
Man sollte hinzufügen, daß sich Herr Engelen vielleicht doch
etwas näher mit Lyndon LaRouche und dieser Zeitung beschäftigen
sollte. Das spekulativ aufgeblähte, von der Realwirtschaft
abgekoppelte Weltfinanzsystem ist sehr wohl "durchschaubar".
Nicht nur birgt das Finanzsystem nicht mehr abzuschätzende
Risiken, das System selbst ist das Risiko. Alle
Finanztricks dieser Welt können dieses System nicht am Leben
erhalten. Und auch die Taktik, sein unvermeidliches Ende
hinauszuzögern, greift immer weniger. Man muß einfach der
Realität ins Auge schauen und das unhaltbare, objektiv bankrotte
Weltfinanzsystem einem "großen Konkursverfahren" unterziehen:
Fiktive Papierwerte werden abgeschrieben, während
realwirtschaftliche Potentiale geschützt und reaktiviert werden.
Den Rahmen dazu muß durch ein neues Weltfinanzsystem - ein
"neues Bretton-Woods-System" - geschaffen werden. Die
Initiative dazu müssen die Regierungen - die amerikanische,
deutsche, französische und chinesische - ergreifen. Dafür wäre
eine Gipfeltreffen keine Geldverschwendung, während für Denver
gilt: "Außer Spesen nichts gewesen."
Michael Liebig