Aus der Neuen Solidarität Nr. 30/97:


Finanzkrach im August?


Alle Geldschleusen wurden geöffnet
Währungskrisen überall

Bankiers fürchten Bankenkollaps

Nur der Zeitpunkt des Finanzkollapses steht noch zur Diskussion. Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, daß es schon im August zu "finanziellen Erdbeben" auf den weltweiten Märkten kommen wird, deren Vorbeben wir gegenwärtig miterleben. Diese können dann entweder schon im September/Oktober zur "Implosion" des Weltfinanzsystems führen - etwa nach einer Zinsanhebung in den USA - , oder eine bis ins Jahr 1998 hineinreichende Periode fieberhafter Instabilität einleiten.

Die Euphorie nährt sich selbst. Solange dem kleinen Investor mit immer größerem Werbeaufwand vorgegaukelt werden kann, aufgrund von Globalisierung, Deregulierung etc. sei jetzt ein paradiesisches Zeitalter angebrochen, in dem die Bewertungen von Aktien und anderen Finanztiteln quasi gesetzmäßig immer weiter in die Höhe schnellen, strömt noch mehr Liquidität in die Märkte und treibt die Kurse hoch. Allein im ersten Halbjahr 1997 stiegen die Aktienkurse an den wichtigsten westeuropäischen Börsen um 30% bis 40%, wobei Zürich mit +42,6% den Vogel abschoß. Auch in Frankfurt (+31,1%), Madrid (+33,6%), Amsterdam (+32,9%), Mailand (+25,3%) und Paris (+23,4%) nahm der rauschartige Kursanstieg Dimensionen an, wie sie zuletzt in den Jahren 1985 und 1986, vor dem Oktobercrash von 1987, zu bestaunen waren. Doch diesmal steht weit Schlimmeres bevor als vor zehn Jahren.

Alle Geldschleusen wurden geöffnet

Schon im Frühjahr 1995 hatte das Weltfinanzsystem unmittelbar vor dem Abgrund gestanden. Nach dem Anleihecrash des Jahres 1994, bei dem nach einer bescheidenen US-Zinserhöhung etwa 1000 Mrd. Dollar an Papierwerten vernichtet wurden, nach zahlreichen spektakulären Pleiten infolge mißglückter Derivatspekulationen, dem Ausbruch der Mexiko-Krise Ende 1994/Anfang 1995 und dramatischen Verschiebungen im weltweiten Währungsgefüge im Verlaufe des Jahres 1995, drohte schließlich auch noch das gesamte japanische Bankensystem unter einem Berg fauler Schulden in Höhe von schätzungsweise 1200 Mrd. zu versinken.

Dies hätte eine Kettenreaktion im weltweiten Bankensystem ausgelöst und unmittelbar Panikverkäufe amerikanischer Staatsanleihen eingeleitet, welche in der Hauptsache von japanischen Investoren gehalten werden. Im Rahmen eines globalen Krisenmanagements einigten sich die führenden Zentralbanken der Welt darauf, weltweit die Zinsraten, zu denen sich Banken bei ihren Zentralbanken Liquidität beschaffen, auf ein absolut rekordtiefes Niveau herabzusenken. Der Einsatz dieser Liquidität auf höherverzinsten Märkten sollte dann den maroden Banken, in Japan und anderswo, risikolose Gewinne bescheren und damit einen allgemeinen Bankenkollaps verhindern. Zugleich richteten die USA einen Fonds in Höhe von sage und schreibe 500 Mrd. Dollar ein, aus dem sich japanische Banken und Versicherungen im Notfall bedienen durften, damit diese niemals aufhören, US-Staatsanleihen zu kaufen.

Seit nunmehr zwei Jahren hält diese "Anabolika-Behandlung" der Weltfinanzmärkte an. Doch immer häufiger entpuppen sich die vermeintlichen Muskelpakete als bloße Luftblasen, die mit großem Getöse platzen. Die Zentralbanken stehen vor einem unlösbaren Dilemma. Zwar sind sie sich darüber im klaren, daß die Nebenwirkungen ihrer Heilmethode den Patienten über kurz oder lang umbringen werden. Aber jeder "Entzug" oder auch nur eine Senkung der verabreichten Dosis hätte den sofortigen Kollaps zur Folge.

Währungskrisen überall

In Südostasien braut sich gegenwärtig neues Unheil für die weltweiten Finanzmärkte zusammen, das in Thailand seinen Ausgang nahm und sich nun dominoartig über die ganze Region ausbreitet. Und das japanische Bankensystem steckt mitten drin. Anfang Juli sah sich die thailändische Regierung nach längerem Abwehrkampf gegen die internationalen Devisenspekulanten gezwungen, ihre Währung vom Dollar abzukoppeln und eine Abwertung des Baht um 15% zuzulassen. Wenige Tage später mußten auch die Philippinen den Kurs ihres Peso infolge immer stärkerer spekulativer Attacken freigeben. Auch in Malaysia und Indonesien stehen die Währungen unter großem Druck, und selbst Taiwan, Südkorea und Singapur blieben nicht verschont.

Laut dem Chefökonomen der Deutschen Bank in Asien, Kenneth Courtis, handelt es sich bei diesem südostasiatischen Währungskrieg lediglich um die "ersten Knaller vor dem großen Feuerwerk". Zeitgleich mit den Ereignissen an der Währungsfront erleben die einstigen Musterknaben "aufstrebender Märkte", wie die in den vergangenen Jahren so reichlich geflossenen Kapitalströme ausländischer Fonds austrocknen oder gar wieder abfließen. Die Zahlungsbilanzschwierigkeiten werden immer größer, während die geplatzten Blasen an den Immobilienmärkten gewaltige Berge fauler Schulden hinterlassen.

Im Falle Thailands wird das Volumen der notleidenden Kredite auf 36 Mrd. Dollar geschätzt. Es kursieren Schätzungen, nach denen die Rettung des Bankensektors insgesamt Steuergelder in Höhe von 15% des Bruttosozialproduktes des Landes verschlingen wird. Schon in den kommenden Monaten könnte Thailand bei der Bedienung seiner internationalen Zahlungsverpflichtungen in Verzug geraten. Die Auslandsschulden betragen etwa 90 Mrd. Dollar, von denen etwa 40% auf japanische Gläubigerbanken entfallen. Bis zu 66 Mrd. Dollar Auslandsschulden werden in den kommenden 13 Monaten fällig, doppelt soviel wie die Devisenreserven des Landes betragen.

Am 15. Juli gab die Regierung in Bangkok bekannt, daß der Finanzminister, der Außenminister und der Zentralbankchef zu einer Krisensitzung nach Tokio reisen werden, um mit ihren japanischen Kollegen ein Rettungspaket in Höhe von bis zu 20 Mrd. Dollar auszuhandeln. Schließlich würden die japanischen Banken einen Kollaps ihrer thailändischen Schuldner nicht überstehen.

Während nun allerorten das Wort vom "asiatischen Mexiko" die Runde macht, breiten sich ähnliche Krisen in Iberoamerika und Osteuropa aus. Mitte Juli führte die Angst vor neuen Währungskrisen zu Schockwellen an allen Aktienmärkten Südamerikas, wobei der brasilianische Index innerhalb von drei Tagen etwa 15% seines Wertes einbüßte. In einem am 12. Juli vorgelegten Bericht über die wirtschaftliche Situation in Osteuropa warnte das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) angesichts wachsender Zahlungsbilanzprobleme vor dem Ausbruch von Währungskrisen in Polen, Slowenien, Kroatien und Ungarn, spätestens im Jahre 1998. Am schlimmsten sei die Lage in der Slowakei, wo sogar akut mit einem Kursverfall der Krone um 15-20% gerechnet werden müßte.

Nur drei Tage später erlebte der polnische Zloty seinen schlimmsten Absturz aller Zeiten, um 4% innerhalb eines Tages. Tschechien steht nur deswegen nicht auf der WIIW-Liste der Crash-Kandidaten, weil hier die Währungskrise schon seit Mai im Gange ist.

Bankiers fürchten Bankenkollaps

Bezeichnend für die Auftürmung immer weiterer Bedrohungen auf den weltweiten Finanzmärkten sind die neuesten Empfehlungen der "Gruppe der Dreißig", einem Gremium, das im wesentlichen aus Repräsentanten der international operierenden Großbanken besteht.

Hatte sich die G-30 bislang vehement gegen zu viel staatliche Regulierung der Finanzmärkte und für strikte "Selbstkontrolle" etwa im Handel mit Finanzderivaten eingesetzt, so fordert sie nun die nationalen wie internationalen Regierungen und Aufsichtsbehörden auf, mehr für die Stabilität des Weltfinanzsystems zu unternehmen: Die Vorschläge der G-7 und des "Baseler Komitees" der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) seien nicht ausreichend, um im Krisenfall den Ausbruch von Kettenreaktionen zu verhindern. Zwar könnten die großen Banken durch Kontrollmechanismen im eigenen Hause ihre Risiken einschränken. Doch was nutze dies, wenn man angesichts fehlender internationaler Standards völlig im Unklaren darüber bleibt, welche Risiken z.B. die Gegenpartei eines Derivatkontrakts eingegangen ist. Ein weiterer Schwerpunkt der G-30-Empfehlungen ist der Ruf nach verbindlichen internationalen Verträgen, wie im Falle des Bankrotts international tätiger Unternehmen verfahren werden soll.

In Vorbereitung auf den Finanzkollaps finden weltweit Übernahmen und Besitzerwechsel auf dem Edelmetallsektor statt, die jedes bisher gekannte Maß übersteigen. Um aber den kleinen Investor von einer Flucht in die Sachwerte abzuhalten, zu der es schon bei ersten Kurskorrekturen an den Weltbörsen kommen könnte, haben sich die Zentralbanken nach Kräften bemüht, den Goldpreis durch gezielte Äußerungen in den Keller zu reden.

So veröffentlichte die US-Notenbank Federal Reserve am 4. Juni eine Studie zur Goldpolitik, worin der Vorschlag unterbreitet wird, die Zentralbanken sollten alle ihre Goldreserven an private Investoren verkaufen. Dabei würde auf einen Schlag so viel Gold auf den Markt geworfen, daß der Preis kollabieren und sich für die nächsten 15 bis 20 Jahre eine Goldproduktion nicht mehr lohnen würde.

Wenn es nicht gelingt, die von Lyndon LaRouche vorgeschlagene Reorganisation des Weltfinanzsystems rechtzeitig umzusetzen, dann wird man zum dritten Mal in diesem Jahrhundert den kleinen Sparer zur Schlachtbank führen.

Lothar Komp