Aus der Neuen Solidarität Nr. 34/97:


UPS-Streik gegen Lohn-Dumping


Ihr Kampf ist unser Kampf
Die Pensionskassenfalle

Am 3. August begann der seit 25 Jahren größte Streik in Amerika, als 185000 Beschäftigte des Paketzustellers United Parcel Service in den Ausstand traten. Bei dem Streik geht es nicht nur um Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, sondern vor allem darum, ein Zeichen gegen die immer weiter um sich greifenden Methoden des "Manchesterkapitalismus" mit Arbeitskräfterecycling und Billiglöhnen zu setzen.

UPS befördert in den USA mehr als 80% aller Päckchen und täglich mehr als 12 Mio. Pakete. UPS ist auch in Deutschland ein führender Paketzusteller; weltweit werden jährlich 3,15 Mrd. Pakete und Dokumente über 1700 Logistikzentren in mehr als 200 Ländern befördert. Der Streik trifft die Achillesferse der amerikanischen Wirtschaft: Im Rahmen der Maßnahmen zur Kostensenkung und Verschlankung der Produktion wurden Ersatzteillager und die Vorratshaltung für die Produktionen abgebaut und durch Just-in-time-Zulieferung ersetzt. Dabei spielen Speditionsfirmen wie UPS eine herausragende Rolle.

Ausgelöst wurde der Streik der Teamster durch die Absichten von UPS, ihre Vollzeitbeschäftigten fast vollständig durch Teilzeitkräfte zu ersetzen (wobei man die auf den Arbeitsmarkt drängenden bisherigen Sozialhilfeempfänger besonders im Auge hat). Teilzeitkräfte erhalten weniger als die Hälfte des Tariflohns, sind über ihren Arbeitsvertrag weder kranken- noch rentenversichert und erhalten keine der sonstigen tariflichen Vergünstigungen. Schon jetzt sind über 60% aller Arbeitsplätze bei UPS Teilzeitjobs, von den 46300 von UPS seit 1993 neu geschaffenen Stellen sind es sogar 83%. Der Anfangslohn für Teilzeitkräfte liegt bei acht Dollar und ist seit 1982 nicht erhöht worden.

Das UPS-Management verweist stolz darauf, daß der Durchschnittslohn bei 11 Dollar die Stunde liege, tatsächlich aber sind die Halbtagsbeschäftigten zu Vier-Stunden-Schichten eingeteilt und erhalten somit gerade den gesetzlichen Mindestlohn. 1996 stellte UPS 182000 Beschäftigte ein und lernte sie für die Teilzeitbeschäftigung an, aber nur 40000 waren am Ende des Jahres noch bei UPS.

Arbeitsunfälle sind bei UPS dreimal so häufig wie im Durchschnitt bei Industriebeschäftigten. Durchschnittlich gibt es jeden Monat einen tödlichen Unfall bei UPS. Kürzlich starb in Chikago ein neu Eingestellter an Herzversagen, nachdem er versucht hatte, 2000 Pakete pro Stunde zu entladen.

Weil UPS der einzige amerikanische Paketzusteller ist, dessen Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert sind, könnte ein erfolgreicher Arbeitskampf um angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen auf die gesamte übrige Wirtschaft ausstrahlen. 18% der knapp 140 Millionen amerikanischen Erwerbspersonen haben nur einen Teilzeitjob; viele davon wären gern ganztagsbeschäftigt. UPS ist ein Paradebeispiel für die Politik der "Wegwerf-Arbeitskräfte" - die Realität des angeblichen amerikanischen Job-Wunders.

United Parcel Service ist auch politisch ein geeignetes Streikziel. UPS-Finanzvorstand Gary E. MacDougall war 1988 einer der Leiter im Wahlkampfteam von George Bush, und UPS selbst hat über die Firmenstiftung großzügige Spenden an die Heritage Foundation und das CATO Institute, die wichtigsten Denkfabriken der konservativen Revolution, entrichtet.

Ihr Kampf ist unser Kampf

Vertreter der Bürgerrechtsbewegung von LaRouche haben im ganzen Land Streikposten aufgesucht, um ihre Solidarität auszudrücken und Informationsmaterial zu verteilen. Die Stimmung unter den Streikenden ist kämpferisch, wurde berichtet. Viele Streikposten unterschrieben den Offenen Brief an Präsident Clinton, um die Rehabilitierung von Lyndon LaRouche zu erreichen.

Präsidentschaftskandidat LaRouche selbst gab eine Erklärung ab, worin es u.a. heißt: "Ich halte den wohldurchdachten Streik gegen United Parcel Service für ein sehr wichtiges Element des Kampfes um die Wiederbelebung jener Prinzipien in den Vereinigten Staaten, die so klar unserer Verfassung zugrundeliegen... Die Methoden, gegen die sich dieser Streik richtet, bezeichnen das Übel, das weite Teile des Wirtschaftslebens der Vereinigten Staaten im letzten Vierteljahrhundert übernommen hat. Die Menschen werden um ihr Recht auf ein vernünftiges Leben betrogen und durch den Trick der Aasgeier mit ihrer just in time-Politik ausgeplündert. Das ist bezeichnend für jene fehlgeleitete Politik, die den Lebensstandard unserer Bevölkerung ruiniert, die Steuereinnahmen schrumpfen läßt und die physische Wirtschaft bis auf die Knochen ausblutet, nur damit die großen kurzfristigen Papiergewinne der Spekulanten an der Wall Street stimmen."

Jim Sheard, Vizepräsident der Teamster-Ortsgruppe in Omaha, Nebraska, die 1200 UPS-Beschäftigte vertritt, erklärte am 8. August gegenüber dem New Federalist (der amerikanischen Schwesterzeitung der Neuen Solidarität), daß die Hauptforderung im Streik die Frage des Familieneinkommens ist. UPS sei ein gutes Beispiel für das, was in Amerika falsch laufe, meinte er. "Ein Unternehmen, das eine Milliarde Dollar Gewinn macht, will dennoch die Zahl der Teilzeitbeschäftigten erhöhen, statt sie zu senken. Teilzeitbeschäftigte erhalten nur etwa die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge, die ein Vollzeitbeschäftigter erhält."

Sheard berichtete, daß er und die Teamster-Gewerkschafter im ganzen Land Demonstrationen organisieren und zusammen mit anderen Gewerkschaften Aktionen planen. So bringen Fahrer Flugblätter zu ihren Kunden, worin diese aufgefordert werden, bei UPS anzurufen und die Streikforderung nach mehr Vollzeitbeschäftigung zu unterstützen. "Ich glaube, wir haben in der Öffentlichkeit dafür Unterstützung, denn viele Leute verstehen, daß man auf Teilzeitbasis keine Familie ernähren kann", sagte er.

Der Streik hat die volle Unterstützung des Präsidenten des US-Gewerkschaftsbunds AFL-CIO John Sweeney, der Gewerkschaft der Postbediensteten und sogar des Verbandes unabhängiger Piloten, der sich nur selten an Solidaritätsaktionen beteiligt. Aufgrund dieser Unterstützung sah sich UPS am 6. August gezwungen, die Verhandlungen mit den Streikenden wieder aufzunehmen. Sweeney erklärte, der Streik sei ein Test für die gesamte Gewerkschaftsbewegung: "Wir werden ihn bestehen und die notwendige Zeit, Energie und Ressourcen aufbringen, um UPS und damit allen amerikanischen Unternehmen eine Lektion in praktischer Ökonomie zu erteilen. Ein Teilzeit-Amerika funktioniert nicht!" Ähnlich äußerte sich auch der frühere Arbeitsminister Robert Reich.

Auch international erfährt der Streik Unterstützung. Die Internationale Transportarbeitergewerkschaft (ITWF), in der sich Transportarbeiter aus 120 Ländern zusammengeschlossen haben, forderte am 7. August die "größtmögliche internationale Unterstützung" für die UPS-Arbeiter. "Der UPS-Streik berührt unmittelbar die Kernfragen, welche Art von Gesellschaft und welche Art von globaler Wirtschaft wir für uns selbst schaffen wollen", erklärte ITWF-Generalsekretär David Crockroft.

Die Pensionskassenfalle

Gegenüber dem Fernsehsender ABC kritisierte Teamster-Präsident Ron Carey Versuche der UPS, sich die Rentenversicherungskasse anzueignen. UPS zahlt Beiträge für seine Teamster-Mitglieder in eine Pensionskasse ein, die von Vertretern der Unternehmen (nicht nur UPS) und der Gewerkschaft gemeinsam verwaltet wird. UPS als größter Teamster-Arbeitgeber zahlt derzeit etwa 18% der Jahresbeiträge. UPS will jetzt eine eigene Pensionskasse einrichten und versüßt diesen Vorschlag mit der Ankündigung, höhere Beiträge einzuzahlen. Carey sagte dazu am 12. August: "Tatsächlich steht im Kleingedruckten dieses Unternehmensangebots, daß ihnen alle wichtigen Entscheidungen in der Unternehmensleitung zufallen. Die Kasse wäre nur dem Namen nach gemeinsam verwaltet, anders als Teamster-Pensionskassen, die immer von Treuhändern geleitet werden, die gemeinsam von der Gewerkschaft und den Unternehmen ausgesucht werden."

Inzwischen wird zunehmend Druck auf Präsident Clinton ausgeübt, von Amts wegen zu intervenieren und den Streik zu beenden. Der Präsident lehnte dies jedoch bisher ab, da er die nationale Sicherheit nicht in Gefahr sehe.

AFL-CIO-Präsident John Sweeney sagte dazu in einer eher ironischen Erklärung, er fordere den Präsidenten auf, "UPS wissen zu lassen, daß er keinen Notausstieg für die UPS-Unterhändler offen halte. Sobald diesen Giganten des privaten Unternehmertums klar ist, daß sie nicht auf Rettung durch die Regierung zählen können, dann werden sie ehrlich verhandeln und der Streik wird schnell beigelegt." Wenn dies nicht geschehe, so Sweeney, sei die AFL-CIO bereit, den Streikenden solange Unterstützung zukommen zu lassen, "wie sie es brauchen".

Marianna Wertz