Vor wenigen Wochen erschien in einer deutschen Zeitung ein einsichtsvolles Cartoon: Ein unüberschaubares Heer von Anlegern drängt ins Portal der Börse, um dort ihr Geld loszuwerden, obwohl neben dem Eingang eine riesige Schautafel die vergangene und künftige Aktienkursentwicklung anzeigt - die Kurve bewegt sich zunächst steil nach oben, um dann plötzlich ins Bodenlose abzustürzen; ein kleines Stück vor dem fatalen Knick markiert ein Pfeil den gegenwärtigen Zeitpunkt: "Sie befinden sich hier!" Der Bildtext lautet: "Zug der Lemminge".
Dieses Cartoon kam mir wieder in den Sinn angesichts der offiziellen Reaktionen auf den jüngsten Kursrutsch an der Wall Street und den Börsen rund um die Welt, die sich u.a. in der Titelschlagzeile der Frankfurter Rundschau vom Dienstag, den 19. August, niederschlugen: "Expertentip: Jetzt Aktien kaufen!"
Auch sollte es zu denken geben, wenn US-Zentralbankchef Alan Greenspan, der noch in der jüngsten Vergangenheit vor dem "irrationalen Überschwang" der Aktienmärkte gewarnt hatte, jetzt eine dämpfende Zinserhöhung ganz unnötig und steigende Aktienkurse durchaus gerechtfertigt findet, weil das Informationszeitalter der Wirtschaft angeblich einen "neuen Produktivitätsschub" beschert hätte. Damit folgt er übrigens den propagandistischen Vorgaben der Zeitschrift des New Yorker Council on Foreign Relations, Foreign Affairs, die solches in ihrer jüngsten Ausgabe auf 18 Seiten mit allerhand grotesken Argumenten an den Mann zu bringen versucht.
Es sei nunmehr "eine neue wirtschaftliche Ära", frei von Konjunkturzyklen und Inflationsgefahren, angebrochen, wird dort verkündet. Und weshalb? Weil der mittlerweile dominante Dienstleistungssektor weder Produktionszyklen noch -rückgänge aufweise (ganz einfach, weil in diesem Bereich keine Güterproduktion stattfindet). Und die Inflationsgefahr sei deshalb gebannt, weil erstens die Gewerkschaften im Dienstleistungsgewerbe weit weniger zu melden haben als in der Industrie, und zweitens die Abschaffung fester Berufe, die man sein ganzes Arbeitsleben lang ausübt, und ihre Ersetzung durch Zeitarbeit für einen "flexiblen Arbeitsmarkt" sorge, wo die Angst, den Job zu verlieren, inflationstreibende Lohnforderungen gleichsam automatisch ausschalte.
Der verdienstvollste Job aus der Sicht dieser Wahnsinnigen ist natürlich der des Finanzdienstleisters, der es sogar jetzt, kurz vor dem Crash, noch schafft, kleine Anleger dazu zu bringen, Sparkonto und Lebensversicherung aufzulösen und ihr Glück an der Börse zu versuchen.
Doch selbst diejenigen, welche die Krise an der Aktienfront wahrnehmen, verkennen meistens die ganze Tragweite dieser Krise. Dies hier ist keine zyklische Krise der Aktienmärkte, sondern eine Krise des Systems, die an immer neuen Fronten gleichzeitig sichtbar wird: die Immobilien- und Bankenkrise in Japan, jetzt auch in Südkorea; die Währungskrisen mit enormer Kapitalflucht in ganz Südostasien; ähnliche Krisen, die an den bis vor kurzem noch hochgejubelten "aufstrebenden Märkten" Osteuropas aufbrechen; desgleichen in Lateinamerika, vor allem in Brasilien und Argentinien; ganz zu schweigen von der gigantischen Spekulationsblase weltweit ausstehender Derivatkontrakte (d.h. Finanzwetten) im astronomischen Umfang von inzwischen schätzungsweise 100 Billionen Dollar - das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt aller Volkswirtschaften der Welt in vier Jahren!
Abbau der produktiven Basis
Man darf nicht vergessen, daß der Aktienboom der vergangenen zwei Jahre selbst das Resultat eines höchst krankhaften Prozesses ist: Nach dem Anleihecrash 1994 und dem mexikanischen Peso-Kollaps Ende 1994 drohte 1995 auch noch das gesamte japanische Bankensystem unter einem Berg von etwa 1200 Mrd. Dollar fauler Immobilienschulden zusammenzubrechen. Damals beschlossen die wichtigsten Zentralbanken der Welt, um den akut drohenden kettenreaktionsartigen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems zu verhindern oder jedenfalls hinauszuzögern, "Zauberlehrling" zu spielen, und drehten den Geldhahn auf. Die Zinsraten, zu denen sich Banken bei ihren Zentralbanken Liquidität verschaffen, wurden auf ein beispiellos niedriges Niveau gesenkt. Der Einsatz dieses enorm billigen Geldes auf höherverzinsten Märkten sollte den maroden Banken in Japan und anderswo risikolose Gewinne bescheren und damit einen allgemeinen Bankenkollaps verhindern.
Diese Liquiditätsflut ergoß sich bald auf alle Finanzmärkte der Welt und trieb die Aktienpegel auf immer neue Rekordhöchststände. Man ließ es laufen, wie es kam, und machte dabei auf Kosten der Realwirtschaft (also auf Kosten der Güterproduktion, Sozialsysteme, des Lebensstandards der Bevölkerung) Riesengewinne - bis nun der drohende Deichbruch nicht mehr zu übersehen ist. Der amtsmüde Finanzminister Waigel sieht's und denkt sich wohl: "Nach mir die Sintflut."
Das Schlimmste ist, die Spekulationsflut hat die sicheren Deiche der produktiven Wirtschaft nicht nur von Jahr zu Jahr mehr aufgeweicht und unterspült; die produktive Basis der Wirtschaft ist gleichzeitig auch immer mehr geschrumpft (denn nichts anderes bedeutet der rapide zunehmende Anteil der Dienstleistungen an der gesamtwirtschaftlichen Aktivität). Das heißt, die solide Grundlage, von der aus man nach dem Zusammenbruch des bankrotten Finanzsystems mit dem Wiederaufbau beginnen könnte, erodiert von Tag zu Tag mehr.
Die Frage ist längst nicht mehr: Kommt der Crash, oder kommt er nicht? Sondern: Was kommt danach? Es führt kein Weg daran vorbei, das derzeitige IWF-System für bankrott zu erklären und von Regierungsseite ein Konkursverfahren einzuleiten, um so die lebensnotwendigen produktiven Wirtschaftsfunktionen sowie die materielle und soziale Infrastruktur vor den verheerenden Auswirkungen des finanziellen Deichbruchs zu bewahren.
Die nächste Aufgabe ist der Wiederaufbau, die Ankurbelung der produktiven Wirtschaft durch entwicklungsfördernde Infrastrukturprojekte (etwa im Zusammenhang der eurasischen Landbrücke). Prinzipielle Finanzierungsquelle dafür muß der Nationalbankkredit (im Unterschied zur Neuverschuldung an den Kapitalmärkten) in Kombination mit der bewährten Finanzierungsmethode der Kreditanstalt für Wiederaufbau sein.
Dieser Weg einer kontrollierten Reorganisation des Weltfinanzsystems (Stichwort: "Bretton Woods II") ist die einzige Alternative zu einem unkontrollierten Systemkollaps mit unvorstellbar furchtbaren Konsequenzen für uns alle. Doch die Lemminge steuern geradewegs darauf zu.
Die für "Bretton Woods II" erforderlichen Maßnahmen stehen weder in den Lehrbüchern der monetaristischen Marktexperten noch der computervernetzten Krisenmanager noch der neolibal-anarchistischen Gewerkschaftsfresser. Nicht-Lemminge müssen sie angesichts des drohenden Deichbruchs dennoch ergreifen, obwohl sie in keinem Lehrbuch stehen.
Wer das nicht einsehen mag, soll die Oderbruchbewohner fragen: Wenn die Verantwortlichen in jener denkwürdigen Nacht, als dem Deich noch eine Chance von 5% gegeben wurde, nicht entschieden hätten, alle Lehrbuchweisheiten über Bord zu werfen, dann wären weite Teile des Oderbruchs nämlich untergegangen. Im Lehrbuch stand: Ist der Deich erstmal durchweicht, dann kann man nur noch hoffen. Bloß nichts mehr machen am Deich, denn jede Erschütterung kann den Bruch auslösen. Die Entscheidung, trotzdem Drainagerohre in den durchweichten Deich zu treiben und Wasser abzupumpen, brachte die Rettung.
Wer findet nun den Mut, im Großen das notwendige Neue zu tun, um eine wirtschaftliche - und zivilisatorische - Katastrophe ohne Beispiel abzuwenden?
Gabriele Liebig