Als am 14. August die russischen Kosmonauten Wassilij Ziblijew und Alexander Lasutkin nach dramatischen Monaten an Bord der "Mir"-Station schließlich wohlbehalten auf der Erde landeten, erklärte Ziblijew: "Einige hatten wohl erwartet, daß wir nur noch als Leichen zurückkehren würden." Angesichts der vorangegangenen Ereignisse darf man diese Bemerkung des "Mir"-Kommandanten nicht als Scherz oder Übertreibung auffassen. In einer beispiellosen Medienkampagne, der auch fast alle westlichen Zeitungen auf den Leim gingen (mit Ausnahme etwa der Neuen Solidarität, siehe Ausgabe 29/97), waren die sich seit März häufenden Pannen auf der russischen Raumstation allesamt der Unfähigkeit der Besatzung zur Last gelegt worden. Selbst der russische Präsident ließ sich zu Angriffen gegen seine Kosmonauten hinreißen, indem er Anfang August behauptete, "der menschliche Faktor" habe die entscheidende Rolle bei den Unglücksfällen gespielt.
Inzwischen hat sich diese Darstellung vor aller Welt als Ammenmärchen herausgestellt. Offensichtlich wurde vielmehr, daß die eigentliche Ursache der Probleme der katastrophale Zustand der russischen Wirtschaft ist. Der mit den Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) erfolgte Zerfall der russischen Wirtschaft hat inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, daß dringend benötigte Ersatzteile für die "Mir"-Station sowie für andere zentrale Bereiche der russischen Wirtschaft überhaupt nicht mehr verfügbar sind. Hätten nicht Ziblijew und Lasutkin mindestens dreimal - unter Umgehung der Vorschriften - ihr Leben riskiert, würde "Mir" längst steuerlos im All treiben, um dann früher oder später auf die Erde zu stürzen.
Die IWF-Forderung nach Senkung der Inflationsrate und der öffentlichen Ausgaben wurde erfüllt, indem man Zigmillionen Arbeitern, Rentnern und Soldaten kurzerhand ihre monatlichen Bezüge nicht mehr zahlte. Das Gesundheitssystem ist kollabiert, so daß die Lebenserwartung der russischen Bevölkerung, nach einem gerade in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Bericht, zwischen 1990 und 1994 bei Männern von 64 auf 58 Jahre und bei Frauen von 74 auf 71 Jahre gefallen ist. Gleichzeitig wurden seit 1991 mindestens 500 Mrd. Dollar, etwa in Form von Devisen, Rohstoffen oder Kunstgegenständen, außer Landes geschafft, was einer dünnen Oberschicht in Moskau und ihren Komplizen im Westen zu schnellem Reichtum verhalf.
Rußland hat nur dann eine Überlebenschance, wenn die wichtigste noch vorhandene Ressource, nämlich die große Zahl an Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern aus den ehemaligen Betrieben und Labors der Luft- und Raumfahrt, mobilisiert wird, um die russische Industrie zu modernisieren. Es ist der Raumstation "Mir" und ihren Folgeprojekten zu verdanken, daß hier bislang zumindest ein Minimum an Struktur aufrechterhalten werden konnte.
Dreimal innerhalb von vier Monaten ertönten in diesem Jahr an Bord der "Mir" die Alarmsirenen und forderten die russischen Kosmonauten und ihre westlichen Begleiter zur sofortigen Evakuierung und damit unwiderruflichen Aufgabe der Raumstation auf: Zunächst im Februar 1997, als während des Aufenthalts des deutschen Astronauten Ewald aus bisher ungeklärter Ursache ein Feuer ausbrach, dann im März 1997 nach einem mißlungenen Andockmanöver und schließlich Ende Juni 1997 nach dem Zusammenstoß mit einem Versorgungsraumschiff. Hätte sich der Kommandant Ziblijew in der von den Medien behaupteten physischen und psychischen Notlage befunden, so hätten die Kosmonauten hier jeweils die Gelegenheit gehabt, ihre Pein zu beenden. Sie hätten lediglich nach Vorschrift handeln müssen: die angedockte Sojuskapsel besteigen und zur Erde zurückkehren.
Allerdings wären die Raumstation "Mir", und damit wohl auch die bemannte Raumfahrt Rußlands insgesamt, verloren gewesen. Die rund 500 Mio. Dollar an Einnahmen durch internationale Raumfahrtkooperationen - in erster Linie die Aufnahme westlicher Astronauten und Experimente auf die "Mir"-Station - stellen sowohl für die Raumfahrtinfrastruktur auf dem Boden wie für die Beteiligung Rußlands an der internationalen Raumstation Alpha die wichtigste Finanzquelle dar.
In allen drei Notfällen hatte die Besatzung jedoch den Aufruf zur Evakuierung ignoriert und durch entschlossenes Eingreifen die Raumstation gerettet. Der letzte Vorfall im Juni war besonders schlimm. Aufgrund technischer Defekte hatte Ziblijew das Andockmanöver eines Progress-Transporters an die Raumstation auf manuelle Weise vornehmen müssen. Dabei war er allerdings auf eine beschädigte Videokamera angewiesen, und Angaben über Geschwindigkeit und Kurs der Progress erfolgten nur unzureichend.
Das Manöver schlug fehl. Die Progress stieß mit dem Spektr-Modul der Raumstation zusammen, das dadurch in noch nicht genau bekanntem Maße beschädigt wurde. Die gesamte Raumstation geriet ins Trudeln. Weil die Sonnenkollektoren nicht mehr präzise genug auf die Sonne ausgerichtet waren, brach die Stromversorgung teilweise zusammen. Spektr mußte von den übrigen Modulen der Raumstation luftdicht abgeschlossen werden. In den Medien war daraufhin die Version verbreitet worden, ein überlasteter Kommandant Ziblijew habe versehentlich ein Versorgungskabel unterbrochen und dadurch den Zwischenfall ausgelöst. Dabei handelte es sich um eine freie Erfindung. Jetzt haben russische Raumfahrtexperten zugegeben, daß auch ausgeruhte, erfahrene Kosmonauten bei Simulationen unter vergleichbaren Bedingungen das manuelle Andockmanöver in den meisten Fällen nicht erfolgreich durchführen können.
Der endgültige Kollaps des Märchens vom "menschlichen Versagen" erfolgte mit dem Austausch der alten Besatzung durch die neuen Kosmonauten Anatoli Solowjow und Pawel Winogradow, wobei der US-Astronaut Michael Foale weiterhin an Bord blieb. Nur einen Tag, nachdem Ziblijew und Lasutkin auf der Erde ihre Pressekonferenz gaben, war nun erneut das Andocken eines temporär abgekoppelten Progress-Moduls fällig. Doch aufgrund eines Defekts des Computers innerhalb der Progress schlug das automatische Manöver wiederum fehl. Zwar gelang das Andocken im manuellen Versuch. Doch dabei gab dann plötzlich der zentrale "Mir"-Computer seinen Geist auf. Was folgte, war die übliche Verkettung des Unheils: Ohne Computer entfielen die automatischen Kursmanöver zur Ausrichtung der Sonnensegel auf die Sonne. Der Kollaps der Stromversorgung führte daraufhin zur Lahmlegung fast aller Bordsysteme, einschließlich des Sauerstoffgenerators.
Erst zwei Tage später gelang es mit aufwendigen Prozeduren, den Computer wieder "hochzufahren". Zunächst mußte hierzu ein defektes Computerteil ausgetauscht werden. Offenbar befindet sich der zentrale Bordcomputer der "Mir"-Station schon geraume Zeit in einem bedauernswerten Zustand und hätte längst durch ein neueres Gerät ersetzt werden müssen. Der stellvertretende Flugleiter Viktor Blagow sagte hierzu: "Früher haben wir regelmäßig Teile ausgetauscht, wenn wir ihre Zeit für abgelaufen hielten. Heute müssen sie so lange arbeiten, bis sie kaputtgehen."
Für die neue Besatzung stehen nun zwei besonders schwierige Aufgaben an. Zunächst muß einer der Kosmonauten mit Hilfe eines Raumanzugs in das leckgeschlagene Spektr-Modul umsteigen, in dem jetzt weder Luft noch Licht vorhanden sind. Hier gilt es, die Beschädigungen im Innern festzustellen, wenn möglich zu beheben, und in jedem Fall die Spektr-Sonnenkollektoren wieder an die zentrale Stromversorgung anzuschließen. Als Gefahrenherde gelten dabei mögliche spitze Teile oder Chemikalien, die seit dem Zusammenstoß im Innern des Moduls herumwirbeln könnten. Für Anfang September ist dann ein Ausstieg aus der Raumstation geplant, bei dem das Spektr-Modul von außen inspiziert und repariert werden soll.
Vom Gelingen beider Missionen wird das Überleben der "Mir"-Station abhängen. Wie von der NASA zu hören ist, gibt es auf amerikanischer Seite nirgendwo einen Anflug von Arroganz oder gar Schadenfreude angesichts der Probleme auf der "Mir". Statt dessen drücken die NASA-Mitarbeiter offen ihre Bewunderung darüber aus, wie es den russischen Kosmonauten immer wieder gelungen ist, selbst aussichtslos erscheinende Notlagen zu überwinden. Die Ereignisse an Bord der "Mir" gelten als Erfahrungen von unschätzbarem Wert für die künftige internationale Raumstation Alpha.
Lothar Komp