Nicht weniger als fünfzig Regierungschefs werden dazu erwartet, mehr als je in Großbritannien zusammengekommen sind. Königin Elisabeth II. wird zum ersten Mal auf einem solchen Treffen eine formelle Ansprache halten. Vorangehen wird ein großes "Commonwealth Business Forum" in London am 22.-23. Oktober, welches gemeinsam von der britischen Regierung, dem Commonwealth-Sekretariat und der Financial Times veranstaltet wird.
Wie wir wiederholt dargestellt haben, ist der Commonwealth die moderne, "unauffälligere" Form des alten britischen Empire in der gegenwärtigen Zeit. Die britischen Strategen zielen darauf, den Commonwealth bis zur Jahrtausendwende zur mächtigsten supranationalen Organisation der Welt zu machen, welche politisch-administrativ Institutionen wie den Weltwährungsfonds, die Weltbank, die Welthandelsorganisation u.a. koordiniert. Einflußreiche britische Establishment-Kreise sehen den Commonwealth - der in letzter Zeit mehrere neue Mitglieder hinzugewonnen hat - sogar demnächst als institutionellen Ersatz für die zunehmend in Schwierigkeiten befindlichen Vereinten Nationen.
Die Machtstellung des Commonwealth beruht insbesondere auf der Kontrolle von Wirtschaft und Finanzen. Die Unternehmen der Londoner City und in verschiedenen Commonwealth-Ländern haben eine weltweite Vormachtposition bei Bodenschätzen aller Art, Nahrungsmitteln (vor allem Getreide) und Energieträgern. Z.B. kontrollieren Firmen aus Britannien und dem Commonwealth etwa 60% der Weltgoldproduktion. Bei vielen anderen strategischen Rohstoffen ist ihr Anteil ebenfalls sehr stark: Silber, Platin, Nickel, Kupfer, Zink, Aluminium/Bauxit sowie Spezialmetalle für Rüstungs- und High-Tech-Produktion wie Kobalt, Mangan und Titan. Der "Club" dieser Wirtschaftsinteressen ist das eigentliche Machtzentrum der Weltwirtschaft, insbesondere, wenn man diejenigen Firmen aus Kontinentaleuropa und den USA hinzurechnet, die ebenfalls mit diesem "Club" verbunden sind.
Die Commonwealth-Interessen sind gegen souveräne Nationalstaaten gerichtet. Ob die Menschheit die gegenwärtige Krise überwinden kann, wird weitgehend davon abhängen, ob sich die USA zusammen mit einigen anderen Nationen gegen den Widerstand des Commonwealth durchsetzen können. Entscheidend ist dabei vor allem die Kooperation zwischen den USA und China, den beiden Ländern, die noch am wenigsten der Kontrolle des Commonwealth unterliegen und den größten souveränen Handlungsspielraum haben. (Ob es Zufall ist oder nicht, daß das Edinburgher Commonwealth-Treffen praktisch am Vorabend des amerikanisch-chinesischen Gipfeltreffens der Präsidenten Clinton und Jiang Zemin stattfindet, mag dahingestellt bleiben.)
Widerstand von außen könnte auch den Widerstand bzw. die Friktionen innerhalb dieses Machtapparats verstärken. Einerseits wurden nach dem Tode Prinzessin Dianas scharfe Auseinandersetzungen innerhalb der Elite in Großbritannien selbst sichtbar, andererseits beziehen Commonwealth-Länder zunehmend und teilweise vehement Position gegen die vorherrschende globalisierte Finanzpolitik. Am sichtbarsten ist die massive Kritik von Dr. Mahathir Mohamad, dem Ministerpräsidenten des Commonwealth-Mitglieds Malaysia, an Spekulanten wie George Soros. Soros, der seinen Aufstieg der Familie Rothschild verdankt, verwaltet einen Teil des Vermögens der Queen und vertritt die Politik der Londoner City.
Auf dem Gipfel soll mehrerer Jubiläen gedacht werden: dazu gehören der 50. Jahrestag der Unabhängigkeit von Indien und Pakistan - mit welcher der Commonwealth als neue institutionelle Form des britischen Empire geboren wurde - , der 40. Jahrestag der Unabhängigkeit von Malaysia und Ghana, der 20. Jahrestag des letzten Commonwealth-Treffens auf britischem Boden sowie der 50. Hochzeitstag der Queen und Prinz Philips. Erst kurz zuvor, Mitte Oktober, werden Elisabeth II. und Prinz Philip einen zwölftägigen Besuch auf dem indischen Subkontinent aus Anlaß der 50jährigen Unabhängigkeit Indiens und Pakistans beenden.
Die Propaganda vor dem Treffen läuft auf Hochtouren. Schon die frühere britische Regierung Major hat 1997 zum "Jahr des Commonwealth" ausgerufen. Über das ganze Jahr verteilt hat die Royal Commonwealth Society in Kooperation mit dem Außenministerium auf zahlreichen Veranstaltungen für "mehr Bewußtsein über den Commonwealth" geworben. Das Treffen wird massiv von Premierminister Tony Blair und Außenminister Robin Cook unterstützt. Manche sehen den Commonwealth schon als Ersatz für die UNO, andere sprechen davon, ihm eine Orientierung zu Fragen der Sicherheit und Verteidigung zu geben oder ihn auch in den größten Handelsblock der Welt zu verwandeln.
Ein Vertreter der Commonwealth Society erklärte: "Die Idee hinter dem Jahr des Commonwealth in Großbritannien ist, daß im Vereinigten Königreich jeder auf seine Weise den Commonwealth in sein Leben bringt... Das Thema Commonwealth wurde in alle Bereiche des Lebens eingeführt, Städte und Gemeinden, Frauengruppen, Blumenausstellungen, Soldaten-Tätowierungen - alles, was Sie nur wollen!"
Die Themenbereiche des Business-Forums umfassen Handels- und Investitionschancen im Commonwealth, globale Handelsliberalisierung und ihre Auswirkungen auf die Commonwealth-Mitglieder, Investitionen des privaten Sektors, Unternehmensförderung und Unternehmensentwicklung im Commonwealth.
Zu den Hauptrednern auf dem Commonwealth Business Forum werden mehrere Regierungschefs gehören, u.a. John Howard (Australien), Owen Arthur (Barbados), Jean Chrétien (Kanada), Goh Chok Tong (Singapur), Dr. Mahathir (Malaysia), Chandrika Bandaranaike Kumaratunga (Sri Lanka), Yoweri Museveni (Uganda) sowie Tony Blair. Auch Commonwealth-Generalsekretär Chief Emeka Anyaoku aus Nigeria wird sprechen. Wichtige weitere Teilnehmer sind: Earl Cairns und Dr. Roy Reynolds von der Commonwealth Development Corp., der Präsident des britischen Institute of Directors Lord Young of Graffham, der Vorsitzende der Hongkong and Shanghai Banking Corp. in England Sir William Purves, der britische Außenminister Robin Cook, sowie weitere Minister, Bankiers und Unternehmensleiter.
Die großen Pläne mit dem Commonwealth könnten sich allerdings auch als Chimäre herausstellen. Das Aufbegehren des malaysischen Ministerpräsidenten Dr. Mahathir ist nur beispielhaft für die enormen Spaltungen und Spannungen innerhalb des Commonwealth. Und es ist auch nicht auszuschließen, daß "Dissidenten" des britischen Establishments die Veranstaltung torpedieren, um dem Haus Windsor neue Schwierigkeiten zu bereiten.
Mark Burdman