Aus der Neuen Solidarität Nr. 42/97:


Die Herausforderung zum Frieden annehmen


Musevenis Ideologie: Frantz Fanons Gewalttheorie
Der Mensch als Schöpfer

Das Transaqua-Projekt

Gegen die Eskalation der Gewalt

Nach dem Seminar "Frieden durch Entwicklung in Afrikas Region der Großen Seen", das am 26.-27. April 1997 in Walluf stattgefunden hatte, kamen jetzt am 20. September in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen 35 Teilnehmer aus acht afrikanischen Staaten sowie Vertreter des Schiller-Instituts aus Dänemark, Deutschland und Schweden zu einem wichtigen Nachfolgeseminar zusammen. Es wurden Möglichkeiten diskutiert, wie dem anhaltenden und von britischer Seite unterstützten Völkermord in Afrika Einhalt geboten und statt dessen ein auf wirtschaftlicher Entwicklung basierender Friedensprozeß eingeleitet werden könnte.

An dem Seminar nahmen Regierungsvertreter sowie andere führende Persönlichkeiten aus Burundi, Kongo/Zaire, Ghana, Lado, Marokko, Nigeria, Ruanda und Uganda teil. Viele Teilnehmer leben in Schweden oder Dänemark im politischen Asyl. Zu den Regierungsvertretern oder Repräsentanten von Organisationen gehörten:

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des dänischen Schiller-Instituts Poul Rasmussen hielt Uwe Friesecke vom Schiller-Institut in Deutschland die Hauptrede. Die Welt stehe vor einer großen Herausforderung, sagte er: die politischen Entwicklungen auf dem afrikanischen Politik müßten endlich zum Besseren gewendet werden. Heute sei diese Herausforderung größer als zu irgendeinem Zeitpunkt in der jüngeren Geschichte, so Friesecke. Die brutalen Ereignisse im früheren Zaire, die von außen von britischen und anderen westlichen Kreisen gesteuert würden, zeigten, daß sich in der Region der Großen Seen eine Allianz von Diktatoren zu konsolidieren scheint, die von vielen führenden afrikanischen Politikern und den westlichen Großmächten vorbehaltlos unterstützt wird. Der Westen habe die Massaker der jüngsten Vergangenheit zugelassen, weil die politische und strategische Lage sehr kompliziert sei, aber auch, weil die westlichen Großmächte fast jeden moralischen Anspruch aufgegeben hätten. Wenn aber die zynische Weltanschauung, Politik sei immer ein unmoralisches Geschäft, jetzt allgemein hingenommen werde, richte sich das zugleich gegen die wirklichen afrikanischen Freiheitskämpfer wie den ermordeten burundischen Präsidenten Melchior Ndadaye. Der Schock des seit zwölf Monaten anhaltenden Blutbades in Zentralafrika müsse dazu benutzt werden, die internationalen Institutionen und die Weltöffentlichkeit zu drängen, aus den Grausamkeiten zu lernen und zu verstehen, welche Alternativen es gebe.

Der neue kongolesische Diktator Laurent Kabila, fuhr Friesecke fort, habe einen Prozeß in Gang gesetzt, der das Bündnis, das ihn unterstützte und an die Macht brachte, selbst vernichten werde. Der Massenmord an anderthalb Millionen Menschen lasse sich nicht vertuschen. In Uganda wie in Burundi wachse die Opposition. Auch die Lage in Burundi lasse sich nicht so weiter aufrecht erhalten. Die Clique um Präsident Buyoya habe sich bisher nur an der Macht halten können, indem sie Hunderttausende in KZ-ähnlichen "Schutzdörfern" eingepfercht habe. Zu einer konstruktiven Regierungspolitik seien sie überhaupt nicht in der Lage. Das Schiller-Institut habe es der ugandischen Oppositionsführerin Ogwal ermöglicht, gegenüber führenden Politikern in Washington darzulegen, daß es in Uganda unter Museveni weder Demokratie und Frieden noch wirtschaftlichen Aufschwung gebe.

Musevenis Ideologie: Frantz Fanons Gewalttheorie

Die weitere Hauptfrage von Frieseckes Vortrag lautete, was eigentlich nach der Kolonialzeit schiefgelaufen sei. Warum seien so viele Staaten heute in einer schlechteren Verfassung als zum Zeitpunkt ihrer Unabhängigkeit? Um das zu verstehen, müsse man sich die destruktive Ideologie eines Museveni vor Augen führen. Die Examensarbeit des jetzigen starken Mannes von Uganda an der Universität von Daressalam in Tansania beschäftigte sich mit "Frantz Fanons Theorie der Gewalt: Ihre Bestätigung bei der Befreiung Mosambiks". Dort vertrete Museveni ernsthaft die Auffassung, "reinigende" Gewalt sei notwendig, um den "neuen afrikanischen Menschen" zu schaffen.

Musevenis Arbeit beginnt mit folgendem Fanon-Zitat: "Auf der Ebene des Individuums besitzt Gewalt reinigende Kraft... Die nackte Wahrheit der Entkolonisierung ruft in uns die glühenden Kugeln und die blutigen Messer wach, die von ihr ausgegangen sind." Daraus schlußfolgert Museveni: "Mit anderen Worten erkannte Fanon Gewalt als die höchste Form des politischen Kampfes an."

Auch wenn es "gerechte Kriege" gebe, hielt Friesecke dem entgegen, wie sie etwa von Augustinus definiert wurden, dürfe man zum Krieg nur als allerletztes Mittel Zuflucht nehmen, um einen Zustand des Friedens und der Gerechtigkeit zu erreichen. Jeder wirklich große Militärführer verabscheue Gewalt und Mord. Die Vorbereitung auf einen Krieg müsse letztendlich immer darauf abzielen, den Krieg zu vermeiden. Anders Museveni; wie Fanon sieht er Gewalt als ein Mittel zur Reinigung. In seiner Darstellung der Gewalttheorie Fanons schreibt er: "Gewalt ist aber nicht nur das wirksamste Mittel, um den wirklichen Sturz der Kolonialherrschaft herbeizuführen, sondern gleichzeitig ein Abführmittel, ein Reinigungsmittel, ein Mittel, den neuen Menschen zu schaffen. Im Verlauf dieses gewalttätigen Kampfes lösen sich alle psychologischen Komplexe, die aus der kolonialen Lage entstanden sind, in Luft auf." Für Museveni, so lernte er von den FRELIMO-Kommandeuren, sei es das Töten selbst, das eine unterdrückte Persönlichkeit zur freien Persönlichkeit verändere. "Sobald die Menschen einen toten Weißen sehen, der von Afrikanern umgebracht wurde, kommt der Ball ins Rollen... Wenn der Bauer sieht, wie ein Guerillakämpfer den Kopf seines früheren Herrn hochhält, den erkalteten Kopf des Weißen, die weiße Haut, das wallende Haar, die spitze Nase und die blauen Augen, wird er erkennen oder zumindest vermuten, daß das Bild, welches er sich bisher über die Unbesiegbarkeit des Weißen gemacht hatte, nichts als eine Vogelscheuche ist."

Auch wenn objektiv die Bedingungen für eine Revolution existierten, behaupte Museveni, seien die subjektiven Bedingungen noch nicht gegeben. Diese könnten erst durch gewaltsame Veränderungen hervorgebracht werden. Zum Beleg zitiere Museveni erneut Fanon: "Gewalt allein, vom Volk ausgeübte Gewalt, Gewalt, die von ihren Führern organisiert und erzieherisch eingesetzt wird, ermöglicht den Massen ein Verständnis sozialer Wahrheiten und gibt ihnen den Schlüssel dazu."

"Wenn man verstehen will", so Friesecke, "warum bis zu drei Millionen Menschen in Zentralafrika in den letzten Jahren ihr Leben verloren haben, hier liegt der Schlüssel - in dieser Ideologie, der neue Mensch werde aus der Gewalt heraus geschaffen werden. Dies entspricht dem Denken Pol Pots oder der südamerikanischen Terrorgruppe Sendero Luminoso." Viele Nationen seien von dieser Ideologie bedroht. Es bleibe die Frage, warum Südafrika dies unterstütze.

Der Mensch als Schöpfer

Diesem bestialischen Menschenbild stellte Friesecke die Auffassung eines anderen Afrikaners gegenüber, der eine genau entgegengesetzte Auffassung vertrete: der afrikanische Intellektuelle Scheich Anta Diop. Diops Konzept habe darin bestanden, die Kreativität der Afrikaner in Wissenschaft und Technologie freizusetzen. Aber die afrikanischen Führer, die diesem Konzept nahestanden, seien vom Westen nicht unterstützt worden.

Friesecke zitierte längere Passagen aus Diops Buch mit dem Titel "Schwarzafrika"1 aus dem Jahre 1960. "Ohne ständigen Bezug auf Ägypten kann es keine wirkliche kulturelle Renaissance in Afrika geben", hatte Diop geschrieben, "und ist es nicht unser Ziel, die Kreativität unserer Bevölkerung wiederzuerwecken und zu befördern? Die Aufgabe des Menschen ist Kreativität. Eine afrikanische Renaissance, eine schwarze Renaissance ist untrennbar mit der Wiederherstellung der Kreativität der schwarzen Welt verbunden. Um sein Schicksal zu erfüllen, muß der Mensch ein Schöpfer sein - unabhängig von seiner Rasse." Warum habe diese Vision Afrikas nicht die gebührende Unterstützung gefunden, fragte Friesecke.

Diop setzte sich für die Industrialisierung Afrikas ein: "Wenn wir wollen, daß in allen afrikanischen Nationen darüber geredet wird, wie man den Erfordernissen der modernen technischen Welt entsprechen kann, müssen wir von Anfang an die technischen Einrichtungen zur Verfügung stellen, die das Leben einer modernen Nation sichern. Wir sollten unmittelbar Institute für folgende Bereiche einrichten: Nuklearchemie- und -physik, Elektronik, Luft- und Raumfahrt, angewandte Chemie für Industrielle und Landwirtschaft, tropische Agronomie und Biochemie sowie Gesundheit", heißt es bei Diop.

Friesecke hob hervor, nach Diops Auffassung sei die Schöpferkraft das zentrale menschliche Wesensmerkmal. Nur über Wissenschaft und Technologie könnten moderne Nationen aufgebaut werden, und durch sie könne sich der Mensch wesentlich ausdrücken. Diop entwickelte ein umfassendes Energiekonzept für Afrika auf der Grundlage des riesigen Potentials an Wasserenergie, aber auch von Kernspaltung und Kernfusion. Diop nannte sieben Regionen, die vorrangig industriell und landwirtschaftlich entwickelt werden sollten. Eine davon war das frühere Zaire, wo praktisch jeder denkbare Industriebereich bis hin zur Luftfahrt angesiedelt werden könnte. Innerhalb kürzester Zeit, so Diop damals, könnte diese Region mit den führenden Industrienationen gleichziehen.

Dies entspreche auch den Vorstellungen des Schiller-Instituts für Afrika, erklärte Friesecke. Aber diese Vision sei nahezu verschüttet worden, weil Afrika weitgehend von den Musevenis, Kagames und Kabilas übernommen worden sei. "Jetzt ist es an Ihnen allen, diese Auseinandersetzung wiederaufzunehmen", forderte er die Seminarteilnehmer auf. Wenn man den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen wolle, müsse man einen kohärenten Entwicklungsplan basierend auf den Prinzipien Scheich Diops und anderer vorlegen, um wieder ein Bild vom Menschen als Schöpfer und nicht als Zerstörer zu entwickeln.

Das Transaqua-Projekt

Zum Schluß seiner Ausführungen erläuterte Friesecke das unter der Bezeichnung Transaqua bekannt gewordene Infrastrukturgroßprojekt. Eine politische Kampagne für dieses in Italien entwickelte Vorhaben könnte das politische Klima von Grund auf ändern und Hoffnung nach Afrika tragen (siehe auch Neue Solidarität Nr. 36 vom 3.9.1997). Dieses Projekt dient dazu, Wasser aus wasserreichen Gebieten in wasserärmere Regionen zu leiten und dabei gleichzeitig einen Verkehrsweg zu bilden. Über intensive Bewässerung kann das Vordringen der Wüsten zurückgedrängt sowie Entwicklungsgebiete und große Regionen für die Landwirtschaft erschlossen werden. Bisherige politische Gegner könnten über diese Vorhaben einen gemeinsamen Nenner für eine Strategie des Friedens durch Entwicklung finden.

"Wenn es uns gelingt, praktisch einen ,Kreuzzug für Entwicklung' zu beginnen, indem wir derartige Vorhaben verwirklichen und mit anderen Projekten in anderen Teilen Afrikas verbinden, kann es uns gelingen, die vorherrschenden Axiome, nach denen wirkliche Entwicklung unmöglich sei, zu widerlegen. Wir brauchen einen grundlegenden Kurswechsel. Wir müssen Afrika das gleiche Recht auf Entwicklung gewähren, wie es Europa und die USA für sich in Anspruch genommen haben. Dazu gehören der Transfer und der Einsatz modernster Technologien, der Bau der erforderlichen Eisenbahnstrecken, der Einsatz modernster Techniken in der Landwirtschaft und bei der Bekämpfung von Seuchen sowie eine umfassende Ausbildung unserer Kinder. Wenn wir uns nicht für eine derartig grundlegende Veränderung einsetzen und der Vorstellung offensiv entgegentreten, umfassende Entwicklung sei heute nicht mehr möglich, weil sie die afrikanische Umwelt schädige, wird es uns nicht gelingen, auf regionaler und lokaler Ebene die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die Probleme erfolgreich zu bewältigen," schloß er.

Gegen die Eskalation der Gewalt

Als nächster Redner sprach Christian Sendegeya, Parlamentsabgeordneter und stellv. Vorsitzender der wichtigsten Oppositionspartei Burundis, des Nationalrats zur Verteidigung der Demokratie (CNDD). Er schilderte ausführlich die Eskalation der Gewalt, von der Burundi seit 1965 heimgesucht wurde. Obgleich selbst Tutsi steht er der Politik der derzeit herrschenden chauvinistischen Tutsi-Clique ablehnend gegenüber. Die jetzige Militärregierung putschte sich 1993 in einem Staatsstreich gegen den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Burundis Melchior Ndadaye an die Macht, der dabei ermordet wurde. Sendegeya kämpft für eine Beilegung des Konflikts auf dem Verhandlungsweg, um zu einer demokratisch legitimierten Regierung zurückzukehren und die Institutionen seines Landes zu reformieren.

Im März dieses Jahres seien in Rom Abkommen zwischen dem CNDD und der derzeitigen Regierung Bujumbura geschlossen worden, aber da die Regierung schon ihre Absicht erklärt hätte, sich nicht an diese Verträge zu halten, sei der Verhandlungsweg derzeit blockiert. Die ausgehandelten Verträge, so Sendegeya, enthielten drei Schwerpunkte zur Wiederherstellung des Nationalstaates Burundi. Zunächst müsse die Verfassung wieder in Kraft gesetzt und der Staatsstreich von 1993 dadurch beendet werden, daß die damals demokratisch Gewählten wieder in ihre Ämter eingesetzt werden. Zweitens müßten die Armee und die Sicherheitsorgane grundlegend reformiert werden. Dies sei ein schwieriges Unterfangen, da diejenigen, die sich derzeit an der Macht befänden, ihren Einfluß behalten wollen. Drittens sei auch eine Reform des Justizwesens dringend geboten, und es müsse ein internationales Gericht eingesetzt werden, um die Verbrechen zu untersuchen, die seit der Unabhängigkeit begangenen wurden. Hier sei besonders problematisch, so der Redner, daß praktisch seit 1965 alle führenden Vertreter von Armee und Regierung in völkermörderische Verbrechen verstrickt seien, und das Justizsystem in erster Linie ein Unterdrückungsinstrument gewesen sei. So erkläre sich auch die Weigerung der derzeitigen Machthaber, das Abkommen zu akzeptieren.

Ein weiteres Problem, das den Abschluß eines Friedensabkommens erschwere, sei das internationale und regionale Umfeld. Er warf den ugandischen Streitkräfte, die Uganda, Ruanda und Zaire im Griff hätten, vor, jetzt auf die rasche Zerstörung seines Landes hinzuarbeiten. Bereits die Ermordung von Präsident Ndadaye sei mit ausländischer Beteiligung erfolgt, und der Wahlsieg seiner Partei FRODEBU (Front für Demokratie in Burundi) 1993 sei als Gefahr für die bereits feststehenden imperialen Pläne gesehen worden. Zwar werde der CNDD nicht von allen afrikanischen Staatschefs unterstützt, doch stehe die Mehrheit des burundischen Volkes hinter ihr. Der CNDD verfolge das Ziel, in Burundi wieder eine Demokratie einzurichten. Dies werde von den Nachbarn Burundis als Gefahr gesehen. Für den CNDD gebe es, so Sendegeya, keine spezifisch afrikanische Ausprägung der Demokratie, sondern nur universell gültige demokratische Prinzipien.

Letzte Rednerin während des formellen Teils der Konferenz war Sally Agami, Koordinatorin der staatlichen Angelegenheiten der Exilregierung von Lado. Sie forderte die Anwesenden auf, sich dafür einzusetzen, daß die afrikanischen Nationen ihre uneingeschränkte Souveränität erhielten, die ihnen vom britischen Commonwealth und anderen früheren Kolonialmächten, dem Internationalen Währungsfonds (IWF), aber auch durch einen unter Afrikanern noch immer weit verbreiteten Mangel an wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Ausbildung vorenthalten werde.

Michelle Rasmussen


  1. Scheich Anta Diop, "Black Africa: The Economic and Cultural Basis for a Federated State", Lawrence Hill Books, Chicago, und Africa World Press, Trenton, Neuauflage 1987.