Während sich in Europa die politische Klasse und das Bankenmilieu geradezu überschlagen, die Einführung des Euro durchzupeitschen, braut sich der nächste Akt des Dramas der Weltfinanzkrise zusammen: Auf beiden Seiten des Atlantik hat die Aufblähung der Aktienpreisblase an den Börsen aberwitzige Dimensionen angenommen.
Der japanische Vize-Finanzminister Eisuke Sakakibara wies am 22. April in einer Rede darauf hin, daß im Dezember 1996 der Chef der US-Notenbank Alan Greenspan den Anstieg der Aktienpreise seit Sommer 1995 als "irrationale Übertreibung" bezeichnet hatte. Zum Zeitpunkt der Erklärung von Greenspan stand der US-Aktienindex Dow Jones bei rund 6000 Punkten, heute stehe der Dow Jones bei 9200 Punkten. Auch die Aktienmärkte in Europa seien offensichtlich überhitzt, sagte Sakakibara, der vor knapp zwei Monaten ein "Neues Bretton Woods"-Weltfinanzsystem gefordert hatte.
Basierend auf den finanz- und wirtschaftsstrategischen Einschätzungen Lyndon LaRouches hat diese Zeitung immer wieder darauf hingewiesen, daß die vor allem seit 1995 galoppierende Inflation der Aktienpreise in den USA und Europa zwangsläufig zu einem radikalen Einbruch und zu einer Systemkrise der Weltfinanzen führen muß. Daß dieser Einbruch an den Finanzmärkten kommt, wissen natürlich auch einigermaßen klar denkende Bankiers und Analysten, auch wenn sie es nicht öffentlich sagen. Zu letzteren gehört David Roche von der Londoner Analysten- und Beraterfirma Independent Strategy, der die "Überbewertung" der Aktienkurse in den USA und Europa auf 40% veranschlagt und im Laufe dieses Jahres eine "Preiskorrektur nach unten" in derselben Größenordnung prognostiziert. Im privaten Gespräch gehen Schweizer Spitzenbankiers von einem Einbruch von bis zu 50% aus und betonen die Schockwirkung auf das gesamte Finanzsystem, die daraus folgen wird.
Angesichts der ins Extreme gehenden Aktienpreisblase kann selbst die etablierte Finanzpresse nicht mehr umhin, schwerste Bedenken zu äußern. Der Hauptkommentar des Londoner Economist vom 18. April warnte in starken Worten vor der "Wertpapier-Inflation" und der "Blasenwirtschaft" an den "überhitzten" Börsen, weshalb ein "Crash der Aktienpreise" mit anschließender "Depression" drohe. Diese Diagnose ist zwar richtig, aber die Leser der Neuen Solidarität werden vielleicht fragen, warum der Economist, das Hausorgan der Londoner City, erst jetzt zu dieser Einschätzung gelangt.
Am 22. April schrieb die Londoner Financial Times, man dürfe über der Krise in Japan und Südostasien nicht vergessen, daß "gleichermaßen besorgniserregende und unterschätzte Risiken" in den USA und Europa lauerten. Die dortigen Finanzmärkte seien eindeutig "überhitzt" und man müsse eine "Blase an den Aktienmärkten" diagnostizieren. "Je länger die Blase andauert, desto größer ist die finanzielle Instabilität, die aus ihr hervorgeht."
Die IWF-Frühjahrstagung und vor allem die G-22-Währungskonferenz in Washington liegen hinter uns. Dort gab es wichtige und nützliche Diskussionen über Krisen im Weltwährungssystem, der IWF und seine Politik riesiger "Rettungspakete" bei Finanzkrisen zugunsten privater Kreditgeber und spekulativer "Investoren" wurden scharf angegriffen. Es ist auch denkbar, daß mit der Weigerung des US-Kongresses, den amerikanischen Beitrag von 18 Mrd. Dollar zur Mittelaufstockung des IWF bereitzustellen, dem IWF ganz direkt und praktisch ein schwerer Schlag versetzt wird. Doch beim G-22-Treffen kam es nicht zur längst überfälligen strategischen Weichenstellung in Richtung auf ein neues Bretton Woods.
Gleichzeitig ist die Finanz- und Wirtschaftskrise in Asien in eine neue Phase eingetreten, angefangen mit Japan deuten alle wirtschaftlichen und finanziellen Parameter in Richtung neuer Negativrekorde. In dieser Lage wandert das Zentrum der Weltfinanzkrise wieder nach Europa und in die USA. Hier hat sich gerade ungeheurer finanzieller Sprengstoff angesammelt, und es geht nur noch darum, was wann die Explosion zur Auslösung bringt.
Im ersten Quartal 1998 sind die Aktienpreise in den USA um mehr als 15% angestiegen, in den letzten 24 Monaten um mehr als 70%! Der Buchwert aller an amerikanischen Börsen gehandelten Aktien hatte Ende 1997 die Summe von 12,96 Billionen Dollar erreicht, und dürfte heute deutlich über 13 Billionen Dollar liegen. 1980 lag die Summe noch bei 1,5 Billionen, 1993 bei 6,28 Billionen und 1995 bei 8,33 Billionen Dollar.
In Europa ist der Aktienpreisanstieg praktisch genauso massiv. Im Januar 1997 stand der Frankfurter Aktienindex DAX bei rund 3000 Punkten, heute steht er bei 5200 Punkten. Vor einem Jahr, im April 1997, stand der Londoner FTSE Index bei 4200 Punkten, heute im April 1998 ist er auf über 6000 Punkte geklettert. Der MIBTEL Index an der Mailänder Börse stand im April 1997 bei 12000 Punkten, im April 1998 steht er bei 25000 Punkten. An den anderen europäischen Börsen sieht es ganz ähnlich aus.
Von Geldgier vernebelte Köpfe mögen diese Preisinflation bei Wertpapieren mit "Prosperität" verwechseln, tatsächlich handelt es sich um die radikale Abkopplung dieser Papierwerte von der Realwirtschaft. Ein entscheidender Faktor bei der Aufblähung der Aktienblase in den USA und Europa ist die Derivatspekulation mit Terminkontrakten. Lyndon LaRouche hat stets darauf hingewiesen, daß das Derivatvolumen von weltweit schätzungsweise 140 Billionen Dollar sozusagen den Kern der gegenwärtigen Weltfinanzkrise ausmacht.
Die inflationäre Aktienpreisdynamik seit Anfang Februar 1998 - nachdem zwischen Oktober 1997 und Januar 1998 eine gewisse Abkühlung eingesetzt hatte - ist auch deshalb so absurd, weil in diesem Zeitraum der Anstieg der durchschnittlichen Unternehmensgewinne in den USA und Europa zurückgegangen ist. Von 1993 bis zur sogenannten Asienkrise nahmen die Unternehmensgewinne in den USA und Europa zu, weil eine Politik radikaler "Kostensenkungen" durchgeführt wurde, weil die Realeinkommen der Arbeitnehmer stagnierten oder zurückgingen, und weil die Steuerbelastung von Großunternehmen drastisch zurückgeführt wurde. Die Aktienkaufhysterie der letzten Monate hat aber dazu geführt, daß auf negative Unternehmensergebnisse mit dem Kauf von nur noch mehr Aktien reagiert wird und daher die Kurse weiter steigen.
Kenner der Börsenszene weisen darauf hin, daß derartige Absurditäten für die Zeit unmittelbar vor dem großen Börsenkrach von 1929 typisch waren. Das gilt auch für den vor allem in den USA um sich greifenden Aktienkauf auf Pump. Dabei werden beispielsweise bei einem Bareinsatz von 1000 Dollar Aktien für 10000 Dollar gekauft, während der Restbetrag von der Bank oder dem Broker geliehen wird. Zunehmend verpfänden "kleine" Aktienkäufer ihre privaten Renten- und Lebensversicherungsansprüche für den Kauf von Aktien auf Pump. Verglichen mit dem ersten Quartal 1997 hat der Aktienkauf auf Pump in den USA um mehr als 30% zugenommen. Seit 1995 hat sich der Umfang der Aktienkaufschulden privater Haushalte von rund 60 Mrd. Dollar auf 140 Mrd. Dollar vergrößert. Gleichzeitig sind die Geldrücklagen der amerikanischen Haushalte auf einen historischen Tiefststand gesunken.
Angeheizt von einer riesigen Medienkampagne ist auch in Deutschland seit der Telekom-Privatisierung Ende 1996 der Aktienkauf zu einer Volkskrankheit mit Suchtsymptomen geworden. In Deutschland verdienen die Banken enorm daran, kleine Vermögen immer mehr von Spareinlagen und öffentlichen Schatzbriefen auf Aktien umzuschichten. Die Gebühren der Banken für Aktientransaktionen sind bis zu viermal höher als bei Schatzbriefen. Hinzu kommt, daß auch hier, wie schon zuvor in den USA, immer mehr Geld von "Kleininvestoren" in Anlagefonds fließt.
Der entscheidende Grund für die in den USA und Europa grassierende Wertpapierinflation liegt aber in der Politik des "leichten Geldes" der Zentralbanken. Als im Frühjahr 1995 das offene Ausbrechen der globalen Systemkrise drohte, wurde auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Halifax beschlossen, im großen Stil billiges Zentralbankgeld bereitzustellen, um so - auf Zeit wenigstens - die Finanzkrise "einzudämmen". Wegen der schweren und besonders akuten Finanzkrise in Japan wurden dort die Zinsen auf 0,5% heruntergedrückt. Technisch bankrotte japanische Finanzinstitute und internationale Spekulanten - vor allem die extrem spekulativen Hedge Funds - verschafften sich in Japan praktisch zum Nulltarif Liquidität, um sie nicht etwa in Japan, sondern in den USA und Europa, besonders in Aktien, anzulegen. Aber auch die europäischen und amerikanischen Zinsraten sind seit 1995 auf historischen Tiefstständen. Die europäischen Regierungen forcierten auch deshalb niedrige Zinsen, weil so der Schuldendienst für die Staatsschulden gedrückt und wenigstens der Anschein erweckt werden konnte, die "Maastricht-Kriterien" würden erfüllt.
Trotz des gigantischen Liquiditätszuflusses seit Sommer 1995 brach Ende 1997 die Krise des japanischen Finanzsektors wieder auf. Daraufhin ging die japanische Regierung dazu über, die Finanzinstitute direkt mit öffentlichen Geldern in der Größenordnung von rund 500 Mrd. Dollar zu "subventionieren". In den letzten sechs Monaten ist die Geldmenge in Japan um rund 50% angewachsen! Aber auch in den USA ist die Geldmenge im ersten Quartal 1998 um 12% angewachsen, in England um 10%. Im März stieg die Geldmenge in Deutschland um 5,2%
Das alles weiß natürlich der Chef der Bundesbank Hans Tietmeyer. Die Fragen, die er letzte Woche in Washington gegenüber dem Handelsblatt hinsichtlich der "stürmischen" Aktienpreissteigerungen an den internationalen Börsen stellte, könnte er auch selbst beantworten. Tietmeyer hatte gesagt: "Man muß schon die Fragen stellen: Was steht hinter dieser Entwicklung? Was sind die treibenden Kräfte? Woher kommen die finanziellen Mittel?"
Die entscheidende Frage aber ist, wie die spekulative Aktienblase zu beseitigen ist? Die Zentralbanken stehen vor folgendem Dilemma: Entweder man tut nichts und läßt die Dinge weitertreiben. Damit riskiert man natürlich, daß die Aktien- und Derivatblase "platzt". Dies würde einen Crash mit chaotischen Konsequenzen für das Finanzsystem bedeuten und zu einer Depression der Weltwirtschaft führen. Unter diesen Bedingungen würde unweigerlich ein enormer Druck entstehen, das Finanzchaos durch noch mehr Liquidität seitens der Zentralbanken "einzudämmen", was in der Praxis schlicht Hyperinflation bedeutet.
Die Alternative zu diesem Szenario wäre, daß die Zentralbanken, angefangen mit der amerikanischen Federal Reserve und der Bundesbank, die Leitzinsen erhöhen. Man kann davon ausgehen, daß auf diese Zinssignale hin ein sofortiger Einbruch auf den inflationierten Aktienmärkten einsetzte. Davor schrecken die Zentralbanken natürlich zurück, denn sie würden so zum "Auslöser" eines Crashs.
Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Die "radikale Reform" und Reorganisation des Weltfinanzsystems, wie sie von LaRouche nicht nur gefordert, sondern inhaltlich ausführlich dargelegt worden ist. Das ist nur durch das abgestimmte Handeln der Regierungen der wichtigsten Nationalstaaten möglich, die staatliche Macht einsetzen müssen, um die gigantische Blase fiktiven Kapitals sozusagen "mit einem Schnitt" abzuschreiben. Gleichzeitig muß frisches Kapital für realwirtschaftliches Wachstum und infrastrukturellen Wieder- und Neuaufbau bereitgestellt und so zugleich produktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts beweist, daß solche angeblichen "Wirtschaftswunder" möglich sind. Roosevelt hat das in den 30er Jahren in den USA getan. In den 50er und 60er Jahren gab es schließlich mehrere "Wirtschaftswunder" - in Deutschland unter Adenauer, in Frankreich unter de Gaulle und auch in Japan.
Michael Liebig