Im vergangenen Jahr schnürte der Internationale Währungsfonds (IWF) für Thailand, Indonesien und Südkorea finanzielle Rettungspakete in einer Gesamthöhe von rund 200 Mrd. DM. Im Februar 1998 gewährte der japanische Steuerzahler seinen dahinsiechenden Großbanken ein 420 Mrd. DM umfassendes Notopfer. Und in den zwölf Monaten bis zum 31. März 1998 druckte die japanische Zentralbank umgerechnet etwa 370 Mrd. DM an frischer Liquidität, die zum allergrößten Teil wiederum in das japanische Bankensystem hineingepumpt wurde. Doch am Ende waren all diese Bemühungen vergeblich. Alles Schönreden der Spitzen von IWF und G-7 nutzte nichts, im April sackten die südostasiatischen Aktienmärkte wieder massiv ab. Die neuen Finanz-Erdbeben, die Lyndon LaRouche für das zweite Quartal 1998 prognostiziert hat, kündigen sich an.
Als am 6. Mai die Weltbörsen wackelten, traf es Südostasien mit besonders starker Wucht. Zum Schluß dieses Handelstages lag der koreanische Aktienindex bereits um 33% unter der Marke vom 1. Februar 1998, im Falle Indonesiens waren es 25%, bei Thailand 21%. Seit Anfang Mai stürzen zudem die asiatischen Währungen in einem Ausmaß ab, das den schlimmsten Momenten der ersten "Asienkrise" nicht nachsteht. Allein am 6. Mai brach die indonesische Rupie um 12% gegenüber dem US-Dollar ein, gefolgt von einem weiteren 10%-Rutsch am Tag danach, so daß für einen Dollar nun wieder mehr als 10000 Rupien aufzubringen sind. Am 7. Mai erlitten auch der thailändische Baht, der malaysische Ringgit und der philippinische Peso deutliche Kursverluste.
Auslöser der neuen spekulativen Attacken gegen die asiatischen Währungen war ausgerechnet die am 4. Mai vom IWF verkündete Freigabe einer Tranche von 1 Mrd. Dollar an Indonesien. Eigentlich wäre diese bereits am 15. März fällig gewesen, doch der IWF hatte die Auszahlung verweigert, da Indonesien nicht alle "Auflagen" des IWF erfüllte. Jetzt wurde die indonesische Regierung gezwungen, im Gegenzug zur Freigabe des IWF-Kredits - Teil des insgesamt 40 Mrd. Dollar umfassenden Rettungspakets - die Preise für Treibstoff, Strom und öffentlichen Nahverkehr drastisch anzuheben. So mußte die Regierung noch am 4. Mai die Erhöhung der Dieselpreise um 58%, der Benzinpreise um 71% und der Busfahrkarten um 67% verkünden. Unmittelbar darauf brachen in mehreren Regionen des Landes schwere Unruhen aus, von Studentenprotesten über Streiks bis hin zu Plünderungen, die trotz eines massiven Einsatzes von Polizei und Militär auch in den folgenden Tagen anhielten.
Weil sich das nach der Bevölkerungszahl viertgrößte Land der Welt aus 17000 Inseln zusammensetzt, bilden die Transportkosten einen strategischen Wirtschaftsfaktor. Mit anderen Worten, die Erhöhung der Benzinpreise wird eine ähnlich starke Preiserhöhung für viele andere Güter nach sich ziehen. Als sich die meisten Passagiere am 6. Mai ohnehin weigerten, bzw. gar nicht im Stande waren, die drastisch angehobenen Fahrpreise für den öffentlichen Personenverkehr zu bezahlen, legten die Beschäftigten des öffentlichen Transportsektors ihre Arbeit nieder. Durch den Streik wurde der Verkehr in den wichtigsten Städten des Landes lahmgelegt. In Medan sperrte die Polizei zudem die Autobahn zum Hafen Belawan, der eine zentrale Rolle für die Abwicklung des Rohstoffhandels, insbesondere für Palmöl spielt. In Jakarta stiegen daraufhin innerhalb weniger Tage die Preise für Olein, das zum Kochen benötigt wird, von 2750 auf 3750 Rupien pro Kilogramm.
Der neuerliche finanzielle Absturz in Indonesien kommt zu einem besonders ungünstigen Augenblick. Denn für den 8. und 9. Mai waren Umschuldungsverhandlungen in Tokio mit den privaten Gläubigern anberaumt. Dabei wollte die indonesische Regierung mit dem Koordinierungsausschuß privater Auslandsbanken, der von der Bank Tokio-Mitsubishi, der Chase Manhattan Bank sowie der Deutschen Bank angeführt wird, Einzelheiten für die Behandlung der privaten Auslandsverschuldung Indonesiens festlegen. Ende Januar 1998 handelte es sich hier um einen Betrag von gut 80 Mrd. Dollar. Doch je tiefer die Rupie fällt, desto unmöglicher wird es den indonesischen Privatunternehmen, ihre Dollarschulden zu bedienen, die zu Zeiten eines Umtauschkurses von 2400 Rupien für einen Dollar ausgehandelt worden waren.
Um dem Kollaps der Rupie zu begegnen, erhöhte die Zentralbank am 7. Mai abermals ihre Leitzinsen, die nun für Tagesgelder 48% und für Monatsgelder 58% betragen. Die Liquidität des Privatsektors wird dadurch noch weiter abgewürgt. Der IWF verlangt zudem von der indonesischen Regierung, alle unprofitablen Banken des Landes, und das sind zur Zeit etwa 95% der 212 Banken, entweder zu schließen oder an ausländische Investoren zu verkaufen.
Wie das Koreanische Entwicklungsinstitut (KDI) am 25. April mitteilte, schmolz das Aktienkapital der koreanischen Banken seit Ende 1997 von 25 Billionen Won auf nur noch 10 Bio. Won. Aus diesem Grund werde es, so das KDI, im kommenden Jahr zu einer Halbierung des Kreditvolumens im Finanzsektor kommen. Gleichzeitig werde der Umfang der faulen Schulden koreanischer Finanzinstitute auf 100 Bio. Won (etwa 130 Mrd. DM) ansteigen, was einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts des Landes entspräche. Die Verschuldung des Privatsektors schätzt das Institut auf sogar 1000 Bio. Won.
Die offizielle Arbeitslosigkeit sprang im März auf 6,5%, im Vergleich zu 3,4% im Jahr zuvor. Am Jahresende werden es beim jetzigen Tempo mindestens 10% sein. Allein im Automobilsektor wird noch innerhalb dieses Jahr mit einem Abbau von 100000 der 500000 bestehenden Arbeitsplätze gerechnet, da die Automobilverkäufe in diesem Jahr um rund 50% einbrechen dürften. In absoluten Zahlen waren im März nach offiziellen Angaben 1,4 Millionen Südkoreaner arbeitslos; doch nach Schätzungen der Bank von Korea waren es tatsächlich schon 4 Millionen.
Am liebsten hätten die japanischen Finanzhäuser die "Goldene Woche" nationaler Feiertage um eine paar weitere Tage oder Wochen verlängert. Doch am 6. Mai mußte die Tokioter Börse wieder ihren Handel aufnehmen und wurde dabei, wie nicht anders erwartet, "böse erwischt". Um 357 Punkte rutschte der Nikkei erneut ab und landete am darauffolgenden Tag nur noch knapp über der Marke von 15000 Punkten.
Eigentlich hatte das am 24. April im Detail vorgestellte Stimulierungspaket der Regierung in Höhe von 220 Mrd. DM eine umfassende Wende sowohl für die depressive Realwirtschaft als auch für das marode Finanzsystem des Landes einleiten sollen. Statt dessen wurde alles nur noch schlimmer. Bei Umfragen am Sonntag, den 26. April versprach sich nur ein Drittel der Bevölkerung eine wirtschaftliche Besserung durch dieses Paket, während 57% kurzerhand den Rücktritt der Regierung forderten. Am Montag, den 27. April, stürzte der Nikkei um 361 Punkte in den Keller, wobei Bankaktien rund 5% einbüßten. Nicht gerade hilfreich waren hier die Bemerkungen des japanischen Vize-Finanzministers für internationale Beziehungen Eisuke Sakakibara, der in einem Interview erklärte, Schließungen "relativ großer Banken" seien "möglich", solange die "Stabilität des Finanzsystems" dabei gewährleistet bleibe.
Verzweifelt bemüht sich währenddessen die Zentralbank, einen weiteren Verfall des Yen abzuwehren. Wie aus den April-Daten des Finanzministeriums hervorgeht, büßte die Bank von Japan im April infolge ihrer Interventionen am Devisenmarkt insgesamt rund 20 Mrd. Dollar an Devisen ein. Trotzdem fiel der Yen bis zum 7. Mai erneut auf 133,6 zum Dollar. Die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan sagt für die kommenden Monate sogar einen regelrechten Kollaps der japanischen Währung voraus: Der Yen könne noch bis zum Ende des Jahres auf 180 zum Dollar fallen und bis zum Ende des nächsten Jahres sogar eine Relation von 230 zum Dollar aufweisen.
Wie in den von IWF-Konditionen heimgesuchten Nachbarländern Thailand, Südkorea und Indonesien weist auch in Japan die Arbeitslosigkeit ein explosives Wachstum auf. Im März erreichte die offizielle Arbeitslosigkeit mit einer saisonal bereinigten Rate von 3,9% den höchsten jemals berechneten Wert. Im Verlaufe des März wuchs die Zahl der Arbeitslosen um 430000 auf 2,77 Millionen. Gleichzeitig sank der Umsatz im Einzelhandel um 13,8% gegenüber dem Vorjahresmonat. Wie die Japanische Vereinigung der Automobilhändler mitteilte, war die Zahl der Neuzulassungen im April um 7,4% niedriger als im April 1997. Dabei fielen die Verkäufe von LKWs um 15,0% und speziell die von schweren LKWs sogar um 34,3%.
Während die finanzielle und soziale Situation in der asiatischen Krisenregion außer Kontrolle gerät, scheint es nun so manchem Beobachter an der Wall Street und an den europäischen Börsenplätzen zu dämmern, daß man es hier mit spekulativen Blasenbildungen zu tun hat und die Kurse mindestens so stark überbewertet sind wie asiatische Aktien und Währungen vor dem August 1997.
Selbst US-Präsident Bill Clinton hat jetzt erstmals öffentlich seine Sorge über die Wall Street ausgedrückt. Am 30. April wurde er auf einer Pressekonferenz gefragt: "Glauben Sie, daß die Aktienblase platzen wird? Glauben Sie, daß die Menschen deswegen nervös sein sollten?" Clinton wollte sich nicht festlegen, gab aber zu verstehen, daß ihm die "Blasen-Theorie" geläufig sei. Deutlicher wurde Japans Vize-Finanzminister für das Parlament Yasuhisa Shiozaki, der am 7. Mai in einer Fernsehinterview seine Befürchtung vor einem Crash an der Wall Street äußerte. Mit Blick auf die euphorischen Aktienkurse in New York bemerkte er: "Ich denke, jeder Japaner ist besorgt, wenn der Aktienmarkt seine Richtung ändert und den ,irrationalen Überschwang' beendet, egal wie groß dieser im betreffenden Moment sein wird. Die Geschichte lehrt uns, daß kein Aktienmarkt einfach immer weiter ansteigt. Man muß sich auf eine Umkehrung gefaßt machen." Man könne nur hoffen, fügte Shiozaki hinzu, daß diese Umkehr einigermaßen geordnet vonstatten geht.
Lothar Komp