Aus der Neuen Solidarität Nr. 7/98:


Der Lügenbaron in Davos


Die Realität scheint hervor
Japan im Zentrum der Stürme

Japans Banken in der Falle

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, das in diesem Jahr vom 29. Januar bis 3. Februar stattfand, haben führende Banken-, Wirtschafts- und Regierungskreise aus Europa, den USA und Japan sowie aus Rußland und den (einst) aufstrebenden Schwellenländern in den gemeinsamen Chor eingestimmt: "Das Schlimmste der Asienkrise ist überstanden, jetzt gilt es, aus den Erfahrungen zu lernen." In privaten Gesprächen haben sich dieselben Kreise jedoch genau gegenteilig geäußert: Sie seien überzeugt, die "Asienkrise" habe gerade erst begonnen.

Ein Redner nach dem anderen beteuerte vor den 2500 Geschäftsleuten und Regierungsvertretern im Stile des alten Lügenbarons, "die Behörden und Regierungen der Siebenergruppe haben die Turbulenzen in Asien nun endlich unter Kontrolle", wie Martin Kohlhaussen, der Vorsitzende der Commerzbank, es formulierte. Allerdings fügte er sofort hinzu: "Vielleicht noch nicht genug unter Kontrolle, aber unter Kontrolle. Nun ist es von größter Wichtigkeit zu verhindern, daß die Asienkrise zu einer globalen Krise wird." Kohlhaussen hat jeden Grund zu versuchen, Optimismus zu mimen. Seine eigene Bank gehört zu denen, die am meisten in Asien zu verlieren haben.

Japan, um dessen Finanzprobleme sich die Asienkrise hauptsächlich dreht, gab sich zuversichtlich nach dem Motto: "Wir werden es schon richten." Der stellv. japanische Finanzminister Eisuke Sakakibara wollte offenkundig von Asien ablenken und meinte: "Meine Damen und Herren, es gibt keine Kernschmelze in Asien." Und mit hochgezogenen Augenbrauen verkündete er: "Und es gibt gar keine ,Asienkrise'. Es ist vielmehr eine Krise des globalen Kapitalismus." Womit er allerdings recht hat.

Sakakibara versuchte jedoch, die Lähmung des politischen Systems angesichts der seit acht Jahren andauernden japanischen Bankenkrise einfach wegzuwischen. Die faulen Schulden Japans belaufen sich vermutlich auf über 1,8 Billionen DM, die aus der Immobilien- und Aktienspekulationsblase der 80er Jahren stammen. Er betonte: "In der Vergangenheit bestand das Problem mit Japans Finanzsektor und der Zahlungskrise darin, daß uns der politische Wille fehlte. Wir haben das Geld und die Fähigkeit, dies zu lösen. Japan ist nicht wie der Rest Asiens. Wir sind ein Nettogläubiger, kein Nettoschuldner. Ich kann jetzt kategorisch sagen, daß in Japan der Wille besteht, das Bankenproblem endgültig zu lösen."

Höhepunkt der kunstvoll arrangierten Optimismus-Show von Davos war der Auftritt von You Jong Keun, Berater des neuen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung und vermutlich der nächste Finanzminister nach der Amtseinführung der neuen Regierung am 25. Februar. "Erstens möchte ich allen Teilnehmern hier in Davos mitteilen, daß ich gerade als Teil der südkoreanischen Delegation aus New York komme, wo wir über die Restrukturierung der kurzfristigen Kredite verhandelt haben. Wir haben mit einem Ausschuß von 13 Gläubigerbanken, angeführt von J.P. Morgan, ein Abkommen getroffen, wonach etwa 24 Mrd. Dollar, die in den nächsten Wochen fällig sind, bis auf fünf Jahre gestreckt werden. Das ist für den Fortschritt Koreas extrem wichtig. Ich kann Ihnen auch sagen, daß wir alle in New York darin übereinstimmten, noch rechtzeitig ein Abkommen zu erreichen, um es hier in Davos bekanntgeben zu können."

Tatsächlich haben die Nachrichten über die Reorganisation der koreanischen Schulden - zusammen mit der mehrtätigen Schließung der asiatischen Finanzmärkte wegen des chinesischen Neujahrsfestes, mit dem ironischerweise das "Jahr des Tigers" eingeläutet wurde - einer völlig deplazierten Euphorie über die angeblich überwundene Asienkrise Raum gegeben. Am 3. Februar brachen die Aktienmärkte von Frankfurt über London bis New York bereits wieder alle Rekorde, nachdem auch die asiatischen Märkte von Malaysia über Singapur bis Hongkong und sogar Bangkok und Djakarta zweistellige Tageszuwächse meldeten.

Die Realität scheint hervor

Im Hintergrundgespräch äußerten sich viele in Davos ähnlich wie der für Ostasien zuständige Staatssekretär im US-Außenministerium Stanley Roth: "Die Krise ist überhaupt nicht vorbei. Kurzfristig bereitet Indonesien große Probleme; mittelfristig betrachten wir Hongkong und China mit großer Sorge."

Hongkong und China sind die einzigen asiatischen Märkte, welche die Dollar-Bindung ihrer Währungen noch nicht aufgeben mußten. Wenn es dazu käme, könnte ein unkontrollierter Dominoeffekt eine neue Phase der Krise auslösen.

Der außerordentliche Besuch des stellv. US-Finanzministers Larry Summers in Beijing im vergangenen Monat hatte das Ziel, von China Zusicherungen zu erhalten, trotz der erwarteten spekulativen Angriffe an seiner Politik festzuhalten. Chinas Vizeministerpräsident Li Lanqing erklärte nun in Davos: "Der Renminbi [der konvertible Teil der chinesische Währung] ist stabil und wird es bleiben."

Und Ronnie Chan, Vorsitzender der größten Hongkonger Immobiliengruppe Hang Lung Development Co., betonte: "In den nächsten zwei Jahren wird die Dollarbindung des Renminbi trotz wirtschaftlicher Nachteile fest bleiben, bis die Währung härter ist. China wird wenigstens in den nächsten 18 Monaten keine Abwertung vornehmen." Bezüglich des Hongkong-Dollars mußte Chan allerdings zugeben, daß die Dollaranbindung trotz einer starken industriellen Wirtschaft und einer entwickelten Bankenaufsicht "die Archillesferse" sei. "Die Spekulanten sehen in der Anbindung ein leichtes Ziel, denn wir haben nur ein Mittel, um sie zu verteidigen - die Anhebung der Zinsen. Das erlaubt den Spekulanten, Hang-Seng-Aktien abzustoßen, weil die Aktien und Immobilienwerte fallen. In den letzten Monaten sind die Immobilienpreise in Hongkong um 35% gefallen, zum Teil wegen der hohen Zinsen. Das ist das Problem, dessen Lösung nicht klar ist."

Tatsächlich konzentrierte sich der aggressive Globalspekulant George Soros in Davos hauptsächlich auf diese chinesische und Hongkonger Archillesferse. Soros' Quantum Fund wurde von mehreren asiatischen Regierungen beschuldigt, den Kollaps in Asien im vergangenen Mai ausgelöst zu haben, als er zusammen mit zwei weiteren Offshore-Hedgefonds den thailändischen Baht und die thailändischen Aktien ins Visier genommen hatte. In Davos meinte Soros, die Krise sei "keineswegs vorüber".

Und er fügte hinzu: "Entscheidend wird sein, ob Hongkong die Anbindung wird halten können. Wenn diese aufgegeben wird, dann wird die gesamte Krise weiter um sich greifen." Soros unternimmt derzeit alles, um diesen Bruch mit dem Dollar herbeizuführen. In einem ganzseitigen Interview mit dem Hamburger Wochenblatt Die Zeit vom 15. Januar, das auch von Reuters und anderen Finanzinformationsdiensten aufgegriffen wurde, aus denen die Währungshändler weltweit ihre Weisheiten beziehen, erklärte Soros, die Fortführung der Dollarbindung werde Hongkong und China sehr kostspielig kommen; wenn der chinesische Renminbi abgewertet werde, werde sich die Dollarbindung in Hongkong auch nicht mehr halten lassen.

Japan im Zentrum der Stürme

Das Zentrum des Orkans liegt derzeit allerdings weder in Südkorea noch in Indonesien, das nur eine Woche vor Davos einseitig eine "Zahlungspause" für etwa 64 Mrd. Dollar an kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland erklärt hat - und auch nicht in Hongkong oder China. Im Zentrum steht Japan, die zweitgrößte Industrienation der Erde und der größte Gläubiger der Welt.

Seit die Bank von Japan ihre amtlichen Zinsen auf 0,5% gesenkt hat, in dem vergeblichen Bemühen, dem japanischen Finanzsystem eine billige Refinanzierung zu ermöglichen, nehmen die japanischen Banken zu diesem Beinahe-Nulltarif Zentralbankkredite auf und verleihen das Geld auf den Märkten mit Hochzinsen.

Der Japaner Sakakibara gab sich aus verständlichen Gründen alle Mühe, die finanzielle Anfälligkeit Japans angesichts der Asienkrise herunterzuspielen. Selbst bevor die Asienkrise losbrach, hatten japanische Banken laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom Juni 1997 in ganz Asien 275 Mrd. Dollar verliehen. Während japanische Vertreter betonen, dies seien nur 7% der japanischen Kredite insgesamt, bleibt diese Summe aus folgendem Grund dennoch eine Bedrohung für das Weltfinanzsystem.

Erstens hat Japan sein seit acht Jahren drückendes Problem mit faulen Altschulden nicht gelöst, das die Aktien-, Immobilien- und Finanzmärkte in eine wirtschaftliche Deflationskrise heruntergezogen hat. Laut Schätzungen durch die UBS Research in Tokio hat das gegenwärtige Volumen an faulen Schulden fast 1 Billion Dollar erreicht, fast doppelt so viel wie die jüngsten "korrigierten" Angaben des Finanzministeriums. Die Regierung Hashimoto versprach bis zum 20. Februar den Einlagensicherungsfonds in Höhe von umgerechnet 240 Mrd. Dollar einzurichten, um mit den faulen Altschulden fertigzuwerden. Selbst unter hervorragenden äußeren Bedingungen würde dieser japanische Bailout-Plan nur die Inflation der Finanzwerte anheizen, was die Gefahr heraufbeschwört, in eine Hyperinflation wie in der Weimarer Republik umzuschlagen.

Die Bedingungen für eine Lösung der Bankenkrise in Japan sind aber alles andere als günstig, denn in Tokio hat noch niemand die Verluste aus der Asienkrise wirklich in Rechnung gestellt.

Japans Banken in der Falle

Die Kredite im asiatischen Raum machen 85% aller japanischen Kredite an das Ausland aus. Noch problematischer ist, daß davon wiederum fast ein Drittel, 85 Mrd. Dollar, an die drei großen Opfer des IWF - Indonesien, Südkorea und Thailand - verliehen wurden. Und angesichts ihrer schwachen Position im Inland können es sich die japanischen Banken anders als französische, deutsche oder holländische Großbanken nicht leisten, ihre Asienkredite einfach abzuschreiben.

Erschwerend kommt hinzu, daß die japanische Regierung sich bereits Monate vor Beginn der akuten Asienkrise entschlossen hatte, den bislang geschützten Finanzsektor radikal umzustrukturieren. Diese "Big Bang" genannte Reform sieht vor, daß alle japanischen Banken mit Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. April den Marktwert ihrer Guthaben, Außenstände und Verpflichtungen vollständig offenlegen müssen. Außerdem müssen sie einen bestimmten Prozentsatz ihrer Kredite als Reserve für eventuelle Ausfälle zurücklegen - eine Annäherung an entsprechende Vorschriften der BIZ. Die Regierung möchte damit als Reaktion auf die Megafusionen in den USA und Europa im Finanzbereich Zusammenschlüsse und Reorganisationen erzwingen.

Die Banken haben nur zwei Möglichkeiten, die neue Mindestkapitalreserve einzuhalten. Entweder verringern sie das Volumen ausgegebener Kredite, oder sie erhöhen ihr Kapital, indem sie etwa neue Aktien ausgeben. Um ihnen unter die Arme zu greifen, hat die Regierung im letzten Monat etliche Buchhaltertricks eingeführt; z.B. dürfen die Banken ihren Immobilienbesitz nun zum Marktpreis, statt wie bisher zum Kaufpreis, anrechnen - eine in den OECD-Ländern unübliche Praxis.

Den Banken bleibt im übrigen nichts anderes übrig, als ausstehende Kredite im eigenen Land rücksichtslos einzutreiben. Die anderen asiatischen Länder müssen davon aber ausgespart bleiben, weil man sonst eine weltweite finanzielle "Kernschmelze" riskiert; die Regierung hat praktisch eine Verlängerung dieser gesamten Kredite verfügt. Es bleibt nur noch das Inland, und dort trifft es besonders die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Doch wenn man diese schwächt, schrumpft natürlich die japanische Wirtschaft, die Steuereinnahmen sinken, und das Haushaltsdefizit steigt.

Die Banken können also nur noch versuchen, das überlebensnotwendige Kapital auf der Tokioter Börse zu holen. Doch solange der Nikkei-Index weiterhin um die 17000-Punkte-Marke schwankt, 2000 Punkte unter dem Stand vom 30. September, bleibt von ihren versteckten Aktiengewinnen so gut wie nichts. In einer solchen Situation kommt es auch nicht in Frage, neue Aktien auszugeben. Das ist der Grund, warum Hashimoto 13 Billionen Yen in die Banken pumpen möchte, indem die Einlagenversicherung bis zu 103 Mrd. Dollar an "Vorzugsaktien" aufkauft. Doch damit wird natürlich die weltweite Inflation massiv angeheizt.

Die fälligen Zahlungen aus den drei großen Verliererländern Thailand, Indonesien und Südkorea werden höchstwahrscheinlich nicht pünktlich erfolgen. Und während in Japan das wahre Ausmaß der faulen Kredite dank des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Banken und Finanzministerium vertuscht wurde, wird in den anderen Ländern die strikte Überwachung des IWF für deren vollständige Offenlegung sorgen.

Angesichts dieser Akkumulation von Problemen im In- und Ausland haben die internationalen Kreditgeber natürlich Angst, den japanischen Banken mehr Geld zu leihen. Seit drei Wochen müssen diese wieder das "Japan Premium" zahlen, d.h. wegen des höheren Risikos verlangt man von ihnen Zinsen, die deutlich - derzeit zwischen 0,85% und 1% - über dem üblichen Interbank-Zinssatz LIBOR liegen. Bis zum 1. April dürfte dieses Premium weiter steigen und für mehr Probleme im Weltfinanzsystem sorgen.

William Engdahl