Euthanasie soll in den Niederlanden künftig nicht mehr strafbar sein. Ein Gesetzentwurf, den das niederländische Kabinett Anfang Juli an das Parlament geschickt hat, sieht Straffreiheit bei ärztlichen Euthanasiedelikten vor, sofern dabei mit der "vorgeschriebenen Sorgfalt" vorgegangen werde. Bislang war die Tötung eines Kranken offiziell immer noch strafbar, und die Tat mußte den Justizbehörden gemeldet werden. Eine Strafverfolgung aber wurde nur dann eingeleitet, wenn sich der Arzt selbst bezichtigte, gegen bestimmte "Sorgfaltskriterien" verstoßen zu haben. Dies tat natürlich kaum ein Arzt, dementsprechend ist kein einziger Fall einer Verurteilung wegen Mißachtung dieses Gesetzes bekannt geworden. Zugleich aber mehrten sich Berichte über ungezählte Patiententötungen, wo Patienten auch ohne ihr Wissen und sogar gegen ihren erklärten Willen umgebracht wurden - und zwar längst nicht nur "hoffnungslose Fälle". Der Tötungsrausch in unserem Nachbarland hat ein Ausmaß erreicht, das die Weltöffentlichkeit zum Hinsehen und Einschreiten zwingt.
Die neue Gesetzesvorlage ist dazu ein guter Anlaß; ihre Ungeheuerlichkeit sorgte bereits in der ganzen Welt für ungläubiges Kopfschütteln. Unter anderem ist vorgesehen, auch Kindern ab zwölf Jahren "Sterbehilfe" zu gewähren - und zwar selbst gegen den Willen ihrer Eltern. Neben Euthanasie bei "todkranken Säuglingen" sind ferner offenbar insbesondere Alzheimer Patienten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. So soll der "Todeswunsch" von Alzheimer-Patienten, die bei "vollem Bewußtsein" eine Euthanasie-Erklärung unterzeichnet haben, akzeptiert werden - auch wenn sie zum Zeitpunkt der eigentlichen Tötung nicht mehr ansprechbar sind. Die lapidare Begründung der Gesundheitsministerin: Die Aussicht darauf, seine eigenen Kinder nicht mehr zu erkennen und sich in die Hose zu machen könne als "unerträgliches Leiden" betrachtet werden.
Dem Argwohn, daß die niederländische Regierung Mittel und Wege sucht, sich der teuren Alzheimer-Patienten zu entledigen, sind angesichts der scharfen Sparpolitik im niederländischen Gesundheitswesens nicht von der Hand zu weisen. Neben AIDS- und Krebs-Patienten, komatösen und psychisch Kranken und schwerbehinderten Menschen gehören auch sie zu den "teuren Patientengruppen".
Die heftige Kritik aus dem In- und Ausland hat nun den niederländische Ministerpräsident Wim Kok zu der Ankündigung veranlaßt, den neuen Gesetzesentwurf noch einmal "besonderes zu überdenken" - allerdings nur in punkto "Kindereuthanasie". Die folgenden Beiträge sollen dazu dienen, den Druck auf die Niederlande zu erhöhen, ihre gesamte Euthanasiepraxis aufzugeben. Da sich zugleich viele Parallelen zu der hiesigen Euthanasiediskussion und -entwicklung finden und viele grundsätzliche Fragen behandelt werden, sind die Beiträge für den deutschen Leser auch unter diesem Gesichtspunkt von Interesse.
Chronologie der niederländischen Euthanasiepraxis.