Aus der Neuen Solidarität Nr. 50/1999:
"Wir können die Probleme aus eigener Kraft lösen"
Interview. General Andrej Nikolajew war
früher Kommandeur der russischen Grenztruppen. Derzeit steht er
an der Spitze der "Union der Macht und Arbeit des Volkes", einer
der 28 Wahlblöcke, die zur Duma-Wahl am 19. Dezember antreten.
Prof. Taras Muraniwskij, der Vorsitzende des russischen
Schiller-Instituts, sprach mit ihm am 19. Oktober. Es folgen
Auszüge des ausführlichen Interviews.
Ich möchte Ihnen im Namen des Nachrichtenmagazins
Executive Intelligence Review, das von dem bekannten
amerikanischen Ökonomen und Politiker Lyndon LaRouche gegründet
wurde, einige Fragen stellen. LaRouche bewirbt sich derzeit um
die Nominierung zum demokratischen
Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen im Jahr 2000.
Da Sie ein Militär sind, möchte ich mit der Frage nach der Rolle
des Militärs in der Politik beginnen.
Nikolajew: Es ist nicht der Beruf, der darüber
entscheidet, welche Rolle an welchem Platz man in der Politik
spielt. Wichtig sind vielmehr die Überzeugungen dieser Person,
wie sie die Welt um sich herum betrachtet und welche Lösungen
für die Probleme des Staates und der Gesellschaft sie
anvisiert. Es ist für Militärs genauso natürlich, politisch
aktiv zu werden, wie für Finanziers, Ökonomen, Künstler oder
Personen aus dem kulturellen Leben oder einfach begabte
Menschen...
Es ist ein großes Mißverständnis, Militärs ausschließlich als
"Menschen mit einer harten Hand" anzusehen. Meiner Ansicht nach
gibt es relativ mehr Soldaten, die wissen, daß man in vielen
Fällen keine militärischen Mittel einsetzen sollte, um bestimmte
politische Ziele zu erreichen. Der Zivilist setzt oft große
Hoffnungen in die militärische Kraft, denn er hat in seinem
alltäglichen Leben nicht viel damit zu tun und unterschätzt
die zerstörerische Wirkung von Waffen... Der Berufssoldat weiß
hingegen sehr genau, daß viele politische Ziele mit
militärischen Mitteln einfach nicht zu erreichen sind.
Ich bin auch der Ansicht, daß ein Soldat, der politisch aktiv
wird, seine Uniform ausziehen sollte. Im Privatleben ist es
seine Sache, aber ich würde einen Beschluß unterstützen, der
Uniformen in der Duma oder im Föderationsrat verbietet.
Welche Strategie verfolgt Ihre Bewegung politisch,
wirtschaftlich und verteidigungspolitisch?
Nikolajew: Als russischer Bürger verstehen Sie
sicherlich gut, daß sich ein Land, das 14 Prozent der Landfläche
der Erde umfaßt und - etwas vereinfacht gesprochen - über ein
Drittel aller Ressourcen verfügt, sich einfach nicht in einer
Wirtschaftskrise befinden kann; das ist per definitionem
unmöglich. Wir sind das einzige autarke Land. Wir haben alles,
was anderen Ländern fehlt. Wir als Bürger müssen verstehen, daß
das, was wir derzeit erleben, die Folge einer unfähigen Führung
des Landes, des Staates und der Gesellschaft ist. Weder der
Staat als Machtsystem, noch die Gesellschaft (als soziales
Gebilde und Sinnbild unseres gemeinsamen Interesses) werden
überhaupt regiert. Es handelt sich um eine Führungskrise.
Eine unfähige Regierung kann natürlich auch das wohlhabendendste
und herausragendste Land in eine Lage wie die unsere bringen.
Was ist eigentlich eine Krise? Erinnern wir uns, was Professor
Preobraschenskij, der Held in der berühmten Geschichte von
Michail Bulgakow, sagt: "Der Zusammenbruch findet nicht im
Treppenschacht statt, sondern in den Köpfen der Menschen."
Wir wollten allen Ernstes in den ersten 500 Tagen alles
verändern; erinnern wir uns an das berühmte Programm von
Jawlinskij, Schatalin et al. Da lebten wir in einer Art
von Gesellschaft, und 500 Tage später sollten wir in einer
anderen Gesellschaft leben. Oder ein anderes Beispiel: Bis zum
25. Oktober 1917 herrschte in Rußland der Kapitalismus, und am
26. Oktober wachten wir auf, und es herrschte der Sozialismus.
In Wirklichkeit hatte sich nichts verändert.
Es ist an der Zeit, zu verstehen, daß eine solche zu
vereinfachte Herangehensweise an Menschen, an ihre Beziehungen,
an die wirtschaftlichen Strukturen und an die Probleme, die
alle Menschen betreffen, letztendlich zu den Tragödien der
russischen und sowjetischen Geschichte führte. Normalerweise
packen wir Dinge so an: Wir erklären etwas für schlecht, und
dann werfen wir alles aus dem Fenster und bauen eine neue Welt
auf. Wir verkünden, Sozialismus sei grundsätzlich falsch, voller
Fehler und völlig nutzlos. Laßt uns ihn zerstören, dann wird der
Kapitalismus kommen, alle unsere Probleme werden gelöst sein,
und wir werden reich werden. Die Krise, die wir derzeit
durchleben, hat ihre Ursache nicht allein in der Tatsache, daß
das Land von Unfähigen regiert wird, die einfach nicht in der
Lage sind, solche Systeme zu regieren, sondern auch darin, daß
in der russischen Politik Zielsetzungen völlig fehlen. Was
wollen wir erreichen? Wie soll der Staat beschaffen sein, in dem
wir leben wollen? Welche Art von Gesellschaft wollen wir
aufbauen? Wie sieht meine persönliche Rolle im Leben dieses
Staates und dieser Gesellschaft aus?
Das erste Gebot an alle, die politische Macht haben in diesem
Land, ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber haben Präsident
Jelzin oder die verschiedenen Regierungen, die Rußland in der
jüngeren Zeit erlebt hat, auch nur einmal erklärt, das
Wichtigste in der russischen Politik wäre es, Arbeitsplätze zu
schaffen? - Niemals!
Arbeitslosigkeit wird im Gegenteil als Gesetz des Marktes
dargestellt. Damit die Schaffung von Arbeitsplätzen überhaupt
zur Priorität der Regierung werden kann, müßte die
Arbeitslosigkeit erst einmal zur "sozialen Krankheit" erklärt
werden, was sie ja auch tatsächlich ist. Aber unsere liberalen
Ökonomen plappern den westlichen Vordenkern in der Ökonomie
alles nach und versichern der Regierung, ein bestimmtes
"natürliches Niveau an Arbeitslosigkeit" sei notwendig. Statt
Arbeitsplätze zu schaffen, sind unsere Leute stolz darauf, daß
die russische Arbeitslosigkeit genauso hoch ist wie die im
Westen.
Nikolajew: Tatsächlich leiden 40 Prozent der
arbeitsfähigen Menschen unter Arbeitslosigkeit.
Alle russischen Regierungen der letzten Jahre haben
praktisch nach dem "Feuerwehr-Prinzip" gearbeitet.
Nikolajew: Auf diese Weise werden wir niemals ein
normales Leben führen. So werden Probleme vielleicht in einem
Bereich gelöst, während in anderen Bereichen alles niederbrennt.
Wozu überhaupt löschen? Wo wird es als nächstes brennen? Wer
wird überhaupt noch etwas aufbauen? Etwas aufzubauen sollte die
wichtigste Tätigkeit in unserem Land sein. Ich meine das nicht
im wörtlichen Sinne, sondern im Sinne einer schöpferischen
Tätigkeit.
Heute wird alles bei uns von dem Prinzip geleitet: Sich etwas
aneignen, aufteilen, in Besitz nehmen. Nehmen Sie Ihre Familie:
Kann sie ein normales Leben führen, wenn Sie keine Arbeit haben,
Ihre Frau arbeitslos ist, keiner in der Familie arbeitet? Zuerst
leben Sie von dem aufgeteilten Familienbesitz, und gleichzeitig
versuchen Sie, Ihren Nachbarn etwas wegzunehmen. Wie lange kann
man das durchhalten? Soll das die Politik eines Landes sein?
Sicherlich nicht.
Das Land steht vor der Frage: Was muß jetzt getan werden, was
muß in fünf Jahren getan werden und was muß in 15-25 Jahren
getan werden? Das sind die drei Perspektiven, über die jetzt
entschieden werden muß. Ich habe vorgeschlagen, daß eine
Arbeitsgruppe gebildet werden soll, die sich damit
auseinandersetzt.
Es versteht sich von selbst, daß man Ihre Meinung und
Herangehensweise an das Kaukasus-Problem hier nicht übergehen
kann. In der jüngsten 12. Ausgabe des Journals Rossijskoje
Analitischeskoje Obosrenije (Russisches analytisches
Magazin), ist ein Interview mit meinem amerikanischem Kollegen
Lyndon LaRouche enthalten, der überzeugt ist, daß britische
Kreise an den Ereignissen im Kaukasus beteiligt sind. Er betont,
hierbei handele es sich um eine Fortsetzung der britischen
imperialistischen Politik gegenüber Rußland, die im 19.
Jahrhundert unter Palmerston begann. Bekannte britische Kreise
und ihre amerikanischen Handlanger wie Zbigniew Brzezinski,
benutzen die Wahhabiten als Kanonenfutter...
Nikolajew: Natürlich werden die Ereignisse im Kaukasus
von außen beeinflußt. Aber um die Schuldigen zu finden, müssen
wir nicht ins Ausland schauen. Sie haben die Frage nach der
innenpolitischen Verantwortung und nach der Einflußnahme von
außen gestellt. Auf ein funktionierendes Land kann, wie Sie
wissen, von außen eingewirkt, aber es kann nicht zerstört
werden.
Eine Weltfinanz- und -währungskrise wirkt sich auch auf uns
aus. Unser Land ist nicht länger hinter dem "Eisernen Vorhang"
abgeschlossen, und unser einheimischer Markt befriedigt nicht
alle Bedürfnisse Rußlands. Bis Mitte der 80er Jahre lieferte die
einheimische Produktion 90-95% der benötigten Industriegüter
und in einigen Bereichen sogar 100%. Mit Ausnahme einiger
besonderer Getreidesorten deckte die heimische Landwirtschaft
80% der landwirtschaftlichen Nachfrage. Heute hängt Moskau zu
63% und Rußland als Ganzes zu zwei Dritteln von importierten
Nahrungsmitteln ab. Bei den Industriegütern ist es knapp die
Hälfte. Daher ist es schwierig, uns als völlig souverän zu
betrachten. Sicherlich treiben alle Länder in der ganzen Welt
Handel und tauschen Güter aus. Aber wir sind heute nicht mehr in
der Lage, uns selbst zu versorgen. Wir können unsere Arbeiter
nicht mehr ernähren und schaffen keine Arbeitsplätze.
Im Gegenteil, wir zerstören Arbeitsplätze.
Nikolajew: Sie wurden bereits zerstört. Rußland
produziert heute nur noch 38% von dem, was es 1990 produzierte.
Sie haben noch nicht viel zu Tschetschenien gesagt. Wie
schätzen Sie das Vorgehen der Bundestruppen in Tschetschenien
ein - die Errichtung eines "cordon sanitaire"?
Nikolajew:Ich möchte dringend vor der Auffassung
warnen, in Tschetschenien werde alles so einfach gehen. Selbst
wenn russische Truppen auf dem Territorium Tschetscheniens
stationiert würden, wäre dies nicht das Ende vom Lied -
ebensowenig wie der Balkan zur Ruhe gekommen ist. Im Kosovo sind
Friedenstruppen stationiert. Ja und, gibt es Frieden im Kosovo?
Die Amerikaner haben ihre tatsächlichen politischen Ziele nicht
erreicht, als sie die Aggression gegen Jugoslawien begannen.
Sie haben sich etwa so verhalten: Wenn etwas schmerzt, tut man
Salbe darauf. Aber die "Krankheit des Balkans" ist viel
komplexer. [Der Chef des Vereinigten amerikanischen
Generalstabes General John] Shalikashvili besuchte mich, als er
noch im Dienst war. Im Verlauf unseres Meinungsaustausches
sagte ich: "Es gibt kein Kosovo-Problem. Es gibt einen
Problemkomplex auf dem Balkan, zu dem auch das Kosovo-Problem
gehört." Einzelprobleme können nicht gelöst werden, wenn man
das allgemeine Problem nicht löst. Wir sind Zeuge einer
unendlichen Aufspaltung Jugoslawiens. Die nächste Phase
beginnt, wenn Kosovo mit amerikanischer Hilfe unabhängig wird -
was früher oder später der Fall sein wird. Dann wird Montenegro
folgen. Es existiert dort ohne Zweifel die Möglichkeit der
Bildung einer Gruppe islamischer Staaten. Dann könnten sich auch
Albanien und Kosovo vereinigen - und es gibt noch das
moslemische Bosnien.
Mein Kollege LaRouche betrachtet diese Dinge in einem
größeren Zusammenhang. Die Bombardierung des Irak, die
Ereignisse im Kosovo, das Tschetschenien-Problem und der
indisch-pakistanische Konflikt sind seiner Ansicht nach Glieder
einer einzigen Kette, die zu einem Komplex geworden sind. Dabei
handele es sich um eine anglo-amerikanische imperialistische
Politik, die neokolonialistische und andere zerstörerische Ziele
verfolgt. Diese Politik richte sich jetzt gegen Rußland. Was
halten Sie von dieser Einschätzung?
Nikolajew: Ich kenne Brzezinskis Buch "Die einzige
Weltmacht", das im Westen großes Aufsehen erregte. Dort findet
man Antworten auf viele Fragen, die Rußland betreffen... Wir
könnten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, bis zum
Dulles-Plan zurückgehen. Dies sind Glieder einer einzigen Kette.
Es gibt zwei grundlegende strategische Tendenzen in Amerika (ich
will nicht gesondert auf England eingehen): Eine umfaßt den
konsequenten Versuch, die Sowjetunion oder Rußland
aufzulösen; dies ist jener bekannte Plan, den Brzezinski
ausbreitet. Die zweite Tendenz betrachtet Rußland als starken
Partner, als ein politisch und wirtschaftlich starkes Land, das
zum Gleichgewicht der Mächte beiträgt. Mit dem Potsdamer
Abkommen von 1945 und dem Helsinki-Abkommen von 1975 war ein
System ausbalancierter Kontrahenten in Europa geschaffen worden.
Und dann plötzlich verschwand ein Teil. Aber der Kolben mußte in
Bewegung bleiben, stimmt's?
Sehen Sie: Ich lege meine Hände gegeneinander, und jede Hand übt
auf die andere Druck aus. Wenn ich nun eine Hand schnell
wegnehme, rutscht die andere an die Stelle, die vorher von der
ersten eingenommen wurde. Haben sich die Amerikaner wirklich
nicht die Folgen ihrer Destabilisierungen überlegt? Oder die
Europäer, die Asiaten? - Niemand will eine Destabilisierung.
Wir beide haben über Zeiträume von 15-25 Jahren gesprochen, und
wir haben über das gesamte Jahrhundert diskutiert. Das ist alles
in allem eine ernsthafte politische Diskussion. Sie haben die
Quellen der britischen Politik des 19. Jahrhunderts erwähnt,
aber es gibt Dokumente aus dem 17. und sogar dem 16.
Jahrhundert, die das britische Außenministerium bisher noch
nicht veröffentlicht hat. England hat keine Verbündeten, es hat
nur "ständige Interessen".
Und das britische Commonwealth existiert damals wie heute
mit seinen kolonialen Interessen.
Nikolajew: Wenn wir daher über die Amerikaner sprechen,
wer verkalkuliert sich denn dann tatsächlich? Welche Art von
Chaos werden wir bekommen, wenn der Brzezinski-Plan umgesetzt
wird?
Sie stoßen bereits auf die ersten Probleme. Im Irak und
anderswo, auch auf dem Balkan, proben sie die Kriege der
Zukunft. Sie üben für Kriege ohne eigene Verluste, in denen sie
sich selbst vor physischen Verlusten schützen, indem sie ihren
enormen Vorteil in der Informationstechnologie ausspielen. Dies
sind die Kriege der Zukunft. Rußland liegt in militärischer
Hinsicht jetzt 15-20 Jahre hinter den Amerikanern zurück...
Ohne die Beteiligung anderer Staaten kann Rußland heute keine
Kampfflugzeuge der fünften Generation mehr bauen. In den letzten
zehn Jahren haben wir nichts mehr in Grundlagenforschung
investiert, wir verfügen über keine guten Triebwerke mehr und
auch nicht über ausreichend Elektronik. In der Sowjetzeit haben
wir bereits Teile unserer Elektronik kaufen müssen.
Das ist die Wahrheit, und sie muß bekannt gemacht werden, wenn
wir uns unter den Großmächten der Welt behaupten wollen. Dieser
Status besteht nicht allein aufgrund von Kernwaffen. Er
bestimmt sich durch den Stand der Wissenschaft, der
Technologie, des Materials und der Endprodukte der
systembildenden Industrie. Man ist keine Großmacht, wenn man
über Erdgas und -öl oder Land verfügt. Der Status als Großmacht
bemißt sich an der Fähigkeit, bestimmte Endprodukte herstellen
zu können. Wir liegen da weit zurück.
Ich muß sagen, als Zivilist überrascht mich Ihre Erklärung
sehr.
Nikolajew: Ich kann Ihnen noch mehr sagen: Wir haben keine
Armee mehr. Wir haben diese Frage bereits berührt, als wir heute
über die Streitkräfte der Sowjetunion sprachen.
Meiner Ansicht nach muß das Ziel einer Militärreform darin
bestehen, Streitkräfte aufzubauen, die in der Lage sind, die
Aufgaben, die ihnen die Politiker stellten, im Norden, in
Nordwesteuropa, Osteuropa, Südosteuropa, Südostasien,
Zentralasien und Fernost zu erfüllen. Die Reform sollte
mindestens vier Bereiche umfassen. Erstens, eine Veränderung des
Führungssystems - des militärischen Kommandos und des
Umgangs mit militärischen Fragen, der Wirtschaft, der Politik
und anderen Teilstücken dieses Bereiches. Zweitens, ein
Beschaffungssystem - ein sehr grundlegender Bereich. Drittens,
ein Ausbildungs- und Erziehungssystem. Der vierte Bereich umfaßt
die Versorgung mit neuer Ausrüstung und neuen Waffen. Alle diese
vier Bereiche muß eine Militärreform umfassen, und keines dieser
Probleme ist in Rußland gelöst worden.
Die Reform wurde auf Einsparungen reduziert. In Einzelfällen
kann es bei einer Militärreform zu Kürzungen kommen, aber es
kann auch Reformen ohne Kürzungen geben - sie sind kein
notwendiger Bestandteil einer Reform.
Nun eine außenpolitische Frage: Was halten Sie von den
Erklärungen, die von einem strategischen Dreieck
Rußland-China-Indien sprechen?
Nikolajew: Es wird auf keinen Fall eine unipolare Welt
geben, was auch immer geschehen wird. Es muß andere Machtzentren
geben. China ist ein großes Land, und nicht nur
bevölkerungsmäßig. Warum sollte Rußland in dieser Lage und
als großes asiatisches Land nicht Partner im Osten suchen? Es
wäre meiner Ansicht nach nicht schlecht, normale Beziehungen zu
China auf der gleichen Grundlage aufzubauen wie schon mit
Indien. Nicht als Gegengewicht zu Amerika, sondern als Reaktion
auf die Gefahren, die in der Welt drohen.
Warum nicht als Gegengewicht? Vielleicht wäre dies
notwendig, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, das mit dem
Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden ist?
Nikolajew: Eine stabile russische Politik, als
nationale Politik, sollte eine verläßliche Grundlage haben. Man
könnte sie bildlich mit diesem Tisch hier vergleichen, der auf
vier Beinen steht. Eine russische Politik, die sich nur in
Richtung eines Landes orientiert - etwa der Vereinigten Staaten
- wird instabil wie ein einbeiniger Tisch sein. Wenn wir uns in
Richtung Amerika und China orientieren, versuchen wir sozusagen
auf zwei Beinen zu stehen. Aber wir müssen auf vier Beinen
stehen.
Warum vier? Vielleicht wird sie auf zwei Beinen stabil
sein, wie ein Mensch oder ein Känguruh?
Nikolajew: Aber für die Formulierung einer Politik
müssen wir die Bedeutung der aktiven Beteiligung Rußlands an der
europäischen Politik verstehen. Es gibt dort ein Land, von
dessen Beziehungen zu uns die Frage der russischen Sicherheit
abhängt. Das ist Deutschland. Wenn Deutschland und Rußland
gute Beziehungen haben, dann kann es keine Lage geben, aus der
von Europa für Rußland Gefahr erwächst. Die deutsch-französische
Balance ist auch wichtig.
Was Asien angeht, so ist China der Schlüssel. Wenn die
russisch-chinesischen Beziehungen vernünftig gestaltet und die
jeweiligen Interessen dabei berücksichtigt werden, dann kann
kein Land der Welt eine gefährliche Lage von der asiatischen
Seite heraufbeschwören. Und als Gegengewicht - Japan oder
Indien. Indien ist wahrscheinlich der nähere Verbündete, aber
nicht weil wir Japan geringer achten, sondern weil Japan seit
1945 einen militärischen Sicherheitspakt mit den Vereinigten
Staaten geschlossen hat.
Im Weltmaßstab sind die USA das Schlüsselland. Jeder weiß, wie
wichtig normale Beziehungen mit diesem Land sind. Das vierte
Bein sind die Länder, die direkt an Rußland anschließen; der
postsowjetische Raum, Norwegen, Finnland, die baltischen
Staaten, Polen usw. Dies sind die "vier Beine", die Eckpunkte
einer russischen Politik.
Ich möchte Ihnen gerne einen meiner letzten Artikel mit der
Überschrift "Ist es möglich, die Krise aus eigener Kraft zu
meistern - ohne Hilfe des IWF?" zu lesen geben. Ich untersuche
dort das umfassende soziale und wirtschaftliche Experiment, das
der malaysische Ministerpräsident Mahathir bin Mohammed
unternommen hat, um die Krise seines Landes zu überwinden. Trotz
immenser Kritik und sogar starker Anfeindungen scheute er sich
nicht, gegen die einflußreichen Finanzspekulanten und
internationalen Institutionen vorzugehen, die sein Land
ausgeplündert hatten, und er konnte bereits erhebliche Erfolge
verzeichnen. Dieser Artikel erschien im September in der
Wochenzeitung Ekonomitscheskaja Gaseta. Ich denke, es wäre
für uns von Vorteil, die malaysischen Erfahrungen zu
untersuchen.
Nikolajew: Malaysia hat die Krise überwunden. Und wir
sollten sie überwinden. Das Wichtigste muß die Einrichtung neuer
Arbeitsplätze sein. Franklin Roosevelt steuerte Amerika auf
diese Weise aus der Krise. Hochtechnologien hatten Vorrang, und
dies wurde zum Wendepunkt für die amerikanische Industrie. Das
zweite war der Aufbau einer sozialen Infrastruktur: Straßen,
Brücken, Wohnraum. Millionen Menschen waren bei solchen
Projekten beschäftigt.
Allein in Moskau gibt es noch unendlich viel zu tun.
Dort gibt es heruntergekommene Mietshäuser und Straßen, die
dringend repariert werden müssen. Anstatt normale
Arbeitsbedingungen zu schaffen, lassen wir die Arbeitslosigkeit
zu. Ackerbaubetriebe und die Viehhaltung stehen vor dem Ruin und
bürden den Frauen zusätzliche Arbeit auf, während die Männer
betrunken in der Gegend herumziehen und stolz auf ihre
Arbeitslosigkeit sind.
Nikolajew: Es gibt noch eine zentrale Frage in diesem
Zusammenhang - den Schlüssel zu allem: ein Stundenlohn, kein
Mindestlohn, sondern ein Mindesstundenlohn. Er muß nur noch
festgelegt werden. Für ausgebildete Fachkräfte - 100 Rubel pro
Stunde, das sind etwa 8 DM. Ein Hilfsarbeiter müßte immerhin 25
Rubel pro Stunde erhalten. Was haben wir davon? Bei einer
Lohnsteuer von 20% bringt das 35 Mrd. Rubel an direkten
Einnahmen in die Staatskasse. Das entspricht dem
Anderthalbfachen des derzeitigen Haushalts, allein durch
Steuern. Und andererseits ergibt das für eine Familie mit zwei
berufstätigen Erwachsenen ein Einkommen von etwa 5000 Rubel. Das
wäre eine völlig andere Lage als heute. Sie werden sagen, Andrej
Iwanowitsch, es gibt nicht genug Güter, die sie damit kaufen
könnten. Aber wenn Menschen Güter kaufen, wird es notwendig
sein, sie herzustellen - und der Käufer wird ebenfalls
arbeiten.
Wir brauchen keine Ausgabenkürzungen, sondern müssen die
Ausgaben vernünftiger tätigen. Sie müssen einem Ziel dienen und,
noch wichtiger, produktiv sein. Die Produktion neuen
Materials, in intellektueller Hinsicht, und kulturelle Werte
werden die Produktionskosten nicht nur kompensieren,
sondern zusätzliche Einkünfte bringen.
Nikolajew: Die Ausgaben müssen gesteigert werden!
Roosevelt war es, der erklärte: "Um aus der Krise
herauszukommen, müssen wir besser leben." Darauf sagte man ihm:
"Dann gehen wir bankrott." Er entgegnete: "Nein, Menschen werden
kaufen, und dann wird man produzieren" und um etwas zu
verdienen, wird man Arbeit in der Fabrik suchen.
Es gibt noch eine andere Erklärung Roosevelts, die wir
übernommen hatten, die etwa lautete: "Rußland soll im Ausland
kaufen, aber nur das, was es selbst nicht herstellen kann." Es
gab eine Zeit, als die Amerikaner allgemein sagten: "Wir fahren
keine europäischen oder japanischen Automobile, wir fahren nur
amerikanische Autos, denn wir produzieren sie". Das ist ihre
Psychologie. Wir dagegen laufen mit amerikanischer Kleidung
herum - das ist unsere Psychologie. Das zeigt, welchen Respekt
wir vor unseren einheimischen Herstellern haben.
Das politische und wirtschaftliche Leben hat heute viele
Facetten: Es gibt den kommunistischen Standpunkt, den
sozialistischen und den sozialdemokratischen Standpunkt
sowie verschiedene andere Ansichten zu Wirtschaftssystemen.
Einige bevorzugen kommunistisches Staatseigentum, staatliche
Führung und Planung; andere setzen auf Privateigentum und
wirtschaftliche Hebel. Wir berücksichtigen die Unterschiede
zwischen Staatseigenum und Privateigentum sowie zwischen
staatlicher Planung und Marktplanung. Wir schlagen die ganze
Bandbreite vor: Staatliche strategische Planung und Prognosen,
Staatseigentum, wirtschaftliche Anreize, Privateigentum,
gemeinsames Aktieneigentum, Kollektiveigentum. Wir
sollten einen allgemeinen Plan wie die Amerikaner, die Japaner
und die Deutschen entwickeln.
So wie es de Gaulle getan hat.
Nikolajew: So, wie es de Gaulle in Frankreich gemacht
hat. Staatseigentum, das unsere Sicherheit bestimmt,
wirtschaftliche Anreize, die sich aus staatlicher Planung und
strategischen Vorhersagen ergeben, und Privatvermögen
funktionieren innerhalb dieses Rahmens.
Wir lehnen die Übernahme eines einzelnen Modells ab und wollen
statt dessen eine Gesamtheit von Modellen.
Sie lehnen extreme Positionen ab?
Nikolajew: Extrem radikale Positionen werden uns nicht
helfen, einen Ausweg zu finden. Wer wird heute die Notwendigkeit
von Kollektivvermögen oder gemeinsamen Aktienbesitzes leugnen?
Niemand. Und wer wird die Notwendigkeit von Privatbesitz
abstreiten, wenn es die effektivste Form ist.
Vielen Dank für dieses interessante und tiefgehende
Gespräch. Ich freue mich, daß unsere Ansichten in vielen
Gebieten übereinstimmen. Am wichtigsten ist aber, daß wir
beide überzeugt sind, daß wir unsere Probleme aus eigenen
Kräften lösen können.