Aus der Neuen Solidarität Nr. 51/1999:


Probleme bleiben ungelöst


US-Leistungsbilanzdefizit auf Rekordhöhe
Die seltsame Wandlung des Heiko Thieme

Am 16. Dezember fanden in Deutschland zwei Konferenzen statt, die sich zwar beide mit einer Reform des internationalen Finanzsystems beschäftigten, aber dennoch unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können.

In Berlin waren die Finanzminister und Zentralbankchefs der G-20 zu einer weiteren Alibi-Runde zusammengekommen, um Themen wie die Überwachung spekulativer Kapitalflüsse oder eine gewisse Regulierung der sogenannten "Hedge Fonds" zu diskutieren. Es wurde jedoch nur allzu deutlich, daß den Regierungen und Zentralbanken die Kontrolle über die Entwicklung an den internationalen Finanzmärkten längst vollständig entglitten ist und daß sie erst dann den politischen Willen aufbringen würden, sich dem zerstörerischen Treiben des Weltfinanzkasinos entgegenzustellen, wenn ihnen eine allgemeine Finanzkatastrophe gar keine andere Wahl mehr ließe. Und solange die Herren Finanzminister und Zentralbankchefs ihrer Ohnmacht frönen, werden sie zugleich natürlich alles daran setzen, die Systemgefährdung des Weltfinanzsystems in der Öffentlichkeit herunterzuspielen.

Währenddessen nahmen im Frankfurter Maritim-Hotel, also in unmittelbarer Nähe der Glaspaläste des deutschen Bankenzentrums, rund 30 Personen am Seminar der Nachrichtenagentur EIR teil, bei dem die fortgeschrittene Zusammenbruchskrise des weltweiten Finanz- und Währungssystem ungeschminkt betrachtet wurde. Unter den Gästen befanden sich Konsularvertreter aus Indonesien, Hongkong, Taiwan, Uruguay, Bolivien und Finnland sowie Betriebsräte deutscher Großunternehmen. Die EIR-Wirtschaftsredakteure Michael Liebig und Lothar Komp schilderten in eindringlicher Weise, wie sich in den vergangenen vier Jahren die strategischen Einschätzungen des Wirtschaftswissenschaftlers und US-Präsidentschaftskandidaten Lyndon LaRouche bewahrheitet haben, während zugleich die Regierungen und Zentralbanken mit ihrem nur auf Zeitgewinn ausgerichteten Krisenmanagement auf ganzer Ebene versagten.

Ende 1995 hatte LaRouche erstmals sein Konzept der "typischen Kollapsfunktion" vorgestellt, das den inneren Zusammenhang der drei Aggregate Finanztitel, Geldmenge und Produktion in den Vordergrund rückt und dadurch die entscheidende Dynamik auf den heutigen Finanzmärkten offenlegt. Denn schon im Jahre 1995, wie LaRouche feststellte, waren die für eine gesunde Wirtschaftsentwicklung erforderlichen Proportionen zwischen den drei Aggregaten endgültig zusammengebrochen, so daß einer im Weltmaßstab schrumpfenden realwirtschaftlichen Erzeugung ein hyperbolisches, das heißt in endlicher Zeit gegen Unendlich strebendes, Wachstum in der finanziellen Sphäre gegenüberstand.

Da die explosionsartig anwachsende Blase gegenseitiger finanzieller Forderungen aber selbst bei größter spekulativer Hebelwirkung einen stetigen Zustrom von Geldleistungen oder realwirtschaftlichen Gütern benötigt, steuert diese Dynamik unweigerlich auf eine Katastrophe zu. Zwar haben die führenden Zentralbanken seit Sommer 1995 in beispielloser Weise ihre Geldhähne aufgedreht, um eine unmittelbar bevorstehende Implosion der Finanzblasen abzuwenden. Aber da Geld nun einmal gegen Güter und Dienstleistungen der realwirtschaftlichen Sphäre eintauschbar ist und letztere in fast allen Teilen der Welt entweder stagniert oder schrumpft, schafft das muntere Gelddrucken der Zentralbanken nur einen kurzen Zeitgewinn, bevor dann der Zusammenbruch der Finanzblasen mit um so heftigerer Gewalt auf die Realwirtschaft durchschlagen wird. Denn sobald die Blasen platzen, werden die Inhaber von Finanztiteln feststellen, daß ihrem astronomischen Volumen an Papierforderungen ein vergleichbar winziges Volumen an realen Gütern und Dienstleistungen gegenübersteht. Die Folge wäre dann eine Hyperinflation, vergleichbar mit dem Zusammenbruch der Reichsmark in der Weimarer Republik in den Jahren 1922 und 1923.

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die EIR-Referenten der amerikanischen Wirtschaft, die natürlich eine Schlüsselstellung sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung wie bei der tatsächlichen Dynamik der Systemkrise einnimmt. Anhand zahlreicher Grafiken wurde kein Zweifel daran gelassen, daß wir es hier mit einer unhaltbaren Blasenwirtschaft zu tun haben. Sowohl die sagenhaften Aktiengewinne an der Wall Street als auch der damit einhergehende Konsumrausch der US-Bevölkerung beruhen auf der Auftürmung der größten Kreditpyramide der Weltgeschichte und zugleich einem Kapitalzufluß aus dem Ausland von 300 Milliarden Dollar pro Jahr. Während der Marktwert amerikanischer Aktien am Ende des 1. Quartals 1999 auf 16 Billionen Dollar hochschnellte, verglichen mit 6 Billionen Dollar im Jahre 1994, explodierten in gleicher Weise die Schulden der Unternehmen (12,2 Billionen Dollar), der privaten Haushalte (6,0 Billionen Dollar) und des Staates (5,8 Billionen Dollar). Einschließlich der von US-Finanzinstituten gehaltenen Derivatkontrakte belief sich die Gesamtsumme von Finanztiteln und Kreditschulden in der amerikanischen Wirtschaft am Ende des ersten Quartals 1999 auf sage und schreibe 97 Billionen Dollar, 11mal so viel wie sämtliche Jahreseinkommen von Unternehmern und Arbeitnehmern in den USA.

Auch wenn das Platzen der Blasen noch aussteht, haben das außer Kontrolle geratene Weltfinanzsystem und die mit diesem System verknüpften ideologischen Bestrebungen schon jetzt verheerende Zerstörungen in weiten Teilen der Welt angerichtet. In Rußland sind als Folge der Schocktherapie die industriellen Investitionen und ebenso die Forschungsaufwendungen, die ja den Schlüssel für jeden Wiederaufbau nach Jahrzehnten des Kommunismus dargestellt hätten, auf ein Fünftel des Niveaus von 1990 herabgesenkt worden. Die Auswirkungen der realwirtschaftlichen Implosion auf den Lebensstandard der russischen Bevölkerung sind unübersehbar. Allein zwischen 1990 und 1995 fiel die Lebenserwartung russischer Männer von 64 Jahre auf 57 Jahre, so daß der führende russische Wirtschaftswissenschaftler Sergej Glasijew in den Auswirkungen des IWF-Programms für Rußland den Tatbestand des Völkermords für erwiesen hält.

Nach Afrika und Lateinamerika wurde in den Jahren 1997 und 1998 selbst die bis dahin einzige Wachstumsregion der Weltwirtschaft, nämlich Südostasien, aufgrund der inhärenten Instabilität des Weltfinanzsystem in den Strudel des weltweiten realwirtschaftlichen Abwärtsstrudels hineingerissen. Wie ein Vertreter des indonesischen Konsulats betonte, haben die anschließenden Konditionalitäten des IWF noch zusätzlich die produktive Wirtschaftsaktivität ruiniert.

Nur mit LaRouche als US-Präsident oder als entscheidender Berater des US-Präsidenten besteht Hoffnung, daß Regierungen eine Radikalkur im Rahmen einer neuen "Bretton Woods"-Übereinkunft durchführen, bevor die größte Finanzblase aller Zeiten platzt, was dann unkalkulierbare politische und wirtschaftliche Folgen auch für die westlichen Industrieländer nach sich ziehen würde.


US-Leistungsbilanzdefizit auf Rekordhöhe

Am 14. Dezember gab das US Commerce Department bekannt, daß die Leistungsbilanz der US-Wirtschaft im dritten Quartal 1999 ein Defizit von 89,949 Mrd. Dollar aufwies, das höchste in der amerikanischen Geschichte. Im ersten Quartal waren es noch 68,7 Mrd. Dollar, im zweiten 80,9 Mrd. Dollar. Insgesamt rechnet die Regierung jetzt für 1999 mit einem Gesamtdefizit der Leistungsbilanz von rund 330 Mrd. Dollar. In diesem Ausmaß sind die USA also auf Kapitalflüsse aus dem Ausland abhängig. Der größte Posten im Leistungsbilanzdefizit ist der negative Saldo der Handelsbilanz, der im dritten Quartal auf 73,8 Mrd. Dollar angestiegen ist.


Die seltsame Wandlung des Heiko Thieme

Jahrelang war man gewohnt, jeden Montag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die euphorischen Zustandsbeschreibungen der Wall Street aus der Feder des Heiko Thieme zu bestaunen. Doch am Montag, dem 13. Dezember, war plötzlich alles anders. Derselbe FAZ-Korrespondent, der bislang wenig Zweifel an einer immerwährenden Rekordjagd von Dow Jones, Nasdaq und S&P-Index aufkommen ließ, schien mit einem Mal seine Zuversicht verloren zu haben. Auch einen Heiko Thieme beschleichen angesichts der jüngsten Rekordwelle düstere Vorahnungen: "Das Anlagefieber stieg auf bedenkliche Höchsttemperaturen. Neuemissionen werden zu Phantasiepreisen gehandelt, die nur noch mit der Tulpenhysterie vor einigen Jahrhunderten in Holland zu vergleichen sind. Was hier zur Zeit geschieht, hat mit einer klassischen Anlage, wo Werte gehandelt werden, wohl kaum noch etwas zu tun."