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Aus der Neuen Solidarität Nr. 51/1999

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Puschkin und die Schillerzeit

Von Gabriele Liebig

Am Vorabend von Friedrich Schillers 240. Geburtstag hielt die Verfasserin diesen Vortrag vor einer privaten Gruppe von Studenten und Professoren der Universität Stuttgart-Hohenheim. Das ursprüngliche Thema lautete: "Goethe und Puschkin".


Schiller gehört dazu
Die Zeit der deutschen Verfassungsbewegung

Kleiner Faust-Exkurs

Puschkins "Traum von freier, beßrer Zeit"

Knechtschaft bei Hofe

Meistergedichte

Des Menschen Kraft

Warum beschäftigt man sich heute mit Goethe, der vor 250 Jahren, und Puschkin, der vor 200 Jahren geboren wurde? Das ist ja in beiden Fällen ziemlich lange her. Dem einen klingt vielleicht noch ein halbvergessenes Gedicht in der Erinnerung nach, der andere hofft auf geistige Anknüpfungspunkte im Verhältnis zwischen Deutschen und Russen, vorausahnend, daß dieses Verhältnis angesichts der furchtbaren Lage im heutigen Rußland noch schweren Belastungen ausgesetzt sein wird.

Darüber hinaus behaupte ich: Klassische Dichtung, die diesen Namen verdient, wird niemals alt, denn sie hat die Eigenart, den einzelnen Hörer oder Leser mit der Menschheit zu verbinden, und hebt ihn dadurch über das eigene kleine Ich hinaus. Klassische Dichtung - ganz gleich in welcher Sprache und Kultur - ist Trägerin ewig-junger Ideen, die man immer wieder neu entdecken und hervorholen kann, gerade in Zeiten wie den unseren, wenn Kulturpessimisten wie ein Herr Sloterdijk irrigerweise das "Ende des Humanismus" (das ist seine Version vom "Untergang des Abendlandes") verkünden.1

Nehmen wir uns lieber ein Beispiel an Kulturoptimisten wie Goethe und Puschkin. Kulturoptimisten lamentieren nicht, sondern schaffen eine bessere Kultur, indem sie an den wertvollsten Ideen der Vergangenheit oder anderer Völker anknüpfen. Alexander Sergejewitsch Puschkin hat die russische Kultur, wie sie in ihrer Hochform war, geschaffen, indem er ihr die Ideen der griechischen Antike, von Dante und Shakespeare einverleibte und den "Götterfunken" der deutschen klassischen Dichtung in die russische Seele pflanzte. Dafür lieben ihn die Russen heute noch, wie kaum ein anderer Dichter in irgendeinem Lande je geliebt worden ist.

Schiller gehört dazu

Mein Thema lautet: Goethe und Puschkin. Eigentlich wollte ich mich auch strikt daran halten und allenfalls auf das Paradox hinweisen, wenn eine Vertreterin des Schiller-Instituts am Vorabend von Friedrich Schillers 240. Geburtstag über Goethe und Puschkin spricht. Inzwischen habe ich aber festgestellt, daß man Schillers Einfluß auf den russischen Nationaldichter gar nicht weglassen kann, ohne das Bild Puschkins zu verzerren.2 Puschkin bewunderte beide deutschen Dichter sehr, und der Einfluß von Schiller wie von Goethe ist unverkennbar.

Besonders deutlich nimmt Puschkin auf Goethe und Schiller in seinem Versroman Jewgenij Onegin Bezug. Dem coolen Dandy Onegin stellt er den Dichter Lenskij gegenüber, den er im zweiten Kapitel so vorstellt:

Ein Jüngling in der schönsten Blüte,
Der Kant las und für Dichtung glühte,
Wladimir Lenskij hieß der Mensch,
An Seele wahrhaft göttingensch
Bracht er aus Deutschlands Nebeln mit sich
Die Früchte der Gelehrsamkeit:
Den Traum von freier, bessrer Zeit ...

In Anspielung auf das bei Schiller immer wiederkehrende Freundschaftsthema (etwa in der Ballade Die Bürgschaft oder im Drama Don Carlos) heißt es in der übernächsten Strophe:

Er glaubte, seiner Ehre wegen
Ließ Freundschaft sich in Ketten legen,
Die ohne Furcht die Hände regt
Und den Verleumder niederschlägt,
Er glaubte, daß Erwählte leben,
Die heilige Menschenfreunde sei'n;
Daß ihr unsterblicher Verein,
Von sieghaft hehrem Licht umgeben,
Uns irgendwann einmal erhellt
Und Heil und Segen schenkt der Welt ...

Er zog hinaus als ein Poete Ins Land von Schiller und von Goethe,
Aus deren Dichtungsfeuer stammt,
Was seiner Seele Brand entflammt ...3

Puschkin selbst durfte Rußland nie verlassen, aber einige seiner Freunde besuchten Goethe in Weimar. Schiller war schon 1805 gestorben, zu früh, um Puschkin zu kennen, der da erst sechs Jahre alt war. Aber Goethe kannte zumindest einige von Puschkins Werken in deutscher Übersetzung. Im Nachlaß seiner Schwiegertochter Ottilie fand sich z.B. eine deutsche Übersetzung von Puschkins Poem Der Gefangene im Kaukausus, und Ottilie teilte ihre Begeisterung darüber Schillers Witwe Lotte mit. Der alte Goethe schickte eine Schreibfeder an den russischen Dichterkollegen, nebst einem Vierzeiler, worin er ihm sein Lob ausspricht.4

Der Vorsitzende der Deutschen Puschkin-Gesellschaft Rolf-Dietrich Keil hält es für wahrscheinlich, daß Puschkins älterer Freund und poetischer Lehrmeister Wassilij Shukowskij ihm die Feder von Goethe mitgebracht hat. Shukowskij war 1821 und 1828 in Weimar. Sicher ist, daß Shukowskij dem jungen Puschkin die Gedichte von Goethe und Schiller nahebrachte. Als Russischlehrer der Frau des späteren Zaren Nikolaus I., der preußischen Prinzessin Charlotte, hatte Shukowskij 1818 ein Büchlein zusammengestellt, das Gedichte von Goethe und Schiller auf deutsch und in Shukowskijs russischer Versübersetzung enthielt. Von Goethe waren Mignons Lied, An den Mond, Neue Liebe, neues Leben, die Balladen Erlkönig und Der Fischer dabei, von Schiller Der Handschuh, Der Graf von Habsburg u.a. Gedichte.

Die Zeit der deutschen Verfassungsbewegung

Reisende Russen brachten also aus Deutschland den "Traum von freier, beßrer Zeit" mit ins Zarenreich. Ist das nicht bemerkenswert? Wann war das? Es war Anfang des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Shukowskij war alt genug, selbst daran teilzunehmen. Puschkin ging noch zur Schule, in das kaiserliche Lyzeum in Zarskoje Selo. Es war die "Schillerzeit" in Deutschland: Die preußischen Reformer gewannen politisch die Oberhand, darunter Wilhelm und Alexander von Humboldt, die gemeinsamen Freunde Schillers und Goethes. Schillers Schwager Wilhelm von Wolzogen war federführend an dem militärischen Plan zum Sieg über Napoleon beteiligt, von dem die preußischen Reformer den Zaren Alexander I. und seinen Oberbefehlshaber Kutusow überzeugen konnten. Die Grande Armee sollte sich in Rußlands Weiten totlaufen und in einem brennenden Moskau ankommen. Die deutschen Fürsten versprachen ihrem Volk zum Dank für seine Unterstützung gegen den Eroberer Napoleon eine Verfassung und die Abschaffung der absolutistischen Regierungsform.

Es war ein politischer Frühling in ganz Europa. Schillers Dramen wurden sofort auch ins Russische übersetzt, und sogar am Zarenhof fanden in dieser Zeit abends mitunter Lesungen von Schillers Don Carlos, der Braut von Messina oder Wallenstein statt.

All das endete jedoch abrupt nach dem Wiener Kongreß von 1815. Metternich und Castlereagh drehten das Rad der Geschichte im Interesse einer oligarchischen Feudalherrschaft noch einmal zurück. Zar Alexander I. wurde in die "Unheilige Allianz" eingebunden. Um ganz sicher zu gehen, schickte Metternich kurzerhand den Österreicher Nesselrode - Puschkins Todfeind im wörtlichen Sinne - als Außenminister nach St. Petersburg.5 In Deutschland folgten 1819 die Karlsbader Beschlüsse, und der Schatten der Restauration, der sog. "Demagogenverfolgung" und der Zensur senkte sich über ganz Europa herab.

Das bekam auch Puschkin zu spüren. Und man kann es nicht glauben, daß vor 1815 sogar Don Carlos bei Hofe "in" war, während 20 Jahre später nicht nur Goethes Schauspiel Egmont, sondern auch die erste russische Faust-Übersetzung an der Zensur scheiterte. Puschkin veranlaßte 1836 den Übersetzer Eduard Huber, die schon vernichtete Arbeit noch einmal zu unternehmen. Das tat Huber auch und sagte später, Puschkin habe an der Übersetzung, die erst nach dessen Tod erschien, an mehreren Stellen aktiv mitgewirkt.

Puschkins Schwierigkeiten mit der Zensur beginnen aber schon viel eher. 1820 wird er, der im Außenministerium beschäftigt ist, wegen "regimekritischer" Epigramme aus der Hauptstadt entfernt und in den Süden Rußlands, das heutige Moldawien, strafversetzt. Dort schreibt er seine südlichen Poeme, u.a. den Gefangenen im Kaukausus, von dem Ottilie Goethe so angetan war. Zuerst, in dem kleinen Städtchen Kischinjow, war Puschkin der Obhut des gutmütigen Generals Insow unterstellt, später in Odessa dem weniger sympathischen Grafen Woronzow.

In Odessa unterhielt der dortige Hafenkommandant, ein Herr Sonntag, einen Faust-Lesezirkel, den Puschkin besuchte. In dieser Zeit schrieb er die oben zitierten Zeilen über Lenskij. 1825 verfaßte Puschkin selbst eine Szene aus Faust, die wiederum auf Goethes Faust II - namentlich die Szene "Wald und Höhle - zurückgewirkt haben soll.4 Goethe schloß der Tragödie zweiten Teil ja erst am Ende seines Lebens, 1831, ab, und es kann durchaus sein, daß er Puschkins Szene gekannt hat.

Kleiner Faust-Exkurs

Wie aber wirkte der erste Teil von Goethes Faust, den er bei Herrn Sonntag zu hören bekam, auf Puschkin? Interessanterweise sieht Puschkin - im Unterschied zu vielen heutigen Zeitgenossen, die am liebsten Mephistopheles Beifall klatschen, weil er so schön Voltaire-haft zynisch ist - in Mephisto vor allem "den ewigen Feind der Menschheit", den "bösen Geist" einer falschen Aufklärung, die von Seele und Freiheit nichts wissen und Schönheit und Liebe aus dem Leben der Menschen hinwegspotten will.

Man muß nämlich unterscheiden zwischen der Aufklärung eines Leibniz, Lessing, Mendelssohn, Schiller und Goethe, die Puschkins kühner Geist in sich aufnahm - und der falschen Aufklärung im Sinne eines Voltaire oder John Locke, die den Boden bereitete für Materialismus und Nihilismus, wie er später in Rußland stark ausgeprägt war, sowie den Empirismus und Positivismus, den wir hier im Westen immer noch nicht überwunden haben.

Im Gedicht Der Dämon, hier in Prosa wiedergegeben, beschreibt Puschkin die Wirkung dieser falschen Aufklärung:

Als hocherhabene Gefühle,
Die Freiheit und der Ruhm, die Liebe,
Und die vom Geist erfüllten Künste
So mächtig mir das Blut erregt,
Da hat, mein Hoffen, meine Freude
Plötzlich mit Schwermut überschattend,
Geheimnisvoll ein böser Geist
Mich angefangen heimzusuchen.
Gar traurig waren unsere Treffen:
Sein Lächeln und sein Zauberblick,
Sein beißend spöttisch Reden goß
Mir in die Seele kaltes Gift.
Mit unerschöpflicher Verleumdung
Hat er die Vorsehung versucht;
Das Schöne nennt er einen Wunschtraum,
Verachtete Inspiration,
Er glaubte nicht an Liebe, Freiheit,
Sah spöttisch nur das Leben an -
Und nichts in der ganzen Natur
Wollte er selig preisen.6

In einem anonymen Leserbrief wehrte Puschkin sich gegen den Vorwurf, daß mit dem "Dämon" nur ein bestimmter Mann, Alexander Rajewskij, auf den die Beschreibung durchaus paßt, gemeint sei. Das Gedicht, so schreibt er, habe vielmehr "eine andere, moralischere Absicht ... Nicht umsonst nennt der große Goethe den ewigen Feind der Menschheit ,den Geist, der stets verneint'. Wollte der Dichter in seinem Dämon nicht vielleicht diesen Geist der Verneinung und des Zweifels porträtieren und hätte so in einem eingängigen Bild den traurigen Einfluß desselben auf die Moral unserer Zeit gezeichnet?"7

Goethe bringt mit dem Faust I, und besonders im "Prolog im Himmel", den durch Lessing und Mendelssohn neu entfachten philosophischen Disput über die Leibnizsche Philosophie auf die Bühne, und damit vor ein großes Publikum. Nach Leibniz läßt ein gütiger Gott um der Freiheit willen das Böse zu, und die Bestimmung des Menschen ist, als "kleiner Gott" kraft seiner Vernunft Gottes Schöpfungsplan zu entdecken und in Teilstücken nachzuahmen. Ein Hauptgegner dieser Philosophie war Voltaire, der zeitweilige Hofnarr und -Philosoph Friedrichs des Großen. Goethes Mephisto hat einige Züge von Voltaire, z.B. wenn er im "Prolog" sagt:

Der kleine Gott der Welt bleibt stets vom gleichen Schlag Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Ein wenig besser würd er leben, Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt's Vernunft und braucht's allein Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Mephisto ist also ein Kulturpessimist. Wir können das hier nicht weiter ausführen. Wir wollen nur festhalten, daß die Debatte im Faust I, einmal abgesehen von der Gretchenhandlung, sich in weiten Teilen um die "Gottebenbildlichkeit" des Menschen dreht, über die sich Mephisto nicht genug aufregen kann.8

Auf die Schöpferkraft des Menschen, und wie Goethe und Puschkin darüber dachten, kommen wir später noch einmal zurück.

Puschkins "Traum von freier, beßrer Zeit"

Zunächst wollen wir beleuchten, wie der aus Deutschland importierte "Traum von freier, beßrer Zeit" bei Puschkin weitergewirkt hat. 1819, also mit 20 Jahren, schrieb Puschkin das Gedicht Das Dorf. Es beginnt idyllisch:

Einsamer Winkel, sei mir tausendmal gegrüßt,
Dem Genius Zufluchtsstatt, der Arbeit und dem Frieden ...

Es werden Garten, See und Landschaft beschrieben und dann die Wirkung der Natur auf den schöpferischen Geist:

Wie sie aus träumerischem Schwanken
Empor die müde Seele reißt!
Und neue schaffende Gedanken
Erwachen im bewegten Geist!

Und jetzt folgt die schockierende Wendung:

Doch ein Gedanke füllt die Seele hier mit Grauen:
Inmitten dieser schönen Welt
Muß schmerzlich jeden Tag der Freund der Menschheit schauen,
Wie stumpfe Barbarei das Volk in Fesseln hält.
Für Klagen taub und blind für Tränen,
Der Menschheit zum Verderb, begünstigt vom Geschick,
Legt ein Geschlecht von Herrn, die jedes Recht verhöhnen,
Sein Joch erbarmungslos dem Landmann aufs Genick ...

In weiteren zwölf Zeilen prangert Puschkin die Übel der Leibeigenschaft an, und in den letzten sieben Zeilen enthüllt Puschkin, worin er die Rolle des Dichters und seine eigene Berufung sieht:

Oh, warum kann mein Wort die Herzen nicht empören?
Warum muß diese Glut in mir vergeblich glühn?
Und warum ward mir nicht Beredsamkeit verliehn?
Seh ich einst frei mein Volk? Wann lösen sich die Bande
Der schnöden Sklaverei, weil es der Zar gebot?
Wann endlich steigt empor ob meinem Vaterlande
Der wahren Freiheit schönes Morgenrot?9

Diese Stelle "Und warum ward mir nicht Beredsamkeit verliehen?" erinnerte mich sofort an irgendetwas. Bei den Proben zu unserem diesjährigen Schiller-Fest fiel es mir ein: Sie ähnelt der Szene in Schillers Don Carlos, als der Marquis von Posa dem spanischen König Philipp, der von ihm "Wahrheit" hören will, wegen der Ketzerverbrennungen ins Gewissen redet:

Jüngst kam ich an von Flandern und Brabant. -
So viele reiche, blühende Provinzen!
Ein kräftiges, ein großes Volk - und auch
Ein gutes Volk - und Vater dieses Volkes,
Das, dacht ich, das muß göttlich sein! - Da stieß
Ich auf verbrannte menschliche Gebeine ...

    Schon flohen Tausende
Aus Ihren Ländern froh und arm. Der Bürger,
Den Sie verloren für den Glauben, war
Ihr edelster. Mit offnen Mutterarmen
Empfängt die Fliehenden Elisabeth,
und fruchtbar blüht durch Künste unsers Landes
Britannien ...

Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
Des langen Schlummers Bande wird er brechen
Und wiederfordern sein geheiligt Recht ...

        Geben Sie,
Was Sie uns nahmen, wieder. Werden Sie
Von Millionen Königen ein König.

O, könnte die Beredsamkeit von allen
Den Tausenden, die dieser großen Stunde
Teilhaftig sind, auf meinen Lippen schweben,
Den Strahl, den ich in diesen Augen merke,
Zur Flamme zu erheben! ...

        Niemals - niemals Besaß ein Sterblicher so viel, so göttlich
Es zu gebrauchen. Alle Könige
Europens huldigen dem spanischen Namen.
Gehn Sie Europens Königen voran.
Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Gedankenfreiheit. -

Man kann sich gut vorstellen, wie diese Ideen damals die gebildete Jugend Europas begeisterten - auch Alexander Puschkin, den sie dazu inspirierten, mit diesem Gedicht an den russischen Zaren zu appellieren, die Leibeigenschaft abzuschaffen.10

Zar Alexander I., dem vor der Heiligen Allianz durchaus fortschrittliche Ansichten nachgesagt werden, soll von Puschkins Gedicht Das Dorf "gerührt" gewesen sein. Aber drucken lassen könne man so etwas nicht, meinte der Zar, wie Rolf-Dietrich Keil in seiner sehr lesenswerten Biographie Puschkin. Ein Dichterleben berichtet. In höchstem Maße übel nahm der Zar jedoch ein anderes Gedicht, das Puschkin mit 18 Jahren geschrieben hatte: Die Ode Freiheit. Sie handelt von der Französischen Revolution und von Königsmord. Puschkin verurteilte den Jakobinerterror und die Hinrichtung Ludwigs XVI. genau wie Goethe und Schiller. Zur Strafe hätten die Franzosen dann Napoleon bekommen, heißt es in der Freiheitsode. Aber er warnt die Fürsten darin auch, wenn sie sich nicht entschlössen, das "Gesetz" über die Herrschaft des Königs zu stellen - er plädiert also für die konstitutionelle Monarchie - dann könnte es ihnen passieren, daß sie ermordet würden wie Ludwig XVI. oder wie Paul I., der Vater Alexanders I. Und über diese Erwähnung des Mordes an seinem Vater 1801 war der Zar äußerst erbost. Denn erstens wurde dieser Mord erst 1905 offiziell zugegeben, und zweitens war der Zar dadurch an die Regierung gelangt und hatte offenbar von dem Komplott, wenn auch nicht von dem Mordplan, gewußt.

Das ist der Hintergrund von Puschkins Strafversetzung 1820 und seiner Verbannung im Jahre 1825. Bei der Verbannung spielte auch der Gouverneur Woronzow von Odessa eine Rolle, der Puschkins Post abfing. Ein Brief an einen Freund wurde Puschkin zum Verhängnis. Wir kennen nur diese Passage aus den Polizeiakten: "Während ich Shakespeare und die Bibel lese, finde ich den Heiligen Geist manchmal nach meinem Geschmack, ziehe aber Goethe und Shakespeare vor. Du willst wissen, was ich treibe - ich schreibe bunte Strophen eines romantischen Poems - und nehme Unterricht in reinem Atheismus."4

Der "Atheisus-Unterricht" bestand aus gelegentlichen Auseinandersetzungen mit einem exzentrischen Engländer, der sich in der Umgebung des anglophilen Grafen Woronzow in Odessa aufhielt. Auf Woronzows Betreiben wurde Puschkin nun aus dem Staatsdienst entlassen und auf das väterliche Gut nach Michailowskoje aufs Land verbannt. Dort war er als Dichter ungeheuer produktiv. Dort schrieb er auch Ein fiktives Gespräch mit Alexander I., worin er dem Zaren natürlich den Verbannungsbefehl vorhält, das aber auch viel feine Selbstironie enthält. Es beginnt so:

Wenn ich der Zar wäre, würde ich Alexander Puschkin rufen und zu ihm sagen: "Alexander Sergejewitsch, Sie schreiben herrliche Gedichte." Alexander Puschkin würde sich bescheiden und ein wenig verlegen vor mir verbeugen, und ich würde fortfahren: "Ich habe ihre Ode Freiheit gelesen ..."

Die Klippen der Freiheitsode und der Atheismus werden noch glücklich umschifft, doch als Puschkin auf die Verbannung zu sprechen kommt, steigert sich der Wortwechsel zum Eklat - von Puschkin formal aus der Sicht des Zaren dargestellt:

Aber da würde Puschkin sich ereifern und mir allerlei überflüssiges Zeug sagen. Ich würde zornig werden und ihn nach Sibirien verbannen, wo er das Poem Jermak oder Kotschum verfassen würde, in wechselndem Versmaß und gereimt.11

Dennoch hat die Verbannung nach Michailowskoje Puschkin sehr wahrscheinlich das Leben gerettet. Denn sonst wäre er sicherlich im Dezember 1825 in den Petersburger Dekabristenaufstand verwickelt worden, zu dem es nach dem plötzlichen Ableben Alexanders I. kam. Viele von Puschkins Freunden waren daran beteiligt, z.B. der deutsche Schulfreund Küchelbecker, und wurden nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands nach Sibirien verbannt, einige sogar hingerichtet.

Knechtschaft bei Hofe

Der neue Zar Nikolaus I. läßt Puschkin kaum ein Jahr später zu sich holen. Nach einer denkwürdigen Unterredung bezeichnet er Puschkin als den "klügsten Menschen in Rußland". Die Verbannung wird aufgehoben, der Dichter soll nur noch der Zensur des Zaren persönlich unterliegen. Äußerlich ist Puschkin nun rehabilitiert und sehr berühmt. Statt durch direkte Unterdrückung will der Zar den Dichter durch andere Mittel kontrollieren, u.a. indem er ihn finanziell abhängig macht. Und Puschkin hat ständig Geldsorgen, besonders seit der Hochzeit mit Natalja Gontscharowa 1831, die ihm vier Kinder gebiert.

Der Zar wünscht, daß die junge, schöne Natalja an Hofbällen teilnimmt, und deswegen erhält Puschkin den Rang eines Kammerjunkers im Zarengefolge, was Puschkin als demütigend empfindet. Als er besonders durch seine Studien über den Pugatschow-Aufstand beginnt, ernsthaften Einfluß auf den Zaren zu gewinnen, der ihn zum Hofhistoriker macht und ihn beauftragt, die Geschichte Peters des Großen zu schreiben, fädeln Metternichs Agenten am Hofe die Intrige mit dem Duell ein, das Puschkin im Januar 1837 das Leben kostet.5

Schon ein Jahr zuvor trug Puschkin sich mit dem Gedanken, der Knechtschaft des Hoflebens zu entfliehen und sich mit seiner Familie aufs Land zurückzuziehen. Dies ist dem folgenden Gedicht zu entnehmen:

Geliebte, Zeit ist's, Zeit! Das Herz will Ruh; im Fluge
Ziehn Tag' um Tage hin, und jeder nimmt im Zuge
Ein Stückchen Dasein mit. Ich wollte doch mit dir
Zusammen leben - sieh... Und alles stirbt: auch wir.
Glück gibt's nicht in der Welt, doch Freiheit gibt's und Frieden.
Schon lange träumt ich mir ein Los, wie keins hienieden,
Schon lang sann sehnend ich auf Flucht, der Knechtschaft müd'
Fernhin, wo reine Lust, wo stilles Schaffen blüht.12

Er hat es nicht getan - im Unterschied zu Goethe, der 1786 nach Italien entfloh, als ihm nach zehn Jahren Hofdienst klar wurde, daß er sich auf eine Sisyphus-Arbeit eingelassen hatte.

Goethe war 1775 auf Einladung des Herzogs Carl August als dessen Lehrer und Berater nach Weimar gegangen. Der Herzog war 18 Jahre alt, Goethe 26. Als Geheimer Legationsrat war Goethe nun verantwortlich für die Bergwerke, dann wurde er Finanzminister und Chef des Kabinetts. Für's Dichten blieb keine Zeit, und nach zehn Jahren zog Goethe eine niederschmetternde Bilanz:

Und dann floh Goethe bei Nacht und Nebel nach Italien, wo er eineinhalb Jahre blieb.

Meistergedichte

Worin sind Puschkin und Goethe noch zu vergleichen? Beide interessierten sich z.B. zeitweise für die Kultur des Islam. Goethe wurde davon zum West-östlichen Divan inspiriert. Puschkin schrieb Gedichte, die er Nachahmungen des Korans nannte; sowie ein Poem über Die Fontäne von Bachtschissarai.

Noch augenfälliger ist allerdings etwas anderes: Von Goethe und Puschkin stammen wohl die schönsten Liebesgedichte der Weltliteratur. Wir müssen uns leider auf zwei von diesen vielen beschränken. Nehmen wir zunächst Goethes Nähe des Geliebten. Es ist ein Musterbeispiel für die metaphorische Methode der klassischen Poesie, das empfindende Denken des Hörers über eine Folge sich anscheinend widersprechender Bilder oder Metaphern zu einer höheren, die Gegensätze vereinigenden Idee zu führen:

Nähe des Geliebten

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
   Vom Meere strahlt; Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
   In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
   Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
   Der Wanderer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
   Die Welle steigt; Im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen,
   Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
   Du bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
   O wärst du da!

Sie sieht und hört den Geliebten, obwohl er gar nicht da ist. Er ist fern, und ist doch nah. Aber das ist gerade das Problem: Sehnsucht!

Von Puschkin will ich ein sehr bekanntes Gedicht vorstellen, das er 1825 in Michailowskoje für Anna Kern geschrieben hat, die ihn dort in der Verbannung besuchte. Die Übersetzung von Jaenisch aus dem Jahre 1833 gefällt mir am besten. Um aber die ganze Schönheit der Puschkinschen Sprache zu genießen, muß man es auf russisch hören.

An ***

Ein Augenblick ist mein gewesen:
Du standst vor mir mit einemmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.

Im schmerzlich hoffnungslosen Sehnen,
Im ew'gen Lärm der Menschenschar,
Hört ich die süße Stimme tönen,
Träumt ich das milde Augenpaar.

Allein im Kampf mit dem Geschicke
Und in der Jahre düsterm Gang
Vergaß ich deine Engelsblicke
Und deiner süßen Stimme Klang.

Und lange Kerkertage kannt ich,
Es ward die Brust mir stumm und leer,
Für keine Gottheit mehr entbrannt ich,
Nicht weint ich, lebt ich, liebt ich mehr.

Es darf die Seele nun genesen:
Und du erscheinst zum zweitenmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.

Und wieder schlägt das Herz voll Weihe.
Sein Todesschlummer ist vorbei,
Für eine Gottheit glüht's aufs neue,
Es lebt, es weint, es liebt aufs neu.15

Des Menschen Kraft

Abschließend möchte ich noch auf einen Aspekt zu sprechen kommen, in dem Puschkin sich ganz und gar mit Goethe und Schiller einig ist: in der hohen Meinung vom Dichter als Inbegriff des schöpferischen Menschen. Für Schiller ist der Künstler Hüter der Menschenwürde, und er hat dies nicht nur in den Ästhetischen Briefen, sondern auch in zahlreichen Gedichten immer wieder zum Thema gemacht. Goethe formuliert es im "Vorspiel auf dem Theater" zu Faust, wo er die schöpferische Gabe als "Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt" bezeichnet, und als "des Menschen Kraft, im Dichter offenbart".

Im Künstlerlied vergleicht Goethe die Arbeit des Künstlers mit Gottes Schöpfung. Hier haben wir also wieder den Menschen "als kleinen Gott", und das Schöpferische im Menschen als das, was die Gottebenbildlichkeit ausmacht. Ein Ausschnitt aus Goethes Künstlerlied:

Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ewgen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt ...

Tausendfach und schön entfließe
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild genieße,
Daß ein Gott sich hergewandt ...

So denkt auch Puschkin, und er leitet davon den höchsten Anspruch an den Dichter ab, wie in diesem Sonett von 1830.

An den Dichter

Scher dich nicht drum, Poet, ob man dir Beifall spende;
Des Volkes Lobgesang verhallt bis morgen schon;
Des Toren Richtspruch und der kalten Menge Hohn
Hör selbstbewußt dir an, gelassen bis ans Ende.

Du bist ein König: Leb allein auf deinem Thron.
Geh freien Geists, wohin dein freier Weg sich wende,
Geliebter Träume Frucht mit stillem Fleiß vollende,
Und für dein edles Tun verlange keinen Lohn.

Du hast ihn in dir, du bist selbst dein höchster Richter;
Am schärfsten kannst dein Werk du selber prüfen, Dichter.
Befriedigt es dich selbst in deiner Künstlerstrenge?

Bist du zufrieden? Nun, so laß sie schmähn, die Menge,
Und den Altar dir, wo dein Feuer brennt, begeifern,
Mag sie, am Dreifuß rüttelnd, kindisch sich ereifern.16

Solch ein Dichter war Puschkin, der es verdient, von uns Deutschen ins Herz geschlossen zu werden. Und lassen Sie mich enden mit einem Satz aus einem Aufsatz unserer Vorsitzenden Helga Zepp-LaRouche aus unserer Zeitschrift Ibykus, der Ausgabe über Puschkin:

Deshalb feiern wir in diesem Jahr die runden Geburtstage von Puschkin, Goethe und Schiller.


Anmerkungen

1. Vgl. Elisabeth Hellenbroich, "Die Sloterdijk-Debatte und die neuen "Anthropotechniken", in Neue Solidarität, Nr. 41, 1999.

2. Helga Zepp-LaRouche, "Puschkin und Schiller", in Ibykus, Nr. 66, 1999.

3. Rolf-Dietrich Keil, Jewgeni Onegin, 2. Kapitel, Insel, Frankfurt und Leipzig, 1999.

4. Rolf-Dietrich Keil, "Puschkin und Goethe", in Jahresgabe 1996, Hrsg. Goethe-Gesellschaft, Ortsvereinigung Bonn, S. 19 und passim.

5. V.W. Koschinow, "Das Geheimnis um Puschkins Tod", in Ibykus, Nr. 66, 1999.

6. Rolf-Dietrich Keil, Puschkin. Ein Dichterleben, S. 148f und passim.

7. Keil, "Puschkin und Goethe", a.a.O., S. 22.

8. Gabriele Liebig, "Leibniz vs. Aufklärung in Goethes Faust", in Neue Solidarität, Nr. 38, 1999.

9. Übersetzung von Luther, 1924, in: Puschkin, Gesammelte Werke in sechs Bänden, Bd. 1, Insel, 1973.

10. Puschkin griff nicht nur einzelne Gedanken Schillers auf, sondern zahlreiche Themen wie z.B. Schillers Räuberthema in der Erzählung Dubrowskij oder die Geschichte vom falschen Demetrius (ein Dramenfragment von Schiller) in Boris Godunow. Mehr dazu in Helga Zepp-LaRouches Aufsatz, Anm. 2.

11. Puschkin, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 378f.

12. Ebenda, Bd. 1.

13. Goethe, Brief an Knebel, 17. April 1782.

14. Goethe, Brief an Knebel, 21. November 1782.

15. Übersetzung von Jaenisch, 1833, in: Puschkin, Gesammelte Werke, Bd. 1.

16. Übersetzung von Hiller von Gaertringen, 1934, ebenda.

 

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