Seit die wichtigsten erdölproduzierenden Länder in- und außerhalb der OPEC im April 1999 entschieden, die Förderung um knapp 5 Mio. Barrel täglich zu senken, um den historisch niedrigen Ölpreis von damals 10 Dollar/Barrel wieder aufzupäppeln, ist der Preis um sage und schreibe 340% angestiegen. Der größte Teil dieser Preissteigerung entfiel auf die letzten vier Monate. Viele erinnern sich an die "Ölschocks" der 70er Jahre - aber diesmal geht es um etwas anderes und es geht um viel mehr.
Kenner der Bankenwelt in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern erklären den massiven Anstieg des Ölpreises - aber auch vieler anderer Rohstoffe wie Industriemetalle und sogar Holzprodukte - damit, daß weltweit gewaltige Verlagerungen von Kapital begonnen haben: weg von Aktien, Anleihen, Papieren aller Art, in reale Güter.
Als im September 1998 der große Spekulationsfonds LTCM am Rande des Bankrotts stand, entschlossen sich die Notenbanken der G-7-Länder unter Führung von Alan Greenspans Federal Reserve, Unmengen von Geld in das Weltfinanzsystem zu pumpen, um einen großen Finanzkollaps zu verhindern. Daraufhin gab es in den folgenden Monaten und Jahren eine gewaltige Nachfrage nach Papierwerten, wo mit wenig Risiko zweistellige Profitraten zu ergattern waren - denn wenn Banken oder Fonds bei der Spekulation in Schwierigkeiten gerieten, sorgten die Notenbanken wie vorher bei LTCM rasch für neuen Nachschub an Geldern. Daß es sich dabei um eine gewaltige Inflation handelte, war vielen Menschen nicht klar, weil eben nicht die Preise der realen Güter anstiegen, sondern nur die Preise der Finanztitel. Mit anderen Worten, es war eine waschechte Spekulationsblase.
Der unglaubliche Höhenflug des NASDAQ und der nur unwesentlich geringere Anstieg von Dow Jones und S&P-500 (die drei wichtigsten US-Aktienindizes) seit Ende 1998 ist eine direkte Folge der großzügigen Geldspritzen der Federal Reserve. Inzwischen haben viele NASDAQ-Aktien ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 100, während früher etwa 13 als normal galt.
Aber schon seit einigen Monaten ziehen hochrangige Investoren - die, die man in Börsenkreisen "smart money" (schlaues Geld) nennt - ihre Gelder klammheimlich aus Papierwerten ab, um sich auf den unausweichlichen Kollaps der 17000 Milliarden Dollar teuren US-Aktienblase vorzubereiten. Sie sind entschlossen, den Sturm, der alle großen Börsen der Welt verheeren wird, zu überleben. Nun sagen diese Bankeninsider, daß auf die Wertpapier-Preisinflation eine sehr schmerzhafte Güterpreisinflation folgen wird. Sie müssen es wissen, denn sie tragen ja selbst tatkräftig zum Entstehen dieser Inflation bei! Die ganze Welt steht heute am Beginn einer Hyperinflation, wie man sie bisher nur 1923 in Deutschland erlebt hat. Neben dem Erdöl sind jetzt bereits Edel- und Industriemetalle betroffen (siehe nebenstehenden Kasten), in den USA auch die Immobilienpreise.
Während sich die besonders gutinformierten und einflußreichen "Insider" unter den Großinvestoren in Europa, Amerika und Teilen Asiens aus den reinen Papierwerten zurückziehen, erwerben sie über derivative Finanzinstrumente oder direkt "harte Werte", deren Preise dadurch ansteigen. Während das geschieht, treibt diese "Oberschicht" der Finanzwelt die inflationierten Aktienmärkte nochmals künstlich in die Höhe, damit sie beim Verkauf der Papierwerte noch einmal saftige Gewinne einstreichen kann.
Täglich rühren Politiker und insbesondere die Medien die Werbetrommel für die Aktienmärkte, abertausende gutgläubige Bürger lassen sich zu der Illusion verführen, sie könnten an der Börse schnell reich werden. Viele setzen all ihre Ersparnisse daran oder verschulden sich sogar, um Internet- und andere Aktien zu kaufen. Man denke nur die Hysterie vor wenigen Wochen, als in Deutschland zwei Millionen Menschen verzweifelt versuchten, an die neuen Infineon-Aktien heranzukommen. Am Ende wird der "kleine Mann" wieder einmal der Dumme sein. Während man Kleinanleger an die Börse lockt, stehlen sich die Insider still und leise heraus.
Auch die berüchtigten Hedgefonds stürzen sich zunehmend auf reale Güter. Der iranische Ölminister Bijan Namdar Zanganeh hat das angedeutet, als er am 8. März am Rande von Gesprächen in Saudi-Arabien im Vorfeld des OPEC-Treffens vom 27. März über den steigenden Ölpreis sagte: "Meiner Meinung nach stecken dahinter die spekulativen Methoden der am [Rohöl-] Handel beteiligten. Sie treiben den Preis immer mehr in die Höhe. In den allgemeinen Verhältnissen auf dem Markt spricht gar nichts für einen Preisanstieg."
Am 20. März schrieb das Wall Street Journal, vom Ölpreis von 34 Dollar je Barrel sei fast ein Drittel, 11 Dollar, auf spekulative Termingeschäfte (Futures) zurückzuführen. Öl-Termingeschäfte seien umfangreicher denn je, ein Viertel über dem Stand vor einem Jahr. Wer wollte auch den Preisanstieg von über 300% mit einer Drosselung der OPEC-Ölförderung um ganze 6,5% erklären?
Auch die Entwicklung an der Spitze der weltweite Ölindustrie ist bezeichnend. Erdöl ist immer noch die wichtigste Energiequelle der Weltwirtschaft. "Auch wenn die Finanzmärkte sich in Luft auflösen, Öl wird immer gebraucht", lautet die Überlegung der Eliten, die sich jetzt in Öl einkaufen.
In den letzten zwei Jahren kam es bei den als "Sieben Schwestern" bekannten großen Erdölkonzernen zu außergewöhnlichen Fusionen, so daß der Ölmarkt heute so monopolisiert ist wie zuletzt vor hundert Jahren, bevor 1911 der amerikanische Oberste Gerichtshof John D. Rockefellers Standard Oil Trust zerschlug.
Als der Erdölpreis Ende 1998 im Zusammenhang mit der "Asienkrise" auf den Tiefstand von zehn Dollar gefallen waren, organisierte British Petroleum (BP) eine große Übernahme: Das Unternehmen schluckte den früheren Rockefeller-Konzern AMOCO (Standard Oil of Indiana). Standard of Ohio (SOHIO) hatte BP bereits übernommen. Der neue Riesenkonzern BP-Amoco war dann zumindest auf dem Papier für kurze Zeit der größte Erdölkonzern der Welt, größer als Exxon und Royal Dutch Shell.
Aber er wurde bald überrundet, als zwei der amerikanischen Sieben Schwestern, Exxon und Mobil, fusionierten. Der neugeschaffene weltgrößte Erdölkonzern verdrängte General Motors als größtes Unternehmen in der Liste der Fortune-500 für 1998.
Aber im April 1999 legte BP nach und kündigte - ohne das Einverständnis der europäischen und amerikanischen Kartellbehörden abzuwarten - an, es werde die große US-Erdölfirma Arco kaufen, die einen Großteil der Erdölförderung in Alaska und wichtige Pachtrechte im Kaspischen Meer und der Nordsee kontrolliert. Kürzlich, am 17. März, hieß es aus US-Regierungskreisen, man werde die Vorbehalte gegen den Kauf fallen lassen.
Im Juli 1999 kam dann die Erklärung des französischen Erdölkonzerns Total - der schon zwei Monate zuvor die belgische Fina übernommen und das Unternehmen Totalfina gegründet hatte - , er strebe eine Übernahme des früheren staatlichen französischen Ölkonzerns Elf Aquitaine an. So entstand der viertgrößte private Erdölkonzern Total-Elf.
Heute beherrschen diese vier Unternehmen BP-Amoco, Exxon-Mobil, Royal Dutch Shell und Total-Elf in beispielloser Weise den Weltenergiemarkt. Diese vier Multis dominieren (neben den kleineren Texaco und Chevron) die Aktivitäten der zehn größten Ölfirmen. In den meisten großen Erdölfördergebieten wie dem Kaspischen Becken in Zentralasien haben sich die gleichen Konzerne zu Konsortien oder Gemeinschaftsunternehmungen wie dem Internationalen Ölkonsortium Aserbeidschan zusammengeschlossen.
Dieser ganze Monopolisierungsprozeß wurde von der amerikanischen Kartellbehörde, der Anti-Trust-Abteilung des Justizministeriums, stillschweigend hingenommen (während man sich im Falle von Microsoft ganz anders verhielt). Die Vorräte an Öl und Ölprodukten wurden nach dem "just in time"-Prinzip deutlich verkleinert. Dadurch werden die Erdölpreise durch spekulative Manipulationen z.B. über Derivatkontrakte verwundbar.
Während sich die Preisinflation bei Wertpapieren zunehmend zu einer allgemeinen Güterpreisinflation ausweitet, kontrolliert das "neue Erdölkartell" bereits die Mehrheit der Weltenergievorräte. William Engdahl