Aus der Neuen Solidarität Nr. 21-22/2000:


Der Impf-Feldzug gegen die Kinderlähmung


Die Initiative gegen Kinderlähmung
Aufbau einer Infrastruktur

Es ist keine Zeit zu verlieren

Es war der bis zum heutigen Tage größte Triumph im Kampf gegen tödliche Krankheiten: Vor 20 Jahren, am 8. Mai 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Welt offiziell für "pockenfrei". Nach einer beispiellosen weltweiten Impfkampagne war eine der gefährlichsten und meistverbreitetsten Seuchen der Menschheit ausgerottet worden. "Wir unterschreiben heute den Totenschein für eine Krankheit", erklärte der damalige Präsident der WHO-Hauptversammlung, Al Awadi, voller berechtigtem Stolz und Freude.

Noch im 18. Jahrhundert starben allein in Europa 60 Millionen Menschen an Pocken. Erst die Entdeckung eines Impfstoffes durch den englischen Arzt Edward Jenner 1797 nahm der Seuche einiges von ihrem Schrecken. Doch es ist noch keine 50 Jahre her, da waren die Pocken noch in mehr als 30 Ländern der Erde verbreitet. Jahr für Jahr infizierten sich zwischen 10 und 15 Millionen Menschen, von denen zwei Millionen starben.

Heute halten wir Rückschau auf diesen so bedeutenden Sieg, der unzählige Menschen vor schwerem Leid und Tod bewahrte. Er war vor allem das Resultat eines festen Entschlusses, die Pocken auszurotten - ein für allemal und in allen Ländern dieser Erde. Allen Beteiligten war klar, daß Seuchen keine Grenzen kennen und daß die Vernachlässigung der Krankheit in nur einem einzigen Winkel der Erde immer eine Gefahr für die gesamte Weltgemeinschaft darstellte. Und allen Beteiligten war ebenso klar, daß die weltweite Bekämpfung der Pocken die Bereitstellung ausreichender Mittel voraussetzte.

Die Euphorie und das Selbstbewußtsein, die der Erfolg unter den Epidemiologen und Seuchenbekämpfern der Zeit auslöste, kann nur mit dem Effekt der Mondlandung verglichen werden. Man war überaus interessiert, auf dem eingeschlagenen Wege der erfolgreichen Seuchenbekämpfung fortzuschreiten. Der frühere Leiter des Erweiterten Impfprogramms der WHO und stellvertretende Generaldirektor Ralph Henderson drückte dies in einer Antwort auf die Frage, in welcher Form die Weltgesundheit von der Polio-Initiative über die unbestreitbar wichtige Ausrottung einer Krankheit hinaus profitieren werde, folgendermaßen aus:

"Die Ausrottung der Pocken legte irgendwie den Grundstein dafür, Mitte der 70er Jahre mit den Erweiterten Programmen zur Immunisierung (EOI) zu beginnen. Dabei wollte man über 80 Prozent der Kinder erreichen, was damals als völlig unrealistischer Traum erschien. Aber dieser Traum wurde Wirklichkeit, und das erlaubte uns, davon weiterzuträumen, auch die Kinderlähmung auszurotten. Und jetzt arbeiten wir an der Ausrottung der Masern. Jede dieser Initiativen war ein Erfolg an sich, aber jede war auch darüber hinaus ein Schritt höher auf einer Leiter, auf ein anderes Niveau der Wachsamkeit, ein anderes Niveau der Durchführung und ein weiterer Sieg über die lähmenden Atmosphäre des Fatalismus." (Aus: Vaccine und Immunization News der WHO, Juni 1998)

Anders als noch zu Zeiten der Pockenbekämpfung fehlt heute der Wille, die Krankheitsgeißeln der Menschheit wirksam zu bekämpfen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie der durch die grüne Ideologie provozierte Wandel im vorherrschenden Menschenbild. Als prominentester Wegbereiter für diesen verhängnisvollen Wandel ist der Club of Rome zu nennen. Dessen Menschenbild reduzierte den Menschen auf ein ressourcenfressendes, müllproduzierendes Ungeziefer, deren Anzahl es zu reduzieren und zu begrenzen gilt, solle die Erde nicht "aus allen Nähten platzen". Die Lüge von der Überbevölkerung und die Akzeptanz dieser Lüge in Politik und Gesellschaft führten schließlich dazu, daß Seuchen nicht nur akzeptiert, sondern teilweise begrüßt wurden und der Nährboden für Krankheiten sogar gezielt bereitet und gefördert wurde. (So u.a. durch die "Strukturanpassungsprogramme" von IWF und Weltbank, eine Politik, die die armen Länder der Welt ausblutete.) Hunger, Unterentwicklung und Krankheiten waren plötzlich nicht mehr verhaßte, sondern herbeigerufene und willkommene "Reiter der Apokalypse".

Die Initiative gegen Kinderlähmung

Und doch: unerschütterlicher Optimismus, hartnäckige Menschenliebe und die Haltung des "Jetzt erst recht" sind auf dem Feld der Seuchenbekämpfung offenbar unausrottbar. So war es zu Zeiten Pasteurs, so ist es heute noch immer. Es ist fast ein Wunder, daß sich trotz aller Widrigkeiten zumindest einige Krankheitsbekämpfungsprogramme hartnäckig über Wasser halten und sogar Erfolge verzeichnen konnten. An herausragender Stelle ist hierbei sicherlich die "Weltweite Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung" zu nennen, die 1988 von der Weltgesundheitsversammlung gestartet wurde. Erklärtes Ziel ist es, bis zum Jahre 2005 die Kinderlähmung endgültig ausgerottet zu haben.

Noch fehlen ca. 300 Millionen US-Dollar an Spendengeldern, und noch gibt es Kinder, die bislang nicht geimpft wurden. Dennoch wurde der WHO-Region Amerika, die den gesamten nord- und südamerikanischen Kontinent umfaßt, bereits 1994 das Zertifikat "poliofrei" zugesprochen. Die Region Westpazifik wird voraussichtlich noch in diesem Jahr das gleiche Prädikat erhalten. Seit einem Jahr hat es in der WHO-Region Europa keinen Fall von Polio mehr gegeben, und in den polio-endemischen Regionen Afrikas, dem östlichen Mittelmeerraum und Südostasien bewegt sich die Zahl der Poliofälle jeweils "nur" noch im drei- bis vierstelligen Bereich.

Für einen Seuchenexperten ist es natürlich unbefriedigend, daß die Impfrate in den noch von Polio betroffenen Gebieten dieser Welt derzeit "nur" bei ca. 70 Prozent liegt und die Anzahl derjenigen Länder, in denen Polio endemisch ist, im vergangenen Jahr "nur" von 50 auf 30 abnahm. Trotzdem reicht ein Blick auf die Leistungen des Jahres 1999, um Begeisterung und Visionen zu wecken:

In 83 Ländern der Erde wurden 1999 sogenannte Nationale Impftage (NIDs) oder Regionale Impftage (SIDs) veranstaltet. Im Rahmen dieser Aktionen wurden mehr als 470 Millionen Kinder erreicht und geimpft. Allein in Indien wurden zwischen Oktober 1999 und März 2000 in nur vier NIDs und zwei SIDs über eine Milliarde Dosen des Impfstoffes verabreicht. Selbst in einigen Kriegsgebieten ist es gelungen, die Kampfhandlungen für die Dauer der Impfaktionen einzustellen - mehr als acht Millionen Kinder wurden auf diese Weise z.B. im Kongo geimpft.

Während der Endphase der Poliobekämpfung in einem Land wird die sogenannte "mop-up-immunization" angewandt, um auch die letzten Reservoires des Krankheitserregers aufzuspüren. Dabei wird buchstäblich von Haus zu Haus gegangen, geritten, gepaddelt und geklettert, um auch die letzten nicht oder unzureichend Geimpften auszumachen und mit dem Impfstoff zu versorgen. Tausende von Helfern sind unterwegs, um die Impfstoffe selbst in die entlegensten Gebiete und Winkel der Erde zu bringen. Da es nicht genügend Ärzte und Krankenschwestern gibt, wird diese Aufgabe von freiwilligen Helfern übernommen, die zuvor in der Handhabung des Impfstoffes unterwiesen wurden.

Aufbau einer Infrastruktur

So provisorisch dies alles ist, als Nebeneffekt der Polio-Impfkampagnen wurde von Anfang an der Aufbau einer gesundheitlichen medizinischen Infrastruktur angestrebt. Ralph Henderson dazu: "Die Initiative bei Kinderlähmung ist eine klare Antwort auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Gesundheitsinfrastruktur in Ländern, die beides verzweifelt benötigen. Ich denke dabei besonders an die Netzwerke von Laboratorien, die im Rahmen der Initiative Kinderlähmung überall auf der Welt entstehen, wobei nationale Laboratorien von weltweiten Laboratorien unterstützt werden... Das ganze System und die dahinterstehende Philosophie gehen weit über die Kinderlähmung hinaus und werden bereits bei einer ganzen Anzahl anderer Krankheiten angewandt."

Der geradezu verbissene Kampf gegen die Kinderlähmung mag manchem angesichts der Horrormeldungen über Millionen von AIDS-Fällen und andere bedrohliche Krankheiten übertrieben erscheinen. Aber dies ist nicht richtig. Würde diese Front aufgegeben und angesichts Geldknappheit und allgemeinem Desinteresse resigniert der Rückzug angetreten - dann wäre es für diese Welt wirklich zu spät. Die Hoffnung stirbt erst dann, wenn niemand mehr Visionen hat und wenn niemand mehr weiß, warum es sich lohnt, für ein Menschenleben zu kämpfen, und niemand mehr für die Verwirklichung dieser Visionen streiten und einzustehen wagt.

Henderson dazu: "Die Polio-Initiative wird noch viele andere, vielleicht weniger greifbare Vorteile bringen. Einer davon ist die Chance, in den Menschen wieder das Vertrauen zu festigen, sogar noch schwierigere Herausforderungen zu meistern... Vor allem Fatalismus ist die Seuche, die durch Unterentwicklung und Entbehrung hervorgerufen wird... Und dann kann man plötzlich an einem Beispiel beweisen, wie ein Traum Wirklichkeit werden kann, und damit dem Fatalismus das Wasser abgraben, der besonders in ländlichen Gegenden Entwicklungsvorhaben gefährdet. Man kann dann sagen: Seht ihr, es muß nicht so bleiben. Dinge können sich ändern, wir haben das an dieser Krankheit bewiesen. Jetzt laßt uns genauso an andere Probleme herangehen...

Natürlich muß man einen langen Atem haben. Es gibt schwierige Probleme wie die Veränderung von Verhalten, die Geschlechter-Frage, das Armutsproblem. Aber man muß in die Planungen von Entwicklungsvorhaben kurzfristige, aufsehenerregende, umsetzbare Vorhaben einbauen, um den Enthusiasmus der Menschen und ihre Entschlossenheit, an langfristigen Zielen festzuhalten, zu wecken. Die Ausrottung der Kinderlähmung ist ein sehr einflußreiches Element in diesen Planungen."

Es ist keine Zeit zu verlieren

Das Beispiel der Pocken hat gezeigt, daß es geht. Daß es prinzipiell möglich ist, selbst eine verheerende Infektionskrankheit in den Griff zu bekommen. Das Beispiel Polio zeigt uns, was selbst unter widrigen Umständen geleistet werden kann - so denn der feste Wille einiger weniger vorhanden ist. Und beides zusammen vermittelt uns eine Vorstellung davon, zu welch großartigen Leistungen wir fähig sein könnten, sofern sich die Staatengemeinschaft endlich dazu entschließt, ein global angelegtes Krankheits- und Elendsbekämpfungsprogramm einzuleiten!

Wir können nicht auf den Tag X warten, an dem endlich mit dieser Aktion begonnen werden kann. Die Behauptung, es sei sowieso alles viel zu schlimm, um überhaupt noch eingreifen zu können, ist ebenso unmoralisch wie dumm. Vor uns liegt nur noch eine kurze Zeitspanne, von der WHO als "einmalige Chance" bezeichnet, die wir nutzen können, um die Krankheitsbrutherde in den Elendsstätten dieser Welt zu bekämpfen. Warten wir zu lange, dann werden nicht nur diese Menschen sterben. Auch für die Bevölkerung in den reicheren Nationen dieser Erde ist dann die Uhr abgelaufen, ihre Selbstverteidigung wird im Trommelfeuer neuer oder mutierter und aggressiver Krankheitserreger versagen.

Der Krieg gegen die Krankheiten kann nicht von heute auf morgen gewonnen, aber von heute auf morgen begonnen werden, indem die bereits existierenden Netzwerke von WHO und anderen Hilfsorganisationen genutzt werden. Wer einen Polio-Impfstoff an den Mann bringt, der kann auch andere Impfstoffe, Milchpulver und andere für diesen Zweck geeignete Formen von Notnahrung, kann Medikamente, Vitaminpräparate, Tabletten zur Wasseraufbereitung in seinem Marschgepäck mit sich führen. Dies schafft ein wenig Spielraum, um grundlegendere Schritte einzuleiten, wie etwa den Aufbau von Lazarettzentren (man bedenke in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten der Bundeswehr und von Hilfsdiensten, binnen weniger Tage ganze Krankenhäuser aufzubauen) und die Entsendung von mobilem medizinischem Personal in abgelegenere Gebiete.

Zentrum oder mobile Einsatztruppe - beide können wiederum gleichzeitig als Verteiler von Nahrungsmitteln, Tabletten zur Wasseraufbereitung etc. fungieren. In kurzer Zeit wird so nicht nur unmittelbare Not gelindert, es entsteht auch ein verläßliches Bild über die genaue Lage und die Bedürfnisse des Einsatzgebietes, die dann "abgearbeitet" werden müssen. Während diese Nothilfe geleistet wird, wird gleichzeitig begonnen, das Land von innen heraus wieder auf die Beine zu stellen. Eine produktive Landwirtschaft muß die Nahrungsmittelnothilfe ersetzen, der Aufbau von Gesundheitsdiensten und Krankenhäusern die Behelfsbaracken. Und während den Krankheiten durch die Verbesserung der Ernährungslage, der hygienischen Bedingungen und der allgemeinen Lebensumstände zunehmend der Nährboden entzogen wird, wird mit der Aufbauphase des gesamten Landes begonnen.

Dies hört sich einfach an, ist es aber durchaus nicht. Es wäre der denkbar größte und ehrenvollste Kampf in der Geschichte der Menschheit. Doch wird dieser Kampf nur begonnen werden, wenn es genügend Menschen gibt, die von dieser Vision besessen und begeistert sind. Ähnlich "besessen", wie die Männer und Frauen, die nicht eher ruhten, bis die Pocken vom Erdboden verschwunden waren. Und so begeistert von der eigenen Mission wie der barfüßige Analphabet, der sich mit seinem Kanu auf den Weg in ein entlegenes Dorf macht, um einem Kind, das er nie zuvor gesehen hat, den Polio-Impfstoff zu bringen.

Jutta Dinkermann