Die CDU Hannover diskutierte über Jugendgewalt - erfreulich, denkt man, denn hier gibt es tatsächlich Handlungsbedarf. Aber leider wurde die Chance einer umfassenden Debatte zu diesem brisanten Thema vertan. Der Parteitag des Kreisverbandes Hannover war auf zweieinhalb Stunden eines tropisch heißen Sommerabend beschränkt worden, um zügig einen Leitantrag zum jugendpolitischen Programm für die Kommunalwahlen 2001 zu verabschieden.
Zur Einleitung des Abends sprach der bekannte Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) zum Thema Jugendgewalt. Wozu eigentlich, wenn doch dieses Problem in der weiteren Diskussion des Abends keine Rolle mehr spielen sollte? Schlimmer noch, von Mitgliedern der Programmkomission wurde konstatiert, daß sich die Jugendgewalt eigentlich in Grenzen halte und die Mehrheit der Jugendlichen doch anständige Leute seien. Wie so häufig bei parteipolitischen Veranstaltungen dieser Tage (egal welcher Partei) verwies man die Realität vor die Tür, damit man bloß nicht gestört würde.
Der programmatische Leitantrag zur Jugendpolitik ist von dem ängstlichen Bemühen geprägt, "modern" zu erscheinen und sich als "Partei der Jugend" darzustellen. Man will Wahlen gewinnen und scheut deswegen jeden Konflikt mit den ideologischen Trends der Zeit.
Ohne diesen Konflikt zu wagen, wird aber jede Diskussion über Jugendprobleme und Jugendgewalt im Jahre 2000 zur Farce. Wie kann man ernsthaft Jugendpolitik erörtern wollen, wenn man nicht zu folgenden brisanten Problemen Stellung bezieht?
Von all diesen wirklich brennenden Problemen war auf dem Parteitag der CDU Hannover nicht die Rede. Schlimmer noch: Der Vortrag von Prof. Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zum Thema "Jugendgewalt" wurde von den einfältigeren Mitgliedern auf die Formel reduziert: "Das Problem der Jugendgewalt ist ein Ausländerproblem". Auch wenn Pfeiffer, wenn man ihm genau zuhörte, keinesfalls ausländerfeindliche Thesen vertrat, sondern im Gegenteil die Schuld an der hohen Rate straffälliger Jugendlicher der mißlungenen Integrationspolitik in Deutschland gab, unterstützte die Methode seines Vortrags allerdings die Stammtischplattitüden. Innerhalb einer Stunde wurde der Zuhörer mit einem nicht enden wollenden Zahlenwust überflutet, immer neue Prozentzahlen schwirrten umher, und für manchen war das Resümee "Ausländer sind schuld" ein bequemer Ausweg aus der Konfusion.
Prof. Pfeiffer stellte anhand nüchterner Statistiken dar, daß sich die polizeilich erfaßte Jugendgewalt (also ohne die Dunkelziffer der nicht angezeigten Straftaten) in Hannover seit 1984 etwa verdreifacht hat. Seine Zahlen belegen, daß bei den einheimischen Jugendlichen die Gewaltrate in etwa gleich geblieben ist, so daß also der Anstieg der Jugendgewalt maßgeblich auf das Konto ausländischer Jugendlicher geht.
Aber er betonte dann auch ganz deutlich, daß dies nichts mit irgendwelchen gewaltbereiten Genen bei Ausländern zu tun habe, sondern vor allem drei Faktoren dafür verantwortlich seien: Armut, mangelnde schulische Integration und Ausländerfeindlichkeit der Gesellschaft. Außerdem neigten unter den ausländischen Jugendlichen vor allem diejenigen zur Gewalt, die praktisch schon seit frühester Kindheit hier leben - hier relativiert sich der Begriff "Ausländer" dann vollends.
Ein interessanter Aspekt in Prof. Pfeiffers Ausführungen, der bei Schulpolitikern hierzulande häufig zu hysterischen Reaktionen führt, ist seine Kritik an der Orientierungsstufe. Dadurch würde die Hauptschule zu einer Art von "Restschule", wo die Schüler in der Mehrzahl durch gesellschaftliche Nichtanerkennung demotiviert würden. In diesem Umfeld ereigneten sich denn auch die häufigsten Gewalttaten unter Jugendlichen.
Die Statistik hilft uns allerdings nicht weiter, wenn wir begreifen wollen, warum die Täter immer jünger und brutaler werden. Um die kontinuierliche Veränderung unserer Kultur zu verstehen - die zunehmende Verrohung, Gleichgültigkeit und Egomanie - , müssen wir grundsätzlicher ansetzen. Aber das versuchte Prof. Pfeiffer an diesem Abend nicht. Obwohl sein Institut auch Forschungen zum Zusammenhang zwischen Gewaltvideos und der neuen Qualität von Jugendgewalt gemacht hat, ist er darauf nicht eingegangen. Ich vermute, daß ihm diese Thematik für einen Parteitag schlicht zu "heiß" war, denn im persönlichen Gespräch darauf angesprochen, argumentierte er, daß sich Politik schließlich nicht um die Inhalte von Kultur kümmern könne.
Aber genau dies ist der Punkt, an dem alles aus dem Ruder läuft. Da fordert das CDU-Programm die Einrichtung von mehr Internet-Cafés und der Ausbildung von mehr Jugendlichen am Computer - aber kein Wort von den Gefahren des Internet. Vielleicht will man die Jugendlichen im Umgang mit der Politik abhärten: Denn immerhin führte kürzlich noch der Internet-Zugang zum Bundesfamilienministerium über eine Porno-Seite.
Aber im Ernst: So wie man seit Jahren den meisten "Trends" in der Gesellschaft hechelnd hinterherläuft, biedert man sich auch bei den Jugendlichen der Jahrtausendwende an, indem man von Multimedia, Hip-Hop und Internet redet. Kein Wunder: Gerade in Niedersachsen hat die CDU seit der Regierung Albrecht den Ausstieg aus der Industriegesellschaft und den Einstieg in die heute vielbeschworene Informationsgesellschaft kräftig mitgefördert - es war der CDU-Ministerpräsident Albrecht persönlich, der 1979 verkündete, die Kernenergie sei politisch nicht durchsetzbar. In seinem Kabinett saßen Offizielle des neomalthusianischen Club von Rom wie Prof. Pestel, der die Halbierung der Weltbevölkerng als ressourcenschonende Maßnahme forderte! Viele CDU-Mitglieder wollen das heute nicht wahrhaben - die Jüngeren aber werden jetzt fragen: Was hat denn nun die Informationsgesellschaft mit dem Thema Jugendgewalt zu tun?
Der Zusammenhang zwischen brutalen Computerspielen, in denen Jugendliche ganz realistisch-virtuell herumballern können, Menschen aufschlitzen etc. und der Zunahme von Gewalt bzw. vor allem der neuen Qualität von Gewalt, wo Kinder Gleichaltrige erschießen, ist häufig dokumentiert worden. Wenn gewaltverherrlichende Filme oder Gewaltszenen im Fernsehen schon durch das passive Zuschauen genügend Schaden anrichten, dann führt natürlich das aktive Mitspielen am Computer zu viel größerer Enthemmung bei Jugendlichen. Wie soll z.B. ein Kind verstehen, daß in der Wirklichkeit der gerade erschossene Spielkamerad nicht wieder aufsteht, wie man es doch unzählige Male im Computerspiel erlebt hat?
Aber es gibt noch eine weitere Dimension der subtilen Gewalt in der Informationsgesellschaft: Der Unterschied zwischen virtueller Welt und Realität verschwimmt zusehends - der angeblich "saubere" Informationskrieg verschafft dem Soldaten genauso Distanz zur Tat wie dem gewissenlosen Spekulanten, der ja "nur mit Zahlen hantiert", wobei in Wirklichkeit aber durch dieses Hantieren oft ganze Nationen ruiniert und Menschenleben zerstört werden. Der "Gewalttäter am Bildschirm" - ob Spekulant, Soldat oder Jugendlicher - erlebt nicht mehr den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung seines Handelns - und da diese Technik auf eine Gesellschaft stößt, die im Zuge der 68er Kulturrevolution ohnehin enthemmt und ichbezogen brutalisiert wurde, gewinnt dies alles eine Eigendynamik.
Und noch ein weiteres Problem: Die mit der Informationstechnologie einhergehende "Entmaterialisierung" des Wirtschaftsprozesses hat echten technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt in vielen Bereichen abgebremst.
Der Jugendliche heute ist demzufolge geistig weit weniger gefordert - Distanz gilt auch im Bereich technischer Erfindungen. Früher wurde gebastelt, experimentiert; das ganze Arbeitsleben beruhte auf fortgesetzten technischen Verbesserungen und Erfindungen.
Heutzutage wird dies zumeist an die Software delegiert: Junge Leute sind unterfordert, sie fühlen sich gelangweilt, sie sind aber auch längere geistige Konzentration nicht mehr gewohnt, so daß z.B. auch das, was früher zu spannenden Entdeckungen führen konnte, für langweilig erklärt wird, z.B. Naturwissenschaft, Astronomie, Biologie etc. Nervenkitzel dagegen wird durch die Computerspiele geboten - diese Sucht breitet sich indes nicht nur bei Jugendlichen aus. Wieviele Arbeitsstunden gehen heute z.B. durch Computerspiel-Wettkämpfe verloren?
Wenn wir in Technik und Wissenschaft der Jugend keine Perspektive mehr bieten, dann ist eben häufig der einzige Ausweg aus der Langeweile das mörderische Spiel, und bei einigen wird unter bestimmten Umständen dann aus Spiel eben auch Ernst.
Es geht hier keinesfalls um eine "Verteufelung" von Computer und Internet - die Technik ist niemals Schuld an Fehlentwicklungen, vielmehr bestimmt die Kultur einer Gesellschaft den Umgang mit der Technik.
Wenn sich aber Politik nicht mehr in die Diskussion um Inhalte einmischt, sondern aus Angst vor Stimmverlusten bei Wahlen auf der ideologischen Welle der "Wertfreiheit" schwimmt (die in Wahrheit ja niemals wertfrei ist), dann werden wir noch schlimme Verwerfungen und Entgleisungen in dieser Gesellschaft erleben.
Von diesem Standpunkt ist das CDU-Programm zur Jugendpolitik, wie es in Hannover verabschiedet wurde, gar nicht modern, sondern extrem konservativ. Es will die ideologischen Trends der letzten 30 Jahre verfestigen, von der Informationsgesellschaft bis zur Techno-Musik - alles steht dann unter dem Motto "Young City Hannover". Es gab in den 60er Jahren mal das Swinging London - - von dort nahm die sogenannte Gegenkultur ihren Ausgangspunkt. Also alles nichts Neues?
So scheint es, und dazu paßt dann auch das Bonmot zur Kommunalwahl, welches der OB-Kandidat der CDU, Herr Stroetmann, fallen ließ: "Am besten wir versprechen, daß wir nichts versprechen!" Nun, eines kann man der etwas unter Ideenmangel leidenden CDU Hannover doch versprechen: Jenseits der Stadt- und Landesgrenzen bereiten sich große strategische, wirtschaftspolitische Veränderungen vor, so daß das Modell der Informationsgesellschaft mit allen fragwürdigen kulturellen Axiomen vielleicht im Herbst 2001 schon Rost ansetzt. Vielleicht begeistern sich dann Jugendliche auch wieder, Astronaut zu werden oder sogar den heute als prähistorisch angesehenen Beruf des Nuklearingenieurs zu ergreifen: Forschen, Erfinden und die Welt erobern - das sind immer noch die besten Mittel gegen Langeweile und Gewalt.
Frank Hahn