Aus der Neuen Solidarität Nr. 26/2000:


Die aktuelle Meinung:
Ausstieg und Abstieg

Von Hans-Peter Müller

Es war schon massiv, was da an emotionaler Reaktion auf das blamable Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Holland/Belgien in der letzten Woche losbrach. Auffallend war dabei das Mißverhältnis zur Haltung der deutschen Öffentlichkeit gegenüber anderen, wichtigeren Themen.

Werden in Deutschland politische Entscheidungen gefällt, welche das Schicksal ganzer zukünftiger Generationen in Frage stellen (Beispiele: Verzicht auf den Transrapid, Ausstieg aus der Kernenergie), so hat das einige Zeitungsartikel und die eine oder andere Diskussion zur Folge, aber die breite Öffentlichkeit verharrt im Zustand emotionaler Gleichgültigkeit.

Blamiert sich hingegen die Nationalmannschaft des Volkssports Nr. 1 (nahezu 2 Millionen Deutsche spielen jedes Wochenende Fußball, der DFB ist mit ca. 6,3 Millionen Mitgliedern einer der größten Sportverbände der Welt) bis auf die Knochen, so ist die deutsche Seele im Innersten aufgewühlt, und es scheint nur noch ein Gesprächsthema zu geben.

Nun hat ein spannendes Fußballspiel sicherlich einen hohen Unterhaltungswert, und eigene sportliche Betätigung ist ohnehin eine gute Sache. Aber dennoch bleibt es nur ein Spiel. Einigen Kommentatoren fiel ganz richtig auf, daß die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit unserer Spitzenkicker ein Spiegelbild der bundesdeutschen Wirklichkeit abgibt, und das verlangt nach einer weitergehenden Klärung. Wie steht es um unsere Kultur und Zukunftschancen?

Wir leisten uns in Deutschland, wenn es um Überlebensfragen der Nation geht, Politiker, die bestenfalls an bescheidenes Mittelmaß heranreichen, denen im entscheidenden Augenblick die "das Spiel herumreißende" Kreativität fehlt (und zur Kreativität gehören bekanntlich auch Mut und Charakter). Oder welcher führende Vertreter der politischen Klasse in Deutschland hat sich denn bisher hinter den Aufruf für ein Neues Bretton Woods gestellt, wie ihn der (von der Wall Street ungeliebte) amerikanische Präsidentschaftskandidat Lyndon LaRouche angesichts eines weltweit drohenden neuen "schwarzen Freitags" verfaßt hat? Politiker anderer Länder - Beispiel Italien - zeigen da mehr Weitblick, Mut und Entschlossenheit, und das sind die Wechsel auf die Zukunft, die sich auszahlen werden.

Wenn wir uns für die wirklichen Fragen des Lebens eine lamentable Politikerriege leisten, verwundert es wenig, wenn wir uns auch eine blamable Fußball-Nationalmannschaft leisten. Im zweiten Fall bleibt das ohne ernstliche Konsequenzen, denn es ist ja nur ein Spiel. Was man vom ersten Fall leider nicht sagen kann.