Aus der Neuen Solidarität Nr. 35/2000:


Alternativen zum Klonen embryonaler Stammzellen

Stammzellen spielen bei der jetzt entbrannten Debatte um das "therapeutische" oder "reproduktive" Klonen eine Schlüsselrolle. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Stammzellen nicht nur in der frühen Phase der Embryonalentwicklung ("embryonale Stammzellen"), sondern auch in fast allen Geweben des erwachsenen Körpers ("adulte Stammzellen") vorkommen. Embryonale Stammzellen entwickeln sich beim Menschen etwa vier Tage nach der Befruchtung und mehreren Zellteilungszyklen in der sogenannten Blastozyste, einer kleinen, innen hohlen Zellkugel. Es sind pluripotente Zellen, können sich also in eine der mindestens 200 verschiedenen Zelltypen des Organismus (Herz-, Lungen-, Leber-, Nerven-, Bindegewebszellen usw.) entwickeln.

Mit bisherigen Techniken können solche embryonalen Stammzellen nur gewonnen werden, indem die Blastozyste zerstört wird, d.h. ein individuelles werdendes Leben muß beendet werden. Die entsprechende Forschung wird daher auch "verbrauchende Embryonenforschung" genannt. Selbst wer keine moralischen Bedenken bei einer Abtreibung hat, wo ebenfalls werdendes menschliches Leben abgetötet wird, sollte jedoch bedenken, daß die aus der Blastozyste gewonnenen embryonalen Stammzellen weiter verwendet, d.h. instrumentalisiert werden - ein Umstand, der mit der Menschenwürde vollkommen unvereinbar ist.

Anders als bisher vermutet, haben aber auch adulte Stammzellen deutlich mehr Flexibilität in der Entwicklung. Schwedischen Forschern des Karolinska-Instituts in Stockholm ist es im Tierversuch gelungen, Gehirnstammzellen von Mäusen so zu behandeln, daß sich aus ihnen andere Körpergewebe entwickelten (Science, 2. Juni 2000, Vol. 288, S. 1660-1663). Je nachdem, in welchen Bereich von Mäuseembryonen die adulten Stammzellen plaziert wurden, entwickelten sie sich zu Lungen-, Herz-, Darm- oder Nervenzellen. Auch Stammzellen aus dem Knochenmark, so zeigten britische Forscher, können sich zu Leberzellen differenzieren.

Es wird vermutet, daß die Stammzellen auf bestimmte Signale aus ihrer Umgebung reagieren. Wenn man die Art dieser Signale herausfinden könnte, ergäben sich Möglichkeiten, bestimmte Gewebe zu züchten, ohne dafür embryonale Stammzellen verwenden zu müssen.

Es wäre also denkbar, daß adulte Stammzellen für therapeutische Zwecke entweder direkt in erkrankte Organe oder Gewebe eingebracht oder im Labor zu fertigen Organen weitergezüchtet würden, welche dann transplantiert werden könnten. Abstoßungsreaktionen wären nicht zu befürchten, da der Organspender auch der Empfänger wäre. Denkbar wäre auch eine andere Alternative: adulte Stammzellen werden gar nicht dem Körper entnommen, sondern ihre Entwicklung in dem erkrankten Organ von außen beeinflußt. So ist es bereits gelungen, Stammzellen der Bauchspeicheldrüse zur Produktion von Insulin anzuregen. Forschungen in diese Richtung wären allemal sinnvoller als das aus ethischen Gründen abzulehnende Klonen embryonaler Stammzellen.

Dr. med. Wolfgang Lillge