Wer nüchtern die Berichte und Kommentare der westlichen Medien über den Untergang des russischen Atom-U-Boots Kursk verfolgte, dem mußte einerseits eine erstaunliche "Gleichschaltung" und anderseits eine ans Hysterische grenzende Aufgeregtheit auffallen, wie man sie selbst in den Zeiten des Kalten Krieges kaum erlebt hat. Egal was von russischer Seite gesagt wurde, das westliche Medienurteil lautete "Lüge", "Propaganda" oder "Ablenkung von der eigenen Verantwortung". Allein diese Tatsache, die einem halbwegs erfahrenen Beobachter sofort auffallen mußte, belegt, daß die tatsächliche Lage äußerst gefährlich war, und zwar nicht nur in Rußland und der Barentssee, sondern auf globaler strategischer Ebene.
Inmitten der triumphierenden Propaganda über das "Auseinanderfallen der russischen Streitkräfte" und das "Ende der Atommacht Rußland" haben sich unsere Medien über die Fakten bezüglich des Kursk-Vorfalls und seine Implikationen systematisch ausgeschwiegen. Selbst offensichtliche Fragen wurden einfach nicht aufgeworfen, und dies obgleich aus den Stellungnahmen hochrangiger russischer Regierungsvertreter und anderer hervorgeht, daß die Welt in den Stunden nach dem Untergang der Kursk am Sonnabend, dem 12. August, am Rande eines atomaren Krieges stand.
Hier die wichtigsten bislang bekanntgewordenen Fakten über den Kursk-Vorfall, die von den hiesigen Medien nicht berichtet wurden:
"Um 18 Uhr [am 12.8.] blieb eine vorgesehene Meldung des U-Bootes [Kursk] aus... Der Flottenkommandant alarmierte Such- und Rettungskräfte... Der Standort des U-Boots wurde entdeckt, zunächst als der eines nicht identifizierten Objektes, und daneben befand sich ein zweites Objekt. Die Identifizierung erfolgte am 13.8. um 18.40 Uhr... Die [Untersuchungs-]Kommission neigt zu der Version, daß der Unfall durch eine Kollision verursacht wurde. Und was wir auf dem Meeresboden sehen, das U-Boot, ist die Folge einer Kollision, in die das U-Boot verwickelt war... Die Unterlagen derer, die das [zweite] Objekt am Meeresboden beobachteten, zeigen, daß es höhenmäßig der Größe unseres U-Bootes glich, das ist eine Tatsache... Es war ein großes Objekt, das größenmäßig mit dem U-Boot Kursk vergleichbar ist."
Sergejew berichtet auch, daß drei schwere Unterwasserexplosionen registriert worden seien.
Über weitere Einzelheiten, die für einen Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot sprechen, z.B. über die Art der Schäden an der Kursk, wurden von Vizepremier Ilja Klebanow (der die amtliche Untersuchungskommission der Regierung leitet), dem Chef der Nordflotte Popow und dem früheren Chef der Schwarzmeerflotte Baltin berichtet. In der Nähe der Kursk wurden Rettungsbojen eines Typs gesichtet, der von der russischen Marine nicht verwendet wird. Minister Sergejew hat erklärt, man studiere jetzt Satellitenfotos sowie mögliche Fragmente des fremden U-Bootes, die am Meeresboden lagen.
Russische Vertreter haben wiederholt erklärt, daß mindestens drei fremde U-Boote im Manövergebiet gesichtet wurden, davon mindestens ein amerikanisches und ein britisches. Russische U-Boot-Manöver werden nicht nur seit Jahrzehnten routinemäßig von der NATO beobachtet, amerikanische Jagd-U-Boote spielen dabei auch regelmäßig "Katz und Maus" mit russischen Atom-U-Booten, was in den letzten Jahrzehnten, auch in den 90er Jahren, wiederholt zu Kollisionen und anderen Zwischenfällen geführt hat. Nach zuverlässigen Berichten aus Rußland wie aus westlichen Ländern wurden die Operationen anglo-amerikanischer U-Boote in der Barentssee in den letzten Jahren intensiviert. Dabei handelt es sich keineswegs um ein "Spiel", sondern um bitterernste militärische Aktivitäten, denn im Kriegsfall müßten die westlichen Jagd-U-Boote die russischen Atom-U-Boote so schnell wie möglich vernichten.
"Am Samstag, dem 12. August, kam es in der Barentssee, wo die Nordmeerflotte der Russischen Föderation Manöver durchführte, zu einem Vorfall, der beinahe zum Ausbruch umfassender Kampfhandlungen geführt hätte - einem Dritten Weltkrieg... Mehrere Tage lang hing das Schicksal der Welt am seidenen Faden, und ein falscher politischer Schritt hätte zu einem nuklearen Schlagabtausch führen können.
Am 12. August verzeichneten hydroakustische Instrumente an Bord von Schiffen der Nordmeerflotte drei starke Unterwasser-Explosionen in der Barentssee. Der nukleare Raketenkreuzer Pjotr Welikij untersuchte den Ort der Explosionen und entdeckte das Atom-U-Boot Kursk am Meeresboden liegend sowie ein zweites U-Boot. Da die Position der an dem Manöver der Nordmeerflotte beteiligten U-Boote bekannt war, identifizierte man dieses Objekt als ausländisches U-Boot, mutmaßlich ein amerikanisches. Die drei auf den hydroakustischen Instrumenten aufgezeichneten Explosionen deuteten auf die Möglichkeit, daß die Kursk einem Torpedoangriff zum Opfer gefallen war.
Die Pjotr Welikij berichtete unverzüglich dem Manöverkommandeur über das Vorgefallene und erbat Befehle. Der Flottenstab gab den Bericht an den zentralen Stab der Marine weiter, von wo er an das Verteidigungsministerium gesandt wurde. Marschall Sergejew informierte den Präsidenten über das Geschehene... Angesichts des Ernstes der Lage (ein Vorfall, der Grund für die Einleitung von Kampfhandlungen ist) wurde die sofortige Rückkehr des Präsidenten nach Moskau zur zentralen Kommandostelle erwogen. Diese Option wurde jedoch verworfen. Da die Residenz des Staatschefs in Sotschi genauso gut ausgerüstet ist wie die Büros im Kreml, konnte Putin das Land ebenso wirksam von Sotschi aus regieren. Darüber hinaus hätte Putins Erscheinen an der zentralen Kommandostelle in Moskau auf explizite Kriegsvorbereitungen Rußlands schließen lassen. Sowohl Rußland als auch die Vereinigten Staaten waren sich der Dramatik der Lage sehr wohl bewußt. Aus den gleichen Gründen flog Putin auch nicht gleich in diesen ersten Tagen nach Murmansk oder Seweromorsk...
Glücklicherweise wurde der Vorfall in der Barentssee erfolgreich mit politischen Mitteln gelöst. Bei einem Telefongespräch zwischen Wladimir Putin und Bill Clinton kam es zu einer Übereinkunft, ,die Angelegenheit friedlich zu regeln'. Das Gespräch des Präsidenten dauerte 25 Minuten, und über seinen Inhalt wurde in den Massenmedien nichts berichtet."
Von Bedeutung ist auch, daß bei Putins erster Fernsehstellungnahme zur Kursk aus Sotschi der frühere Ministerpräsident Primakow neben ihm stand und im Fernsehen prominent gezeigt wurde. Primakows Erscheinen in einem so entscheidenden Augenblick ist ein weiteres Zeichen für hochrangige Konsultationen über die strategischen Implikationen der Kursk-Affäre.
Dr. Jonathan Tennenbaum