Was im September als "milde Korrektur" der absurd überbewerteten Technologie- und Telekomaktien an der New Yorker NASDAQ-Börse begann, entwickelte sich am 12. Oktober (Redaktionsschluß dieser Ausgabe der Neuen Solidarität) bereits zum größten Debakel des Weltfinanzsystems, seit auf die Zahlungsunfähigkeit des russischen Staates im August 1998 beinahe die finanzielle "Kernschmelze" gefolgt war.
Aber jetzt ist die internationale Ausgangslage noch weit gefährlicher als vor zwei Jahren, denn die Finanzkrise fällt zusammen mit der Nahost- und Ölkrise sowie einem völligen politischen Vakuum in den Vereinigten Staaten. In der zweiten Fernsehdebatte zwischen Gore und Bush tauchte das Thema "Finanzkrise" kein einziges Mal auf. Drei Wochen vor der Wahl stehen die Chancen für eine Umsetzung von LaRouches Vorschlägen für ein Neues Bretton Woods in Amerika schlecht. Das kann sich allerdings rasch ändern, wenn der Finanzkollaps weitergeht.
Seit zwei Wochen fallen die Börsen der OECD und der "aufstrebenden Ökonomien" beinahe täglich um 2-3% oder mehr. Alle Versuche von Regierungen und Notenbanken, insbesondere in den USA, dies mit den seit Herbst 1998 üblichen inflationären Geldvermehrungsmethoden zu verhindern, sind kläglich gescheitert. Auch die Ölpreisexplosion wurde nicht gestoppt. Als Präsident Clinton am 22. September 30 Mio. Barrel Öl aus der amerikanischen Strategischen Reserve freigab, fiel der Ölpreis nur kurzfristig unter 30 Dollar/Barrel, aber inzwischen stieg er unter dem Eindruck des Nahostkonflikts schon wieder auf 37 Dollar, mit weiter steigender Tendenz.
Ähnlich erging es Europa: Die Intervention der G-7-Notenbanken für den Euro am 28. September sowie die überraschende Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank letzte Woche konnten den Fall des Euro nicht umkehren.
Am 12. Oktober stürzte der Dow Jones um 382,07 Punkte oder 3,7% ab. Fast tausend Aktien fielen auf den tiefsten Stand seit einem Jahr. Der NASDAQ sackte um 3% ab auf 3071 Punkte, den Tiefstand dieses Jahres.
Auch ohne die Nahostkrise und die Angst vor einem arabischen Ölembargo stehen die Zeichen längst auf Sturm. Schon am 22. September begann am NASDAQ der Niedergang, nachdem sich die Börse zuvor von der Talfahrt im April - wo man auch nur knapp an der Kernschmelze vorbeirutschte - wieder einigermaßen erholt hatte. An diesem einen Tag verlor Intel, der größte Computerchiphersteller der Welt, 100 Mrd. Dollar an Aktienwert. Seither ist der NASDAQ um 18% gefallen, wobei sich Papierwerte von 500 Mrd. Dollar in Luft, oder besser in "Cyberspace", auflösten. Der "Neue Markt" in Deutschland hat inzwischen gegenüber dem Jahreshöchststand mehr als die Hälfte an Wert verloren, manche Titel stürzten auf ein Zehntel des früheren Kurswerts.
Am 9. Oktober sprang der vernichtende Funke auf die Unternehmensanleihen über. Berichte tauchten auf, der Finanzriese Morgan Stanley Dean Witter habe in diesem Bereich mehr als 1 Mrd. Dollar mit Ramschanleihen-Geschäften eingebüßt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, dies habe in Zusammenhang mit der US-Telekomfirma ICG Communications aus Englewood (Colorado) gestanden, die Ramschanleihenschulden von 1,9 Mrd. Dollar hatte und Gerüchten zufolge insolvent war. Morgan Stanley verlor zwar bei ICG-Anleihen "nur" 200 Mio. Dollar, doch der ICG-Einbruch bildete das Startsignal für den Niedergang des gesamten, ungeheuer aufgeblähten Markts der privaten Unternehmensanleihen, auf dem sich z.B. die Telekom-Riesen finanziert hatten.
Plötzlich saßen Morgan und viele andere Riesen der Wall Street und auch europäische Finanzhäuser auf großen Mengen an Unternehmensbonds, die keiner kaufen wollte, während deren Wert immer weiter fiel. Innerhalb von zwei Tagen stürzte der Kurs der Morgan Stanley-Aktie um 20%, und Donaldson Lufkin Jenrette, der weltgrößte Vermittler von Unternehmensanleihen, mußte von der Credit Suisse First Boston durch Übernahme gerettet werden.
Panikverkäufe von Unternehmensanleihen und Aktien setzten ein - vor allem Aktien der Banken, die in jüngster Zeit große Risiken mit Krediten an Telekomkonzerne eingegangen sind (siehe letzte Ausgabe der Neuen Solidarität). Am 9. Oktober vermeldete die Kreditratingagentur Moody's Investors Service: "Der Ramschanleihenmarkt leidet an Problemen, welche den ganzen Markt der Unternehmensanleihen in Mitleidenschaft ziehen." Der Zinsunterschied zwischen erstklassig (blue chip) eingestuften Unternehmensbonds und Unternehmens-"Ramschanleihen" ist der größte seit Oktober 1998, ein eindeutiges Zeichen für schlechte Zeiten. Steigende Zinsen in Amerika und Europa treiben die Junk-Bond-Zinsen immer höher, so daß viele überschuldete Firmen vor der Zahlungsunfähigkeit stehen. Ein Unternehmen, das jetzt Junk Bonds ausgibt, muß durchschnittlich 11,7% Zinsen zahlen.
Die jüngste zusätzliche gigantische Verschuldung der internationalen Telekomkonzerne im Zuge der Versteigerungen der UMTS-Lizenzen hatte das Faß zum Überlaufen gebracht. In den letzten zwei Jahren hatte sich die Anleihen-Schuldenlast der Unternehmen um 390 Mrd. Dollar erhöht. Ein Wallstreet-Manager sagte: "Die Telekom-Blase platzt." Seit Morgans Milliardenverlust bekannt wurde, herrscht auf dem Unternehmensbondmarkt eine "Vertrauenskrise" und "quasi Panik", wie Morgans Bondexperte Steven Zamsky es nannte.
Das war aber noch vor dem Börsencrash und Ölpreisschock vom 12. Oktober. LaRouches Notprogramm für die Weltwirtschaft (siehe auch den Kommentar ) muß durchgesetzt werden, bevor es zu spät ist.
William Engdahl