Von Gabriele Liebig
"Im November 1997 trat der langwährende Niedergangsprozeß der amerikanischen Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft in ein Endstadium ein, das mit dem Zusammenbruch des gegenwärtigen Weltfinanzsystems enden wird." Dies sagte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Lyndon LaRouche vor eineinhalb Jahren auf einem Seminar der EIR-Nachrichtenagentur in Bonn-Bad Godesberg. Seine diesbezüglichen Warnungen reichen allerdings sehr viel länger zurück, das belegen auch die abgebildeten Crash-Warnungen auf Seite 1 der Neuen Solidarität. Für unsere Leser dürften daher die lawinenartigen Einbrüche an den Finanzmärkten keine Überraschung sein.
Die Internetblase ist geplatzt, die Finanzpresse spricht von "Panikverkäufen". Nasdaq und Nemax verloren in den letzten vier Wochen 20% bzw. 30% ihres Wertes, und diese Verluste sind dabei, das Kartenhaus der Derivate, Junk Bonds und anderer hochspekulativer Papiere zum Einsturz zu bringen. Alan Greenspan ist jedoch willens, ohne Rücksicht auf Inflationsgefahren sämtliche Geldschleusen zu öffnen, wenn er damit die Kernschmelze noch bis nach den Präsidentschaftswahlen am 7. November hinausschieben kann. Es ist aber nicht klar, ob ihm das noch gelingen wird.
Welche Art von "Schleusen" oder finanziellen "Fenster" für derlei Liquiditätspumpaktionen zu Gebote stehen, wird in einer neuen EIRNA-Studie über Hyperinflation und Weltfinanzkrise beschrieben. Von Panik erfaßte Börsianer beschweren sich in Leserbriefen an die Neue Solidarität-Redaktion über unsere Inflationswarnungen: Nein, nicht Inflation sei das Problem, sondern Deflation, und dabei meinen sie natürlich die Kreditklemme kurssturzgeschädigter Spekulanten. Die Wahrheit ist, daß die gegenwärtige Desintegrationskrise des Weltfinanzsystems beides umfaßt: Deflation (auch in Form globalisierungsbedingter Dumping-Preise) und Inflation zunächst nur bei den Wertpapierpreisen, die jedoch spätestens seit der Ölpreisexplosion auf die Güterwirtschaft übergreift und nun durch die Nahostkrise weiter verschärft wird. In der erwähnten EIRNA-Studie wird ausdrücklich festgestellt, daß das Finanzsystem am wahrscheinlichsten in Form einer Kombination von deflationärem und hyperinflationärem Kollaps zugrunde gehen wird.
Die größte Gefahr in der heutigen Situation ist die Kopflosigkeit der Leute in verantwortlichen Positionen, die so lange eine Vogel-Strauß-Haltung gegenüber dem haltlosen Zustand des Weltfinanzsystems eingenommen haben, daß sie ihren tief im Sand vergrabenen edlen Körperteil jetzt, wo sie ihn nötig brauchten, kaum noch wiederfinden. Diese Kopflosigkeit ist deshalb so gefährlich, weil sie das Feld den vollends Wahnsinnigen überläßt, die in wilder Flucht nach vorn lieber einen großen Krieg vom Zaun brechen, als ihre Entmachtung durch eine friedliche, einvernehmliche und vernünftige Reorganisation der Weltwirtschaftsordnung hinzunehmen. Dies ist der Hintergrund für das Desaster im Nahen Osten. Ariel Scharon warf die Handgranate in das Pulverfaß ungelöster Konflikte und unerfüllter Friedensversprechungen, aber die Hand geführt haben ihm dabei andere, deren Interessen mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt nichts zu tun haben.
Der Zusammenhang zwischen Finanzkrach und Krieg war zentrales Thema des zu Anfang erwähnten EIRNA-Seminars in Bonn am 21. April 1999. Lyndon LaRouche selbst sprach über die Alternative "Reform des Weltfinanzsystems oder neuer 30jähriger Krieg". Außer ihm und seiner Frau Helga Zepp-LaRouche, die eine plastische Perspektive der Infrastrukturprojekte der "Eurasischen Landbrücke" entwarf, sprachen Prof. Wilhelm Hankel, Prof. Stanislaw Menschikow von der Russischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Devendra Kaushik von der Nehru-Universität in Neu-Delhi und Prof. Qian Jing von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. EIRNA publizierte sämtliche Reden und Diskussionsbeiträge unter dem Titel Der Weg aus der Krise.
LaRouche entwickelte die Grundzüge der notwendigen Reorganisation des Weltfinanzsystems, das zunächst von den an einem "Neuen Bretton Woods" beteiligten Regierungen einem Bankrottverfahren unterzogen werden müsse. Prof. Hankel unterstützte diesen Vorschlag und plädierte für ein neues nichtspekulatives System mit festen Wechselkursen.
LaRouche betonte weiterhin die Notwendigkeit und politische Bedeutung eines "Clubs der überlebenswilligen Nationen", die sich dem Wahnsinn des entarteten globalisierten Spekulationssystem entzögen und Schutzmaßnahmen für ihre eigene Volkswirtschaft ergriffen. Eben diese Entwicklung vollzog sich in Asien, angefangen mit den Kapitalkontrollen Mahathirs in Malaysia und später der Chiang-Mai-Initiative. Zaghafte Überlebensimpulse zeigen sich sogar in Europa mit der angestrebten deutsch-russischen Energiekooperation. Jüngstes Beispiel regionaler Zusammenschlüsse ist das Abkommen über eine Euro-asiatische Wirtschaftsunion zwischen Rußland, Weißrußland und den zentralasiatischen Ländern Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisistan.
Das Bonner Seminar war auch deshalb von richtungweisender Bedeutung, weil hochrangige Vertreter des "strategischen Dreiecks" Rußland-China-Indien als Redner vertreten waren. Prof. Menschikow unterstrich die wachsende Kriegsgefahr in einer "unipolaren", d.h. von einer einzigen Supermacht beherrschten Welt. Er tat dies vor dem Hintergrund des damals fünf Wochen andauernden Kosovo-Krieges, den die NATO gegen den Willen Moskau begonnen hatte, aber später nur mit Hilfe der Russen wieder beenden konnte. Kurz zuvor war die chinesische Botschaft in Belgrad von amerikanischen Bomben getroffen wurden.
Die zweite Hälfte des Seminars war der "Eurasischen Landbrücke" gewidmet. Die Vorsitzende des Schiller-Instituts und der Bürgerrechtsbewegung Helga Zepp-LaRouche detaillierte in ihrer Rede die faszinierenden Infrastrukturprojekte quer über den riesigen Doppelkontinent, womit viele Millionen industrieller Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Der indische Prof. Kaushik schlug zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Indien und China den Bau einer neuen Straße in die Hochebene von Aksai Chin vor, die Indien an die existierende Hochlandstraße von Tibet nach Sinkiang anbände. Voraussetzung sei die Beilegung alter Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden volkreichen Ländern.
Prof. Qian Chin aus Beijing sagte, China sei von der Asien-Krise weniger als andere Länder überrascht worden, weil seit 1994 Kontakte zum Schiller-Institut bestanden und die Ideen Lyndon LaRouches seitdem in China bekannt gemacht wurden. "Selbst unsere allerhöchsten Beamten von der Zentralregierung kannten und verstanden seine Hauptideen." Er sprach sich für ein "Neues Bretton Woods" im Sinne LaRouches aus und schlug die Gründung einer Stiftung für das neue Dreieck Rußland-China-Indien vor, die Vorschläge für Infrastrukturprojekte, Wirtschaftskooperation, Kreditvergabe usw. machen sollte. Wenige Monate später wurde die Stiftung unter Federführung von Prof. Kaushik in Neu-Delhi tatsächlich gegründet.
Prof. Qian Jing schloß mit den Worten, man möge die große internationale Krise auch als Chance sehen und "so, wie der Frühling neues Leben hervorbringt, neue Lösungen für die Zukunft hervorbringen". Dies ist auch unsere Auffassung. Die Nachrichten-Agentur EIRNA ist übrigens gerade bei der Vorbereitung eines neuen Seminars, diesmal in der Bundeshauptstadt Berlin, bei dem es um "Hyperinflation und Weltfinanzkrise" sowie um die Reorganisation der Weltwirtschaft nach dem Crash gehen wird.