Aus der Neuen Solidarität Nr. 50/2000:


Ende der Illusionen: Amerikas
Wirtschaft vor der Bruchlandung


Einbruch der Wirtschaftstätigkeit
Stark rückläufige Einkommen

Nur wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl ist der Mythos vom amerikanischen Wirtschaftsboom zusammengebrochen. Bis zum 7. November war es den etablierten Kreisen auf der anderen Seite des Atlantiks noch recht und schlecht gelungen, den wahren Zustand der Wirtschaftsentwicklung zu verschleiern und die unmittelbare Bedrohung der privaten Haushalte durch Börsensturz, Dollarcrash und Rezession zu einem Tabu-Thema zu stempeln. Einzig und allein zu der Frage, auf welche Weise man die für die nächsten zehn Jahre erträumten Überschüsse des Staatshaushaltes unters Volk streuen könne, durften sich die beiden Kandidaten im Wahlkampf weidlich auslassen. Mit diesen Phantastereien hat es nun ein Ende.

In atemberaubendem Tempo hat sich in den vergangenen Wochen die öffentliche Wahrnehmung der US-Wirtschaftslage verdüstert. Seither hat eine Hiobsbotschaft nach der anderen - vom Automobilsektor über die Computerhersteller bis hin zum Bankensystem - für Schlagzeilen gesorgt und den Kurssturz an der Börse noch weiter beschleunigt.

Am 5. Dezember war es schließlich der Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve höchstpersönlich, der in seiner Rede auf einer Bankenkonferenz in New York die Katze aus dem Sack ließ. Nach einer Erörterung der "globalen Finanzkrise im Herbst 1998" und der sich daraus ergebenden Gefährdung der US-Märkte stellte Alan Greenspan fest, daß heute in recht ähnlicher Weise die Angst an den Märkten regiert und viele Unternehmen vom plötzlichen Austrocknen ihrer Liquiditätsquellen bedroht sind. Die Zahlungsunfähigkeiten seien dadurch bereits in die Höhe geschnellt, ebenso die von den Schuldnern verlangten Risikozinsen, und "viele hochfliegende Internetunternehmen sind kollabiert". Zwar könne man die heutigen Umstände nicht direkt mit denen von 1998 vergleichen. Aber eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft sei nun der Gefahr ausgesetzt, "daß wachsende Unsicherheit und fallende Kurse auf den Finanzmärkten einen exzessiven Rückgang der Ausgaben von Haushalten und Unternehmen auslösen oder beschleunigen".

So deutlich, wie ein Vorsitzender der Federal Reserve überhaupt werden kann, zerstörte Alan Greenspan damit die bis zum 7. November aufrechterhaltenen Illusionen von einer "sanften Landung" der US-Wirtschaft und stellte im Gegenzug die weitere Öffnung der Geldschleusen gleich zu Beginn des Jahres 2001 zur Krisenbekämpfung in Aussicht.

Einbruch der Wirtschaftstätigkeit

Auch wenn statistische Zahlen gerade in den Vereinigten Staaten erst nach umfangreicher Kosmetik durch allerlei "Deflatoren" und "hedonische Prozeduren" an die Öffentlichkeit gelangen, sprechen die vorliegenden Zahlen für Oktober und November eine deutliche Sprache. Überall bricht die Wirtschaftstätigkeit ein. So gab die Regierung am 5. Dezember bekannt, daß die Auftragseingänge für Industriegüter im Oktober um 3,3% gegenüber dem Vormonat zurück gegangen sind. Bei langlebigen Industriegütern fielen die Auftragseingänge sogar um 5,6%.

Den größten Einbruch, mit 16,1%, verzeichneten die Zulieferer für die Fahrzeugindustrie, insbesondere durch nachlassende Aufträge aus der Luftfahrtindustrie. Die Auftragseingänge bei der Elektroindustrie verringerten sich um 9,9%. Schon am 1. Dezember hatte die nationale Vereinigung der Einkaufsmanager NAPM berichtet, daß im November bereits im vierten Monat in Folge ein allgemeiner Rückgang der Aktivität im Verarbeitenden Gewerbe festzustellen war. Schon seit Juni seien die Auftragseingänge aus dem Inland rückläufig, seit November ließen nun auch noch die Auslandsaufträge nach. Die nationale Industrievereinigung NAM, die 14000 Unternehmen vertritt, forderte am gleichen Tag die Federal Reserve zur unverzüglichen Senkung der Zinsen auf, weil die US-Wirtschaft unmittelbar vor einer Rezession stehe.

Der Automobilsektor in den USA, der sich noch vor wenigen Monaten im größten Boom der Wirtschaftsgeschichte wähnte, ist plötzlich auf den harten Boden der Realität zurückgefallen. Im Oktober gingen die Auftragseingänge bereits um 4,1% zurück, und für die kommende Zeit wird noch mit weit größeren Einbrüchen gerechnet. Ein Hersteller nach dem anderen berichtet mit einem Mal drastisch gesunkene Verkaufszahlen und verkündet sogleich die zumindest vorübergehende Schließung von Produktionsstätten.

Bei Ford sind die Verkäufe im November um 8,2% eingebrochen, bei DaimlerChrysler um 5,5% und bei General Motors um 8,4%. Ford hat bereits die Produktion von PKWs und LKWs heruntergefahren. Bei PKWs wird der Produktionsrückgang im ersten Quartal 2001 bei 20% gegenüber dem Vorjahr liegen. DaimlerChrysler will sieben von zwölf seiner US-Fabriken für mehrere Wochen oder Monate dicht machen. Der weltgrößte Autozulieferer, Delphi Automotive Systems, reagierte auf die zurückgehende Nachfrage mit der Entlassung von 1700 Beschäftigten in Michigan, Ohio und New York.

Die dahinschmelzenden Vermögenswerte der privaten Haushalte und die stark nachlassende Investitionsneigung der Unternehmen hat jetzt auch bei den Computerherstellern Schrecken ausgelöst. Am 5. Dezember mußte Apple Computer erneut eine Umsatz- und Gewinnwarnung für das vierte Quartal an die Öffentlichkeit bringen, woraufhin der Aktienkurs von Apple um 15% abstürzte und dadurch auch die Kurse der anderen großen Hersteller am PC-Markt, von Dell Computer und Compag bis hin zum Chiphersteller Intel, schon wieder um 10% bis 20% an einem Tag in den Keller gerissen wurden.

Bereits am 29. September hatte Apple mit einer Gewinnwarnung eine Schockwelle auf den weltweiten Aktienmärkten ausgelöst und war selbst um 52% an einem einzigen Tag abgewertet worden. Immer mehr verdichten sich die Anzeichen dafür, daß die Weihnachtsverkäufe in diesem Jahr für die gesamte Branche zu einem Desaster werden. Apple mußte die - bereits Ende September heruntergeschraubten - Umsatzerwartungen für den Monat Dezember noch einmal um ein Drittel kürzen, wodurch das Unternehmen tief in die roten Zahlen rutscht. Und im nächsten Jahr, so Apple, werde es aufgrund einer "allgemeinen wirtschaftlichen Abschwächung weltweit" noch schlimmer kommen. In den Tagen und Wochen vorher hatten bereits die Mitbewerber Gateway Inc. und Dell Computer einen starken Rückgang ihrer Verkäufe mit entsprechenden Konsequenzen für die Zahlen des vierten Quartals gemeldet.

Stark rückläufige Einkommen

Die Konsumausgaben der privaten Haushalte steigen zwar insgesamt noch weiter an, aber die Zeiten zweistelliger Anstiegsraten sind jetzt vorbei. Schließlich werden alle Zuwächse bei den Konsumausgaben seit geraumer Zeit über Kredit finanziert, weil die Einkommen der privaten Haushalte selbst nach offiziellen Zahlen stark rückläufig sind.

Nach Regierungsangaben sanken die US-Einkommen im Oktober um 16,5 Mrd. Dollar gegenüber dem Vormonat, während die verfügbaren Einkommen sogar um 29,4 Mrd. Dollar einbrachen. In der Folge stürzte die Ersparnisbildung noch weiter ab und erreichte im Oktober mit minus 55,9 Mrd. Dollar ein neues Rekordtief. Mit anderen Worten: die US-Haushalte gaben im Oktober 55,9 Milliarden Dollar mehr aus, als sie an Einkommen zur Verfügung hatten. Die Sparrate fiel dadurch im Oktober auf minus 0,8%, den schlechtesten jemals gemessenen Wert seit der Großen Depression der 30er Jahre.

Man wird sich wohl daran gewöhnen müssen, daß in den USA recht bald der Begriff "Rezession" zum offiziellen Sprachgebrauch gehören wird. Denn nach einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal 2000 von 5,6% und von nur noch 2,4% im dritten Quartal könnte bereits im vierten Quartal der Fall unter die Nullmarke folgen.

Wer allerdings glaubt, die US-Wirtschaft könne so einfach sang- und klanglos in die Rezession abtauchen, der irrt gewaltig. Einmal ganz abgesehen von den unmittelbaren Auswirkungen auf den europäischen und asiatischen Exportsektor: Über den amerikanischen Privathaushalten und Unternehmen hat sich die größte Schuldenpyramide aller Zeiten aufgehäuft. In den vergangenen Jahren wurde jeder Dollar an zusätzlichem BIP mit vier Dollar zusätzlichen Schulden erkauft. Und diese Schulden werden nicht einfach verschwinden, nur weil die Einkommen der Haushalte und die Gewinne der Unternehmen zusammenbrechen. Schon jetzt melden US-Banken wie Bank of America einen scharfen Anstieg notleidender Kredite.

Der Einsturz der amerikanischen Kreditpyramide würde das gesamte US-Bankensystem und ebenso die großen Banken Europas hinwegfegen. Und nach wie vor wachsen die Schulden von Haushalten und Unternehmen in den USA mit einer Jahresrate von tausend Milliarden Dollar - das entspricht etwa der gesamten Staatsschuld Deutschlands nach mehr als 50 Jahren. Schon die Angst der Finanzmärkte vor einer solchen Entwicklung könnte die gigantische Kapitalflußmaschine Richtung USA ins Stottern bringen und damit selbst zum Auslöser der Katastrophe werden.

Lothar Komp