Von Rainer Apel
Ein Hauptgrund dafür, daß es in 16 Jahren Kohl nicht zu der 1982 versprochenen "geistigen Wende" kam, lag einfach darin, daß die geistige Substanz der CDU zu schwach war, dem Einbruch des Gedankenguts der linken 68er etwas entgegenzusetzen. Neoliberalismus, der dominierende Zeitgeist der CDU, ist bei genauerer Betrachtung ja auch nur die nicht-linke Form der 68er-Strömung. Den FDP-Generalsekretär Westerwelle hat das immerhin schon in den Big-Brother-Container hineingetrieben. Aber die "neue CDU nach Kohl" hat hier auch einiges zu bieten: So glaubt Angela Merkel, ausgerechnet die Neue Ökonomie mit ihren heftigen Turbulenzen und Milliardenverlusten am Frankfurter NEMAX als Leitbild der neuen sozialen Marktwirtschaft entdeckt zu haben.
Besonders aufschlußreich sind jüngste Äußerungen des CDU-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Merz in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel vom 1. Dezember. Dort bekannte sich der Stichwortgeber der laufenden Debatte über "deutsche Leitkultur" als Anhänger der modernen Popkultur, der man alles nachsagen kann, nur nicht, daß sie geistige Tiefe hätte. Bei Merz wirkt, was er vor 30 Jahren aufsaugte, bis heute nach: "Ich war 1969 das erste Mal in England. Mein Onkel, der ein totaler Autonarr war, hatte mich zu einem Formel-Eins-Rennen mitgenommen. Jackie Stewart war damals der große Star. Und überall lief Honky Tonk Woman von den Stones, das ist bis heute eines meiner Lieblingsstücke. Ich habe noch immer eine Doppel-CD von den Stones, die hole ich mir eher aus dem Schrank als eine von den Beatles."
Was Merz aber so richtig vom Stuhl reißt, ist die Musik der Doors: "Ich habe im Keller noch 1,50 Meter alte Schallplatten. Und sogar der alte Riemenplattenspieler ist noch voll funktionsfähig. Manchmal gehe ich runter und lege die Doors auf, die sind so großartig, von denen habe ich sogar eine CD in meiner Berliner Wohnung". Neben anderen unappetitlichen Dingen machte Doors-Sänger Jim Morrison vor mehr als 30 Jahren Schlagzeilen als Ödipus-Verschnitt mit dem Lied: "The End." Das endet mit den äußerst liebenswürdigen Worten: "Vater, ich will Dich töten... Mutter, ich will Dich... Arrrgh!" Merz macht das auch heute nichts aus: "Mir gefällt die Musik, ich muß ja nicht jede Textzeile analysieren."
Andern in der CDU gefällt diese laut Morrison selbst von Freud und Nietzsche inspirierte Musik vermutlich doch nicht so, und deshalb schlägt Merz in dem Interview vor, im nächsten Bundestagswahlkampf mit Angela Merkel als Spitzenkandidatin den Song von Tom Jones, "She's a Lady", als Titelthema zu nehmen. Auch sehr schön, diese Idee. Vielleicht sollte die CDU das "C" in ihrem Parteinamen gleich ganz ersetzen, etwa durch "P" wie "Pop".
Die Auslassungen von Merz trafen verdientermaßen auf Spott. So konnte sich die Süddeutsche Zeitung nach dem Erscheinen dieses Tagesspiegel-Interviews einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen, aus dem wir das dort am 5. Dezember geschilderte, dem neuen Stil von Merz nachempfundene Leitkulturszenario wiedergeben: "Familie Merz beschließt den Adventsonntagsnachmittag so traulich, wie sie ihn begonnen hat. Die Mädchen führen Quer- und Blockflöte an die Münder, Philippe (der Sohn) seine Klarinette, Friedrich die Posaune. Mutter zählt den Takt vor, zwei, drei. Wie seit etlichen Wochen schon proben sie auch heute wieder die Etüde The End von den Doors. Friedrich Merz lächelt still."
Von Morrison-Vorbild Nietzsche zu Heidegger, einem weiteren Vordenker des modernen Nihilismus, ist es nicht weit, und als Brücke dient Merz hier Heideggers einstige Lieblingsstudentin Hannah Arendt. Deren 25. Todestag am 4. Dezember suchte sich Merz aus, um einen Nachruf auf sie für die Welt zu verfassen, in dem er sie als Mutter des Begriffs "Freiheit", wie er als Leitbild für den modernen Bundesbürger gelten solle, darstellt. Und "Hannah Arendts Vermächtnis" (so die Überschrift von Merzens Würdigung) ist Merz sogar noch mehr als das: "Dies sind Fundamentsteine für eine am Menschen orientierte Politik des 21. Jahrhunderts." Fundamentsteine für die bundesdeutsche Linke, die ihren Angriff auf die Institutionen der Bundesrepublik 1968 mit Arendts abwegiger Totalitarismustheorie rechtfertigte, waren es allemal. Die CDU hat es doch weit gebracht, in den letzten 32 Jahren.