Stellen wir uns den Westen einmal als Patienten vor, der mit der Beulenpest darniederliegt. Eine der größten, eitrigsten und stinkendsten Pestbeulen am Körper dieses Patienten sind derzeit zwar die Niederlande; doch auch der übrige Körper ist verseucht, befindet sich in der Endphase einer potentiell tödlichen Krankheit. Die Inkubationszeit ist gekennzeichnet durch einen fundamentalen Werteverlust und eine Fehlinterpretation dessen, was das eigentliche Wesen menschlicher Handlungsfreiheit ist. Auch die Krankheitssymptome sind unverkennbar: ein Menschenleben gilt wenig bis nichts; es herrscht ein weitgehendes Unverständnis der Besonderheit menschlichen Lebens mit einem daraus resultierenden Verlust an Menschenliebe.
Eigentlich bedurfte es kaum mehr der Eskalation durch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise, diese hochexplosive Mischung detonieren zu lassen. Doch sicher ist dies ein wesentlicher Grund, daß sie schneller detonierte und in den Niederlanden zum offenen Abschlachten hilfloser, "lästiger" und "zu teurer" Menschen führt. Es ist diese Mischung, die auch in anderen Ländern zum gewollt frühzeitigen Tode "lästiger" Mitmenschen führt. Doch geschieht dies im Unterschied zu den Niederlanden dort nicht offen, sondern "passiv", meistens durch Unterlassungen gebotener Behandlungen oder aber als "Nebenwirkung" von Budgetierungen und Rationierungen im Gesundheitswesen.
Das Erschrecken, mit dem die Weltöffentlichkeit auf die Vorgänge in den Niederlanden reagiert hat, ist daher nicht nur ein Erschrecken über die Vorgänge selbst, sondern über den dort geübten eklatanten Verstoß gegen alle Regeln der "political correctness". Mit anderen Worten: man darf zwar töten, doch darf man es nicht so nennen.
Manche aber mag etwas anderes erschreckt haben. Die Geschehnisse in den Niederlanden sind das logische Endresultat dessen, was einst mit der alten Parole der Abtreibungsbewegung in den Niederlanden begann. Erinnern wir uns oder scheuen wir feige die Konfrontation? Zu Beginn war es der Bauch, der "mir" gehörte. Nur kurze Zeit später war es dann der Tod, dessen genaue Form, Ausgestaltung und Zeitpunkt "mir" gehörte - beides wurde als Triumph der Selbstbestimmung, als wichtigstes Menschenrecht auf Erden proklamiert. Nun aber ist eine Situation eingetreten, in der sich die Macht, die man gegenüber dem wehrlosen Ungeborenen zu haben glaubte, plötzlich gegen einen selber richtet.
Mit den gleichen Parolen, die man selbst lange Zeit großspurig und unüberlegt im Munde führte, wird nun auch über Leben und Tod von schwachen, kranken und alten Menschen verfügt. Das ungeborene Leben sei ja nicht wirklich schutzwürdig, so meinte man. Schon gar nicht, wenn es Lebenspläne über den Haufen warf. Und erst recht, wenn es behindert war - wer wollte einem zumuten, sich um solch ein Wesen zu kümmern? Nur wurde dabei in der Kurzsichtigkeit der Jugend übersehen, daß man selbst und andere eines Tages alt, krank oder behindert sein werden, daß man dann seinerseits Lebenspläne über den Haufen wirft, stört und Geld kostet. Und daß es auf die Dauer nicht ohne Folgen für das moralische Rechtsempfinden einer Bevölkerung bleiben konnte, wenn menschlichem Leben im Anfangsstadium seiner Existenz kein Respekt mehr entgegengebracht wurde. Die unausbleibliche moralische Verrohung mußte irgendwann dazu führen, daß auch an andere Stadien menschlicher Existenz die gleiche Meßlatte angelegt wurde. Wird dann aber das eigene Leben als wertlos, nicht länger "lebenswert" oder als "störend" eingestuft, steht man fassungslos vor den Trümmern des Altars der "Selbstbestimmung" - eines Götzenaltars, den man einst anbetete und dem unzählige Menschenopfer gebracht wurden.
Entsetzt blickt man nun in die unverstellte Fratze der "Selbstbestimmung" und sieht nichts als Brutalität, Macht, Willkür, Beliebig- und Sinnlosigkeit. Was einst als Freiheit verkauft wurde, ist in Wirklichkeit Versklavung und führte immer weiter fort von dem, was wahre menschliche Freiheit ist und ausmacht. Denn Freiheit bedeutet nicht, mit sich selbst und anderen Menschen tun oder lassen zu können, was man gerade will, und seine niederen Instinkte ungehemmt auszuleben. Im Unterschied zum Tier ist der Mensch prinzipiell vernunftbegabt - eine Begabung, die ihn befähigt, sich seiner Stellung und seiner Verantwortung gegenüber dem Jetzt, dem Früher und dem Morgen bewußt zu werden, die ihn befähigt, seine Talente und Fähigkeiten zu entwickeln und nutzbringend für seine Mitmenschen und für folgende Generationen einzusetzen.
Daß der Mensch - ebenfalls im Unterschied zum Tier - die Freiheit besitzt, sein Potential entweder zu entwickeln und einzusetzen oder aber es zu leugnen und ungenutzt brachliegen zu lassen, ändert indes nichts an dieser ihm als Gattungswesen verliehenen entscheidenden Charakteristik, die gleichzeitig seine Vormachtstellung in der Schöpfung begründet. Und anders als in der bioethischen Diskussion erstreckt sich die mit dieser Besonderheit verbundene Würde natürlich auch auf solche Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Armut und Unwissenheit an der Entfaltung ihres menschlichen Potentials gehindert sind.
Wird diese schlichte und doch so weitreichende Wahrheit verdrängt, wird die Besonderheit des Menschen geleugnet und auch nicht mehr gelehrt, dann wird sie irgendwann auch nicht mehr wahrgenommen und gelebt. Tauchen nun Konflikte auf, wird mangels verbindlicher Normen im "eigenen Interesse" entschieden oder gegeneinander abgewogen, was sich eigentlich jeglicher Abwägung entzieht, wobei klar ist, daß der jeweils Mächtigere und Stärkere dabei das Sagen hat.
Die gesellschaftliche Akzeptanz der Abtreibung ist ein offensichtliches Symptom dieser Entwicklung, Euthanasie ein anderes. Doch bestimmt diese Miß- und Geringachtung menschlichen Lebens nicht nur Anfang und Ende dieses Lebens, sondern natürlich auch das Leben zwischen diesen beiden Polen. Hebt sich der Mensch nicht von der übrigen Schöpfung ab, dann darf auch seine seelische Entwicklung vernachlässigt werden: ob er Drogen nimmt oder nicht, ob er Gewaltvideos konsumiert, wen stört das schon? Auch ob Menschen durch Prostitution und Armut degradiert werden, ob Menschen auf dieser Erde Hungers sterben, ob sich ganze Regionen der Welt in Friedhöfe und Siechenhäuser verwandeln, wird immer dann unwichtig, wenn das Wissen um den Wert und die grundsätzliche Besonderheit jedes einzelnen Menschenlebens abhanden gekommen ist.
Große Teile der Welt stehen in Flammen, sind durch Kriege und Unterentwicklung gebeutelt. Wir haben tatenlos zugeschaut, und warum hätten wir auch eingreifen sollen? Warum sollten wir wohl Fremden helfen, wo wir es doch in Ordnung fanden, unsere eigenen Kinder und Alten zu töten?
Wer mag sich angesichts dieses gewaltigen Scherbenhaufens noch zum Verteidiger unserer alten Denk- und Lebensweisen und -gewohnheiten aufschwingen? Wer jetzt noch leugnet, daß wir dringend über die wirkliche Natur und Bestimmung und die Besonderheit menschlichen Lebens nachsinnen müssen, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.
Dieses Nachsinnen ist keine Option, nichts Akademisches, etwas, das man tun oder auch lassen kann. Den Abgrund vor Augen ist es überlebenswichtig, genügend Menschen zu finden, die sich heute ihrer konkreten Verantwortung stellen.
Dies sind die überaus schmerzhaften Lehren aus den Geschehnissen
der Niederlande - für die Niederlande und für uns alle. Es gibt
keine anderen Wahrheiten, kein Abwarten, Zudecken, Wegsehen
mehr, wenn wir uns und unsere Kinder und Enkel vor der Barbarei
retten wollen.
Jutta Dinkermann