Aus der Neuen Solidarität Nr. 6/2000:
Italienische Senatoren für ein neues Bretton Woods
Im italienischen Senat wurde kürzlich ein Antrag
eingebracht, mit dem die Regierung aufgefordert wird, auf eine
neue Bretton-Woods-Konferenz zur Reorganisation des Weltfinanz-
und Währungssystems hinzuarbeiten. Kernpunkte sind feste
Wechselkurse, Eindämmung der Finanzspekulation, staatliche
Investitionsförderung für Infrastrukturaufbau und
fortschrittliche Technologien.
Nach der Auffassung des italienischen Senats
Nach Auffassung des italienischen Senats ist daher die
Regierung verpflichtet
Maßnahmen gegen die weltweite Finanz- und Währungskrise gefordert
Elf Senatoren der Oppositionspartei Alleanza
Nazionale (AN) brachten am 12. Januar im italienischen Senat,
der zweiten Kammer des Parlaments, einen Antrag für eine neue
Bretton-Woods-Währungskonferenz ein. Die AN bildet zusammen
mit der Forza Italia (FI) des Industriemagnaten und
früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi den
Wahlblock "Polo". Die italienische Regierung wird darin
aufgefordert, eine Initiative zur Einberufung einer neuen
Bretton-Woods-Konferenz zu diskutieren und zu beschließen.
Erstunterzeichner des Antrags war Senator Riccardo Pedrizzi,
der stellv. Vorsitzende der AN-Fraktion im Senat. Pedrizzi ist
auch Sekretär des Finanzausschusses im Senat und gehört als
leitendes Mitglied der "Parlamentariergruppe für das
Jubiläum 2000" an. Die anderen Unterzeichner - Antonio
Battaglia, Piero Pellicini, Giuseppe Valentino, Vito Cusimano,
Francesco Servello, Mario Palombo, Francesco Bevilacqua, Italo
Marri, Michele Florino und Vincenzo Demasi - gehören
verschiedenen Senatsausschüssen wie dem Wirtschafts-,
Wissenschafts-, Landwirtschafts-, Verteidigungs- und
Bildungsausschuß an.
Senator Pedrizzi hat sich zudem in einem Brief an seine
Senatskollegen der anderen Parteien gewendet und sie
aufgefordert, den Antrag ebenfalls zu unterzeichnen. Inzwischen
haben sich weitere Senatoren dem Aufruf angeschlossen: Luigi
Manfredi (FI), Eupreprio Curto (AN), Ettore Bucciero (AN),
Vincenzo Mungari (FI), Marco Toniolli (FI) und Rosario Giorgio
Costa (FI-CDU). Auch bahnt sich eine parteiübergreifende
Diskussion darüber an, ob eine gleichlautende Eingabe auch im
Parlament vorgelegt werden soll. Außerdem bestehen Pläne, auch
in Regionalparlamenten und Stadträten über eine
Bretton-Woods-Konferenz zu diskutieren.
Der gesamte Text der Eingabe wurde bereits im
Sitzungsprotokoll veröffentlicht. Sollte eine Mehrheit für
den Antrag zustande kommen, wäre die Regierung gebunden, eine
entsprechende Initiative zu ergreifen. Es folgt der Wortlaut
der Eingabe.
Nach der Auffassung des italienischen Senats:
- sind seit 1997 die Finanzkrisen in Asien, Lateinamerika
und Rußland sowie der Zusammenbruch des größten Hedge-Funds LTCM
keine Einzelfälle oder Zufälle, sondern Ausdruck einer Krise des
gesamten internationalen Finanz- und Währungssystems, die
mehrfach bis an den Rand einer wahren Implosion führte;
- hat die Globalisierung und die völlige Internationalisierung
der Finanzmärkte dazu geführt, daß ein Kollaps auf
irgendeinem Finanzmarkt Instabilität für das gesamte System
bedeutet, hauptsächlich aus zwei Gründen:
a) daß es sich bei den meisten Finanzoperationen um
kurzfristige bzw. sehr kurzfristige Operationen handelt;
b) daß die internationalen Institutionen wie der Internationale
Währungsfonds (IWF) und die Weltbank schlecht funktioniert
haben, was die jüngsten Entwicklungen im Bereich der russischen
Wirtschaft auf aufsehenerregende Weise demonstriert haben;
- haben in den vergangenen Monaten viele internationale
Wirtschaftsexperten, die bis vor kurzem ihre Besorgnis
nicht öffentlich zum Ausdruck gebracht hatten, die Gefahr eines
nahe bevorstehenden Finanzcrashs zum Thema gemacht. Ernst
Welteke, der Chef der Bundesbank, warnte am 18. Oktober 1999
in Leipzig vor den negativen Auswirkungen der
"Spekulationsblase", die auf den Aktienmärkten geschaffen
wurde, nicht nur auf diese Märkte, sondern auch auf die
Wirtschaft insgesamt. Und der ehemalige Bundeskanzler
Helmut Schmidt betonte in der Welt am Sonntag vom 1.
August 1999: "Die Menschen erkennen nicht, daß der Aktienboom
total überbewertet ist, und daß es Psychopathen sind, welche die
Kurse nach oben treiben." Wann genau der Dow Jones einbrechen
werde, sei unklar: "Eine Korrektur muß nicht gleich morgen
passieren. Aber daß sie stattfindet, ist so sicher wie das Amen
in der Kirche";
- sind mit der Entscheidung vom 15. August 1971, den Dollar vom
Gold abzukoppeln, Maßnahmen zur Deregulierung von Wirtschaft,
Währung und Finanzen eingeführt worden, die das Ende des 1944 in
Bretton Woods gegründeten Systems bedeuteten, eines Systems, das
durch Währungs- und Kapitalkontrollen sowie
Kreditschöpfung für reale Investitionen - vor allem mit dem
Marshall-Plan - den Wiederaufbau der zerstörten
Volkswirtschaften nach dem Zweiten Weltkrieg gestützt und
eine Periode der Entwicklung eingeleitet hatte;
- hat es in den vergangenen 30 Jahren eine echte Spaltung
zwischen Realwirtschaft und Geldwirtschaft gegeben;
letztere ließ eine gigantische finanzielle und spekulative Blase
entstehen, welche die Strukturen der Weltwirtschaft
vollkommen verändert hat. Berechnungen zufolge umfaßt diese
Blase Finanzwerte mit einem Gesamtwert von mindestens 40
Billionen Dollar.1 Die vom Handelsministerium, vom
Vorstand der Federal Reserve und von der [amerikanischen
Bundeseinlagenversicherung] Federal Deposit Insurance
Corporation über die US-Wirtschaft veröffentlichten Daten
bestätigten dies. Tatsächlich hatte am Ende des ersten
Quartals 1999 die Gesamtsumme aller Finanzwerte 96,97
Billionen Dollar erreicht. Dem steht ein
Bruttosozialprodukt von 9,07 Billionen Dollar gegenüber -
ein Verhältnis von 10,7 zu 1. Es ist selbstevident, daß die
US-Situation keine Ausnahme bildet, vielmehr ist sie die Regel
und das gleiche wie für die USA gilt auch für die Japaner,
Europa und andere Ökonomien;
- hatte der beschriebene Prozeß verheerende Auswirkungen
insbesondere auf die Wirtschaft und den Lebensstandard
der Entwicklungsländer, z.B. Malaysia, wo 1997 massive
spekulative Attacken gegen dieses Land innerhalb weniger Wochen
den gesamten Fortschritt zerstörten, der mit der Arbeit und dem
Einsatz der ganzen Nation in 40 Jahren errungen worden war, wie
Ministerpräsident Mahathir öffentlich erklärte. Malaysias
Entscheidung, auf diese Destabilisierung und die ungezügelte
Globalisierung mit Währungs- und Kapitalkontrollen zu
antworten, erlaubte es dem Land, seine Wirtschaft wieder zu
stabilisieren (so nahm das BSP innerhalb eines Jahres um 6% zu),
was sogar der stellv. IWF-Direktor Stanley Fisher anerkennen
mußte;
- hat der gleiche Prozeß auch in den meisten
Industrieländern extrem negative Auswirkungen auf Produktion
und Beschäftigung mit besorgniserregenden sozialen Folgen.
Indem bei diesem Prozeß die Regierungen und demokratisch
gewählten Parlamente ihrer Macht beraubt werden, wird
gleichzeitig das Prinzip der nationalen Souveränität sowie der
Verfassungsauftrag für Fortschritt und Entwicklung in Italien
und anderen Ländern unterhöhlt. Darüber hinaus führt dieser
Prozeß dazu, daß international die Gefahr regionaler Konflikte
und Kriege zunimmt. Hinzu kommt, daß das Wachstum der
Finanzwerte im Verhältnis zum BSP - wie in den vergangenen
Jahren geschehen - ohne Regulierungen im Rahmen der
Finanzglobalisierung nicht von selbst enden wird und daher eine
noch größere Liberalisierung der Märkte bevorsteht.
- besteht die sehr ernste Gefahr, daß die vielen
Refinanzierungsoperationen der Finanzblase durch das
Hineinpumpen von Liquidität eine inflationäre Explosion nicht
nur der Finanzwerte, sondern aller Preise verursachen;
Nach Auffassung des italienischen Senats ist daher die
Regierung verpflichtet:
1. die Initiative zu ergreifen und eine neue internationale
Konferenz auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs
vorzuschlagen, ähnlich derjenigen, die 1944 in Bretton Woods
stattfand, mit dem Ziel, ein neues Weltwährungssystem zu
gründen und die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die
Mechanismen, die zu der Spekulationsblase führten, zu
beseitigen und mit einem Programm zur Erholung der Wirtschaft zu
beginnen, unter anderem:
- eine stärkere Kontrolle des Devisenhandels durch
Einführung fester Wechselkurse, die nötigenfalls angepaßt
werden können, jedoch nur durch Entscheidung der
verantwortlichen Regierungen und mit Zustimmung der
Mitgliedsstaaten des neuen Währungssystems;
- Maßnahmen zur Beschränkung der Kapitalbewegungen;
- Einführung von Maßnahmen wie der Tobin-Steuer zur Eindämmung
kurzfristiger Spekulationsgeschäfte z.B. mit
Derivaten;
- Wiedereinführung des Goldreservesystems, bei dem die
Währungen an einen realen Bezugspunkt gekoppelt werden;
- Bereitstellung neuer Kreditlinien für Neuinvestitionen
in realwirtschaftliche Bereiche wie Industrie, neue
Technologien, Forschung und Landwirtschaft;
- Ausarbeitung den ganzen Kontinent umfassender
Infrastrukturprojekte, bei denen die neuen Technologien
und neuen Produkte der Forschung angewandt werden können, die
zum Motor des industriellen Aufbaus und der friedlichen
Zusammenarbeit zwischen Nationen und Völkern werden.
2. diesen Vorschlag den europäischen Institutionen wie dem
Europaparlament in Straßburg, der EU-Kommission sowie allen
EU-Institutionen, die für die Wirtschaftspolitik der EU
verantwortlich sind, sowie bilateral den verschiedenen
Regierungen und Parlamenten der EU-Länder vorzulegen.
3. alle Initiativen ähnlichen Inhalts zu fördern, die von den
Regierungen der USA und weltweit kommen - angefangen mit
China, Indien und Rußland.
Anmerkung:
1 Diese Zahl des offiziellen Resolutionstextes ist
ungenau; korrekt wäre: "300 Billionen Dollar im Vergleich zum
gesamten Welt-BSP von 40 Billionen Dollar".