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Pünktlich zum 75. Geburtstag des großen Federal-Reserve-Vorsitzenden kehrte auf den Finanzmärkten vorübergehend etwas Ruhe ein. Um die Stimmung kurzfristig anzuheben, verkündete Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs, nun sei der Zeit gekommen, wieder amerikanische Aktien zu kaufen. Schließlich seien diese so billig, wie schon lange nicht mehr. Da die ewig-optimistische Wall-Street-Prophetin das gleiche auch schon im vergangenen Jahr behauptet hatte - und diejenigen, die ihrem Rat folgten, dabei viel Geld verloren - hielt sich der Effekt ihrer Äußerungen natürlich in Grenzen. Immerhin schaffte es die Technologiebörse Nasdaq, die zuvor auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren eingebrochen war, an drei Handelstagen hintereinander nicht weiter zu fallen.
Aber das war es dann auch schon. Unmittelbar nach Ablauf der dreitätigen Geburtstagsfeierlichkeiten, das heißt eine Stunde nach Börsenschluß am 7. März, erinnerte das führende Internetunternehmen Yahoo an die harten Realitäten: Weil die Werbeeinnahmen kollabieren, mußte Yahoo jetzt bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr seine Gewinnprognosen für das laufende Quartal drastisch senken. Yahoo-Aktien gaben am nächsten Tag weitere 20% ab und waren damit weniger als ein Zwölftel dessen wert, was sie vor genau 12 Monaten kosteten. Yahoo-Chef Tim Koogle wurde gefeuert. Und mit einer Erholung der Werbeeinnahmen, so das Yahoo-Management, könne aufgrund des Zustandes der amerikanischen Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht gerechnet werden.
Bekanntermaßen verfolgen Federal Reserve und Bush-Administration eine Dreifachstrategie, um den Marsch in die Depression aufzuhalten: Zinssenkungen, Steuersenkungen und Aufrüstung. Damit niemand auf die Idee kommt, die Federal Reserve werde sich von weiteren Zinssenkungen abhalten lassen, nur weil die Inflationsraten bei den Erzeugerpreisen auf den höchsten Stand seit mehr als 10 Jahren hochgeschossen sind, wählte der Präsident der Federal Reserve von Dallas, Robert McTeer, am 6. März drastische Worte, die für einen "Hüter der Geldwertstabilität" in irgendeinem westlichen Industrieland noch vor kurzem undenkbar gewesen wären: "Wir hatten gerade schreckliche, schreckliche PPI-Zahlen (PPI = Erzeugerpreisindex), gefolgt von fast ebenso schlimmen CPI-Zahlen (CPI = Verbraucherpreisindex)", gab McTeer zu. Und "normalerweise" würde dies ausreichen, ihn in einen "Falken" zu verwandeln und "starke Dinge" zu sagen. Aber die Zeiten sind eben nicht normal. Originalton McTeer: "Zum jetzigen Zeitpunkt werde ich dem (den Inflationszahlen) keine Beachtung schenken. Ich werde mich darum kümmern, die Rezession zu verhindern. Mit der Inflation können wir uns später einmal beschäftigen."
US-Geheimdienste sollen Finanzmärkte retten
Zur gleichen Zeit bemüht sich George W. Bush, seine radikalen Steuersenkungen im Kongreß durchzubringen und das Nationale Raketenabwehrprogramm (NMD) in die Wege zu leiten. Weil letzteres aber eher die "Old-Economy"-Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA mit Aufträgen versorgen wird, soll nun zusätzlich ein gigantisches Aufrüstungsprogramm für die künftige "Cyber-Kriegführung" gestartet werden, das dann zur Rettung des schwer angeschlagenen "New Economy"-Sektors beitragen soll. Das Programm soll von der militärisch geführten Geheimdienstsuperbehörde National Security Agency (NSA) geleitet werden und einen "Cyber-Schutzschild" schaffen, der "alle empfindlichen Einrichtungen der USA vor Hackerangriffen schützt", von militärischen Einrichtungen über das Bankensystem bis hin zur Wasserversorgung.
In einem Interview mit dem Handelsblatt (veröffentlicht am 5. März) macht NSA-Berater James Adams klar: "Das Projekt ist in seiner sicherheitsrelevanten und finanziellen Dimension mit dem National Missile Defense Programm der USA (NMD) zu vergleichen", so daß mit Investitionen in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar zu rechnen sei. Im Unterschied zum NMD sollen aber die Europäer an der "virtuellen NMD" nicht beteiligt werden. Da man einen umfassende Schutz gegen Hackerangriffe niemals garantieren könne, sei Abschreckung ein wesentlicher Bestandteil des Programms. Adams betont: "Wenn ein Staat unsere Wasserversorgung mit einer Cyberattacke unterbricht, müssen wir im Stande sein, seine Stromversorgung oder sein Bankensystem lahmzulegen."
In jedem Fall läuft das Programm zur Cyber-Kriegsführung auf ein Rettungspaket für die darniederliegenden US-Softwareunternehmen hinaus, vergleichbar mit dem in beispielloser Weise aufgebauschten "Jahr 2000"-Computerproblem, das in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre den Softwareherstellern volle Auftragsbücher bescherte und maßgeblich zur Entstehung der Spekulationsblase an der Nasdaq beigetragen hatte. Weil aber auch die Kontrolle über die physische Infrastruktur des weltweiten Internets eine herausragende Rolle bei jeder Cyber-Kriegsführung spielt, sollen diesmal auch die Hersteller entsprechender Ausrüstungen wie Cisco oder Lucent nicht zu kurz kommen.
Japan: Finanz-Harakiri oder Staatsbankrott?
Verzweifelte Notmaßnahmen zum Abstützen eines maroden Wirtschafts- und Finanzsystems sind natürlich kein Privileg der Vereinigten Staaten. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, Japan, hat der plötzliche Einbruch der US-Exporte die ohnehin hoffnungslose Lage noch weiter verschlechtert. Alle möglichen Vorschläge geistern nun im japanischen Parlament, bei Regierung und Zentralbank herum.
Führende LDP-Politiker verlangen, der Staat solle direkt in den Aktienmarkt eingreifen und auf Kosten des Steuerzahlers den Verfall der Kurse aufhalten. Kazuo Ueda, Vorstandsmitglied der Zentralbank, schlug dagegen vor, die Bank von Tokio solle gegen die eigene Währung auf den Devisenmärkten intervenieren, also Yen verkaufen, um auf diese Weise den Wechselkurs des Yen noch weiter fallen zu lassen. Dies könne dann die japanischen Exporte beleben. Der Präsident der Bank von Japan, Masaru Hayami, verwahrte sich zwar bei einem Auftritt im japanischen Parlament vor derartigem monetären Harakiri. Aber dennoch stürzte die japanische Währung auf ein neues 20-Monate-Tief.
Am Tag darauf, dem 8. März, erschien der japanische Finanzminister Kiichi Miyazawa vor dem Haushaltsausschuß des Senats und gab eine extrem düstere Einschätzungen über die Entwicklung der Staatsschulden zum Besten. All die krampfhaften Bemühungen der vergangenen Jahren, die japanische Wirtschaftslage zu beschönigen, werden auf einmal über Bord geworfen. Laut Miyazawa befindet sich die japanische Wirtschaft in einer "kritischen Rezession" und es gelte, "harte Entscheidungen" zu treffen: brutale Einsparungen bei den Sozialausgaben oder drastische Steuererhöhungen. Infolge riesiger Rettungspakete für das bankrotte Bankensystem des Landes und einem Dutzend von Stimulierungsprogrammen für die Wirtschaft in insgesamt vierstelliger Milliardenhöhe (in DM gerechnet) werden die Staatsschulden bis März 2002 auf 666 Billionen Yen, umgerechnet 11,6 Billionen DM, explodieren. Miyazawa warnt: "Die Finanzen der Nation befinden sich jetzt in einem abnormalen Zustand, in einem Zustand ziemlich nahe dem Zusammenbruch."
Lothar Komp
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