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Im Gesamtverlauf des Jahres 2000 erlebte die Technologiebörse Nasdaq den schlimmsten Kurseinbruch ihrer Geschichte. Doch im Januar ging der Crash weiter. Dann kam der Februar und bescherte dem Dow Jones den zweitschlechtesten Monat der Nachkriegszeit. Alles das war aber noch gar nichts im Vergleich zu dem, was der März hervorbrachte: Die Handelswoche vom 12. bis zum 16. März endete für den Dow Jones mit dem höchsten Punktverlust (821 Punkte) seiner über hundertjährigen Geschichte. Allein am 16. März gingen an der Wall Street Aktienwerte in Höhe von 1200 Milliarden DM in Rauch auf, mehr als während des sogenannten Oktobercrashs von 1987.
In der darauffolgenden Woche beschleunigte sich der Absturz der "Old Economy"-Aktien noch weiter. Der Dow Jones fiel auf den tiefsten Stand seit März 1999, die Nasdaq gar auf den tiefsten Stand seit Oktober 1998. In Frankfurt, Paris, Mailand, Madrid, Zürich, Amsterdam und Stockholm sind die bisherigen Zwölfmonatstiefs der führenden Aktienindizes allesamt nach unten durchbrochen worden. Besonders heftig traf es den FT-SE-100-Index ("Footsie") der Londoner Börse, der am 22. März den größten Punktverlust seit 13 Jahren erlitt. Und dann gibt es da natürlich noch den "Neuen Markt" in Deutschland, der seinen routinemäßigen Kurssturz von hundert Punkten pro Tag kürzlich wieder aufgenommen hat und bei gleichbleibendem Tempo in etwa 14 Handelstagen auf die Nullmarke aufschlagen wird. Der durchschnittliche Jahresverlust der 50 wichtigsten Titel des "Neuen Marktes" beträgt mittlerweile 85%.
Wo wird das alles enden? "Die Märkte" schreien nach Zinssenkungen wie Junkies nach Rauschgift. Aber auch das hilft nicht mehr. Alan Greenspan hat "den Märkten" in den ersten drei Monaten des Jahres jetzt schon drei doppelte Portionen, also jeweils 50 Basispunkte, an Zinssenkungen verpaßt. Und es hat den Anschein, als hätte er damit stets eine neue Ausverkaufswelle ausgelöst. Immer häufiger laufen nun Gerüchte an den Börsenplätzen um, der einstige "Pate der Finanzmärkte" habe die Sache nicht mehr im Griff und werde in Kürze die Brocken hinwerfen.
In Japan hat die Zentralbank am 19. März dem enormen Druck aus dem In- und Ausland nachgegeben und die Nullzinspolitik wieder eingeführt. Die Bank von Japan erklärte, sie werde die Guthaben der Geschäftsbanken auf deren Reservekonto bei der Zentralbank schlagartig um 20% anheben. Dadurch werde sich die Liquidität des Bankensektors in einer Weise erhöhen, daß die Zinsrate für ungesicherte Tagesgelder automatisch auf null Prozent fallen wird. Notfalls wird die Bank von Japan noch mehr Geld ins Bankensystem pumpen. Zentralbankchef Masaru Hayami deutete sogar an, er werde, "falls notwendig", den direkten Aufkauf von Regierungsanleihen durch die Zentralbank über das jetzige Niveau von monatlich 400 Mrd. Yen (umgerechnet 7 Mrd. DM) hinaus anheben, um damit den Zusammenbruch der Staatsfinanzen abzuwenden, obwohl er dies mit Hinweis auf die Gefahr der "Hyperinflation" bislang strikt abgelehnt hatte.
Auch diese Notmaßnahmen konnten nur für 24 Stunden die Untergangsstimmung vertreiben. Alles zittert nun dem 31. März entgegen, an dem die japanischen Banken ihre - aufgrund von Aktiencrash und strengeren Bilanzierungsvorschriften katastrophalen - Zahlen vorlegen müssen. Ein paar der größten Banken der Welt könnten dann von der Bildfläche verschwinden und einen Run auf das gesamte Bankensystem auslösen.
Kernschmelze im "Investmentbanking"
Der Privatanleger, der mit eigenem Geld an den Börsen engagiert ist, hat seine ganz spezielle Sichtweise der Vorgänge an den Finanzmärkten. Wenn er nicht gerade zu den - allerdings ziemlich zahlreichen - armen Teufeln gehört, die ausgerechnet zur Zeit der Höchststände der Kurse eingestiegen sind, wird er sich selbst mit den Worten beruhigen: "Wie gewonnen, so zerronnen. Dann sind die Kurse eben wieder da, wo sie 1998 standen. Was soll's."
Diese Sichtweise mag für die persönliche Vermögensbilanz zutreffend sein, für das Verständnis der Dynamik an den Finanzmärkten ist sie dagegen in höchstem Maße irreführend. Denn dort gibt es kein Zurück. Der Aufbau der spekulativen Blasen an den weltweiten Börsen ging in den vergangenen Jahren mit einem gewaltigen Ausmaß an Zerstörung finanzieller und realwirtschaftlicher Substanz einher, was die einfache Rückkehr zur relativ heilen Welt früherer Jahre ausschließt. Allein schon durch die extrem hohe Verschuldung der global operierenden Unternehmen - die natürlich nicht verschwand, nur weil der Marktwert der Unternehmen zusammengebrochen ist - sind alle Brücken in die Vergangenheit abgerissen.
Die großen europäischen Telekomriesen bekommen dies ganz besonders deutlich zu spüren. Immer verzweifelter werden ihre Anstrengungen, die durch Übernahmen und UMTS-Mobilfunklizenzen aufgetürmten Schuldenberge unter Kontrolle zu bekommen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn ohne schnelle Fortschritte beim Schuldenabbau droht eine weitere Abstufung durch die großen Ratingagenturen, was dann automatisch die Kosten für den Schuldendienst weiter in die Höhe treibt. Erste Einnahmen aus den getätigten UMTS-Investitionen werden dagegen erst dann möglich sein, wenn diese Unternehmen noch einmal dreistellige Milliardenbeträge in den Aufbau der UMTS-Infrastruktur hineinstecken. Weil zwischenzeitlich die Blase der Telekomaktien platzte, gibt es aber sowohl an den Aktienmärkten als auch bei den Banken kein Geld mehr zu holen. British Telecom, France Telecom und Deutsche Telekom erfahren jetzt einen ähnlichen Teufelskreis, wie er bislang den hochverschuldeten Entwicklungsländern vorbehalten war. Auch hier werden schon bald die ersten, vom Steuerzahler finanzierten, Mega-Rettungspakete folgen.
Bei der British Telecom ist die Luft so dick, daß täglich neue Gerüchte über den Rücktritt der beiden Vorstandsbosse Sir Peter Bonfield und Sir Ian Vaillance verbreitet werden. Am 20. März sagte British Telecom in letzter Minute ein geplantes Treffen mit Finanzanalysten ab, weil, wie die Zeitungen berichteten, im Vorstand "die Nerven blank liegen". Die Deutsche Telekom hat sich derweil etwas ganz besonderes ausgedacht, um an frisches Geld heranzukommen, ohne formal die bei knapp 120 Mrd. DM liegende Verschuldung zu erhöhen: Die künftigen Einnahmen aus Telefonrechnungen sollen an ein bislang nicht genanntes "Offshore"-Finanzunternehmen im Ausland abgetreten werden, welches dann im eigenen Namen Anleihen in Höhe von 2 Mrd. Euro emittiert und den Betrag dann unverzüglich der Deutschen Telekom überläßt. Die Einzelheiten werden noch geprüft.
Wundern Sie sich also nicht, wenn die Zahlungsvordrucke Ihrer Telefonrechnung demnächst eine Bankverbindung auf den Bahamas oder einer kleinen Insel im Südpazifik nennen. Bei der holländischen KPN führt die Schuldenlage nun zu einem Prozeß, den man als eine Art "Entglobalisierung" bezeichnen könnte. Alle die Telekomunternehmen, die man erst vor kurzem auf der ganzen Welt eingekauft hat, müssen jetzt wieder verscherbelt werden. So plant KPN neben dem Abstoßen von Immobilienwerten den Verkauf ihrer Beteiligungen in Tschechien (Cesky Telecom), Ungarn (Pannon), der Ukraine (Mobile Communications), Indonesien (PT-Telekomsel), Irland (Eircom), Deutschland (E-Plus) und am internationalen Netzbetreiber Infonet.
KPN ist kein Einzelfall. In der Tat hat der Crash der Technologieaktien ungefähr seit dem Herbst vergangenen Jahres einen Phasenwechsel hervorgerufen, der sich durch das plötzliche Abwürgen der globalen Übernahmetätigkeit auszeichnet. Wie die auf globale Finanzdaten spezialisierte Agentur Thomson Financal Securities Data berichtet, ist das Volumen der weltweiten Firmenzusammenschlüsse und -übernahmen in den beiden ersten Monaten des Jahres auf 310 Mrd. Dollar eingebrochen, verglichen mit 818 Mrd. Dollar im Jahr zuvor. In den USA stürzte die Übernahmeaktivität im Januar um 78,5% unter den Vorjahreswert, im Februar um 56%.
Zugleich sind auch die Börsengänge fast zum Erliegen kommen. In den USA gab es hier einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 70% im Januar und um 85% im Februar. Die großen US-Investmentbanken melden aufgrund des zusammengebrochenen Geschäfts mit Übernahmen und Börsengängen allesamt einen dramatischen Rückgang ihrer Nettoeinnahmen im ersten Quartal. Massenentlassungen von Investmentbankern sind bereits in Vorbereitung.
Lothar Komp
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