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Aus der Neuen Solidarität Nr. 13/2001:

Jetzt die Tiere gegen MKS impfen - auch gegen EU-Diktat!


Die tatsächlichen Motive

Erste Fälle der Maul- und Klauenseuche (MKS) in den Niederlanden haben höchste Alarmstufe ausgelöst. Der Nordosten Hollands und die angrenzenden Gebiete auf deutscher Seite gehören zu den viehdichtesten Regionen der Welt. Das ist der befürchtete "Supergau", von dem die Tierärzte gleich nach dem Ausbruch der Seuche in Großbritannien sprachen. Hier muß geimpft werden und zwar sofort, wenn man eine explosionsartige Ausbreitung der MKS verhindern will. Die niederländische Regierung beantragte unverzüglich die Notimpfung in Brüssel. Die Antwort kam prompt: Nein.

Bereits am Montag davor bei einer Dringlichkeitssitzung der EU-Agrarminister mit Kommissar Fischler beharrte die Kommission auf ihrer Verweigerungshaltung mit den bekannten, unsinnigen Argumenten. Denn der genaue Typ des Erregers ist identifiziert, und eine Million Einheiten des entsprechenden Impfstoffes liegen abrufbereit. Geimpfte Tiere können den Erreger so lange ausscheiden, wie sie wollen, in einer geimpften Herde spielt das keine Rolle. Auch für das plötzliche Interesse am Seuchenzug haben wir kein Verständnis; es geht nicht darum zu beobachten, wie sich die Seuche denn nun weiter verbreitet, sondern darum, ihn zu unterbrechen, zum Stillstand zu bringen, und das geht nur mit der Impfung.

Die tatsächlichen Motive

Die Verweigerung der Kommission dürfte auch darin gründen, daß die Seuche vielleicht in Brüssel gar nicht so unwillkommen ist. Eines der wichtigsten Ziele der Kommission, und einiger Agrarminister wie z.B. von Renate Künast, ist es, die Tierbestandsdichte drastisch zu verringern. Dagegen gibt es erheblichen Widerstand in den Mitgliedsländern. Mit der Seuche läßt sich dieses Ziel elegant und über Nacht erreichen, und man hat auch gleich noch die tierdichtesten Regionen, die diesen Politikern ohnehin ein Dorn im Auge sind, entvölkert.

Die Haltung Brüssels zeigt erneut, welchen Einfluß die Briten im Zentrum der EU ausüben. Wie in der BSE-Krise, als England über Jahre hinaus notwendige Maßnahmen, ja selbst jegliche Untersuchungen in diesem Bereich verhinderte, bildet nun Großbritannien erneut die Spitze des Problems. Die Briten halten immer noch Schlüsselpositionen im gesamten Veterinärwesen der EU-Bürokratie besetzt und blockieren das notwendige Impfprogramm.

Die Briten scheinen wieder einmal unbelehrbar zu sein. Lieber riskieren sie den Staatsbankrott, als von überlebten Prinzipien abzuweichen. Das Centre for Economics and Business Research beziffert den Schaden, der der britischen Wirtschaft durch die Art und Weise, wie die Regierung die MKS-Krise handhabt, auf bisher 27 Mrd. DM. Hinzu kommen 9 Mrd. DM an erwarteten Steuerausfällen. In dieser Kalkulation werden die Schäden in der Agrarwirtschaft lediglich auf 3,3 Mrd. DM veranschlagt, wohingegen selbst die Regierung mit mindestens 9 Mrd. DM rechnet. Dabei wird der Höhepunkt der Seuche erst Ende Mai erwartet, und die Zahl der Ausbrüche werde sich erst Ende August deutlich beruhigen, heißt es in London.

Die Lage ist den britischen Behörden längst entglitten. Selbst in Fällen, wo MKS ausgebrochen ist, dauert es etwa eine Woche, bevor die Tötungstrupps auf den Farmen ankommen. Die Kadaver liegen dann sechs bis sieben Tage im Freien, wo sie von Füchsen und Vögeln gefleddert werden, die die Seuche weiter verbreiten. In einem Bericht, der von "Britanniens prominentesten Tierärzten" ausgearbeitet wurde, die mit dem Weltzentrum für MKS in Verbindung stehen, wird der Regierung vorgeworfen, daß ihre Politik des "Totschlagen und Verbrennens" wesentlich zur Ausbreitung der Seuche beitrage. Zwischen der Diagnose MKS und der Beseitigung der Tiere dürften allerhöchstens vier Tage verstreichen, betonen sie und verlangen die Impfung der Bestände.

"Das ist nicht einmal mehr mittelalterlich, es ist das Finstere Zeitalter", schimpfte die Sunday Times am 18. März. "Das Landwirtschaftsministerium überzeugte die Europäische Union, eine unfehlbare Strategie, wie man komplettes Chaos stifte, anzunehmen. Erstens: Man verweigere die Impfung und mache den europäischen Tierbestand verwundbar. Dann (indem man Schlachthöfe schließt, Tiertransporte erhöht) steigere man das Risiko für eine Infektion des Bestandes. Wenn das Virus auftaucht, ordne man eine chaotische, primitive Keulungspolitik an... Man unterbinde das Leben im Land (und nun auch in großen Teilen auf dem Kontinent), indem man für Millionen durch künstliche und bedeutungslose Restriktionen Unannehmlichkeiten schaffe. Wenn alles vorbei ist, dann bereite man sich darauf vor, das alles noch einmal durchzumachen, denn der Bestand ist immer noch ungeimpft und genauso verwundbar wie zuvor. Gott bewahre, daß die Ökoterroristen herausfinden, wie einfach das ist: Man könnte die gesamte EU lahmlegen, indem man sich lediglich mit einem Schinkenbrötchen und einer Liste von Streichelzoos bewaffnet."

Der Grad an Korruption, der in Brüssel in dieser Krise wieder zu Tage tritt, häuft nun den Mitgliedsländern die ganze Verantwortung auf. Auf sie kommt es jetzt an. Der holländische Landwirtschaftsminister kommentierte die Ablehnung seines Impfantrages mit den Worten: "Wir wollen keine mittelalterlichen Zustände wie in Großbritannien. Wir werden keine Scheiterhaufen errichten. Wenn unsere Kapazitäten zur Vernichtung der Tiere in den Schlachthöfen nicht ausreichen, werden wir impfen." Selbst der Regierungschef forderte die Kommission öffentlich auf, unverzüglich die Impfung in die Wege zu leiten. Jeder Tag, an dem nicht geimpft wird, kostet einige Zehntausend Tiere, noch. Die Zahl könnte rasch in die Hunderttausende gehen. Wird die Seuche erst nach Mittel- und Osteuropa getragen, dann "Gute Nacht."

Rosa Tennenbaum

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