|
|
| Suchen | Abonnieren | Homepage des Verlags |
Von Rosa Tennenbaum
Endzeitstimmung, das ist der Eindruck, den die Bilder und Berichte aus England erwecken. Große Bagger heben eine riesenhafte Grube von 2,5 km Länge auf einem stillgelegten Armeeflughafen aus. Hier sollen eine halbe Million Kadaver verscharrt werden. Seit Beginn der vorigen Woche liegt die Ausführung der Massentötungen und die Beseitigung der totgeschlagenen Tiere in den Händen der Armee. Premierminister Tony Blair setzte Cobra wieder ein, einen Kreis verschwiegener Männer, der nur in Zeiten des nationalen Notstandes zusammentritt. Das ist das Hirn der Krisenbewältigung, hier laufen alle Informationen zusammen, hier wird der Feind lokalisiert, werden die Einsatzpläne erstellt. Landwirtschaftsminister Nick Brown darf noch die Schläge für seine vollkommen fehlgeleitete Politik einstecken, zu entscheiden hat er derzeit nichts mehr.
Fast jeden Tag werden neue, noch abscheulichere Zahlen genannt: 779 Ausbrüche, 482000 Tiere getötet, 347000 verbrannt, 282000 warten auf den Bolzenschuß, lautete die Kalkulation am vergangenen Donnerstag. Tony Blair will es dem Virus zeigen und erhöht die Zahl der totzuschlagenden Tiere jeden zweiten Tag. Bisher wurden in einem Radius von 3 km um erkrankte Herden herum alle Tiere gekeult, der Premierminister weitet den Radius auf 7 km aus. Statt einer Million Tiere sollen nun fünf Millionen unters Fallbeil. Und sollte man nicht vorsorglich in gefährdeten Regionen gleich alle Schafe abmurksen? Ein pensionierter Armeeoffizier regte gar an, dem Problem des Verbrennens der Kadaver mit Napalm zu Leibe zu rücken.
Die seltene Rasse der Herdwick Schafe wird in wenigen Tagen ausgerottet sein. Sie wurden vor 1000 Jahren von den Wikingern angesiedelt und sind seither in den kargen Bergregionen im Nationalpark im Norden Englands nahe der Grenze zu Schottland heimisch. Sie haben über die Jahrhunderte eine besondere Gabe, den sogenannten "hefting instinct" entwickelt. Die jeweilige Herde bewegt sich nur in einem eng begrenzten Gebiet, so daß man auf Zäune oder einen Schäfer verzichten kann. "Sie konnten tausend Jahre unter härtesten Naturbedingungen überleben, aber nicht die Politik dieser Regierung," kommentierte die Times am 27. März.
Nachdem ein halbes Dutzend Analysen über den zu erwartenden Verlauf der Seuche zu dem genau gleichen Schluß gelangten, nämlich daß der Höhepunkt des Seuchenzuges frühestens im Juni erreicht werden würde und insgesamt mit 4400 Ausbrüchen gerechnet werden müsse, erinnerten sich offenbar einige an das Unwort Impfen. Ältere Tierärzte, die sich noch an den Graus des letzten großen Seuchenzuges des Jahres 1967 erinnern, verlangten, man solle Ringimpfungen durchführen, um so die Zeit, bis die Tiere getötet und verbrannt werden können, zu überbrücken. Das wurde von der Regierung zurückgewiesen, doch binnen drei Tagen steigerte sich die Krise derartig, daß sich das Blatt nun zu wenden scheint. Der Premierminister sorgt sich nicht um die Landbevölkerung, er fürchtet um seine Wiederwahl; die Aussicht darauf sinkt mit jeder Woche, die er den Wahltermin hinausschieben muß.
Der Ständige Veterinärausschuß in Brüssel erlaubte London begrenzte Impfungen, wie sie in Holland gleich nach dem ersten Ausbruch aufgenommen wurden. Die Ringimpfung bedeutet, daß in einem Radius von 3 bis 10 km, je nach aktueller Lage und nach Windrichtung, um Höfe, auf denen MKS ausgebrochen ist, alle Tiere geimpft werden. Nur diese Ringimpfungen sind vom Verbot ausgenommen, was bedeutet, daß auch die geimpften Tiere so rasch wie möglich gekeult werden. Sie sind gesund, gefeit gegen MKS, aber sie müssen sterben, weil die EU in dieser verkehrten Welt die Antikörper gegen das Virus für schlimmer hält als das Virus selbst.
Ringimpfungen sind Teil der Ausrottungspolitik. Sie sind das absolute Minimum; so kann man wenigstens verhindern, daß die Seuche sich explosionsartig weiter verbreitet. Das ist aber auch alles, und selbst darum muß man in Brüssel streiten. Seit 1992 sind Impfungen gegen die beiden gefährlichsten Tierseuchen, Schweinepest und Maul- und Klauenseuche, verboten. Die Jahrzehnte davor wurden die Bestände in den meisten europäischen Ländern regelmäßig geimpft, und die beiden gefürchteten Epidemien traten nicht mehr auf. Der Grundfehler dieser Entscheidung war, sich einzubilden, die Seuchen ausrotten zu können. Schon gar im Zeitalter des unbegrenzten Güter- und Personenverkehrs mußte diese Strategie scheitern.
Absolute Seuchenfreiheit ist eine Illusion, die unter den gegebenen Umständen sich jeden Tag in Nichts auflösen kann. Und von dort zur Ausrottung der Tierbestände in ganzen Regionen ist es nur ein kleiner Schritt.
Seitdem nicht mehr vorsorglich geimpft wird, sind alle Maßstäbe, wie man mit Seuchen umgeht, verloren gegangen. Der Kampf gegen die Krankheit schlägt um in Barbarei. Töten, verbrennen, vernichten, ausradieren sind die alles beherrschenden Vokabeln dieser abscheulichen Methode. Das britische Landwirtschaftsministerium ist "dankbar für jede Art von Hilfe" in diesem blutigen Geschäft. Tierärzte, Metzger, Jäger, Armeesoldaten, alle werden benötigt, und das Ministerium gibt detaillierte Anweisungen über die verschiedenen Arten, die Tiere zu erledigen: Kleinere Tiere sollten mit Pistole, Gewehr oder Shotgun, größere mit dem Bolzenschuß oder der Giftspritze zu umgebracht werden.
Bei der Bekämpfung der Schweinepest, die in den letzten Jahren immer wieder ausbrach, wurde der grundlegende Wertewandel im Umgang mit Tieren etabliert. Hunderttausende von (fast ausnahmslos gesunden) Schweinen wurden vernichtet, ganze Regionen schweinefrei gemacht, obwohl ein Impfstoff griffbereit lag. Die Bauern protestierten dagegen, ohne Erfolg. Viele, die in diese Vernichtungsmaschine gerieten, gaben ihre Höfe auf, sie können diese Bilder nie mehr loswerden. Sie brauchen psychologischen Beistand, und nicht selten begehen sie Selbstmord. Gefühle wie innere Leere, Sinnlosigkeit der Existenz, Handlungsohnmacht, anhaltende Trauer, Schlaflosigkeit, Alpträume, Angstzustände, Depressionen werden sie nicht mehr los.
Schafe und ganz besonders Kühe stehen der Bauernfamilie aber viel näher als Schweine. Der Umgang mit den Tieren ist von Fürsorge geprägt. Nun müssen die Familien zusehen, wie ihre Ställe leer gekeult wird, nur weil die Tiere einer bestimmten Rasse angehören, und sitzen dann - wie in England - eingesperrt auf ihren leblosen Höfen zusammen mit den seit Tagen verwesenden Tieren. Wer möchte da nicht an jeglichem Sinn menschlicher Existenz zweifeln?
Selbst kranke Tiere wurden früher nicht gekeult, sondern isoliert und gesund gepflegt. Als die Impfung bei MKS noch nicht üblich und Desinfektionsmittel rar waren, hat man erkrankten Tieren mehrmals am Tag das Maul mit Essigwasser ausgespült und um die wehen Klauen Umschläge von Lehm mit Essig gemacht. Man gab ihnen weiches Futter wie gekochte Kartoffeln, Kleie und Mehltränke, die nicht stark gekaut werden mußten. In aller Regel wurde das Tier nicht nur wieder gesund, seine Leistungsfähigkeit war auch weit weniger eingeschränkt, als das heute veranschlagt wird. Fürsorgepflicht zahlt sich aus.
Die neue Seuchenpolitik ist tierverachtend, die Weltmarktorientierung läßt keinen humanen Umgang mit Tieren zu. Für die international agierende Agrarindustrie sind Impfen, zeitliche Beschränkungen von Tiertransporten, regionale Vermarktung nichts weiter als Handelshemmnisse, die beseitigt werden müssen. Hier liegt der Grund für den hartnäckigen Widerstand gegen die Impfung in Brüssel. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wer die Agrarpolitik der EU-Kommission dirigiert, so läge er hier auf dem Tisch, denn nur die internationalen Handelsgesellschaften haben ein Interesse an dieser Politik, sie allein ziehen Nutzen aus einer solchen, von Menschen gemachten Katastrophe.
Die Seuchenpolitik muß neu formuliert werden. Im Zeitalter der Globalisierung und Angesichts der Ausweitung der EU nach Mittel- und Osteuropa müssen wir uns endlich von der Illusion absoluter Seuchenfreiheit verabschieden. Vorsorge vor Ausrottung muß die Devise lauten. Die flächendeckende, vorbeugende Impfung, wie die Tierärzte fordern, muß wieder die Regel werden.
Frau Künast und die Grünen werden sich daran messen lassen müssen, auf welche Seite sie sich in dieser Schlüsselfrage schlagen. Tierschutz und artgerechte Tierhaltung sind Vokabeln, die die Ministerin gerne und oft im Mund führt. Bei dem Kampf um die Impfung gegen MKS ist sie bisher lediglich bereit, die Ringimpfung zuzulassen. Auch bei ihr heißt die Devise: Totschlagen und vernichten statt vorbeugen.
|
|
| Suchen | Abonnieren | Homepage des Verlags |