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Günter war als Wachtposten eingeteilt. Ein Stück abseits von den anderen stand er, mit einem Feldstecher und einer Thermoskanne ausgerüstet, auf einem wendländischen Hügel und hielt Ausschau nach anrückenden Polizeitruppen. Weit und breit war alles still. Der Castor-Zug würde noch lange nicht kommen. Er war froh, hier allein zu sein, denn er hatte Kopfschmerzen.
Warum war er eigentlich hergekommen? Günter war Theologe, aber nicht im Pfarrdienst, ein Grübler und seit langem in der Anti-Atom-Bewegung aktiv. Wenn er ehrlich zu selbst war - und das nahm er sich immer wieder vor - , dann waren es vordringlich nostalgische Beweggründe gewesen: Bei einer abenteuerlichen Anti-Atom-Demo Anfang der 80er Jahre hatte er Petra kennengelernt, seine spätere Frau. Seit drei Jahren waren sie geschieden, ihr gemeinsamer Sohn lebte bei ihm. Tobias ließ die Kernenergie völlig kalt. Er studierte BWL und glaubte an die Verheißungen der New Economy. Das wird sich bei dem Jungen schon noch geben, meinte Günter.
Sehr viel mehr störte ihn das penetrante Yuppietum der rot-grünen Bundesregierung, das sich leider nicht bloß im Tragen von Krawatten und teuren Anzügen mit Weste niederschlug. Wie kann man jahrelang eine riesige, hochmilitante Kampagne darum führen, welche tödliche Gefahr von Kernkraftwerken und allem, was damit zusammenhängt, ausgeht, um dann in Amt Würden einen "Atomausstieg" zu beschließen, der bedeutet, daß dieselben Kernkraftwerke noch bis zu 20 Jahre in Betrieb sein werden! Oder hieß das, Kernkraftwerke sind in Wirklichkeit gar nicht so gefährlich, wie wir immer behauptet haben?
Die Castor-Transporte selbst hielt übrigens kaum einer der Demonstranten mehr für gefährlich. Bei den Protesten gegen die Atommülltransporte vor ein paar Jahren war das noch anders, da wurde nachdrücklich gewarnt vor der Verseuchungsgefahr durch radioaktive Verunreinigungen an der Außenwand der Behälter. Hier hatte keiner Angst, die Castoren anzufassen oder sich draufzusetzen. Nur ein Landwirt fürchtete, es könnten vielleicht mit den Castoren Maul- und Klauenseuche-Viren aus Frankreich eingeschleppt werden. "Wenn die Castor-Transporte keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, warum sind wir dann eigentlich hier?", hatte er tatsächlich einen der Demo-Anführer gefragt. "Taktik!", hatte dieser erläutert. "Die Castor-Transporte sind die angreifbare Schwachstelle des Atomsystems."
Wenn aber die Castor-Transporte harmlos sind, und man die Atomkraftwerke noch 20 Jahre weiterlaufen läßt, dann könnte man sie ebensogut 50 Jahre weiterlaufen lassen - Zeit genug für die Atom-Heinis, inzwischen neue, inhärent sichere AKWs zu erfinden bzw. eine Methode, radioaktiven Müll zu neutralisieren. * Er verbot sich, diesen ketzerischen Gedanken weiter auszuspinnen und schaute durch das Fernglas.
Weder von den Castoren noch von Polizisten eine Spur. Von einem nahegelegenen Bauernhof trug der Nachtwind das Muhen von Rindern herüber. Tags zuvor hatte er die grauenvollen Bilder von englischen Massengräbern für gekeulte Tiere gesehen, kilometerlange ausgebaggerte Gräben für viele hunderttausend Kadaver gesunder Tiere, die nur deswegen getötet werden, weil die Europäische Union um jeden Preis vorbeugende Impfungen verhindern will. Es war ein Skandal, daß Renate Künast, die grüne Landwirtschaftsministerin, genau dieser Politik folgte: Keulen statt Imfen! Auch auf BSE reagierte sie mit einem Rindervernichtungsprogramm. Er konnte das einfach nicht begreifen. Da predigten die Grünen ständig "Energie sparen!", "Wasser sparen", "Müll vermeiden!" und dann werden Millionen gesunder Tiere getötet und als Müll verbrannt oder vergraben! Die Grünen hatten Krötentunnel erkämpft und das Lebensrecht von Feldhamstern, Walen und Großtrappen verteidigt, aber Rinder, Schafe oder Schweine werden behandelt, als wären sie gar keine Lebewesen - nur weil sie näher mit dem Menschen zu tun haben.
Er hatte schon öfter das Gefühl gehabt, daß die Verteidigung der Menschen nicht die starke Seite der Grünen war. Früher hatte er sich sehr für die Entwicklung der Dritten Welt eingesetzt und wäre beinahe als Entwicklungshelfer nach Afrika gegangen, wenn die Hochzeit mit Petra nicht dazwischen gekommen wäre. Wenn er heute an Afrika dachte, wurde er trübsinnig: Die Armut schlimmer als in den 70er Jahren, ganze Landstriche entvölkert durch AIDS. Ihm fiel ein Wortgefecht auf einer Veranstaltung über Ökologie und Wirtschaftsentwicklung ein. Der Redner vertrat den Ökostandpunkt: "Ein Lebensstandard für alle Afrikaner wie bei uns ist ganz unmöglich. Denken Sie an die Umweltverschmutzung und das Klima." Ein Afrikaner warf ein, daß die Bevölkerungsdichte in Deutschland sehr viel höher sei als in den meisten Ländern Schwarzafrikas. Und ein Atomkraftbefürworter hatte es gewagt, die Kernenergie als saubere, berherrschbar sichere und vor allem billige Energiequelle und Voraussetzung zur wirtschaftlichen Entwicklung der armen Länder zu bezeichnen. Der Ökologe war explodiert: "Wenn es je eine saubere, billige und unerschöpfliche Energiequelle geben sollte, dann wäre das vom ökologischen Standpunkt die größtmögliche Katastrophe für den Planeten."
Für den Planeten, hatte er gesagt, nicht die Menschheit. Der Unterschied war ihm damals gar nicht bewußt geworden. Meine Güte, wenn die anderen wüßten, was mir so alles durch den Kopf geht, dachte Günter. Aber die Gedanken sind frei.
Tobias betrachtete diese Dinge aus einem völlig anderen Blickwinkel. Mit dem Begriff "Wirtschaftsentwicklung" verknüpfte er Computer, Internet, Mobiltelefone, Multimedia. Immerhin bedauerte er, daß der Siegeszug der New Economy nach Afrika dadurch erheblich behindert wurde, daß so wenige Afrikaner Strom und Telefon hatten. Tobias gefiel sich übrigens in möglichst brutalen Beschreibungen des heutigen Wirtschaftsdschungels: "Ein Unternehmer, der Profit machen will, braucht vor allem einen Markt", dozierte er seinem angewidert lauschenden Papa. "Markt ist gleich zahlungsfähige Nachfrage, und zwar möglichst nach einem Produkt, das die Verbraucher ständig nachkaufen müssen und ohne das sie gar nicht auskommen können - wie z.B. Strom. Wer den Markt hat, kontrolliert auch die Erzeuger des Produkts und kann gezielt eine Verknappung herbeiführen. Der Profit bemißt sich nicht daran, wieviel er von dem Produkt herstellen läßt und verkauft, sondern daran, wie hoch er - z.B. durch Verknappung - den Preis treiben kann."
Günter war über diese Brutalo-Perspektive mit Tobias hart aneinandergeraten. Doch jetzt, in diesem Augenblick, schoß ihm ein höchst unangenehmer Gedanke in den Kopf, bei dem es ihm ganz heiß wurde: Verknappung! Das war der Grund für die Rindervernichtung - Aber galt dasselbe nicht auch für den Strom? Noch herrscht bei uns Stromüberschuß, aber wie wäre das ohne Atomstrom! Sollte etwa beabsichtigt sein, durch wachsende Schwierigkeiten für die Atomkraftwerke eine Mangelsituation zu erzeugen, um dann im Zuge der Stromderegulierung die Preise hochzutreiben?
"Mein Gott, was sind wir bloß für eine Lobby?" dachte Günter und wußte, daß er diese Frage nicht so schnell wieder loswürde. Aber die Kopfschmerzen waren verflogen. -
Viele andere Menschen könnten wohl auf ähnliche Gedanken kommen, wenn sie denken würden.
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