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Ökumene. Vom 4. bis 9. Mai unternahm Papst Johannes Paul II. seine zweite Reise "als Pilger auf den Spuren des Apostels Paulus".
Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Lage im Nahen Osten markierte die jüngste Reise des Papstes einen bedeutenden Fortschritt im "Dialog der Kulturen". Sie war ein Meilenstein auf dem Weg der Wiederannäherung zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen und zwischen Muslimen und Christen. Gegen Samuel Huntingtons "Kampf der Religionen und Kulturen" bekräftigte der Papst die paulinisch-cusanische Idee des "Friedens unter den Religionen", der "Liebe" und des "Dialogs unter den Völkern". Frieden und Dialog unter den Kulturen ist nur möglich, so die Botschaft des Papstes, wenn sich die Religionen auf ihr gemeinsames geistiges Erbe konzentrieren und wenn sie die Verteidigung des Gemeinwohls, den Kampf für Gerechtigkeit und wirtschaftliches Wohlergehen in den Mittelpunkt ihrer Zusammenarbeit stellen.
In Athen, der ersten Station seiner Reise, hielt der Papst zusammen mit Erzbischof Christodoulos von der griechisch-orthodoxen Kirche eine Gedenkrede auf dem Areopag, wo einst der Apostel Paulus zu den Athenern gesprochen hatte. Die beiden Kirchenoberhäupter hatten ein längeres Gespräch unter vier Augen, in welchem sie u.a. die Reise des Oberhaupts der griechisch-orthodoxen Kirche nach Moskau im Anschluß an die Papstreise besprachen, und gaben dann eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie - an die Worte des Paulus anknüpfend - ihren leidenschaftlichen Wunsch nach Einheit und Versöhnung bekräftigten.
In der griechisch-orthodoxen Kirche hatte man dem Besuch des Papstes, der vom griechischen Staatspräsidenten Simitis eingeladen worden war, ursprünglich sehr skeptisch gegenübergestanden. Die persönliche Begegnung zwischen Erzbischof Christodoulos, der im Anschluß an den Papstbesuch zum Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche Alexej II. nach Moskau fuhr, gestaltete sich jedoch über alle Erwartungen positiv.
Es kam einer Sensation gleich, als sich der Papst in Athen vor dem Führer der griechisch-orthodoxen Kirche für die Greuel entschuldigte, welche die Kreuzfahrer 1204 unter der Führung Venedigs (das die Kreuzzüge als politisches Mittel zum Aufstieg zur beherrschenden Macht im Mittelmeer benutzte) mit der Plünderung Konstantinopels an den griechischen Byzantinern verübt hatten.
Die Wunden der Vergangenheit seien nur "im Geiste der gegenseitigen Liebe" zu überwinden, erklärte der Papst, und indem man sich die Fehler aus der Vergangenheit eingestehe.
Auf den Spuren des Paulus, dessen Wirken die 2000jährige Geschichte des Christentums prägte, sei er nach Athen gekommen, wo Paulus im Rahmen seiner Missionsreisen die ersten christlichen Gemeinden gründete, begann der Papst seine Ansprache. "So sollten wir uns in Erinnerung rufen, daß hier in Athen der Dialog zwischen der christlichen Botschaft und der hellenistischen Kultur, der die europäische Zivilisation entscheidend prägte, begonnen hat." Teile des Alten Testaments waren ins Griechische übersetzt, das Neue Testament in griechischer Sprache verfaßt. "Die frühen Christen bauten auf der griechischen Kultur auf, um das Evangelium zu verkünden", fuhr Johanns Paul II. fort. Damals seien die "großen Zentren des christlichen Hellenismus in der mediterranen Welt" entstanden.
An den Schriften des Augustinus von Hippo und des Dionysius Areopagitus werde deutlich, wie sehr die christliche Theologie auf der platonischen Philosophie aufbaut. "Die hellenistische Welt wurde nach und nach christlich und das Christentum wurde in gewisser Weise griechisch."
"Raphaels Schule von Athen, die im Vatikanischen Museum zu sehen ist, macht den Beitrag der Schule von Athen auf die Kunst und Kultur der Renaissance deutlich. Es war eine Epoche, in der das Erbe des klassischen Athen sich mit der Kultur des christlichen Rom verband", sagte der Papst. Kennzeichnend für die hellenische Kultur sei ihr besonderes Augenmerk für die Erziehung der Jugend. "Platon hob hervor, es sei notwendig, den Geist des Jugendlichen zu erziehen, damit er das Gute und die Prinzipien des göttlichen Rechts erkenne. Wie viele griechische Philosophen und Schriftsteller, angefangen mit Sokrates, Aischylos und Sophokles, forderten ihre Zeitgenossen auf, ,in Übereinstimmung mit der Tugend' zu leben!"
Solche Äußerungen sind bemerkenswert. Außer zur Zeit der Renaissance - der Zeit des Kardinals Nikolaus von Kues und dessen Einfluß auf das Konzil von Florenz (1439), wo Theologen und Wissenschaftler die Grundprinzipien einer Wiedervereinigung von Ost- und Westkirche formulierten und der griechische Gelehrte Gemisthos Plethon in Florenz Vorlesungen über Platons Dialoge hielt - hat es eine solche Art des Bekenntnisses für das große platonisch-christliche Erbe noch nie von einem Papst gegeben.
Ebenso vom cusanischen Geist der Renaissance getragen war die gemeinsame Erklärung der Führer der griechisch-orthodoxen und der katholischen Kirche: Vor dem Areopag, wo einst der Apostel Paulus den Athenern den einen wahren Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist verkündete, wiederholen "wir mit einer Stimme und einem Herzen die Worte des Apostels der Nationen: (Kor. 1,10) Ich mahne Euch Brüder, beim Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig im Reden und laßt es nicht zu Spaltungen unter euch kommen; seid vielmehr wohlgeordnet durch gleiche Gesinnung und gleiche Überzeugung", so beginnt die Erklärung. "Wir verurteilen Gewalt, Proselytismus und Fanatismus im Namen der Religion."
Trotz des sozialen und wissenschaftlichen Fortschritts, heißt es in der Erklärung weiter, werde die Würde des Menschen, der als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, und der Wert des menschlichen Lebens nicht beachtet. Nicht die ganze Menschheit, nur ein kleiner Teil derselben genieße heute die Errungenschaften des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, und auch wenn der Lebensstandard in vielen Teilen der Welt verbessert wurde, seien die Herzen der Menschen kalt und indifferent gegenüber der Not und dem Hunger der anderen Menschen. Angesichts der Tatsache "daß täglich Millionen Brüder Kriege, Massaker und Folter" erlitten, müsse der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit, für die Beseitigung von Armut und Elend, für den Frieden, die Achtung des Lebens und die Verteidigung der Menschenwürde in den Mittelpunkt der Zusammenarbeit und des Dialogs gerückt werden.
Die Erklärung endete mit dem Ausspruch des Paulus: "Euch aber lasse der Herr reich werden und überströmen in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir sie haben zu euch. Er mache stark eure Herzen." (Thessalonicher 3,11-13)
Historisch einmalig war jedoch der Besuch des Papstes in der Omajjaden-Moschee. Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Religionen betrat ein Papst in Begleitung der höchsten örtlichen Autorität des Islam, des Großmufti von Syrien Scheich Kuftaro, diese berühmte Moschee. Zwei Religionsgemeinschaften, die sich jahrhundertelang ablehnend, mißtrauisch, aggressiv und kriegerisch begegnet waren, fanden plötzlich zueinander, vereint im gemeinsamen Gebet zu dem einen Gott und in der Verehrung des gemeinsamen Stammvaters Abraham.
Mitten in der Omajjaden-Moschee steht eine Gedenkkapelle Johannes des Täufers, des "prophetischen" Vorläufers Jesu Christi, der als jüdisch-christlicher Märtyrer auch von den Muslimen als "Yahya" verehrt wird. Gegenüber dem Großmufti erklärte der Papst, er sei tief bewegt, in der geschichtlich so bedeutsamen und reich ausgestatteten Moschee Gast sein zu dürfen.
Er drückte die Hoffnung aus, daß die Führer der moslemischen und christlichen Gemeinschaft ihren Dialog vertiefen werden. Er hoffe, daß vor allem die Jugend nicht die Religion dazu mißbraucht, Gewalt und Haß zu rechtfertigen. Denn "die Gewalt zerstört das Bild des Schöpfers in seinen Geschöpfen. Sie ist niemals die Frucht echter religiöser Überzeugung. Ich hoffe aufrichtig, daß unsere Begegnung in der Omajaden-Moschee unsere Entschlossenheit signalisiert, auf dem Weg des interreligiösen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam weiterzugehen. Es ist wichtig, daß Muslime und Christen philosophische und theologische Fragen gemeinsam erforschen, um zu einem objektiveren und umfassenderen Wissen über den Glauben des anderen zu gelangen. Als Mitglieder der einen Menschheitsfamilie und als Gläubige sind wir dem Gemeinwohl der Gerechtigkeit und Solidarität verpflichtet", erklärte der Papst.
Vom Standpunkt des "Gemeinwohls", betonte der Papst, sei der Dialog zwischen Islam und Christentum daher auch eine Plattform für eine verstärkte Zusammenarbeit im Kampf gegen die Armut und in der Verteidigung der Schwachen.
Am Schluß seiner Reise besuchte der Papst den nahe der syrisch-israelischen Grenze gelegenen Ort Quneitra. Im Sechstagekrieg 1967 wurde das syrische Quneitra von den Israelis eingenommen, 1974 im Rahmen eines internationalen Abkommens wieder zurückgegeben, allerdings völlig zerstört.
In der griechisch-orthodoxen Kirche sprach der Papst ein ergreifendes Friedensgebet, das prophetisch anmutet, wenn man es vor dem Hintergrund der eskalierenden Gewaltspirale im Nahen Osten sieht:
"Wir beten für die Menschen im Nahen Osten. Hilf ihnen, daß sie den Wall der Feindschaft und Trennung niederreißen und gemeinsam eine Welt der Gerechtigkeit und Solidarität bauen. Wir beten für die Politiker dieser Region, daß sie alles tun mögen, um die Hoffnung der Völker auf Frieden zu erfüllen und die Jugend im Geist der Gerechtigkeit und des Friedens zu erziehen. Inspiriere sie, großzügig für das Gemeinwohl zu arbeiten, die unveräußerliche Würde jedes Menschen und die fundamentalen Rechte, welche ihren Ursprung im Bild des Schöpfers haben, zu respektieren. Herr der Himmel und Erde, Schöpfer der einen Menschheitsfamilie. Wir beten für die Anhänger aller Religionen, daß sie Deinen Willen im Gebet und in der Reinheit des Herzens suchen. Mögen alle Gläubigen den Mut finden, sich gegenseitig zu vergeben, so daß die Wunden der Vergangenheit heilen und nicht zum Vorwand werden für weiteres Leiden in der Gegenwart. Möge dies vor allem im Heiligen Land stattfinden, diesem Land das Du gesegnet hast mit so vielen Zeichen deiner Vorsehung und wo Du Dich als Gott der Liebe geoffenbart hast."
Bei seiner Abfahrt aus Syrien auf dem Weg nach Malta bekräftigte der Papst im Hinblick auf die eskalierende Gewalt im Nahen Osten erneut eindringlich den Wunsch, daß Araber und Juden für eine gerechten Frieden arbeiten mögen. Eine Politik der Konfrontation werde niemals funktionieren. "Nur ein gerechter Frieden kann die Voraussetzungen für die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung, auf die die Völker der Region zu recht Anspruch haben, legen."
Er wolle als Pilger auf den Spuren des Paulus wandeln, hatte der Papst als Motto seiner Reise erklärt. Paulus war der bedeutendste Apostel der Völker, der den Grundstein für das Christentum und die heutige Zivilisation legte, indem er die "Theologie der Liebe" als wichtigste Grundlage des Christentums verkündete.
Mit dieser Reise hat der Papst Signale gesetzt, die weit in die Zukunft reichen, und hat allen Skeptikern zum Trotz die "Erwartungen und Verhaltensregeln gesprengt", wie der italienische Journalist Messori in einem Kommentar in der Corriere della Sera schrieb. In "ungewöhnlichen Zeiten" wie der heutigen habe der Papst erkannt, so schrieb Messori, daß Werte wie die Einheit der Christen, der Dialog der Religionen und Frieden unter den Menschen nicht mit den üblichen Mitteln voranschreiten und zu erreichen seien, und so habe er sich zu einer "prophetischen Geste entschlossen". Indem er sich für die Sünden der Kirche in der Vergangenheit entschuldigt, fordere er andere auf, der großmütigen Geste zu folgen. "Gegen den Hochmut der Welt setzt er Demut. Gegen Verschlossenheit Offenheit; Mißtrauen beantwortet er mit Vertrauen. Auf Kleinheit antwortet er mit Großmut."
Elisabeth Hellenbroich
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