Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum

Aus der Neuen Solidarität Nr. 22 vom 30.5.2001:

Medizinischer Fortschritt und Achtung der Menschenwürde kein Gegensatz

Mit der Rede des Bundespräsidenten ist die Diskussion um Gentechnik und andere umstrittene Forschungsbereiche wieder neu entflammt. Es gibt deutlichen Widerstand gegen Bundeskanzler Schröder, der von der Präimplantationsdiagnostik bis hin zum sogenannten "therapeutischen Klonen" menschlicher Embryonen so ziemlich alles erlauben will, was machbar ist.


Der Mensch ist kein "Kostenfaktor"
Kranke als Bittsteller abgespeist

Fortschrittsgegner meistern keine Herausforderungen

Falsche Alternativen

Viel ist in den letzten Tagen über die Berliner Rede des Bundespräsidenten Johannes Rau zum Thema Gentechnik und biomedizinische Möglichkeiten gesagt und geschrieben worden. Die Rede ist trotz mancher Schwächen und Fehleinschätzungen wert, gelesen und diskutiert zu werden. Denn Rau hat dort daran erinnert, daß menschliches Leben prinzipiell unantastbar ist und nicht instrumentalisiert werden darf.

Wichtiger als die Rede selbst ist der darin ausgedrückte Widerstand gegen Bundeskanzler Schröder, der sich über alle verfassungsrechtlichen Hürden hinwegsetzen und von der Präimplantationsdiagnostik bis hin zum sogenannten "therapeutischen Klonen" menschlicher Embryonen so ziemlich alles erlauben will, was machbar ist. Dies notfalls auch gegen den Willen des Parlaments, das über eine eigene überparteiliche Ethikkommission verfügt, die sämtliche in Frage stehenden Techniken bereits ablehnte. Mit der Kommission sperren sich auch die Kirchen und das Gros der deutschen Bevölkerung gegen die vom Kanzler beschworene "Gefahr", daß der "Standort Deutschland" in diesem "Spitzentechnologie"-Bereich "den Anschluß" verpasse. Ob nun allerdings der neue von Kanzlers Gnaden berufene "Nationale Ethikrat" Schröders Argumenten die Überzeugungskraft wird verleihen können, die diesen bisher offenbar fehlte, ist fraglich.

Dies weiß der Kanzler, und dementsprechend werden andere Geschütze aufgefahren. Nach Raus Rede behauptete Schröder, er erkenne zwar die Notwendigkeit, menschliche Embryonen zu schützen, an, doch gehe es einzig und allein um die "vielen Menschen mit zum Teil schwersten Erkrankungen", denen man damit doch helfen wolle. In ein ähnliches Horn stieß vor kurzem der Präsident der deutschen Forschungsgemeinschaft Winnacker, der sich nach eigenem Bekunden durch eine Art "Damaskus-Erlebnis", durch die Konfrontation mit einem "Behinderten", in einen "moderaten" Befürworter der Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen wandelte.

Dabei stellt sich nicht nur wieder einmal die Frage, für wie dumm die deutsche Bevölkerung eigentlich gehalten wird. Wenn es dem Kanzler und seinem Kabinett wirklich so ernst damit wäre, den betroffenen kranken Menschen im Lande zu helfen, hätten sie dies längst tun können. Gerade in den Bereichen, die heute so gerne als erfolgversprechendes Einsatzgebiet der neuen "Spitzentechnologien" bezeichnet werden (wie z.B. Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Krebs, AIDS, MS, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), könnte viel Leid bereits mit vorhandenen Therapien und Hilfsmaßnahmen und durch die Bereitstellung adäquater Pflege vermieden bzw. gelindert werden.

Der Mensch ist kein "Kostenfaktor"

Kranke und behinderte Menschen werden bis zum heutigen Tage von den Politikern vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen, die allesamt besser früher als später unter die Erde gebracht werden sollten. Es klingt genauso zynisch, wie es ist - aber tatsächlich sind nur so die Entwicklungen der letzten Jahre zu verstehen: der Abbau unseres Gesundheitswesens, die Pflegeskandale, die Verweigerung altbewährter und neuer - selbst lebenswichtiger Therapien und Medikamente - bis hin zur unverblümten und eskalierenden Euthanasiediskussion. Es ist unglaubwürdig, wenn die Gesundheitsministerin die kollektiven Regreßforderungen für Ärzte abschafft, gleichzeitig aber immer wieder beteuert, keinen Pfennig mehr Geld für das Gesundheitswesen bereitstellen zu wollen, obwohl nur so überhaupt noch eine adäquate medizinische und pflegerische Betreuung geleistet werden kann - von der Weitergabe echten medizinischen Fortschritts an Kassenpatienten ganz zu schweigen.

Kranke als Bittsteller abgespeist

Um so unverschämter und heuchlerischer ist es, wenn nun plötzlich diese kranken Menschen, die inzwischen um jedes Krankengymnastik-Rezept, jedes Medikament, jedes einzelne Hilfsmittel regelrecht betteln müssen (und sofern es nach dem Willen des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen geht, künftig sogar um ihre künstliche Ernährung bangen müssen), ungefragt und ungebeten für die Propagierung kannibalistischer Techniken herhalten müssen, die mit wirklicher Forschung, Heilung sowie seriösen und begründbaren Therapieversprechen nicht das Geringste zu tun haben.

Wir haben an anderer Stelle die Einzelheiten, das Wesen und den Charakter dieser Art "Spitzenforschung" dokumentiert, und jeder Interessierte kann dies entweder auf unser Homepage www.club-of-life.de einsehen oder sich eine COL-Infomappe schicken lassen. (Club of Life e.V. Postfach 1913 , 65009 Wiesbaden) Für diesen Zweck genügt es zu sagen, daß die von Schröder favorisierte Forschung an und mit menschlichen embryonalen Stammzellen die Herstellung und spätere Ausschlachtung und Vernichtung menschlicher Embryonen voraussetzt. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID), einem anderen Thema, das derzeit viel Beachtung findet, wird menschliches Leben nach der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas einem genetischen Check unterzogen und bei Nichtgefallen selektiert, also weggeworfen.

Demnach soll die Hilfe für kranke Menschen also darin bestehen, menschliche Embryonen als eine Art Ersatzteillager für andere herzustellen und diese dann regelrecht zu verbrauchen - eine moderne Form des Kannibalismus, die menschliches Leben unerlaubterweise instrumentalisiert. Eine andere Form dieser "Hilfe" - in Wahrheit aber eine neue vorgeburtliche Form der Euthanasie - ist es, die Existenz des Hilfebedürftigen von vornherein durch den Einsatz der PID zu verhindern. Dies klingt unglaublich, wird aber tatsächlich von vielen bereits als eine Art "Gefallen" bezeichnet, die man dem Behinderten damit erweise, daß man ihn gar nicht erst das Licht der Welt erblicken lasse.

Wenn es das ist, was Kanzler Schröder unter Hilfe für behinderte Menschen versteht, ist dies jedoch keine Hilfe, sondern eine Zumutung und eine Beleidigung der hilfebedürftigen kranken Menschen im Lande. Diese wissen gerade aufgrund ihrer vielfältigen Schwierigkeiten oftmals viel besser um den Wert ihres eigenes und fremden Lebens, als daß sie so überaus leichtfertig damit umgehen würden, wie dies einige Politiker tun. Wenn es wirklich kranke Menschen gibt, die so verzweifelt sind, daß sie nur noch in der Kannibalisierung anderer Menschen einen Ausweg sehen, so zeugt dies (ähnlich wie die Bitte nach der "erlösenden Spritze") vor allem davon, daß diese Menschen in ihrer Not völlig alleingelassen wurden, was sich u.a. an der gravierenden medizinischen und pflegerischen Unterversorgung, der mangelnder Sozialfürsorge und der fehlenden menschlichen Zuwendung zeigt.

Ich selbst gehöre zu der Gruppe derer, die Schröder als "Menschen mit schwersten Erkrankungen" bezeichnete. Aber wir wehren uns hiermit in aller Form dagegen, nun urplötzlich als Gruppe "der Behinderten" entdeckt und mißbraucht zu werden, um ethisch unerträgliche und wissenschaftlich fragwürdige "Spitzentechnologien" im Lande zu etablieren.

Fortschrittsgegner meistern keine Herausforderungen

Um es noch einmal zu betonen: Es gibt bereits heute Wege und Mittel um zu helfen, sofern man dies wirklich will, und es gibt weitaus vielversprechendere und ethisch unbedenklichere Forschungsrichtungen als die heutzutage diskutierten. Doch dazu müssen nicht nur die Ausgaben für das Gesundheitswesen massiv erhöht werden, es muß vor allem eine ganz andere Forschungs- und Forschungsförderung betrieben werden. Sich angesichts der Widerwärtigkeiten der gegenwärtigen Forschungslandschaft und -diskussion einfach in einen rigorosen Fortschrittsgegner zu verwandeln, wäre absurd. Krankheiten wie Alzheimer, Krebs, AIDS und MS stellen ja tatsächlich eine immense Herausforderung dar, die in Angriff genommen werden müssen. Forschungsgeist und -hybris sind nichts, was nun verpönt werden sollte. Richtig verstandene Hybris wurzelte und wurzelt aber immer in einer Liebe zum Menschen und zum Leben, in einer unstillbaren Neugier, dem Geheimnis lebender Prozesse auf die Spur zu kommen - niemals aber in deren Negierung bzw. Vernichtung.

Lassen wir uns daher nicht auf Scheindebatten ein. Die Alternativen können weder lauten: Forschungsfeindlichkeit oder töten, um zu helfen; sondern erst einmal: Verstehen, um zu helfen. Leben verstehen, Lebensprozesse verstehen, anstatt an unfruchtbaren reduktionistischen, molekularbiologischen Denkansätzen festzuhalten. Heute aber sind Gelder, Interessen und Forschungsmacht in einem Maße auf die Molekulargenetik fixiert und an sie gebunden, daß erforderliche Grundlagenforschung in anderen, vielversprechenden Bereichen der Lebenswissenschaften kaum mehr stattfindet. Was liegt also näher, als hier dringend eine Änderung zu verlangen und durchzusetzen?

Falsche Alternativen

Gesetzmäßigerweise finden wir das Pendant zu dieser Art von Scheinalternativen in der momentanen Euthanasiedebatte. Auch wenn sich die Hospizbewegung derzeit als alleiniger Retter für alle Schwersterkrankten profilieren möchte: Die Alternative ist auch hier nicht Giftspritze versus Hospizbewegung und/oder alleinige Verbesserung der Schmerztherapie, auch wenn letztere tatsächlich überaus wichtig ist. Man sollte nie vergessen, daß es ursprünglich die Hospizbewegung war, die gegen die sogenannte Hochleistungsmedizin Front machte und damit der Euthanasiediskussion im Lande - gewollt oder ungewollt - Vorschub leistete.

Die Hospizbewegung ist durchaus nicht homogen und weder über jeden Zweifel erhaben, noch so kompetent, wie es heute kritiklos und verallgemeinernd dargestellt wird. Es gibt gutgemeinte und auch förderungswürdige Einrichtungen, und es gibt solche, die nur schaden. Darunter fallen insbesondere solche, die sich zur Verbreitung schier unglaublicher "Patiententestamente" berufen fühlen, in denen der Unterzeichner von dem Einsatz moderner Medizin bis hin zur Basispflege so ziemlich alles ablehnen kann. Andererseits gibt es so segensreiche Einrichtungen wie die hochspezialisierten palliativmedizinischen Stationen an Krankenhäusern, die mit der fortschrittsfeindlichen Tendenz der ursprünglichen Hospizbewegung gar nichts gemein haben.

Es ist also überaus naiv zu glauben, Euthanasiebestrebungen mit dem Hinweis abwehren zu können, man müsse nur "die" Hospizbewegung stärken. Auch lösen sich die Probleme nicht in Luft auf, wenn wir "nur" die Schmerztherapie ausbauen. Zwar ist dies auch eine zentrale Forderung unsererseits - doch wir lassen uns nicht auf diese Forderung reduzieren. Da sich die Diskussion fast ausschließlich um die Frage der Versorgung sterbender Menschen dreht, haben wir uns daran gewöhnt in den Schwarz-weiß-Kategorien Leben oder Tod zu denken, so daß die interessante Grauzone, in der um ein Menschenleben gekämpft werden kann und muß, kaum mehr als Alternative in unseren Köpfen existiert.

Das vielfach zu beobachtende zunehmende defensive Verhalten behinderter Menschen und eine zunehmende Kapitulationshaltung lassen sich auch daran ablesen, daß behinderte Menschen nun plötzlich beginnen, von ihrem "Recht auf Behinderung" zu sprechen. Angesichts der vielfältigen Angriffe auf ihr Lebensrecht - insbesondere durch die PID - ist zwar klar, was damit gemeint ist, doch tut dies der Sache und erst Recht dem Selbstbewußtsein kranker Menschen nichts Gutes. Behinderungen an sich sind nichts Gutes, oder gar etwas, was den Träger in irgendeiner Weise vor den gesunden Menschen auszeichnet. Sie sind einfach meistens nur höchst lästig - also sollte man dies auch ruhig so sagen. Wo möglich, sollten wir also nach Mitteln und Wegen suchen, uns von diesen Behinderungen zu befreien. Wenn wir aber nun anfangen, von unserem "Recht auf Behinderung" zu reden, ist dies ganz sicher der falsche Weg. Warum sollte irgendein Politiker auch nur einen Groschen mehr in die entsprechende Forschung investieren, wenn wir unser "Recht auf Behinderung" und unseren Ist-Zustand auch noch törichterweise selber propagieren!?

Für die schwerkranken Menschen im Lande, die jetzt vom Kanzler wie früher die mißgebildeten Geschöpfe auf dem Jahrmarkt vorgeführt werden, ist es höchste Zeit, zu einem neuen Selbstverständnis zu finden. Ein Selbstverständnis, das ganz einfach darin wurzelt, daß alle - kranke wie (noch) gesunde Menschen - Bürger sind, die ein Recht darauf haben, daß ihre Krankheiten erforscht und behandelt und ihre Defizite ausgeglichen werden.

Drehen wir den Spieß also um. Wenn der Kanzler schon das Scheinwerferlicht auf "Menschen mit schwersten Erkrankungen" richtet, dann sollten wir die Chance auch nutzen und laut und deutlich sagen, was gesagt werden muß.

Jutta Dinkermann

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum