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Ethik. Der Disput um die verbrauchende Embryonenforschung und das Klonen von Menschen hat eine andere, längst überfällige Debatte ausgelöst: Welches Menschenbild wollen wir verteidigen? Das von Russell und Huxley oder jenes andere, das in allen für die Menschen fruchtbaren und fortschrittlichen Perioden der europäischen Zivilisation prägend war?
Der Vorsitzende der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Prof. Wolfgang Frühwald, hat von einem "Kulturkampf" gesprochen - der Kontroverse "um ein christliches, zumindest kantianisches Menschenbild auf der einen Seite und ein szientistisch-sozialdarwinistisches Menschenbild auf der anderen Seite". Seine klare Stellungnahme gegen die Ideologie der anschwellenden Riege von Soziobiologen und utilitaristischen Bioethikern, die auch in der von Frühwald erwähnten Rede Hubert Markls zum Vorschein kam, ist sehr zu begrüßen. Diese Debatte war lange überfällig. Damit sie gut ausgeht, muß man sich allerdings vor einer falschen oder mißverständlichen Frontziehung hüten. Es darf nicht sein, daß die Neodarwinisten sich zu Pionieren des freien humanistischen Geistes und wissenschaftlichen Fortschritts aufschwingen können, die sich angeblich nur gegen christlich-romantische "Wiederverzauberer der Welt" voller Technikangst wehren, die ständig irgendwelche "Grenzen des Machbaren" predigen.
Die Fronten verlaufen nämlich anders:
Erstens kann nun wirklich niemand behaupten, die europäische Kultur sei fortschrittsfeindlich, hat sie doch den Fortschritt der modernen Wissenschaft und seine technisch-industrielle Anwendung sozusagen vorexerziert und in alle Welt exportiert. Auch Nichtchristen werden einräumen, daß diese europäische Kultur maßgeblich vom Christentum, namentlich dem christlichen Humanismus der Renaissance geprägt worden ist.
Zweitens zeigt sich, daß die gegnerische Schule der Soziobiologen und Utilitaristen, welche unter dem Banner des "säkularen Humanismus", des Fortschritts und der Freiheit der Forschung jetzt für die verbrauchende Embryonenforschung und das Menschenklonen eintritt, von ihrer Tradition her der Menschheit und deren Fortschritt ausgesprochen feindlich gegenübersteht. Die geistigen Ahnherrn dieser Bewegung - Lord Bertrand Russell, der Darwinist und Begründer des britischen "Roundtable" Thomas Huxley und dessen Enkel Aldous und Julian Huxley sowie H.G. Wells u.a. - betrachteten den wissenschaftlich-technischen Fortschritt als etwas prinzipiell Gefährliches, das allenfalls durch die oligarchische Elite zum Machterhalt des britischen Kolonialreiches zu nutzen sei, wozu aber andere Völker der Welt möglichst geringen Zugang haben sollten.
Malthusianismus: Dieser Grundzug unterstreicht mit am deutlichsten die Menschen- und Menschheitsfeindlichkeit der Russellianer. Wiederholt beklagt Lord Russell in seinen Schriften, wie wenig doch Kriege und Seuchen leider gegen das Wachstum der Weltbevölkerung ausrichteten. Entweder müßten die Geburten drastisch beschränkt oder aber "unappetitlichere Methoden" der Bevölkerungskontrolle angewandt werden.1 Der Soziobiologe Julian Huxley übertrug diese Sichtweise in die Bürokratie der Vereinten Nationen. Das Dogma "Übervölkerung" hat sich inzwischen derart festgesetzt, daß auch Jahre nach einer Trendumkehr der demographischen Entwicklung - so daß es nicht mehr lange dauern wird, bis die Weltbevölkerung insgesamt zu schrumpfen anfängt und ganze Regionen und Nationen aufgrund von Seuchen, Unterentwicklung und wirtschaftlich bedingtem Zusammenbruch des Gesundheitswesens und allgemeinen Lebensstandards entvölkert werden - daran festgehalten wird. Hubert Markl wünscht sich einen Rückgang der Weltbevölkerung auf 1-2 Milliarden Menschen.2
Technikfeindschaft: Derselbe Lord Russell, der noch kurz vor der Entwicklung der sowjetischen Atombombe eine nukleare Konfrontation mit der Sowjetunion vorschlug, um eine anglo-amerikanisch dominierte Weltregierung zu etablieren, wurde später zum Anführer der militanten Bewegung gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie. Aus dem gleichen Geist geboren waren die vielen Kampagnen gegen Infrastrukturprojekte oder gegen das einzig wirksame Anti-Malaria-Mittel DDT3 und die zutiefst unmenschlichen Anstrengungen seit den 80er Jahren zur Verhinderung einer adäquaten Bekämpfung der tödlichen Seuche AIDS. Und außer unserer Bewegung hat sich anscheinend nie jemand daran gestoßen, daß ein so prominenter Russellianer wie Prinzip Philip 1988 öffentlich den Wunsch äußerte, als "tödliches Virus" wiedergeboren zu werden, um gegen die Übervölkerung wirksam zu werden.4
Menschenbild: Das Credo der ganzen Schule seit Darwin, dem Darwinisten Thomas Huxley, dessen Enkeln Julian und Aldous bis hin zu Richard Dawkins und Peter Singer heute lautet, der Mensch sei nur ein höheres Tier, dessen Fähigkeiten sich höchstens graduell von denen anderer Primaten unterscheiden. Deswegen halten die Vertreter dieser Ideologie das menschliche Leben nicht für prinzipiell unantastbar. Dem entspricht Hubert Markls Diktum vom Menschen als bloßem "Zuschreibungsbegriff". So grenzt Peter Singer den schützenswerten Teil der Menschheit auf "Personen" ein. Diese Zuschreibung verweigert er z.B. Komapatienten oder behinderten Säuglingen, die man nach seiner Bioethik töten dürfe; er spricht sie aber intelligenten Menschenaffen zu. Singers Prophet in Deutschland, der utilitaristische Rechtsphilosoph Norbert Hoerster, hat sich zur Qualifikation von "Person" das schön darwinistisch klingende Kriterium "Überlebensinteresse" ausgedacht, was ihn allerdings in die peinliche Lage bringt, allen Nutztieren und Pflanzen ein solches Interesse absprechen zu müssen.5 Embryonen bis zur Geburt natürlich auch. Man müßte fragen, wie er es mit Selbstmördern hält, aber man ahnt die Antwort.
Euthanasie: In H.G. Wells' Roman Die Zeitmaschine ist die Euthanasie als normale Todesart der Zukunft dargestellt. Aldous Huxley starb selbst durch eine Giftinjektion. Auch Hubert Markl wollte auf den Topos in seiner Rede gegen Rau nicht verzichten und lobte die holländische Euthanasiegesetzgebung. Vor dem Hintergrund dieser ideologischen "Genealogie" ist dies nur logisch.
Eugenik: So mancher Gegner der Präimplantationsdiagnostik (PID) und des menschlichen Klonens bezog sich in letzter Zeit auf Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt und die dort beschriebene Züchtung von Alpha-, Beta, -Gamma- bis hin zu nur noch arbeits- aber nicht denkfähigen Epsilon-Menschen. Andere zogen die Eugenikmaßnahmen der Nazis als Vergleich heran, was Hubert Markl sich strikt verbat. Unerwähnt blieben aber die personellen Verbindungen zwischen Huxleys britischen Elitekreisen und der weltweiten Eugenikbewegung (vor allem der renommierten Filiale der Eugenics Society in New York), die sich für die qualitative Verbesserung der Menschheit auf dem Wege der Geburtenverhinderung bei "minderwertigen Rassen" bzw. defekten Individuen einsetzte und zugleich für Euthanasie eintrat.6
Manipulation des Menschen: Zum Menschenbild der sich "säkulare Humanisten" bezeichnenden Soziobiologen gehört der Glaube an die grenzenlose Manipulierbarkeit des Menschen. Mit geeigneten Psychotechniken könne man Menschen glauben machen, "Schnee sei schwarz", meinte Russell. Aldous Huxley entwarf in seinen Science-fiction-Romanen sehr ernst gemeinte Konzepte, wie man die traditionelle Menschenbeherrschung (physische Gewalt, Korruption durch Geld, Sex und Erpressung) ergänzen könne im Sinne einer "Diktatur ohne Tränen". Besonders intensiv befaßte sich Huxley mit dem Instrument neuartiger Drogen, aber auch diversen anderen Techniken der physiologischen und psychischen Beeinflussung über den Sinnesapparat. Großangelegte Experimente mit LSD (z.B."MK-Ultra"), an denen Huxley selbst mitwirkte, dienten nicht nur der "Grundlagenforschung", d.h. dem Beweis, daß und in welchem Maße der Mensch seiner biologischen Natur nach manipulierbar sei, sondern auch zur späteren Anwendung als Instrumente "sozialer Kontrolle".7
Klonen: Dieser Aspekt ist dem Wunschkatalog der Soziobiologen erst unlängst hinzugefügt worden. Zeitungsberichte über die Klonsekte der "Raelianer" in Kanada und die ihr angeschlossene Firma Clonaid der Molekularbiologin Brigitte Boisselier, die beabsichtigt, in nächster Zeit einen Klon in der Retorte zu erzeugen, den ihre Tochter Marina austragen soll, rufen Erinnerungen an die LSD-Experimente der 60er Jahre in Haight-Ashbury wach. Sektenguru "Rael" war ehedem Popsänger wie viele "Versuchspersonen" damals, die in ihren Rocksongs anschließend die von Huxley gepredigte "Bewußtseinserweiterung" durch Rauschgift verherrlichten und um die Welt trugen.
Die entsetzte Reportage in der Frankfurter Allgemeinen8 verweist auf prominente Unterstützer des Menschenklonens auf einer Webseite namens www.humancloning.org, unterzeichnet von mehr als 30 Professoren, darunter der unvermeidliche Richard Dawkins, neben dem Nobelpreisträger Francis Crick, dem Soziobiologen Edward O. Wilson, dem Philosophieprofessor Paul Kurtz und dem "Paten" der niederländischen Euthanasiebewegung Pieter Admiraal.
Die Unterzeichner des Klonaufrufs weisen alle moralischen Bedenken zurück, und ganz besonders die "offenbar dahinter stehende Annahme, das Menschenklonen werfe grundsätzlichere Fragen auf als jede andere wissenschaftliche oder technologische Entwicklung zuvor". Fast die Hälfte der Erklärung ist folgendem Argument gewidmet: "Einige Religionen lehren, daß Menschen sich grundsätzlich von anderen Säugetieren unterscheiden - daß Menschen von einer Gottheit mit einer unsterblichen Seele ausgestattet worden sind, die ihnen einen Wert verleiht, der mit dem anderer Lebewesen unvergleichbar ist. Die menschliche Natur gilt als einzigartig und heilig. Wissenschaftliche Fortschritte, die als Risiko einer Änderung dieser ,Natur' wahrgenommen werden, weist man wütend zurück... Homo sapiens ist [aber] ein Mitglied des Tierreichs. Die menschlichen Fähigkeiten unterscheiden sich graduell und nicht der Qualität nach von denen höherer Tiere... Bei der derzeitigen Klon-Debatte stellt sich daher unmittelbar die Frage: Sind die Verteidiger übernatürlicher oder spiritueller Agendas wirklich qualifiziert, zu dieser Debatte Sinnvolles beizutragen?" Es folgt der Aufruf sicherzustellen, daß "traditionalistische und obskurantistische Ansichten wohltätige wissenschaftliche Entwicklungen nicht durch irrelevante Einwände behindern".
Interessant ist der Hinweis auf den - gerade in Deutschland häufig übersehenen - entscheidenden Unterschied zwischen dem Zugriff auf menschliche Embryonen, Klonen oder Keimbahneingriffe einerseits und "jeder anderen wissenschaftlichen oder technologischen Entwicklung zuvor". Denn genau dieser Unterschied ist der springende Punkt: Ausgerechnet eingefleischte Russellianer, welche die Weltbevölkerung am liebsten auf ein Drittel schrumpfen lassen würden, werden plötzlich zu glühenden Fortschrittspropheten, wenn es um die größtmögliche Manipulation des Menschen im Reagenzglas geht.
Soweit also das Weltbild und Vermächtnis von Russell, Huxley und Konsorten. Welches Menschenbild setzen wir dem entgegen? Es muß für Christen und Nichtchristen gleichermaßen vernünftig und einleuchtend sein, d.h. auf theologische Argumente und Autoritäten können wir uns nicht zurückziehen. Gleichzeitig sollten wir aber von einem Renaissancedenker wie Nikolaus von Kues die Lehre annehmen, daß ein dauerhaft konsensfähiges Konzept nicht wie ein kleinster gemeinsamer Nenner zu ermitteln ist und auch nicht irgendwo "in der Mitte", sondern nur auf einer höheren Vernunftebene gefunden werden kann.
Gabriele Liebig
Fortsetzung nächste Woche: Was ist der Mensch?
1. B. Russell, Impact of Science on Society, 1953. Auch: EIRNA-Studie, New Age und Satanismus. Zeitgeist der Zerstörung, Wiesbaden, 1989, bes. S. 80f
2. Frankfurter Rundschau, 9.1.2001
3. "Die DDT-Story", in Fusion, Heft 2, 1993, Böttiger Verlag, Wiesbaden.
4. dpa, 14.8.1988.
5. N. Hoerster in FAZ, 24.2.2001
6. E. Fimmen, "Die Geschichte der Bevölkerungskontrolle", in: Neue Solidarität Nr. 26, 3.7.1991.
7. "A. Huxley und die somatotonische Persönlichkeit" in: C. Green, Der Fall Charles Manson. Mörder aus der Retorte, Böttiger 1992.
8. FAZ, 27.7.2001.
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