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Aus der Neuen Solidarität Nr. 33/2001:

Was ist der Mensch?

Kulturkampf. In der letzten Ausgabe betrachteten wir das Menschenbild der utilitaristischen Soziobiologen in der geistigen Nachfolge Bertrand Russells oder der Huxleys. Diese Woche geht es darum, welches Menschenbild wir dem entgegensetzen wollen.


Der ganze Umriß des Menschen
Die Funktion des Ideals

Eine konkrete Mannigfaltigkeit

Fazit

"Den Göttern gleich ich nicht!" zitiert Christiane Nüsslein-Volhard in ihrem Genetik-Nachhilfeartikel in der FAZ1 Goethes Faust, "dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt". Mit dieser "Weisheit" spielt sie auf die im Text erwähnte Ähnlichkeit zwischen den Genen des Menschen mit denen von "Hefe, Fliege oder Wurm" an und verkennt dabei völlig, daß die Wurmidentität ganz sicher nicht die des Naturforschers Goethe ist, und daß der Dichter den Dr. Faust nur so sprechen läßt, um der suizidalen Krise seines Titelhelden Ausdruck zu geben. Wenn die Dinge aber so stehen, daß deutsche Nobelpreisträger Goethe nicht mehr verstehen, geschweige denn das Konzept der Gottebenbildlichkeit, dann müssen wir unseren Diskurs wohl bescheidener beginnen.

Ist das "jüdisch-christlich geprägte Abendland" auch fern, so sollte wenigstens darin Einigkeit zu erzielen sein, daß wir in einer menschlichen Gesellschaft leben, und nicht im Tierreich, wie in dem von Richard Dawkins et al. unterzeichneten Klonaufruf des Council for Secular Humanism behauptet wird, aus dem wir letzte Woche zitierten.2 Es ist auch leicht einzusehen, daß ein Abweichen von diesem Grundprinzip menschlicher Zivilisation - wie es bei der Kampagne von Dawkins oder Peter Singer der Fall ist, die Menschenaffen "Personenrechte" zuschreiben, welche für schwerbehinderte Menschen nicht gelten sollen - konsequent zur Auflösung der bestehenden Rechtsordnungen führen müßte.

Als Hauptverteidigungswall des Verfassungsprinzips der Menschenwürde gilt in Deutschland Immanuel Kants Gebot, daß der Mensch niemals als Mittel gebraucht werden dürfe, denn er sei "Zweck an sich selbst". Dies ist zwar richtig, scheint heute jedoch an Überzeugungskraft verloren zu haben. Daran ist Kant selbst nicht unschuldig. Seine Kritik der praktischen Vernunft zehrt in vieler Hinsicht noch von der Leibnizschen Weltanschauung, der er mit seiner anderen Kritik nach Kräften den Garaus zu machen versuchte. Zudem verweisen Utilitaristen wie Norbert Hoerster auf Kantianer, die behaupten, Kant habe unter "Menschen" nur vernunftfähige "Personen", nicht aber kranke Säuglinge, geschweige denn Embryonen verstanden. Wie dem auch sei, wir dürfen das Kantsche "Ding an sich", genannt "Mensch", nicht zum leeren Begriff und damit völlig kraftlos werden lassen.

Wolfgang Frühwald verlangte diese Woche erneut, die Debatte über das Menschenbild "müßte den ganzen Umriß dessen zeichnen, was der Mensch ist, wie er sich zu bestimmen versucht".3 Andere haben darauf hingewiesen, daß der Begriff der "Menschenwürde" auch den Schutz der Gattung umfassen müsse. Wenn wir uns dies nun vornehmen, folgen wir am besten dem russischen "Lebenswissenschaftler" par excellence, Wladimir Wernadskij, der seine Untersuchung über die Evolution des Lebens nicht mit apriorischen Definitionen, sondern mit der Frage begann: Was tut Leben? Worin manifestiert es sich? In welcher Form tritt es auf? Beginnen wir unsere Betrachtung also nicht mit irgendeiner willkürlichen Definition, was der Mensch sei oder nicht sei, sondern betrachten die verschiedenen "Formen", in denen wir ihm begegnen. Geordnet zum Werdegang eines individuellen Menschen erhalten wir etwa folgende Reihe:

Der ganze Umriß des Menschen

Am Anfang steht die Verschmelzung einer Eizelle mit einer Samenzelle zur Zygote. Dies ist kein religiöses Dogma, sondern eine unbestreitbare biologische Tatsache. Seit die Reproduktionsmedizin die Befruchtung im Reagenzglas mit dem Elektronenrastermikroskop beobachtbar gemacht hat, kann man auf Fotos oder im Film sogar sehen, wie das Spermium in die Eizelle eindringt. Aber erst mit der Verschmelzung sind Erbgut, Geschlecht usw. des neuen Menschen festgelegt. In den Tagen darauf folgen die rasanten ersten Zellteilungen, wobei sich auch entscheidet, ob nur ein Kind oder Mehrlinge entstehen. Am 7.-9. Tag folgt die vielzitierte Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut. (Im Interesse derer, die Embryonen im Frühstadium als Rohstoff für die Bioindustrie nutzen bzw. Keimbahn- und Klonexperimente mit Verwerfung nach PID usw. an ihnen durchführen wollen, setzen manche erst hier den Beginn menschlichen Lebens an und verlangen eine entsprechende Änderung des Embryonenschutzgesetzes.) Weitere Stationen, die auch schon als "Beginn" interpretiert wurden, sind der Anfang der Herztätigkeit oder die Herausbildung des Zentralen Nervensystems (in Symmetrie zum Hirntodkriterium am Lebensende). Immer deutlicher wird nun die typisch menschliche Gestalt des Fötus empirisch wahrnehmbar. Er wächst, bewegt sich im Mutterleib, gähnt mitunter selbstvergessen. Und dann kommt das große Ereignis der Geburt - ein entscheidender Einschnitt. Erst jetzt hat der neue Erdenbürger einen eigenen Körper und abgeschlossenen Blutkreislauf, und zudem sofort eine Menge Arbeit, denn nun muß er selbsttätig atmen, trinken, mit allem, was dazugehört.

Es folgt die "extra-uterine" Entwicklung: Der kleine Mensch wächst heran, wobei die Doppelnatur des Menschen hervortritt, der eben nicht nur Leib ist, sondern mit seinem Geist sogleich Teil der ihn umgebenden geistigen Umgebung, die wir "Kultur" nennen. Wir sehen ihn als Säugling, Kleinkind, Schulkind und Jugendlichen. Auf die Geschlechtsreife folgt bei erfolgreicher Erziehung die geistige Reife des nun zu selbständigem Denken fähigen jungen Erwachsenen.

Hier fängt wiederum eine neue Entwicklungsphase an, die fast ganz im Bereich des Geistigen stattfindet, wenn wir die äußere "Phänomenologie", was man im Leben alles erleben oder äußerlich erreichen kann (Karriere, Gehaltsklasse usw.), außer acht lassen, und uns auf das Wesentliche, die innere geistig-charakterliche Weiterentwicklung beschränken: Das Leben liegt vor ihm, die Herausforderung eigenständiger Arbeit, die Bewährung in Familie, Beruf und als Bürger eines Gemeinwesens. All dies bedingt selbsttätige Fortschritte bei der spezifisch menschlichen Tätigkeit: der Erzeugung, Weitergabe und Anwendung von Ideen. Dabei besteht eine genaue Analogie zwischen dem Nachvollziehen bereits vorhandener Ideen, die schon andere Menschen zuvor entdeckt haben, und der schöpferischen Erzeugung völlig neuer Ideen. Diesen Bereich bezeichnet Wernadskij als "Noosphäre", und Lyndon LaRouche hat für die Veränderung der Biosphäre durch die Anwendung wissenschaftlich-technischer Entdeckungen den Begriff der "Physischen Wirtschaft" geprägt.

All das, und selbstverständlich noch viel mehr, gehört hinein in den Begriff des Menschen, und wir begreifen, daß es sich um eine komplexe Idee handelt, einen Prozeß des Werdens vom Anfang bis zum Ende. Und so viele Stufen, Stadien oder Phasen mit jeweils unterschiedlicher empirischer Erscheinungsform wir im Werdegang des Menschen auch unterscheiden, alle vereint der eine Begriff des Menschen - der aber nun kein obskures Ding an sich mehr ist, sondern eine lebendige Idee.

Die Funktion des Ideals

Lebendig ist die Idee vom Menschen, weil sie sein Potential zum Inhalt hat, das im Idealfall im Laufe des Menschenlebens zu optimaler Entfaltung kommt. Das verstanden die wirklichen Humanisten (z.B. Schiller und Humboldt) unter dem Ideal der Humanität: harmonische Entfaltung aller im Menschen angelegten Kräfte. Sie wußten genauso gut wie wir heute, daß im menschlichen Leben Ideale nie vollständig und meistens nur in höchst bescheidenen Ansätzen verwirklicht werden; daß es auf dem rauhen Lebensweg viele Unfälle, falsche Weichenstellungen und Entgleisungen gibt; oft genug entpuppen Abwege sich aber auch nur als Umwege, und auf schwere Rückschläge folgt viele Male auch wieder ein tapferer Neuanfang. Nichts ist determiniert, der Mensch ist frei, und Irren ist menschlich. Aber das Potential der Humanität, das Ideal bleibt bestehen - auch wenn es subjektiv bisweilen "verschütt" geht.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Ein solches Ideal hat nichts zu tun mit "Superman", "Alphatyp" oder anderen einschüchternden Rollenvorbildern der äußerlichen Art, die eher Minderwertigkeitsgefühle erzeugen. Das Humanitätsideal hat vielmehr die entgegengesetzte Funktion, es ist wie eine Erinnerung an die menschlichen Möglichkeiten, Freiheitsgrade, an das Potential, das man als Mensch einmal mitbekommen hat. So ermuntert es, die Kräfte in sich selbst zu suchen: "Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,/ Es ist in dir, du bringst es ewig hervor." (Schiller)

Außerdem ergeben sich aus dieser Gesamtreihe ableitbare naturrechtliche Prinzipien, was in den Beziehungen zwischen Menschen "gut" oder "böse" ist - ob es nämlich dem Humanpotential der Beteiligten förderlich ist, oder ob es dies behindert, schmälert oder sogar zerstört. Die Implikationen für Streitfragen über Erziehungsmodelle oder die Wirkung von Rauschgift, aber auch für Diskussionen über die Deprivation von Kindern, die in Gebieten der Welt aufwachsen, welche durch eine unmoralische, ungerechte Weltwirtschaftsordnung in Armut und Unterentwicklung gehalten werden, liegen auf der Hand.

Eine konkrete Mannigfaltigkeit

Wir haben es hier übrigens mit einer präzisen Ordnung in Form einer mathematischen Mannigfaltigkeit oder wohlgeordneten Menge zu tun, deren Kardinalbegriff "Mensch" heißt. Der Begriff stammt von dem Mathematiker Georg Cantor4 und erweist sich als äußerst wichtig für unser komplexes Menschenbild. So fällt die Absurdität sophistischer Versuche, syllogistische Widersprüche z.B. zwischen "Mensch" und "Zygote" zu suggerieren, gleich ins Auge. Hubert Markl polemisierte in seiner Kulturkampf-Rede gegen Rau5 gegen Leute, die "das Ei mit dem Huhn verwechseln oder in einen Topf werfen". Der Trugschluß liegt in Wirklichkeit bei Markl, der nämlich den Inbegriff der mathematischen Mannigfaltigkeit mit einem Element dieser Mannigfaltigkeit "in einen Topf" wirft.

Mit der "konkreten Mannigfaltigkeit" läßt sich aber noch mehr anstellen: Vergleichen wir die Mannigfaltigkeit des biologisch-geistigen Werdegangs eines individuellen Menschen mit jener größeren Mannigfaltigkeit, die sich auf die Entwicklung der Menschheit bezieht. Der wichtigste Unterschied ist, daß die Entfaltung jedes individuellen Potentials an irgendeinem Punkt endet, im Idealfall erst nach einem "erfüllten Leben", wie man sagt. Zieht man aber in Betracht, daß die Menschheitsentwicklung mit dem Tode des Einzelnen nicht endet und künftige Individuen kommender Generationen ganz neue Ideen erzeugen, weitergeben und technisch anwenden werden, so erweist sich diese erweiterte Mannigfaltigkeit als nicht-endliche Reihe. Sie ist zwar nicht unendlich im absoluten Sinne, denn die künftigen Entwicklungsstadien sind ja noch nicht aktuell gegeben, aber die Reihe der Fortentwicklung ist potentiell angelegt. Cantor hat dafür den Begriff des Überendlichen oder Transfiniten eingeführt - was z.B. Bertrand Russell zu enormen Attacken gegen Cantors Mannigfaltigkeitslehre veranlaßte.

Man kann sich auch denken, warum: Als Vordenker einer oligarchischen Elite, die zudem auf den Machterhalt eines riesigen Imperiums bedacht sein mußte, war ihm ein solches Konzept vom menschlichen Geist einfach unheimlich, viel zu revolutionär und allen Methoden sozialer Kontrolle zutiefst abträglich.

Fazit

Das hier umrissene geordnete Menschenbild ermöglicht eine Kohärenz, aus denen naturrechtliche Kriterien nicht nur zur Beurteilung von Fragen wie der verbrauchenden Embryonenforschung, Eingriffen in die menschliche Keimbahn, PID und Klonversuchen am Menschen ableitbar sind, sondern letztlich für alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens.

Cantors transfinites Konzept des menschlichen Geistes liefert ein exaktes Konzept des grundsätzlichen Unterschiedes zwischen Mensch und Tier. Es macht z.B. unmittelbar einsichtig, daß und warum der Fortschritt der Menschheit im Bereich des Geistigen liegt, in der Entdeckung neuer Ideen und ihrer Anwendung zum Besten der Menschen und nicht etwa in der "Optimierung" des menschlichen Genoms.

Die Verteidigung des Menschen und der Menschheit gegen Angriffe, wie sie dieser Tage im großen Auditorium der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington zur Debatte standen, erfordert aber nicht nur einen klaren Kopf, sondern auch - Menschenliebe. Sie erscheint zwar nicht mehr zeitgemäß in einer Gesellschaft, wo man vor allem das eigene Ego liebt und wird in den Bereich der religiösen Wahnideen verbannt. In Wirklichkeit kommt die Menschheit aber ohne diese Liebe nicht aus.

Diskutieren wir also und errichten in diesem Prozeß wieder ein kohärentes Bild vom Menschen. Wenn wir das nur annähernd schaffen, bestätigte es die alte Weisheit, daß auch Böses Gutes bewirken kann - aber nur, wenn man nicht denkfaul ist.

Gabriele Liebig


Anmerkungen

1. FAZ, 23.2.2001

2. Neue Solidarität Nr. 32/2001, englisch im Internet: www.humancloning.org.

3. Die Welt, 9.8.2001.

4. Georg Cantor, "Grundlagen einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre", siehe auch: Dino De Paoli, "G. Cantors Beitrag zur Erforschung des menschlichen Verstandes", Ibykus Nr. 35/1991.

5. H. Markls Rede am 22. Juni 2001 bei der Hauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft, Auszüge in Neue Solidarität Nr. 27/2001.

 

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