|
|
| Suchen | Abonnieren | Leserforum |
Kulturkampf. In der letzten Ausgabe betrachteten wir das Menschenbild der utilitaristischen Soziobiologen in der geistigen Nachfolge Bertrand Russells oder der Huxleys. Diese Woche geht es darum, welches Menschenbild wir dem entgegensetzen wollen.
"Den Göttern gleich ich nicht!" zitiert Christiane Nüsslein-Volhard in ihrem Genetik-Nachhilfeartikel in der FAZ1 Goethes Faust, "dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt". Mit dieser "Weisheit" spielt sie auf die im Text erwähnte Ähnlichkeit zwischen den Genen des Menschen mit denen von "Hefe, Fliege oder Wurm" an und verkennt dabei völlig, daß die Wurmidentität ganz sicher nicht die des Naturforschers Goethe ist, und daß der Dichter den Dr. Faust nur so sprechen läßt, um der suizidalen Krise seines Titelhelden Ausdruck zu geben. Wenn die Dinge aber so stehen, daß deutsche Nobelpreisträger Goethe nicht mehr verstehen, geschweige denn das Konzept der Gottebenbildlichkeit, dann müssen wir unseren Diskurs wohl bescheidener beginnen.
Ist das "jüdisch-christlich geprägte Abendland" auch fern, so sollte wenigstens darin Einigkeit zu erzielen sein, daß wir in einer menschlichen Gesellschaft leben, und nicht im Tierreich, wie in dem von Richard Dawkins et al. unterzeichneten Klonaufruf des Council for Secular Humanism behauptet wird, aus dem wir letzte Woche zitierten.2 Es ist auch leicht einzusehen, daß ein Abweichen von diesem Grundprinzip menschlicher Zivilisation - wie es bei der Kampagne von Dawkins oder Peter Singer der Fall ist, die Menschenaffen "Personenrechte" zuschreiben, welche für schwerbehinderte Menschen nicht gelten sollen - konsequent zur Auflösung der bestehenden Rechtsordnungen führen müßte.
Als Hauptverteidigungswall des Verfassungsprinzips der Menschenwürde gilt in Deutschland Immanuel Kants Gebot, daß der Mensch niemals als Mittel gebraucht werden dürfe, denn er sei "Zweck an sich selbst". Dies ist zwar richtig, scheint heute jedoch an Überzeugungskraft verloren zu haben. Daran ist Kant selbst nicht unschuldig. Seine Kritik der praktischen Vernunft zehrt in vieler Hinsicht noch von der Leibnizschen Weltanschauung, der er mit seiner anderen Kritik nach Kräften den Garaus zu machen versuchte. Zudem verweisen Utilitaristen wie Norbert Hoerster auf Kantianer, die behaupten, Kant habe unter "Menschen" nur vernunftfähige "Personen", nicht aber kranke Säuglinge, geschweige denn Embryonen verstanden. Wie dem auch sei, wir dürfen das Kantsche "Ding an sich", genannt "Mensch", nicht zum leeren Begriff und damit völlig kraftlos werden lassen.
Wolfgang Frühwald verlangte diese Woche erneut, die Debatte über das Menschenbild "müßte den ganzen Umriß dessen zeichnen, was der Mensch ist, wie er sich zu bestimmen versucht".3 Andere haben darauf hingewiesen, daß der Begriff der "Menschenwürde" auch den Schutz der Gattung umfassen müsse. Wenn wir uns dies nun vornehmen, folgen wir am besten dem russischen "Lebenswissenschaftler" par excellence, Wladimir Wernadskij, der seine Untersuchung über die Evolution des Lebens nicht mit apriorischen Definitionen, sondern mit der Frage begann: Was tut Leben? Worin manifestiert es sich? In welcher Form tritt es auf? Beginnen wir unsere Betrachtung also nicht mit irgendeiner willkürlichen Definition, was der Mensch sei oder nicht sei, sondern betrachten die verschiedenen "Formen", in denen wir ihm begegnen. Geordnet zum Werdegang eines individuellen Menschen erhalten wir etwa folgende Reihe:
Es folgt die "extra-uterine" Entwicklung: Der kleine Mensch wächst heran, wobei die Doppelnatur des Menschen hervortritt, der eben nicht nur Leib ist, sondern mit seinem Geist sogleich Teil der ihn umgebenden geistigen Umgebung, die wir "Kultur" nennen. Wir sehen ihn als Säugling, Kleinkind, Schulkind und Jugendlichen. Auf die Geschlechtsreife folgt bei erfolgreicher Erziehung die geistige Reife des nun zu selbständigem Denken fähigen jungen Erwachsenen.
Hier fängt wiederum eine neue Entwicklungsphase an, die fast ganz im Bereich des Geistigen stattfindet, wenn wir die äußere "Phänomenologie", was man im Leben alles erleben oder äußerlich erreichen kann (Karriere, Gehaltsklasse usw.), außer acht lassen, und uns auf das Wesentliche, die innere geistig-charakterliche Weiterentwicklung beschränken: Das Leben liegt vor ihm, die Herausforderung eigenständiger Arbeit, die Bewährung in Familie, Beruf und als Bürger eines Gemeinwesens. All dies bedingt selbsttätige Fortschritte bei der spezifisch menschlichen Tätigkeit: der Erzeugung, Weitergabe und Anwendung von Ideen. Dabei besteht eine genaue Analogie zwischen dem Nachvollziehen bereits vorhandener Ideen, die schon andere Menschen zuvor entdeckt haben, und der schöpferischen Erzeugung völlig neuer Ideen. Diesen Bereich bezeichnet Wernadskij als "Noosphäre", und Lyndon LaRouche hat für die Veränderung der Biosphäre durch die Anwendung wissenschaftlich-technischer Entdeckungen den Begriff der "Physischen Wirtschaft" geprägt.
All das, und selbstverständlich noch viel mehr, gehört hinein in den Begriff des Menschen, und wir begreifen, daß es sich um eine komplexe Idee handelt, einen Prozeß des Werdens vom Anfang bis zum Ende. Und so viele Stufen, Stadien oder Phasen mit jeweils unterschiedlicher empirischer Erscheinungsform wir im Werdegang des Menschen auch unterscheiden, alle vereint der eine Begriff des Menschen - der aber nun kein obskures Ding an sich mehr ist, sondern eine lebendige Idee.
Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Ein solches Ideal hat nichts zu tun mit "Superman", "Alphatyp" oder anderen einschüchternden Rollenvorbildern der äußerlichen Art, die eher Minderwertigkeitsgefühle erzeugen. Das Humanitätsideal hat vielmehr die entgegengesetzte Funktion, es ist wie eine Erinnerung an die menschlichen Möglichkeiten, Freiheitsgrade, an das Potential, das man als Mensch einmal mitbekommen hat. So ermuntert es, die Kräfte in sich selbst zu suchen: "Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,/ Es ist in dir, du bringst es ewig hervor." (Schiller)
Außerdem ergeben sich aus dieser Gesamtreihe ableitbare naturrechtliche Prinzipien, was in den Beziehungen zwischen Menschen "gut" oder "böse" ist - ob es nämlich dem Humanpotential der Beteiligten förderlich ist, oder ob es dies behindert, schmälert oder sogar zerstört. Die Implikationen für Streitfragen über Erziehungsmodelle oder die Wirkung von Rauschgift, aber auch für Diskussionen über die Deprivation von Kindern, die in Gebieten der Welt aufwachsen, welche durch eine unmoralische, ungerechte Weltwirtschaftsordnung in Armut und Unterentwicklung gehalten werden, liegen auf der Hand.
Mit der "konkreten Mannigfaltigkeit" läßt sich aber noch mehr anstellen: Vergleichen wir die Mannigfaltigkeit des biologisch-geistigen Werdegangs eines individuellen Menschen mit jener größeren Mannigfaltigkeit, die sich auf die Entwicklung der Menschheit bezieht. Der wichtigste Unterschied ist, daß die Entfaltung jedes individuellen Potentials an irgendeinem Punkt endet, im Idealfall erst nach einem "erfüllten Leben", wie man sagt. Zieht man aber in Betracht, daß die Menschheitsentwicklung mit dem Tode des Einzelnen nicht endet und künftige Individuen kommender Generationen ganz neue Ideen erzeugen, weitergeben und technisch anwenden werden, so erweist sich diese erweiterte Mannigfaltigkeit als nicht-endliche Reihe. Sie ist zwar nicht unendlich im absoluten Sinne, denn die künftigen Entwicklungsstadien sind ja noch nicht aktuell gegeben, aber die Reihe der Fortentwicklung ist potentiell angelegt. Cantor hat dafür den Begriff des Überendlichen oder Transfiniten eingeführt - was z.B. Bertrand Russell zu enormen Attacken gegen Cantors Mannigfaltigkeitslehre veranlaßte.
Man kann sich auch denken, warum: Als Vordenker einer oligarchischen Elite, die zudem auf den Machterhalt eines riesigen Imperiums bedacht sein mußte, war ihm ein solches Konzept vom menschlichen Geist einfach unheimlich, viel zu revolutionär und allen Methoden sozialer Kontrolle zutiefst abträglich.
Cantors transfinites Konzept des menschlichen Geistes liefert ein exaktes Konzept des grundsätzlichen Unterschiedes zwischen Mensch und Tier. Es macht z.B. unmittelbar einsichtig, daß und warum der Fortschritt der Menschheit im Bereich des Geistigen liegt, in der Entdeckung neuer Ideen und ihrer Anwendung zum Besten der Menschen und nicht etwa in der "Optimierung" des menschlichen Genoms.
Die Verteidigung des Menschen und der Menschheit gegen Angriffe, wie sie dieser Tage im großen Auditorium der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington zur Debatte standen, erfordert aber nicht nur einen klaren Kopf, sondern auch - Menschenliebe. Sie erscheint zwar nicht mehr zeitgemäß in einer Gesellschaft, wo man vor allem das eigene Ego liebt und wird in den Bereich der religiösen Wahnideen verbannt. In Wirklichkeit kommt die Menschheit aber ohne diese Liebe nicht aus.
Diskutieren wir also und errichten in diesem Prozeß wieder ein kohärentes Bild vom Menschen. Wenn wir das nur annähernd schaffen, bestätigte es die alte Weisheit, daß auch Böses Gutes bewirken kann - aber nur, wenn man nicht denkfaul ist.
Gabriele Liebig
1. FAZ, 23.2.2001
2. Neue Solidarität Nr. 32/2001, englisch im Internet: www.humancloning.org.
3. Die Welt, 9.8.2001.
4. Georg Cantor, "Grundlagen einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre", siehe auch: Dino De Paoli, "G. Cantors Beitrag zur Erforschung des menschlichen Verstandes", Ibykus Nr. 35/1991.
5. H. Markls Rede am 22. Juni 2001 bei der Hauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft, Auszüge in Neue Solidarität Nr. 27/2001.
|
|
| Suchen | Abonnieren | Leserforum |