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Aus der Neuen Solidarität Nr. 38/2001:

Wer will den "Krieg der Kulturen" und warum?

Von Mark Burdman

Diese Zeitung warnt seit langem davor, daß ein einflußreicher Professor der Harvard-Universität namens Samuel Huntington versucht, die ganze Welt in die Barbarei zu stürzen. Die schrecklichen Ereignisse in New York und Washington am 11. September und deren Folgeentwicklungen zeigen, wie recht wir damit hatten.

Huntington ist deshalb so gefährlich, weil er seit fast einem Jahrzehnt fanatisch die Idee vertritt, es müsse zwangsläufig zu einem "Zusammenstoß der Kulturen" kommen, zu einer langen Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Europa einerseits und der islamischen Welt, China und anderen Entwicklungsregionen andererseits. Huntington bezeichnet diesen "Clash of civilizations" auch als "Stammeskonflikt auf globaler Ebene".

1996 schrieb er in seinem Buch, das auf deutsch unter dem Titel Kampf der Kulturen erschienen ist und in dem er das Thema auf 500 Seiten auswalzt: "Menschen definieren sich durch das, was sie von anderen in einem besonderen Zusammenhang unterscheidet... Menschen bestimmen ihre Identität durch das, was sie nicht sind. Mit der Zunahme von Kommunikation, Handel und Verkehr vervielfachen sich die Interaktionen zwischen den Zivilisationen, und die Menschen messen ihrer zivilisatorischen Identität größere Bedeutung zu... In der sich abzeichnenden Welt werden die Beziehungen zwischen Staaten und Gruppen aus unterschiedlichen Zivilisationen nicht sehr eng und oft antagonistisch sein. Einige interzivilisatorische Beziehungen sind konfliktträchtiger als andere. Auf der Mikroebene verlaufen die gewaltträchtigsten Verwerfungslinien zwischen dem Islam und seinen orthodoxen, hinduistischen, afrikanischen und westlich christlichen Nachbarn. Auf der Makroebene verläuft die wesentliche Trennungslinie zwischen ,dem Westen und allen andern', wobei die intensivsten Konflikte zwischen den moslemischen und asiatischen Gesellschaften auf der einen und dem Westen auf der anderen Seite entstehen."

Wie wir in der Besprechung des Buches (Neue Solidarität vom 7.5.1997) und auch später immer wieder hervorgehoben haben, handelt es sich hier nicht um eine realitätsferne "akademische Analyse" oder um "Spekulationen", sondern um einen politischen Plan, den Huntington zusammen mit dem früheren US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski und anderen betreibt. Man will damit eine neue Ära neoimperialer Kriege einleiten und die wachsende politische, wirtschaftliche und strategische Zusammenarbeit in Eurasien mit LaRouches Landbrückenprogramm im Mittelpunkt abwürgen.

Ebenso wie sein früherer Harvard-Kollege und Bewunderer Henry Kissinger ist Huntington ein Anhänger der "geopolitischen" Doktrin, die Sir Halford Mackinder Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden hat. Mackinders These besagt, daß die anglo-amerikanischen sog. "Randstaaten" alles in ihrer Macht Stehende tun müssen, um eine Entwicklung im "eurasischen Herzland" zu verhindern. Diese Doktrin ist maßgeblich für die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Nun droht die geopolitische Variante des "Kampfes der Kulturen" Anfang des 21. Jahrhunderts einen Dritten Weltkrieg auszulösen.

Während die Hintergründe der Ereignisse des 11. September noch lange nicht geklärt sind, arbeitet die mit Huntington und Brzezinski verbundene geopolitische Fraktion bereits fieberhaft daran, die Taten für ihre Zwecke auszunutzen. Sie propagiert lautstark einen Religionskrieg, der im Nahen Osten beginnen und sich von dort auf Zentralasien, den indischen Subkontinent und andere wichtige Teile Eurasiens ausdehnen würde. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Pläne sind fanatische Gruppen wie die afghanischen Taliban, die in den 80er Jahren von Brzezinski und seinen Freunden für den "Heiligen Krieg" gegen die Sowjetunion aufgebaut wurden.

Daß Huntington & Co. gerade jetzt mit einer so verzweifelten Hast ihre Pläne vom "Kampf der Kulturen" umsetzen wollen, hängt mit zwei miteinander verwobenen realen Entwicklungen zusammen. Die eine ist der rasante Zusammenbruchsprozeß des weltweiten Finanzsystems, der gerade Ende August und Anfang September eine neue Dimension annahm.

Zum anderen verstärkte sich gleichzeitig die diplomatische, politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen eurasischen Ländern wie China, Rußland, Indien, den zentralasiatischen Republiken und anderen Staaten. Als zentraler Bezugsrahmen dieser vielfältigen Aktivitäten schält sich immer mehr die Verwirklichung der Eurasischen Landbrücke mit ihren Entwicklungs- und Infrastrukturvorhaben heraus, die für eine Umkehr der weltweiten Wirtschaftsdepression unabdingbar ist. Wenn die Landbrücke verwirklicht ist, ist die Macht der anglo-amerikanischen Finanzoligarchie gebrochen, daher ist diese Oligarchie entschlossen, sie um jeden Preis zu verhindern.

Unmittelbar nach den Anschlägen erklärte Lyndon LaRouche als Antwort auf die Frage Cui bono?, die Gruppe um Huntington und Brzezinski müsse zumindest als mitverantwortlich betrachtet werden. Schon vorher hat LaRouche immer wieder betont, daß die fanatischen "Kulturkämpfer" wesentlich zur Eskalation der Spannungen in Nahen Osten beitragen.

Die Londoner Times bestätigte dies am 12. September unfreiwillig mit einem Kommentar von Tim Hames, der führenden Politikern der Republikanischen Partei und der Regierung Bush nahesteht. Hames schreibt dort, die Doktrin vom "Kampf der Kulturen" beherrsche jetzt die Politik: "Jegliche Illusion, das Ende des Kalten Krieges habe eine neue Ära ständigen Friedens und Wohlstandes eröffnet, wird mit dem gestrigen Tag zerschlagen worden sein. Die Idee eines ,Endes der Geschichte', das Francis Fukuyama im ersten Jahr der Präsidentschaft von George Bush sen. vor zwölf Jahren lautstark feierte, ist dadurch völlig entbehrlich geworden. Statt dessen werden die Politiker instinktiv eine andere Schrift wieder aus der Schublade hervorholen, den Kampf der Kulturen, 1993 von Samuel Huntington verfaßt, wo ein Kräftemessen zwischen den demokratischen Kräften unter Führung der USA und den im extremen Islam wurzelnden, den amerikanischen Werten gewaltsam entgegentretenden Fanatikern prophezeit wird."

Tatsächlich hat Huntington überhaupt nichts "prophezeit". Vielmehr setzen er und seine Freunde ihre "Vorhersagen" nur in die Welt, um sicherzustellen, daß diese Wirklichkeit wurden.

 

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