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Afghanistan. Militärisch läßt sich den Taliban kaum beikommen. Nur wenn die Anglo-Amerikaner ihre verheerende Geopolitik der letzten Jahrzehnte aufgeben, kann sich die Region stabilisieren.
Nach Präsident Bushs Rede vor dem amerikanischen Kongreß am 20. September ist kaum noch zu bezweifeln, daß gegen den "Hauptverdächtigen" Osama bin Laden militärische Vergeltungsschläge geplant sind. Die Folgen solcher Aktionen könnten aber nicht weniger schrecklich sein als die Anschläge in New York und Washington selbst. In den Medien werden alle Optionen als möglich bezeichnet, von einem großen Krieg wie dem Golfkrieg über den Einsatz von Sondereinheiten bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen. Wenn man diese Optionen nüchtern abwägt, bestätigt sich, wovor Lyndon LaRouche gewarnt hat: Das hauptsächliche Ziel des Angriffs auf die Vereinigten Staaten ist es, einen "Krieg der Kulturen" des Westens unter amerikanischer Führung gegen die islamische Welt in Gang zu setzen. Damit soll eine erfolgreiche wirtschaftliche Zusammenarbeit in Eurasien zwischen Europa, Rußland, Zentralasien, China usw. verhindert werden.
Zuerst sollte man die Frage beantworten: Warum ist Bin Laden in Afghanistan? Seit mehr als zwei Jahrzehnten liegt Afghanistan im Zentrum der geopolitischen Pläne der Propagandisten des "Kampfes der Kulturen". In den 70er Jahren führte der wichtigste Vertreter dieser Politik, Zbigniew Brzezinski, die Politik des sog. "Krisenbogens" ein, deren Ziel es war, in einem großen geographischen Bogen vom Nahen Osten aus bis in die zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion islamische Revolten anzuzetteln. Die erste Frucht dieser Politik war die sowjetische Invasion Afghanistans, worauf dann die Anglo-Amerikaner über ihre Geheimdienste gemeinsam mit den Israelis die anti-sowjetischen Mudjaheddin aufbauten. Wie jeder weiß, begann damit Bin Ladens Aufstieg.
Da Afghanistan im Mittelpunkt der islamischen Welt liegt, wird Brzezinskis Politik bis heute weitergeführt. Nördlich von Afghanistan liegen die zentralasiatischen ehemals sowjetischen Republiken Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, die alle als russischer Einflußbereich gelten. China teilt einen schmalen Grenzstreifen mit Afghanistan. Im Südwesten liegt Pakistan, eines der größten islamischen Länder der Welt und bisher der wichtigste Verbündete der Taliban. Es ist eine Nuklearmacht, die potentiell in Konflikt mit einer anderen Nuklearmacht, Indien, geraten könnte. Im Westen liegt die Islamische Republik Iran. Man kann sich leicht vorstellen, wie schnell eine massive Destabilisierung der gesamten Region beginnen könnte, wenn es zu einer umfangreichen Militäraktion gegen Afghanistan käme. Der frühere britische Außenminister Jack Straw sagte am 17. September, in Verbindung mit der Lage im Nahen Osten sei dies alles "die furchterregendste Situation seit der Kuba-Krise der 60er Jahre".
Auch Prof. August Pradetto von der Hamburger Bundeswehrhochschule erklärte am 19. September gegenüber der Zeitung Die Welt, das Ziel der Anschläge in Amerika könnte sein, "die NATO in einen Krieg gegen die islamische Welt zu ziehen. Und wir sind dabei, in eine ungeheure Falle zu tappen."
1. Schläge mit Kernwaffen gegen Stützpunkte von Terroristen.
2. Angriffe von See- und Luftstreitkräften gegen solche Stützpunkte, jedoch ohne Einsatz von Kernwaffen.
3. Sondereinsatzkommandos zur Eliminierung oder Gefangennahme der Anführer von Terrorgruppen.
4. Ein großer Krieg in der Art des Golfkrieges, um nicht nur Bin Laden zu fangen, sondern auch Afghanistan zu besetzen.
5. Eine Kombination der genannten Optionen.
Jede einzelne dieser fünf Optionen birgt enorme militärische, politische und strategische Gefahren.
Beim Gedanken an eine Militäraktion erinnern wir uns unwillkürlich an den Golfkrieg von George Bush senior. Aber die militärischen Kapazitäten der USA und der NATO sind längst nicht mehr so groß wie vor zehn Jahren. Sie haben nicht nur weniger Soldaten, Flugzeuge und Schiffe, sondern auch weniger Basen - insbesondere in Europa - , die für den Aufmarsch von 1990-91 sehr wichtig gewesen waren. Einmal abgesehen von der Abneigung der Europäer gegen militärische Abenteuer, sind die militärischen Voraussetzungen für Europa noch schlechter, weil dort Transportkapazitäten (besonders Lufttransport) sowie Hochpräzisionswaffen fehlen.
1. Der Einsatz kleiner Kernwaffen gegen gegnerische Stützpunkte ist, rein militärtechnisch gesehen, verlockend, da die USA dann auf Verbündete, auf vorgeschobene Basen und auf Bodentruppen ganz verzichten könnten. Auch die psychologische Wirkung auf den Gegner wäre sicherlich massiv. Aber ein solches Vorgehen wäre für Europa nicht hinnehmbar und stellte eine riesige Provokation gegenüber Rußland und China dar, ganz zu schweigen von den Nuklearmächten Indien und Pakistan.
2. Ein vergleichbarer Angriff aus der Luft und zur See ohne Kernwaffen, mit Marschflugkörpern und anderen konventionellen Waffen, wäre sinnlos. Anders als im Falle Serbiens und des Irak ist die Infrastruktur in Afghanistan schon so zerstört, daß es einfach nichts mehr zu bombardieren gibt. Die sogenannten Stützpunkte der Terroristen sind nicht mehr als Lagerplätze in der Wüste oder in den Bergen.
3. Ein Einsatz von Sondereinsatzkommandos ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die USA können an praktisch jeden Ort der Welt ein Expeditionskorps von bis zu 45000 Mann entsenden, das sehr gut ausgebildet und mit moderner Logistik ausgerüstet ist. Aber es kann nur in einem Umkreis von 700-800 km von seiner Operationsbasis agieren, weil die Transportkapazitäten und der Aktionsradius der taktischen Luftstreitkräfte nicht weiter reichen. Eine solche Truppe wäre nicht nur auf Basen in Nachbarländern angewiesen, sie könnte auch genauso leicht im Guerillakrieg aufgerieben werden wie einst die sowjetischen Truppen.
4. Ein gigantischer Aufmarsch wie beim Golfkrieg kommt aufgrund des deutlichen Rückgangs der militärischen und logistischen Kapazitäten der Allianz ebenfalls nicht in Frage. Zudem nähme ein solcher Aufmarsch einige Monate in Anspruch. Der Einsatz mehrerer hunderttausend Soldaten erforderte auch den Aufbau sicherer Stützpunkte auf dem Territorium aller Nachbarländer Afghanistans. Dazu wären weitreichende diplomatische Verhandlungen notwendig. Für jeden Stützpunkt in Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan bräuchte man das Einverständnis Rußlands, das über Abenteuer der NATO in seiner unmittelbaren Nachbarschaft natürlich nicht sehr glücklich wäre. Ähnliches gilt für China und den Iran.
Pakistan wiederum ist schon immer der engste Verbündete der Taliban gewesen. Die Unterstützung für die Taliban reicht tief in das politische, militärische und sicherheitspolitische Establishment des Landes hinein. Wenn Pakistan von den USA zu stark unter Druck gesetzt wird, könnte dies einen Bürgerkrieg im Land auslösen.
5. Man kann sich auch ein weniger aufwendiges, gezieltes Vorgehen von Sondereinsatzkommandos mit Luftunterstützung gegen Bin Laden und seine Ausbildungslager und Stützpunkte vorstellen. Der Nachteil wäre, daß man sich dabei auf keinen Fall einen Fehlschlag leisten könnte. Ein Scheitern wäre noch weitaus schlimmer als der mißglückte Versuch der Regierung Carter, die Geiseln im Iran zu befreien. Außerdem räumen selbst amerikanische Regierungsmitarbeiter ein, daß die Eliminierung Bin Ladens die Probleme nicht lösen würde und nicht einmal ausreichte, den "Blutdurst" der Medien zu stillen.
Bin Laden und die Taliban sind ein Produkt der "Krisenbogenpolitik", mit der Brzezinski Ende der 70er Jahre die Sowjetunion einkreisen wollte. Der Abzug der Sowjets aus Afghanistan und der spätere Zusammenbruch der Sowjetunion haben diese Politik nicht beendet. Man benannte sie einfach in den "Kampf der Kulturen" um. Viele der Mudjaheddin-Kämpfer wurden später in die USA und nach England gebracht und dazu eingesetzt, moslemische oder arabische Staaten zu destabilisieren.
In Afghanistan begann nach dem Rückzug der Roten Armee ein zermürbender Bürgerkrieg, der bis heute die gesamte Region nicht zur Ruhe kommen läßt. Der Grund dafür ist wiederum die geographische Lage des Landes: Ein stabiles Afghanistan wäre wichtig für die Infrastruktur zwischen Süd- und Westasien, die dann mit der europäischen Landbrücke verbunden wäre.
Die Taliban wurden von den Netzwerken in Pakistan aufgebaut, die schon mit den Anglo-Amerikanern die "Mudjaheddin" gestützt hatten. Die Finanzierung lief über die gleichen Kreise in Saudi-Arabien, die im Auftrag der Anglo-Amerikaner die Mudjaheddin und die mittelamerikanischen Contras finanziert hatten. Zu der Zeit verfolgte der US-Erdölkonzern UNOCAL das Ziel, eine Pipeline zu bauen, welche die Gasfelder Zentralasiens mit den Häfen am Arabischen Meer verbinden sollte. So wurde Afghanistan in die "Pipelinekriege" hineingezogen. So nennt man die Kriege, die seit Jahren die gesamten südlichen Grenzgebiete der ehemaligen Sowjetunion plagen, vom Schwarzen Meer bis tief hinein nach Zentralasien. Das Ziel dieser Destabilisierung ist, Rußland und den Iran aus Pipelinevorhaben und der Erschließung der immensen zentralasiastischen Erdöl- und Erdgasressourcen herauszuhalten. Die Taliban-Herrschaft in Afghanistan kam solchen anglo-amerikanischen Interesse zugute. Das ist die verrückte Politik, die beendet werden muß.
Gegenwärtig stehen sich in der Region zwei feindliche Lager gegenüber. Auf der einen Seite stehen Pakistan und die Taliban, auf der anderen Seite die Unterstützer der Afghanischen Nordallianz, die von den Vereinten Nationen immer noch als die rechtmäßige Regierung Afghanistan angesehen wird.
Eine mögliche Lösung beschrieb kürzlich Sunanada Datta-Ray, der frühere Herausgeber der indischen Zeitung The Statesman, in einem Kommentar für die International Herald Tribune. Er berichtete über ein Treffen mit Vertretern aus Indien, Rußland, dem Iran, Usbekistan, Tadschikistan und der Afghanischen Nordallianz in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. (Tadschiken und Usbeken machen 46 Prozent der afghanischen Bevölkerung aus.) Dort wurde ein Aufruf für eine "globale Lösung" zur Beendigung des Bürgerkrieges diskutiert. Eine internationale Allianz solle die Kriegsparteien aussöhnen, Wahlen zur Bildung einer Koalition der nationalen Einheit überwachen und den Zustrom von Waffen stoppen, damit Bin Laden und die Taliban sich Verhandlungen mit der Opposition nicht länger entziehen können.
Der pakistanische Machthaber Muscharraf kritisierte die Konferenz in Duschanbe jedoch als "Bündnis gegen die Taliban", das den Interessen der Länder nicht diene und attackierte in dem Zusammenhang auch Indien.
Dieser Konflikt kann nicht durch Druck und Aufrüstung gelöst werden. Die einzige Lösung ist die Beendigung der Geopolitik, die diesem Konflikt zugrundeliegt. Dies wiederum kann nur gelingen, wenn Westeuropa und die USA sich Rußland, China und den anderen Nationen anschließen, um die enormen Chancen einer breitangelegten wirtschaftlichen Entwicklung durch den Aufbau der Eurasischen Landbrücke zu nutzen.
Dean Andromidas
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