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Berlin. Mit ihrer überstürzten und rückhaltlosen Anlehnung an die USA hat sich die Regierung Schröder auf unsicheres Terrain von Halbwahrheiten und Mutmaßungen über den Superterroristen Bin Laden begeben, das von sensationslüsternen und kriegsgeilen Medien bereitet wird.
Für die Bundesregierung, für die meisten Bundestagsabgeordneten und für die meisten deutschen Medien scheint klar: Osama bin Laden, der von Afghanistan aus operiert, steckt hinter den Terroranschlägen vom 11. September. Deshalb seien die anglo-amerikanischen Luftangriffe auf afghanische Städte gerechtfertigt, deshalb habe Bush Anspruch auf die uneingeschränkte militärische Solidarität der Europäer laut Artikel V des NATO-Vertrags.
Die Entwicklung hat nun ihre eigene Dynamik entfaltet, und es ist nicht auszuschließen, daß am Ende auch deutsche Truppen in Afghanistan oder in anderen Teilen der Welt zum Einsatz kommen - in Situationen, die weitaus kritischer und gefährlicher als der laufende Balkaneinsatz sind. Dieser Preis für ein Lob von Bush für den Bundeskanzler ist eindeutig zu hoch.
Zweifel an der englisch-amerikanischen Verschwörungstheorie um "Bin Laden", wie sie in den Tagen unmittelbar nach den Ereignissen des 11. September noch in Deutschland geäußert wurden, sind von offizieller Seite jetzt kaum noch zu vernehmen. Damit sitzt die deutsche Politik in der Falle. Klar ist nämlich bisher gar nichts: Gesichert scheint bisher lediglich, daß eine Reihe von arabisch-stämmigen Männern in den vier amerikanischen Flugzeugen zusammen mit den anderen Passagieren am 11. September abstürzten und ums Leben kamen. Ob sie oder andere Passagiere die besagten "Terrorpiloten" waren, läßt sich nicht sagen, denn die wenigen Angaben, die hierzu vom FBI an die Weltöffentlichkeit herausgegeben wurden, sind alles andere als beweiskräftig.
Islamexperten haben beispielsweise darauf hingewiesen, daß jenes nach den Attentaten auf reichlich mysteriöse Weise aufgefundene "Testament" des angeblichen "Terrorchefpiloten Atta" Passagen enthalte, die ganz und gar untypisch sind für muslimische Denkweisen und Traditionen. Man könnte annehmen, daß jemand anderer, der sich nicht so gut im Islam auskennt, den Text zusammengeschustert hat, sagen renommierten arabische Schriftgelehrte.
Tatsächlich sind die bisherigen Angaben des FBI zu jener angeblichen "Terror-Wohngemeinschaft Marienstraße" in Hamburg (Attas frühere Wohnung) reichlich wackelig; eben deshalb warnen deutsche Ermittler vor voreiligen Schlüssen, weil man beim derzeitigen Stand der Nachforschungen allenfalls vermuten könne, daß zwischen einigen der genannten Araber engere Kontakte bestanden, daß sie vielleicht sogar zu islamisch-extremen Anschauungen neigten. Daß sie, wie das FBI behauptet, aber mit den Anschlägen vom 11. September etwas zu tun hatten, ist nicht nachweisbar, und bei einigen der Verdächtigen ist nicht einmal klar, ob sie überhaupt zum Netz des Bin Laden gehört haben.
Überhaupt nicht nachvollziehbar ist für deutsche Ermittler, daß laut FBI-Angaben Hamburg das angebliche Planungszentrum für die Anschläge gewesen sei. Nachvollziehbar ist dagegen etwas ganz anderes: daß nämlich das FBI mit seinem Gerede von der "Hamburger Fährte" davon ablenken möchte, daß die eigentlich interessanten Spuren in den USA selbst bisher nicht entdeckt wurden. Etliche haben sogar den Verdacht, daß der FBI die besagte "Hamburger Fährte" erfunden habe, um das Interesse von möglichen amerikanischen Spuren wegzulenken.
Das Auftreten einiger FBI-Beamter und anderer amerikanischer Experten, die sich derzeit in Deutschland aufhalten, paßt hier ins Bild. Erstens informieren sie ihre deutschen Kollegen nur widerwillig über ihre eigenen Erkenntnisse, wollen andererseits die totale Kontrolle über alle Erkenntnisse der Deutschen und nerven diese außerdem mit ihrem ständigen Hinweis auf die "Liste" mit den angeblichen Hauptverdächtigen. Wirkliche Ermittlungen sind unter solchen Umständen kaum möglich.
Es paßt aber auch ins Bild, daß deutsche Kritiker dieser Methoden nur anonym über einige Medien an die Öffentlichkeit treten. Generalbundesanwalt Kay Nehm, der wiederholt vom FBI lancierte Berichte gewisser Medien über angebliche "neue Spuren" korrigierte und richtigstellte, was der aktuelle, tatsächliche Stand der Ermittlungen war, mußte Anfang Oktober zum Rapport nach Berlin und wurde von der Bundesregierung genötigt, die Ermittlungen so auszudehnen, wie es von der amerikanischen Seite gewünscht wurde. Deshalb gibt es jetzt eine bundesweite Rasterfahndung an deutschen Universitäten, mit der potentielle Terroristen nach dem ziemlich eigenartigen Strickmuster "Araber aus Syrien, Jemen usw., religiös, unauffällig" ausfindig gemacht werden sollen. Wenn dann noch der eine oder andere auf der Hochzeit von dem anderen dabei war, ist der Fall für Sensationsmedien wie Bild klar: Das ist wieder einer dieser verkappten Mitverschwörer Osama bin Ladens. Bei Bild wurde vor einem Jahr ja auch jene blamable Horrorstory über Sebnitz erfunden...
Aber "Experten" dieser Art finden sich auch beim Stern oder beim Fernsehen. Der Stern machte zu Beginn der vergangenen Woche die "Bonner Spur" des angeblichen Terrorpiloten Marwan al-Shehhi aus: Der hatte im Oktober 1999 zwei Probeflugstunden in einem zweisitzigen Leichtflugzeug genommen, die ihn vom Bonner Flugplatz Hangelar über das frühere Regierungsviertel und einige chemische Industriefirmen führten. Was er dabei für die Angriffe auf das World Trade Center gelernt haben soll, bleibt ein Rätsel, das wohl nur der Stern auflösen kann. Flugexperten selbst merken nur spöttisch an, daß jemand, der in einem Zweisitzer zweimal mitfliegt, wohl kaum in der Lage ist, einen Großflieger der Marke Boeing punktgenau zu steuern.
Ähnlich hanebüchen ist die Story, mit der ZDF-Frontal 21 zu Beginn der vergangenen Woche auf Sendung ging: Der in Neu-Ulm wohnende Arzt Adley el-Attar sei Zwischenmann von Bin Laden, sei häufig im Sudan (ein "Schurkenstaat" aus amerikanischer Sicht), und besonders auffällig sei, daß er schon im August nach Khartum geflogen, aber erst eine Woche nach dem 11. September nach Neu-Ulm zurückgekehrt sei. Derartig Auffälliges konnten die bayerischen Ermittler, die jene Wohnung in Neu-Ulm durchsuchten, nicht bestätigen - es sei denn, ein Besuch bei der deutschen Ehefrau, die mit Kindern in Khartum lebt, sei an sich schon verdächtig. El-Attar soll zwar, so die bayerischen Ermittler, Kontakte zum radikalen islamischen Umfeld haben, hat möglicherweise sogar einmal jenen "Chefterroristen" Atta getroffen, aber das alles qualifiziert ihn bisher allenfalls zum Zeugen, nicht zum Verdächtigen.
Auch jene "Wiesbadener Spur" der drei Männer, die in Wiesbaden verhaftet wurden, steht auf wackeligen Füßen. Weder ist klar, ob die beiden "Jemeniten", die in Haft genommen wurden, tatsächlich Bürger des Jemen (ein weiterer "Schurkenstaat" aus amerikanischer Sicht) sind, noch ist erkennbar, ob sie überhaupt zu dem gehören, was in übereifrigen Medienberichten schon als "Terrorzelle Rhein-Main" bezeichnet wurde.
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich müssen Querverbindungen potentiell extremistischer Art durchleuchtet werden, aber das ist ein zeitraubender Vorgang, der an klare rechtliche Vorbedingungen gebunden ist und sich nicht am Medienhunger nach Sensationen ausrichten darf. Dem Schutz der öffentlichen Sicherheit ist es nicht dienlich, wenn jetzt im Schnellverfahren einige Halbindizien zu einem Phantom zusammengeklebt werden, nur um den Eindruck zu erwecken, man habe Erkenntnisse, die man genaugenommen nicht hat.
Etliche der derzeit durch die Medien rauschende Geschichten klingen so, als wolle jemand dem FBI einen Gefallen tun und nur schnell irgendetwas auftischen, was nach "Bin Laden" klingt. Ob das am Ende den deutsch-amerikanischen Beziehungen dient, ist mehr als zweifelhaft. Und nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Familien der Opfer der Anschläge vom 11. September haben ein Recht zu erfahren, was und wer wirklich dahinter steckt.
Rainer Apel
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