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Tony Blairs Kanzleramt und das britische Foreign Office propagieren unverhohlen ihr Ziel, sich an die Spitze eines umgestalteten anglo-amerikanischen Weltimperiums stellen zu wollen.
Tony Blair, der Premierminister Ihrer Majestät, und sein Gefolge machen sich das Desaster des 11. September zunutze, um auf die schlimmsten Auswüchse der Viktorianischen Ära zurückzugreifen. Unmittelbares Ziel dieser neoimperialistischen Offensive ist die weitere Zerschlagung von Ländern wie Afghanistan, die im Sprachgebrauch Blairs und seiner amerikanischen Freunde "gescheiterte Staaten" heißen. Alle diese Länder wurden durch provozierte Kriege und/oder die Auflagen des Internationalen Währungsfonds in den Ruin getrieben.
Wichtigster öffentlicher Fürsprecher dieser neoimperialen Kampagne ist Blairs außenpolitischer "Guru" Robert Cooper. Seit Mitte Oktober ist der hochrangige Diplomat dem Außenamt als Sonderkoordinator für die britische Politik im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Krieg und dem "Krieg gegen den Terrorismus" zugeteilt. Dies gab Außenminister Jack Straw persönlich bekannt in einer Rede vor dem International Institute of Strategic Studies am 22. Oktober in London. Straw bezeichnete Cooper als Autor und Denker, der sich mit dem Thema "postmoderne Staaten" beschäftige.
Kurz vor seiner Ernennung hatte Cooper in der Oktober-Ausgabe der britischen Establishment-Zeitschrift Prospect einen als politisches Signal verstandenen Artikel mit dem Titel "Das nächste Imperium" veröffentlicht. Darin heißt es: "Das Imperium ist wirkliche Geschichte. Fast alles, was wir über die Geschichte wissen, von Sumer über Babylon, Ägypten, das assyrische Reich, Persien, Griechenland, Rom, Byzanz, die chinesischen Dynastien, das Karolingerreich, das Heilige Römische Reich, das Mongolenreich, das Habsburgerreich, das spanische, portugiesische, britische, französische, niederländische und deutsche Reich bis hin zum Sowjetimperium, einschließlich der vielen, die wir vergessen haben - alles legt nahe, daß die Geschichte der Welt eine Geschichte der Imperien ist."
Dann kommt Cooper zu seinem eigentlichen Anliegen: "Verglichen mit dem Imperium ist der Nationalstaat ein neues Konzept; der kleine Staat begann seine Entwicklung mit der Renaissance, und erst im 19. Jahrhundert wurde die Nation ein größerer politischer Faktor. Seitdem blieb der Nationalstaat auf einen begrenzten Teil des Globus beschränkt. Nicht zufällig war dies auch der dynamischste Teil. Das Nichtvorhandensein von Imperien ist jedoch historisch beispiellos. Die Frage ist, ob dieser Zustand von Dauer sein kann. Es gibt theoretische wie praktische Gründe, davon auszugehen, daß das nicht so sein wird." Vor allem gebe es ein "praktisches Problem mit einer Welt von Nationalstaaten". Viele nachkolonialistische Staaten hätten nur eine schwache nationale Identität, schwache politische Institutionen und eine schwache Wirtschaft. "Einige davon, vor allem in Afrika, stehen vor dem Kollaps. Andere in Zentralasien, Südostasien oder dem südlichen Pazifik erscheinen nicht sehr gesund. In vielen Fällen muß man wohl sagen, daß Selbstregierung und Selbstbestimmung gescheitert sind."
Cooper folgert daraus: "Es scheinen alle Bedingungen für einen neuen Imperialismus gegeben zu sein. Es gibt Länder, die auf äußere Kräfte angewiesen sind, um Stabilität zu schaffen (kürzlich wurde auf einer Kundgebung in Sierra Leone die Rückkehr zur britischen Herrschaft gefordert)... Ein System, in dem die Starken die Schwachen schützen, in dem die Effizienten und gut Regierten Stabilität und Wachstum exportieren, in dem die Welt offen für Investitionen und Wachstum ist - alles das erscheint äußerst wünschenswert. Auch wenn ein Imperium oftmals nicht so in Erscheinung trat, so war es doch meistens besser als das Chaos und die Barbarei, die es ersetzte."
In einem anderen Abschnitt bezeichnet Cooper die offene Einmischung des IWF "in die inneren Angelegenheiten" von Staaten als Beitrag zur Förderung "guten Regierens" und zur Schaffung guter Bedingungen für ausländische Investitionen. "Wie unterscheidet sich das von dem, was Lord Cromer und andere in Ägypten machten?", fragt er - ein Verweis auf die anglo-französische Kontrolle über die ägyptischen Finanzen 1875, welche, so Cooper, bemerkenswertweise einem recht strengen IWF-Programm geähnelt habe. Das auf den IWF abgestellte System ist der Kern dessen, was Cooper den "Imperialismus der Globalisierung" nennt.
Coopers abschließende Empfehlung lautet, die Europäische Union sollte sich eine neue Struktur im Sinne eines "kooperativen Imperiums" zulegen; ein anderer Name dafür sei auch "Commonwealth". Er schreibt: "Wie Rom würde dieses Europa seinen Bürgern ein paar Gesetze, ein paar Münzen und vereinzelte Straßen verschaffen."
Im Londoner Daily Telegraph - im Besitz des Erzimperialisten Conrad Black von der Hollinger Corporation - erschien am 25. Oktober ein weiterer Artikel mit der Überschrift "Whitehall-Prophet des neuen Imperialismus". Aus dem Artikel geht hervor, daß sich Blair kürzlich mit Rudyard Kipling beschäftigt habe, und es heißt, er, Blair, arbeite an einer modernen Version von Kiplings "White Man's Burden", was ein Versuch "des Westens" sei, "eine Art neues Imperium zu schaffen". Das Blatt bestätigt ebenfalls, daß "in der Downing Street und im Außenministerium viel darüber nachgedacht wird, das ,Imperium' neu zu erfinden", und der "wichtigste Berater" dabei sei Cooper.
Der Londoner Guardian folgte am 31. Oktober mit einem Kommentar des Oxford-Historikers Niall Ferguson mit dem Titel "Willkommen neuer Imperialismus". Ohne sich direkt auf Cooper zu beziehen, macht sich Ferguson dasselbe Denken zu eigen und meint, erforderlich sei heute wieder eine "internationale Kolonialherrschaft". Besonders die USA müßten als "formales Imperium", als "selbstbewußte Imperialmacht" hervortreten, die als eine Art "globaler Hegemon" fungieren könnte.
Nicht bei allen britischen Strategen stoßen diese imperialen Töne auf Begeisterung. Die Opposition zu Blairs Anmaßungen kam in einem Cartoon des bekannten britischen Cartoonisten Steve Bell unmittelbar neben Fergusons Kommentar im Guardian zum Ausdruck. Es zeigt einen riesigen steinernen Blair-Kopf, der mitten in der Wüste im Sand versinkt, mit der Titelzeile "Blairzymandias" - eine Anspielung auf das Gedicht "Ozymandias" von Percy Bysshe Shelley, in dem es darum geht, wie die großen imperialen Pläne des persischen Kaisers Ozymandias in Staub zerfallen. Das Gedicht soll auch andere arrogante Möchtegern-Despoten daran erinnern, welches Schicksal sie erwartet.
Mark Burdman
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