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Aus der Neuen Solidarität Nr. 1-2/2002 |
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Von Eulenspiegel
Was wird uns das neue Jahr 2002 bringen? Leider weiß Eulenspiegel es auch nicht so genau - aber unsere Asien-Korrespondenten fanden eine interessante Vorausschau des Journalisten Chang Noi, die am 24. Dezember in der thailändischen Zeitung The Nation erschien. Seien wir gespannt, wieviel davon tatsächlich eintreten wird.
Januar 2002
Die US-Wirtschaft schwächt sich weiter ab, weil die Folgewirkungen des 11. September und der zyklische Abschwung zusammenkommen. Japanische Banken entscheiden, ihre enormen Guthaben an US-Schatzanleihen abzustoßen, bevor sich die Lage noch weiter verschlechtert. Sie verkaufen im Stillen alles an einen Hedgefonds vom Mars. Dieser Hedgefonds unternimmt damit Leerverkäufe auf dem kosmischen Anleihenmarkt und macht so innerhalb von Sekunden einen Gewinn, der dem Einkommen mehrerer kleinerer Planeten entspricht. Der Chef des Hedgefonds setzt sich zur Ruhe, um ein Buch darüber zu schreiben, daß der kosmische Kapitalismus ihm möglicherweise in Zukunft kein so gutes Einkommen mehr liefern wird.
Februar
Der Dollar fällt wie ein Stein. Auf den Märkten herrscht massive Unruhe. Man sieht Männer mit Ohrringen weinen.
Aus Angst vor einer kosmischen Panik entsendet der Marsianische Währungsfonds (MWF) eine Delegation nach New York, um die Kontrolle zu übernehmen. Nach einer kurzen Prüfung gibt der Chef des MWF bekannt: "Diese Krise kam zustande, weil die US-Wirtschaft sich darauf verlassen hat, daß Ausländer ihre Wirtschaft finanzieren und subventionieren; hätten die Japaner nicht alle diese Schatzanleihen gekauft, wären die USA schon vor Jahren untergegangen. Die Verbraucher haben viel mehr ausgegeben, als sie tatsächlich verdienen. Die Sparrate ist Null. Die Marktpreise sind aufgebläht. Ohne den Zustrom aus dem Ausland kann die US-Wirtschaft nicht aufrecht erhalten werden. Die Schulden sind gewaltig. Die wilde Party in Amerika ist vorbei."
Anleihenhändler demonstrieren auf der Wall Street, sie tragen Schilder mit der Aufschrift: "MWF raus! Nieder mit dem kosmischen Kolonialismus!" Der MWF-Chef antwortet: "Wir haben derartige Krisen schon früher in den äußeren Galaxien gesehen. Die USA wollen die Realität nicht akzeptieren. Sie befinden sich derzeit in einem Zustand der Realitätsverweigerung. Sie werden diesen ganzen Unfug von Stimulierungspaketen, Rettungspaketen für Unternehmen, niedrigen Zinsen und weichen Landungen aufgeben müssen. Der Markt muß seine Magie zur Entfaltung bringen. Wir werden die üblichen Rezepte anwenden."
An diesem Punkt versuchen einige amerikanische Bankiers und Vertreter des Finanzministeriums zu unterbrechen, aber ohne Erfolg, denn Marsianer haben keine Ohren. Die MWF-Delegation stellt den Krisenmanagement-Plan vor: Die Mehrwertsteuer wird verdoppelt. Der Benzinpreis wird verdoppelt. Die Regierungsausgaben werden zusammengestrichen. Die Zinsen werden auf 20% erhöht. Alan Greenspan unterzeichnet das Abkommen in Anwesenheit des MWF-Chefs, der mit glänzenden Augen und ausgebreiteten Tentakeln danebensteht. Die US-Wirtschaft kommt zum völligen Erliegen.
Die Einkaufszentren sind ausgestorben. Das Vertrauen verschwindet. Die Börse sinkt auf ein Achtel ihres Höchststandes.
Der marsianische Wirtschaftsprofessor schreibt einen Gastkommentar, der in der kosmischen Presse vielfach abgedruckt wird: "Es ist klar, daß diese Krise die Wirklichkeit hinter dem sogenannten ,amerikanischen Modell' des Kapitalismus enthüllt. Man betrachte den Fall Enron; das ist das wahre Gesicht des amerikanischen Kapitalismus. Der Aktienpreis war künstlich inflationiert. Die Vorstandsmitglieder haben riesige Gehälter und Vergütungen eingestrichen. Um die Quartalsvorgaben zu erreichen, wurden die Zahlen manipuliert. Dieses amerikanische Kapitalismusmodell mag kurzfristig Wachstum und Gewinne liefern. Aber es ist technisch unhaltbar, wie diese Krise belegt. Darüber hinaus mangelt es ihm an Moral, Menschlichkeit und Mitgefühl. In den Papierkorb damit!"
Die MWF-Delegation entscheidet, die NASDAQ-Börse zu schließen und den Handel mit allen ihren Unternehmen einzustellen. Allein im Silicon Valley werden Tausende entlassen. In den USA insgesamt steigt die Arbeitslosenzahl auf 15 Millionen Menschen.
März
Der Präsident hält eine Rede, in der er die Rückkehr zur Selbstversorgung anpreist: "Das eigene Stückchen Land zu bebauen, war schon immer seit der Zeit der Pilgerväter der Kern der amerikanischen Tradition." Silicon Valley wird dem Erdboden gleichgemacht und darauf Mohrrüben angebaut.
April
Hausfrauen haben kein Geld mehr, um das Mädchen für den Hausputz oder den Gärtner fürs Blätterharken zu bezahlen.
Millionen illegale und halblegale Latino-Einwanderer sind ohne Arbeit. "Wieder einmal sehen wir", doziert der MWF-Chef, "wie die US-Wirtschaft sich in unhaltbarer Weise auf das Ausland verlassen hat." Kolonnen zurückkehrender Einwanderer drängen nach Süden und verstopfen den Grenzübergang bei Tijuana. Die mexikanische Wirtschaft bricht zusammen.
Mai
Arbeitslose Manager entdecken, daß nur noch ein einziger Wirtschaftssektor floriert: der Kokainhandel. Sie wenden alle Fähigkeiten an, die sie an der Wirtschaftsfakultät gelernt haben.
Der Kokainmarkt wächst um mindestens das Vierfache. Die kolumbianische Wirtschaft erlebt einen Boom. Die US-Regierung verwendet den gesamten Bildungsetat für den Bau von Gefängnissen.
Juni
Ein marsianisches Beratungsunternehmenunterbreitet einen Plan für die Versteigerung des eingefrorenen Kapitals der NASDAQ-Unternehmen. Um zu verhindern, daß die alten Besitzer um ihr eigenes Kapital mitsteigern, entscheidet der Berater, daß als Bezahlung ausschließlich Mars-Quarzit akzeptiert wird. Die Bank der Schwester des Beraters kauft morgens alles komplett auf (für 25% des Buchwertes) und verkauft es mittags an die alten Besitzer zurück (für 50% des Buchwertes). Sie macht dabei einen Gewinn, der dem Einkommen mehrerer kleiner Planeten entspricht. Der Chef der New Yorker Börse kann seine erschrockene Bewunderung nicht verhehlen: "So etwas habe ich nicht gesehen, seit der einäugige Spanier am Broadway den Drei-Karten-Trick nicht mehr macht."
Der einzige noch verbliebene amerikanische Unternehmer ist Bill Gates.
Er hatte von seinen Freunden vom Mars einen Tip bekommen und vor dem Crash sein ganzes Geld von Dollars in Euros umgetauscht. Er gründet die Partei "Love America" und bewirbt sich um das Präsidentenamt.
Er zieht seinen Kaschmirpullover aus und enthüllt, daß er in Wirklichkeit Superman ist. Er verteilt an jeden Amerikaner eine Kopie von Windows XP mit einem unveränderlichen Bildschirm, der die drei Punkte seines Wahlprogramms abbildet: Schuldenerlaß für Risikokapitalisten, Umlauffonds für arbeitslose Betriebswirtschaftler und einen Plan für psychiatrische Behandlung im Gesamtwert von 30 Dollar.
Er behauptet, er verbinde die neue Selbstversorgermode mit der Hoffnung auf einen Aufschwung durch Microsoft-Technologie.
Sein Parteisymbol ist eine elektronische Mohrrübe, die über einen Internetanschluß verfügt, der aber nur mit dem Microsoft Internet Explorer funktioniert. Die Marspresse nennt ihn einen Populisten, Nationalisten und Monopolisten. Er gewinnt mit einem Erdrutschsieg. Er ändert den Namen des Landes von U.S. in MS.
Juli
Es kommt zu einem sensationellen Angriff eines geheimen Netzwerkes fundamentalistischer Mineralogen aus Krypton auf den Mars.
"Der Mars hat keinen Respekt vor Superhelden", behaupten die Mineralogen. Mars ersucht andere Planeten um Hilfe: "Wer nicht für Mineralogie ist, ist gegen sie."
Die USA antworten: "Aber wir interessieren uns jetzt nur noch für Mohrrüben."
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