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Aus der Neuen Solidarität Nr. 16/2002 |
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Bei einer Veranstaltung zu Schillers Geburtstag im Jahr 2000 versuchten die Dichterpflänzchen das durch folgende Gegenüberstellung zu erklären:
Lessing schrieb in der Duplik: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin alle seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. -- Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: "Wähle!" Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: "Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!"
Der liberalen Gegengedanken drückte Hannah Arendt 1960 folgendermaßen aus: "Was Lessing aber betrifft, so hat ihn das gefreut, ... daß die Wahrheit, sobald sie geäußert wird, sich sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandelt, bestritten wird, umformuliert, Gegenstand des Gespräches ist wie andere Gegenstände auch. Nicht nur die Einsicht, daß es die eine Wahrheit innerhalb der Menschenwelt nicht geben kann, sondern die Freude, daß es sie nicht gibt und das unendliche Gespräch zwischen den Menschen nie aufhören werde, solange es Menschen überhaupt gibt, kennzeichnet die Größe Lessings."
Als Lob verkleidet, dreht Hanna Arendt Lessing tatsächlich das Wort im Munde um. Lessing sage: Der Mensch soll nie aufhören, die Wahrheit zu suchen, obwohl er sich ihr immer nur annähern kann. Sie sagt: Die Wahrheit gibt es nicht, es gibt nur Meinungen. Warum soll man aber nach der Wahrheit suchen, wenn es sie gar nicht gibt?
Deswegen kann Lessing zu recht sagen, daß "alle positiven Religionen gleich wahr und gleich falsch" sind, daß es aber dennoch eine "beste geoffenbarte Religion" gibt, nämlich diejenige, welche "die guten Wirkungen der natürlichen Religion am wenigsten einschränkt."
rts