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Aus der Neuen Solidarität Nr. 18/2002

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Sind alte Menschen wirklich nichts mehr wert?

Altenpflege. In einem Brief an den Club of Life hat ein engagierter Leser die unwürdigen und teilweise grausigen Zustände in deutschen Altenheimen geschildert.


Auszüge aus dem Brief von Herrn Wulkopf, April 2002

In Deutschland leben in 8000 Altenheimen rund 500000 Menschen in Pflegeabteilungen. Sie werden von etwa 200000 Pflegekräften betreut. Nach Meinung von Vertretern der Heimträger und der Medizinischen Dienste der Krankenkassen sowie nach Ergebnissen von Personalbemessungsverfahren müßte mindestens 20 Prozent mehr Personal, also zusätzlich 40000 Pflegekräfte beschäftigt werden. Dadurch entstünden Mehrkosten von jährlich 1,5 Mrd. Euro; 60 Prozent davon würden von Selbstzahlern übernommen. Es müßten noch 600 Mio. Euro bundesweit eingesetzt werden. Dabei könnten immerhin 200 Mio. Euro eingespart werden, wenn durch eine verbesserte Pflege akute Krankenhauseinweisungen wegen Austrocknung, Dekubitus, Schenkelhalsbrüchen usw. verhindert würden.

Zu diesem Thema erreichte uns ein Brief von Günter Wulkopf, worin besser als in allen Statistiken die Art und Weise geschildert wird, wie in unserem Land mit vielen alten Menschen - hier im konkreten Fall mit seiner Mutter - umgegangen wird. Wulkopf berichtete außerdem telefonisch, daß er nach dem vorzeitigen, unnötigen und grausamen Ableben seiner Mutter sich an alle erdenklichen Stellen gewandt habe; während sich die hannoversche Kriminalpolizei mit Personalknappheit herausrede, müsse man bei der Staatsanwaltschaft den Eindruck gewinnen, daß es dort gang und gäbe sei, Ermittlungen bei diesbezüglichen Tötungen alter Menschen bald wieder einzustellen. Zudem schmettere das niedersächsische Justizministerium Dienstaufsichtsbeschwerden betroffener Bürger offenbar regelmäßig ab.

Neben Fragen konkreter juristischer Hilfe ging es in unserem bewegenden Gespräch auch um die schrecklichen Auswüchse einer kollabierenden Wirtschaft, der gerade die alten, schwachen und kranken Menschen auf dem "Altar der Sparpolitik" geopfert werden. Durch unsere Arbeit ehrten wir nicht nur das Andenken seiner Mutter, sondern trügen vielleicht auch dazu bei, daß sich Ähnliches im ganzem Lande nicht wiederhole.

Auszüge aus dem Brief von Herrn Wulkopf, April 2002

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

unsere Mutter hat - wie viele andere Mütter - die Kriegswirren in der Großstadt mit Alarm und Bombennächten miterlebt und vier Kinder großgezogen. Wir Kinder aus der Kriegszeit können voller Stolz behaupten, daß unsere Eltern die Voraussetzungen für den späteren Wohlstand in unserem Lande durch ihren Fleiß und ihre Opferbereitschaft geschaffen haben. Deshalb die Frage an die heutige Generation: Sind die alten Menschen denn nur noch so wenig wert, daß es vielen jüngeren heute gleichgültig ist, wie menschenunwürdig und teils grausam heutzutage mit ihnen umgegangen wird? Und wie steht es mit deren Gewissen?

Mein besonderer Appell ergeht deshalb an die heutigen Politiker, Staatsanwälte und Richter: Weshalb ermitteln Sie nicht bei unnatürlichen Todesfällen, wenn es um die alte Generation geht?

Und nun sollen alle auch das traurige Ende unserer Mutter erfahren, die schon nach zwölf Wochen Heimaufenthalt sterben mußte - was unsere Justiz aber nicht interessiert hat. Sie hatte immer Angst davor gehabt, eines Tags in ein Heim zu müssen. Es war ein Unglücksfall in ihrer Wohnung, wo sie sich einen Oberarmbruch zuzog, der ihr zufriedenes Leben auf einmal zerstören sollte. Für vier Wochen kam sie in ein Krankenhaus, wo man ihren Arm bis auf noch schmerzhafte Restbeschwerden wiederherstellte... Nach weiterer gesundheitlicher Besserung stand dann der vom Hausarzt empfohlenen Heimeinweisung nichts mehr im Wege. Als Selbstzahlerin wurde sie in einem privaten Seniorenheim und als Reha-Fall in einem winzigen Doppelzimmer aufgenommen. In dieser ungewohnten Enge fühlte sie sich überhaupt nicht wohl... Schon bald nach der Aufnahme war sie sehr erschrocken, als die Heimleiterin uns einreden wollte, unsere Mutter für einige Wochen nicht mehr zu besuchen, denn dann würde sie sich eingewöhnen.

Die ihr zugesagte Milchkost oder püriertes Essen - wegen ihrer Gastritis - erhielt sie nicht. Dafür versorgten wir sie während der Besuchszeit mit entsprechender Nahrung und Getränken. Weiterhin verwunderte uns die Nötigung der Heimleitung, daß wir ihren eigenen Arzt beanspruchen sollten. Dieser war jedoch nur nebenbei für das Heim tätig...

Jedoch sollte es durch die Willkürmaßnahmen der Heimleiterin bald einen verhängnisvollen Verlauf nehmen, weil sich ein furchtbarer Dekubitus (Druckgeschwür) entwickelte: Ein zur Selbsthilfe für Nachts vorhandener Klostuhl... wurde ihr mit den Worten verweigert: "Das stinkt". Dieser war erforderlich geworden, weil auf ihr nächtliches Klingeln keine Nachtschwester erschien und auch keine vorhanden war... Inzwischen hatte die Heimleitung auch die Nachtklingel unterbrochen. Mit ihrem Delta-Rad (Gehhilfe) gelang es ihr dann einmal, die Toilette des Nachts allein aufzusuchen. Dies wurde als nächtliche Unruhe ausgelegt, weswegen sie eine Überdosis eines Neuroleptikums erhielt, welches noch bis zur Besuchszeit wirkte.

Die Heimleiterin ließ sie von nun an täglich windeln. Schließlich entstand ein furchtbarer Dekubitus, den ich entdeckt hatte, als sich der Verbandsmull lockerte. Die Heimkrankenschwester beteuerte darauf, daß sie mit Zinksalbe etc. alles wieder "in den Griff bekäme". Die notwendigen Maßnahmen unterblieben jedoch. Gegen die furchtbaren Schmerzen erhielt sie zusätzlich ein starkes Schmerzmittel und ein Antibiotikum gegen die Wundbakterien. Wir haben dann erst spät entdeckt, daß die Heimleitung über die blutige furchtbare Wunde zur Tarnung Verbandsmull um die darüber gezogene Gummihose wickeln ließ - bis zum Eintritt des Todes. Es sollte hier der Eindruck entstehen, daß alles ordnungsgemäß versorgt wurde...

In den letzten Lebenstagen erhielt sie auch nichts mehr zu essen und zu trinken und hatte immer entsetzlichen Durst. Unser Bestatter will nur vor Gericht aussagen, in welchem Zustand er die Leiche vorgefunden hat und ob erkennbar war, daß man sie zum schnellen Ableben verhungern und verdursten ließ...

Wir Kinder erfuhren von ihrem Tod erst in der Besuchszeit... Durch unsere Erzwingung der Todesbescheinigung - erst nach zwölf Monaten ausgehändigt - stellten wir darin die Fälschungen und das unterlassene Ankreuzen bestimmter Felder fest... Folgende Lüge, die trotz einer bis zuletzt anwesenden Hauptzeugin und anderer Zeugen vom Personal bis heute noch nicht einmal vom Gericht auf Wahrheit geprüft wurde, durfte die Heimleiterin mit ihrer Krankenschwester über ihren Rechtsanwalt anbringen: Unsere Mutter wäre mit einem "Lungenkrebs im Endstadium" ins Heim eingeliefert worden. Ein Gerichtsverfahren wurde durch Tricks der Richter und Absprache mit dem Rechtsanwalt durch ein Versäumnisurteil abgeblockt.

Wenn der obige Krebs bestanden hätte, wären wir einsichtig gewesen und hätten uns mit ihrem baldigen Tode abgefunden. Sie hat aber noch immer Freude am Leben gehabt durch uns Kinder, durch schöne Handarbeiten und ihrem Klavierspielen.

In ewigem Gedenken schrieb dies ihr Sohn

Günter Wulkopf, Hannover

 

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