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Aus der Neuen Solidarität Nr. 18/2002 |
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Von Jutta Dinkermann
Ein Blick auf das Weltgeschehen offenbart allerorten Brutalität, Menschenverachtung, Grausamkeiten, Völkermord. Doch müssen wir unsere Blicke wirklich bis in den Nahen Osten richten, um uns - zu recht - zu empören und nach Veränderung zu rufen? Ja und nein. Ja, weil dort eine grundsätzliche Umkehr dringend nötig ist und wir kurz davor stehen, daß die ganze Region in Flammen aufgeht. Nein, weil wir dabei eines nicht vergessen dürfen: Auch direkt vor unserer Tür findet ein schweigender Holocaust in so großem Ausmaß statt, daß es einem das Blut in den Adern gefrieren läßt. In vielen Pflegeheimen und oftmals auch in den eigenen vier Wänden werden wehrlose Menschen - von keinerlei vertrauten Gegenständen oder Personen umgeben und der Willkür des Pflegepersonals ausgesetzt - mit Medikamenten oder radikaleren Methoden ruhiggestellt, aus dem Bett geholt, angesprochen, gefüttert oder gewaschen, auf "den Topf gesetzt", wenn die Zeit es erlaubt. Keine Studie hat je untersucht, wie viele dieser Menschen an nichts anderem als "bloßer" Entwürdigung gestorben sind.Andere sterben eines vorzeitigen Todes aufgrund von schmerzhaftesten Pflegemängeln, und der Hauptgrund für die Einlieferung älterer Menschen ins Krankenhaus ist schlichte Austrocknung (sofern sie überhaupt eingeliefert werden, weil damit ja zutage käme, daß man sie vernachlässigt hat). Viele Altenpfleger geben ihren Beruf vorzeitig auf, weil sie ihr anspruchsvolles Berufsbild nicht länger verwirklichen können.
Herr Wulkopf verweist zu Beginn seines Briefes zu recht auf die Verdienste seiner Mutter, die so vieles geleistet und so vieles durchmachen mußte, bevor das eigentliche Grauen im Pflegeheim begann. Doch offenbar beeindrucken diese Verdienste nicht mehr, sie reichten in jedem Fall nicht aus, um ihr einen menschenwürdigen Lebensabend zu ermöglichen. Und auch die unabweisbare Tatsache, daß wir alle einmal alt gebrechlich, krank und auf fremde Hilfe angewiesen sein werden, scheint unter vielen Jüngeren keinerlei wirklich faßbare Wirkung zu zeigen. Die, die nun an der Reihe wäre, sich zu kümmern und die Lobbyarbeit für die Älteren zu übernehmen, die es nun nicht mehr können, haben, so scheint es, wichtigeres zu tun.
Man denke in diesem Zusammenhang nur an das wunderbare Märchen der Gebrüder Grimm "Der Großvater und sein Enkel", in dem dieser seinen Eltern ob ihres Verhaltens dem Alten gegenüber die Schamröte ins Gesicht treibt und der Großvater fortan wieder am Familientisch Platz nehmen kann. Damals rührte diese Geschichte Menschen an, hielt ihnen gleichermaßen den Spiegel vor - und heute?
Mir fiel neulich bei einer Fahrt durch die Stadt - solcherlei Gedanken im Kopf - dreierlei auf: Im Straßenbild fehlen nicht nur die solchermaßen inzwischen "weggesperrten Alten", die man in Begleitung von hilfreichen Händen vor einigen Jahren noch wesentlich häufiger ihre kurzen Erledigungen machen sah. Man sieht ebenfalls nur noch selten schwangere Frauen, Kinder mit Down-Syndrom oder anderen Behinderungen.
Wo sind die Menschen, die sich auf das Abenteuer einlassen, über viele Jahre lang ein Kind großzuziehen - um dann, wenn die Zeit gekommen ist, ihre Eltern bei der Hand nehmen? Sicher, viele tun ihr Äußerstes, kämpfen mit Behörden und Ämtern gegen die Sparpolitik, um für die ihnen Anvertrauten noch das Nötigste zum Überleben zu erhalten. Doch die Mehrheit (im Sinne einer erkennbaren Lobby) ist es nicht. Wo also sind die Menschen, die nicht nur auf das Äußere schauen, für die Zeit nicht das Synonym atemlosen Lebenshungers bis zur letzten Stunde, der Verneinung aller Nachdenklichkeit, des "nicht allein sein Könnens" und der eigenen Sterblichkeit ist?
Es vergeht eine lange Zeit, bis der Mensch soweit herangewachsen ist, daß er nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist. Nur eine vergleichsweise kurze Zeit im Leben ist er völlig auf sich selbst gestellt, um dann wiederum von der Freundlichkeit, Liebe und Solidarität anderer Menschen und des Staates abhängig zu werden. Ja, diese Unabhängigkeit soll und muß bis zur Neige ausgekostet werden - doch anders als dies heute der Fall ist. Denn diese kurze Periode ist die Zeit, in der wir all das, was uns die bisherige Menschheitsgeschichte hinterlassen hat, was wir unseren Eltern verdanken, zurückgezahlt werden muß. Die Liebe, die wir empfangen haben, müssen wir in unseren verschiedenen Lebensbereichen weitergeben, für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt sorgen, selber Kinder großziehen.
Dies ist die Zeit des Wortes und der Tat - im Sinne von Liebe, die ohne Ansehen der konkreten Person um das Prinzip der Menschwerdung und die Großartigkeit des Menschseins weiß und entsprechend verantwortungsvoll handelt. Vor und nach dieser Periode ist die alleinige Zeit des "Wortes" - einem Verständnis desselben, aber eines liebevollen Imaginierens der Menschenwürde und des ihm innewohnenden Prinzips, obwohl wir dieses vielleicht nicht mehr oder noch nicht erkennen - im alten, im ungeborenen, im kranken, im behinderten Menschen.
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