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Aus der Neuen Solidarität Nr. 18/2002

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Erst die Treuhand hat die DDR-Wirtschaft marode gemacht

Neue Bundesländer. Die Neue Solidarität und die Bürgerrechtsbewegung Solidarität möchten den Menschen in den neuen Bundesländern ein Forum bieten, um die letzten elf Jahre deutsch-deutscher Geschichte aufzuarbeiten. Diese Woche ein Beitrag über die Wirtschaftspolitik von Ost und West.


Einschätzung der Treuhandanstalt

Mein Leben in der DDR aus heutiger Sicht

Angeregt durch den Aufruf von Frau Helga Zepp-LaRouche, der Bundesvorsitzenden der Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) und Direktkandidatin für den Bundestag in Berlin Mitte, in Neue Solidarität vom 10. April 2002 möchte ich einige für mich wesentliche Aspekte zu meiner Befindlichkeit im Rückblick auf meinen beruflichen Werdegang und die Entwicklung meiner Familie in der DDR aufzeichnen.

Nach der ab Ende 1989 und 1990 allgemein empfundenen Freude über die Öffnung der Grenze und den späteren Anschluß der DDR an die Bundesrepublik Deutschland ist Jahre später infolge einschneidender Maßnahmen gegen die DDR-Wirtschaft eine relative Ernüchterung bei der Bevölkerung eingetreten. Dabei erachte ich einen Vergleich der Arbeits- und Lebensbedingungen nicht nur für wichtig, sondern im Sinne eines gegenseitig besseren Verständnisses unserer Landsleute aus Ost und West sogar für unumgänglich, um weit verbreitete Mißverständnisse auszuräumen, die den Anschein erwecken, daß sich beide Teile Deutschlands nicht in eine gemeinsame Richtung entwickeln.

Zu meiner Person: Ich befinde mich im 71. Lebensjahr, habe nach Abbruch der Oberschule zwischen 1947 und 1949 eine Lehre als Maschinenschlosser im Elektromaschinenbau und im Anschluß von 1951 bis 1954 ein Fachschulstudium als Fernmeldeingenieur absolviert. Unmittelbar nach Abschluß des Studiums wurde mir durch den Betrieb, der mich zum Studium delegiert und dies finanziert hat, eine außerordentlich interessante Tätigkeit als Entwicklungsingenieur für kernphysikalische Meßgeräte übertragen, die ich bis 1971 in einem 1955 gegründeten späteren sogenannten Wissenschaftlichen Industriebetrieb in Dresden fortführte.

Einen starken Einfluß auf meine berufliche Entwicklung hatte der Gründer und Leiter dieses Betriebes, der im Jahre 1955 aus der UdSSR zurückgekehrte Dr. Werner Hartmann, später Außerordentlicher Professor an der Technischen Universität Dresden. Berufliche Erfolge und die allgemein praktizierte gegenseitige Hilfe unter den Kollegen führten zu einem verbreitet vorhandenen, steigenden Selbstwertgefühl in Verbindung mit einem außergewöhnlichen Gefühl der Zusammengehörigkeit des Entwicklungskollektivs des inzwischen nach 1995 liquidierten Betriebes. Die Zusammengehörigkeit wird über zwischenzeitliche Fluktuationen und den Wegfall des Unternehmens hinweg dadurch charakterisiert, daß sich eine nennenswerte Anzahl ehemaliger Mitarbeiter und Leiter der Entwicklungsbereiche dieses Betriebes jährlich zweimal in Dresden zusammenfinden und dabei mitunter aus weit entfernt liegenden Orten anreisen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein wesentlicher Aspekt zur Erklärung der positiven Einstellung vieler bei der nachträglichen Betrachtung der DDR-Zeit.

Auch der Fortgang meiner beruflichen Entwicklung ab 1971 ist mit Prof. Werner Hartmann verbunden, der 1960 die Arbeitsstelle für Molekularelektronik Dresden (AMD) gründete und bis zu seiner politisch begründeten Entlassung im Jahre 1972 nach seinen außerordentlich erfolgreichen Prinzipien leitete, da ich in diesem Unternehmen eine mir angebotene Stelle als Leiter des Verkaufs annahm.

An politische Probleme mußte ich mich nach dem Weggang von Prof. Werner Hartmann (er wurde posthum durch Benennung einer Straße in Dresden mit seinem Namen geehrt) gewöhnen, da zwischen 1955 und 1961 zwei meiner Brüder die DDR irregulär verlassen hatten.

Zur Familie nur soviel: Im Zeitraum 1955 bis 1961 wurden drei Söhne geboren, die eine gute Entwicklung hatten und nach Schulabschluß ohne die aus der heutigen Sicht bekannten Probleme am Arbeitsmarkt, alle drei unkompliziert Lehrstellen erhielten und nach bestandener Abschlußprüfung jeweils Anstellungen.

Ein weiteres Problem für meine berufliche Kariere entstand dadurch, daß unser jüngster Sohn etwa 1985 einen Ausreiseantrag nach der BRD stellte. Da ich nicht bereit war, in diesem Zusammenhang durch meinen Betrieb gestellte Forderungen zu erfüllen, mußte ich meine Leitungsfunktion zur Verfügung stellen und erhielt ab 1986 eine interessante Aufgabe auf den Gebieten der Markt- und Bedarfsforschung, die ich in Kooperation mit Mitarbeitern anderer Kombinate des Industriezweiges bis zu meinem "Altersübergang" im Jahre 1991 durchführte. Bis 1990 hatte ich in diesem Zusammenhang ständig Verbindung zu den Kombinaten anderer Industriezweige, deren Erzeugnisse zunehmend auf die Mikroelektronik umgestellt wurden, was mir auch einen Einblick in die Ausstattung dieser Unternehmen verschaffte.

Einschätzung der Treuhandanstalt

Als einen Hauptgrund für wesentliche Diskrepanzen betrachte ich das Ergebnis der Arbeit der Treuhandanstalt und die Einschätzung, die sich aus diesem Ergebnis in der allgemeinen Form ergibt: Offizielle Stellen, die Medien und jedermann sprechen bei einer oberflächlichen Einschätzung der DDR-Wirtschaft - grundsätzlich und ohne jede Überlegung, wie verletzend dieses Wort für diejenigen sein kann, die zweifellos unter großen Anstrengungen über viele Jahre schwere Arbeit geleistet und dabei in vielen Fällen ihre Gesundheit geopfert haben - den Begriff marode aus.

Damit wird den Deutschen aus den östlichen Bundesländern bescheinigt, daß sie über Jahrzehnte praktisch keine nennenswerten Leistungen vollbracht haben. Dies kennzeichnet jedoch keinesfalls die wahre Situation!

Ein wesentlicher Unterschied zu den Arbeits- und Lebensbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland war ohne Zweifel die Tatsache, daß das Realeinkommen im Osten bei gleicher Leistung nennenswert unter dem im Westen lag, wenn man ausschließlich das Geld betrachtet, was man auf die Hand erhielt. Dieses, das wesentlich geringere Warenangebot und der negative Einfluß der zugelassenen Parteien, die Beschränkungen der Reisefreiheit und die vielen Restriktionen des Staates führten letzten Endes zu den politischen Ergebnissen des Jahres 1990.

Der Begriff "marode" für die gesamte Wirtschaft ist ohne jeden Abstrich zulässig für den Zustand, der nach Abschluß der Arbeit der Treuhandanstalt endlich erreicht war, nachdem praktisch alle Industriezweige weitgehend zerschlagen waren - offensichtlich das Hauptziel der Aktion.

Als sehr problematisch ist - mit gewissen Einschränkungen - noch der Versuch der DDR-Regierung zu bewerten, mit fadenscheinigen Methoden den selbstbetrügerischen Nachweis zu führen, die DDR hätte wirtschaftlich zu den ersten 15 Staaten der Welt gezählt. Sicher hat die für den kleinen Staat DDR zu breit angelegte Spezialisierung in Entwicklung und Produktion bei einer gleichzeitig relativ breit angelegten Forschung dazu geführt, daß weniger geförderte Industriezweige und die Erhaltung der Altbausubstanz Not leiden mußten. Jedoch müssen aus derzeitiger Sicht die Anstrengungen des Staates gesehen werden hinsichtlich der

  • sozialen Gerechtigkeit (Verhütung von Armut),

  • Organisation eines relativ guten und bezahlbaren Gesundheitswesens (vorwiegend Polikliniken und Betriebsambulanzen neben den Krankenhäusern) mit kostenloser Behandlung der Versicherten mit Familie,

  • Schaffung ausreichender Kapazitäten an Kindertagesstätten in den Kommunen und Betrieben sowie u.a.

  • Schaffung eines guten Bildungswesens (leider mit dem Nachteil eines zu hohen Einflusses der Ideologie).

    Basis der Arbeit der vom Kapital geleiteten Treuhandanstalt sind vordergründig zwei noch durch die DDR-Regierung verabschiedete Gesetze: Die Treuhandverordnung vom 1. März 1990 mit dem Untertitel: Beschluß zur Gründung der Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums und das Treuhandgesetz vom 17. Juni 1990 mit dem Untertitel: Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des Volksvermögens.

    Es lohnt, sich die Gesetzestexte auf der Zunge zergehen zu lassen. Sie sind enthalten in Michael Jürgs "Die Treuhändler: Wie Helden und Halunken die DDR verkauften", erschienen als vollständige Taschenbuchausgabe bei Knaur, München, 1998, ISBN 3-426-77253-1.

    Ich habe bis 1991 in einem Forschungszentrum auf mikroelektronischem Gebiet gearbeitet. Durch eine Forderung der Treuhandanstalt mußte das Unternehmen, in dem auch nennenswerte Produktion stattfand, kurzfristig die Belegschaft von etwa 3500 auf 500 Mitglieder reduzieren, wodurch zwangsläufig die Konkurrenzfähigkeit zu ähnlichen BRD-Unternehmen, die selbst infolge der Konkurrenz aus Südostasien ökonomische Probleme hatten, zerbrach.

    Da ich durch meine Arbeit bedingt einen relativ guten Einblick in andere Industriezweige der DDR hatte und mit Großbetrieben des eigenen Industriezweiges kooperierte, kann ich gut einschätzen, daß es nur mit einem gerüttelt Maß an krimineller Energie möglich war, diese Unternehmen (in Einzelfällen für 1 DM!) weit unter Wert an sogenannte Investoren (vielfach spekulierend) abzugeben, die in den meisten Fällen die Verpflichtung zur Investition und Erhaltung der Arbeitsplätze nicht erfüllten, und damit ein Unternehmen nach dem anderen ausblutete, d.h. liquidiert wurde.

    Um nicht mißverstanden zu werden, folgendes: Ich bin nach wie vor der Auffassung, daß ein Zusammenschluß der beiden deutschen Staaten ein Glücksfall der Geschichte war und ein Zusammenleben in gegenseitiger Achtung mit allen erdenklichen Mitteln erreicht werden muß.

    In diesem Zusammenhang sind sowohl durch die Bundesregierung als auch durch die Landesregierungen unbedingt Maßnahmen zu ergreifen, der zur Zeit fortschreitenden Entvölkerung und Überalterung der ostdeutschen Bundesländer raschestmöglich entgegenzuwirken. Dies ist keinesfalls mit einer "Politik der ruhigen Hand" möglich. Eine Politik der ruhigen Hand ist vielmehr für den Fall von extrem hohem Wert, wenn eine Entscheidung zu fällen ist, Söldner in fremde Länder zu entsenden.

    Reiner Galle, Moritzburg

     

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