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Aus der Neuen Solidarität Nr. 19/2002

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Pressestimmen: "Die Spur des Bären"

Financial Times Deutschland, 30. April 2002, von Fredmund Malik
Die Finanzanalysten sind leise geworden; der Terror, den sie - gestützt auf ihre vermeintliche Unfehlbarkeit - ein paar Jahre lang mit Arroganz ausüben konnten, funktioniert nicht mehr. Es wird erkannt, daß auf unheilvolle Weise Finanz- und Realwirtschaft verwechselt wurden. Die Illusion nicht endender Bull Markets und die New-Economy-Euphorie erweisen sich als das, was sie schon immer waren: Mangel an wirtschaftlichem Sachverstand, wenn auch im Glamour des Zeitgeistes gut verpackt, Fehlen von Kenntnissen der Wirtschaftsgeschichte, jugendliche Unerfahrenheit, nicht selten schiere ökonomische Dummheit, Casino-Mentalität, Hochstapelei und gelegentlich schlicht Wirtschaftskriminalität.

...[Nur] durch eine richtige Führung der Unternehmen kann das wirtschaftliche Resultat in Form von produktiven Potentialen erzielt werden, seien es Fabriken oder Computer, seien es "Bricks" oder "Bytes", in Form von Gütern und Dienstleistungen, in Form von Volkseinkommen und Sozialprodukt, in Form von Löhnen, Steuern, Zinsen und Gewinnen.

Diese Perspektive zielt auf die realwirtschaftliche Seite des Wirtschaftens, statt - wie es der Shareholder Value tut - auf die finanzwirtschaftliche. Durch die Shareholder-Theorie im Verbund mit der Börsenhausse ist es zur Verwechslung der beiden Seiten des Wirtschaftens gekommen: der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft. Die unvermeidliche Folge war somit auch die Verwechslung des Unternehmers und der unternehmerischen Aufgabe einerseits mit dem Investor und seiner davon ganz verschiedenen Aufgabe der Geldanlage andererseits.

Die Schere der Wirtschaften

Beide sind erforderlich; beide erfüllen wichtige Funktionen in einer modernen Wirtschaft, aber sie folgen einer vollkommen verschiedenen Logik. Früher standen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft in einer klaren Beziehung: Die Finanzwirtschaft diente der Finanzierung der Realwirtschaft. Die Finanzvolumina hatten daher bis etwa Ende der 80er Jahre eine stabile Proportion zu den Welthandelsströmen und den Weltinvestitionen. Danach haben die beiden Wirtschaften sich weitgehend auseinanderentwickelt, daß man buchstäblich von zwei verschiedenen Wirtschaften sprechen muß.... Wie Peter Drucker es sinngemäß einmal - vielleicht etwas überspitzt - formulierte: Banker verstehen alles vom Geld, aber wenig von der Wirtschaft.


Amerika und die rauschhafte Schuldenspirale

Handelsblatt, 3.-4. Mai 2002, von Kurt Richebächer
Angesichts der schwachen Börsen und einer Fülle von Hiobsbotschaften von amerikanischen Unternehmen über rückläufige Umsätze und einbrechende Gewinne in ersten Quartal sollte man eigentlich zunehmende Skepsis gegenüber dem angekündigten Konjunkturaufschwung erwarten. Trotzdem setzen in ihrem kürzlich veröffentlichten Frühjahrsgutachten die deutschen Konjunkturinstitute voll und ganz auf diese Karte.

Im Jahr 2001 stand dem Anstieg des Bruttosozialprodukts von 235,4 Milliarden Dollar ein Zuwachs der Schulden von Konsumenten und Unternehmen von 1002 Milliarden Dollar gegenüber. Zugleich verschuldete sich der Finanzsektor mit weiteren 916 Milliarden Dollar. Im vierten Quartal stieg die Neuverschuldung des privaten, nicht finanziellen Sektors um 987 Milliarden und des finanziellen Sektors um 929 Milliarden Dollar, zusammen 1916 Milliarden Dollar, gegenüber einer Zunahme des nominalen Sozialprodukts um 38,4 Milliarden Dollar. Bei näherer Betrachtung schwimmen Konsumenten und Unternehmen nicht in Liquidität, sondern in maßloser Verschuldung.

Frühere Rezessionen hatten ihre unmittelbare Ursache immer in einer Geld- und Kreditverknappung durch die Notenbank. Heute haben wir zum ersten Mal in der Geschichte die Situation, daß ein scharfer Konjunkturrückgang bei massiver Geld- und Kreditvermehrung stattfindet.

Völlig ungewöhnlich ist ebenfalls eine drastisch entgegengesetzte Entwicklung auf der Nachfrageseite: Während sich der Konsument bei stagnierendem Einkommen in neue Schuldenrekorde stürzt, streichen die Unternehmen ihre Ausgaben für Anlageinvestitionen und Warenläger drastisch zusammen. Es ist der schärfste Rückgang der Nachkriegszeit.

Als erstes ist also festzuhalten: Die außerordentliche Investitionsschwäche hat ihre Ursache auf gar keinen Fall in einer restriktiven Geldpolitik. Somit bleibt eine einzige vernünftige Erklärung, und die liegt beim Hauptmotiv aller Investitionen: Seit Jahren sehen sich US-Unternehmen einer enttäuschend schwachen Entwicklung ihrer Gewinne gegenüber.

Sie war schwächer als in jedem anderen Konjunkturzyklus der Nachkriegszeit. Das Gewinnwunder der "New Economy", das Wall Street jahrelang euphorisch beschrieben und gefeiert hat, fand ausschließlich in den Gewinnen pro Aktie statt, die die Unternehmen mit unzähligen Tricks frisierten.

Großer Verlierer bei all dem ist der produzierende Teil der Wirtschaft, Gewinner der Einzelhandel. Was sich in diesen Zahlen widerspiegelt, ist klar und deutlich: Jahre eines maßlosen Konsumrausches, keineswegs aber Jahre einer produktiven Erneuerung. Innerhalb der Industrie schnitten die Bereiche dauerhafte Konsumgüter, industrielle Ausrüstung und Elektronik am schlechtesten ab. Insgesamt schreiben sie inzwischen tiefrote Zahlen.

Was sich in den USA abspielt, ist offensichtlich nicht der übliche Konjunkturzyklus, sondern eine Strukturkrise, die sich primär in einer Gewinn- und Investitionskrise äußert. Dies ist nicht die übliche, harmlose Lagerrezession. Es ist die schwerste Gewinn- und Investitionskrise der Nachkriegszeit, die ihre tiefergehende und anhaltende Ursache in einer maßlosen Schuldenvermehrung vor allem für den Konsum und für finanzielle Spekulationen hat.

 

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