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Aus der Neuen Solidarität Nr. 20/2002

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Unmenschlich: Pflege im Minutentakt

Endstation Pflege. Mit Einführung der Pflegeversicherung vor sechs Jahren hat sich die Situation der Pflegebedürftigen in Deutschland nicht gebessert, im Gegenteil. Es häufen sich Berichte über Pflegenotstände bis hin zu physischer Gewalt gegen alte Menschen.


Sparen am falschen Ort
Ruhigstellen statt Ansprache

Sind Sie auch in den "besten Jahren", und die Situation pflegebedürftiger und alter Menschen interessiert Sie höchstens am Rande? Sie sind "nützlich" und "produktiv" und nehmen teil am gesellschaftlichen Leben? All das kann sich binnen Minuten ändern - durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder eine andere Krankheit. Auch Sie werden älter, die Kraft läßt nach, Sie hören und sehen schlechter, Sie sind plötzlich auf Hilfe angewiesen. Immer mehr Menschen befinden sich heute genau in solch einer Situation. Die Älteren haben dieses Land nach dem Krieg mit aufgebaut, haben zu unserem Wohlstand beigetragen, haben Zeit und Liebe in die kommende Generation investiert. Jetzt sind sie auf Hilfe angewiesen, aber sie möchten sich geistig austauschen, das Gefühl haben, gebraucht zu werden, möchten Zuwendung erfahren. Sie möchten nicht das Gefühl haben, irgend jemandem auf der Tasche zu liegen. Sie möchten einfach menschenwürdig behandelt werden. Welche Pflege würden Sie sich wünschen?

Sicher nicht die Pflege, wie sie leider heute oft betrieben wird. Denn auch mit Einführung der Pflegeversicherung vor sechs Jahren hat sich die Situation der Pflegebedürftigen nicht gebessert, im Gegenteil. In Deutschland sind etwa 80 Mio. Menschen, das sind 99% der Bevölkerung, gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit versichert. Der Sozialen Pflegeversicherung gehören 71,34 Mio. und der Privaten Pflegeversicherung 8,48 Mio. Menschen an. Pflegeleistungen erhalten zur Zeit 1,86 Mio. Menschen. Davon umfaßt die Hilfe zur häuslichen Pflege (1,31 Mio. Menschen) den größten Teil. Zur stationären Pflege erhalten 550000 Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung. In der ambulanten Pflege übernimmt ein Großteil der Angehörigen die Versorgung der Pflegebedürftigen. Darüber hinaus stehen 13000 Pflegedienste für die ambulante Pflege zur Verfügung; stationäre Pflegeleistungen werden in 8600 Pflegeheimen erbracht.

Sparen am falschen Ort

Im derzeitigen Denken und Handeln von Politikern scheint nur der Begriff des "Sparens" zu existieren. So müsse die Pflege bedarfsorientiert sein, und der eng gefaßte Begriff der Pflegebedürftigkeit wird nur an den Verrichtungen des täglichen Lebens und nicht am tatsächlichen Betreuungsbedarf ausgerichtet. So ist für jede Verrichtung (z.B. Waschen, Haarekämmen, Toilettengang, Nahrungsaufnahme) eine bestimmte Zeit vorgegeben. Für den Toilettengang sind das drei Minuten, und zum Waschen bleiben nur 20 Minuten. Die Zeiten werden am Ende summiert, und aus der Anzahl der Minuten ergibt sich die Pflegestufe. Darin sind aber weder Gespräche, Spaziergänge oder besondere Wünsche des Pflegebedürftigen berücksichtigt. Für die Sterbebegleitung bleibt gar keine Zeit mehr. So pflegt man keine Menschen, so wartet man allenfalls Maschinen.

Die Chance auf eine angemessene Pflege ist somit gleich null. Völlig unmöglich ist eine aktivierende Pflege, bei der alte Menschen soviel eigene Verantwortlichkeit behalten wie möglich. Heute wird Heimbewohnern aus Zeitmangel jeder Handgriff abgenommen, und jede Eigeninitiative verwehrt oder im Keim erstickt. Nicht selten reagieren die alten Menschen dann mit Rückzug und Depression, oder ihre Verzweiflung äußert sich in großer Unruhe. Dann wird viel zu häufig zu Psychopharmaka gegriffen, um die Betroffenen ruhig zu stellen.

Die Behandlungspflege, welche zum Teil aus der Kranken- in die Pflegekasse verschoben wurde, findet meist gar nicht statt, und Rehabilitationsmaßnahmen für Alte sind gar nicht vorgesehen.

Pflege im Minutentakt funktioniert einfach nicht. Die Folgen davon zeigen sich immer wieder:

  • Bei den Pflegekräften, die ihren Beruf nach nur kurzer Zeit aufgeben, weil sie ihre Idee von menschenwürdiger Pflege nicht verwirklichen können.

  • Bei Pflegekräften, die von sich aus die Heimaufsicht benachrichtigen, um auf Mißstände im Heim hinzuweisen.

  • In Berichten von Angehörigen über die Situation der Pflegebedürftigen in den Heimen.

    So müssen viele Pflegebedürftige oft lange Zeit auf Hilfe warten. Wundgelegene Patienten werden selten oder gar nicht gelagert, was Druckgeschwüre (Dekubitus) verschlimmert; nicht selten sind Patienten bis auf die Knochen wundgelegen. Selbst dann sind noch viele der Meinung, daß so etwas "doch mal passieren" könne. Das grenzt an Gewalt in der Pflege und ist einfach menschenverachtend.

    Noch schlimmer wäre die Situation sicher ohne die Angehörigen der Pflegebedürftigen in den Heimen. Sie übernehmen in den Besuchszeiten oft Aufgaben, zu welchen die Schwestern aus Zeitmangel nicht in der Lage sind. Sie übernehmen die Spaziergänge, das Lagern, sie reichen das Essen und die Medikamente. Der Stationsablauf kann empfindlich gestört werden, wenn diese Hilfen ausfallen.

    Ruhigstellen statt Ansprache

    Und es häufen sich Berichte über Heime, die erhebliche Qualitätsmängel aufweisen. Eine sichere Pflege ist oft nicht gewährleistet. Die Schichten sind personell unterbesetzt, bestehen oft bis zur Hälfte aus Pflegehilfskräften (angelernt oder Zeitarbeiter). Die Heime hätten gerne mehr Personal, aber der Personalschlüssel wird von der Pflegekasse sehr eng bemessen, und viele Heimbetreiber haben nur die Gewinnmaximierung im Kopf. So kommt es immer wieder zum Verabreichen falscher Medikamente oder falscher Dosierungen. Es werden ärztlich nicht verordnete Medikamente (meist Beruhigungsmittel) verabreicht. Das engt die Wahrnehmungsfähigkeit der Alten weiter ein, viele Patienten sind dann gar nicht mehr ansprechbar und "vegetieren" nur noch dahin.

    Heimbewohner bekommen oft zu wenig zu essen oder zu trinken, trocknen regelrecht aus, oder es wird zur "Pflegeerleichterung" eine Magensonde gelegt. Dieser Mißstand ist besonders schlimm, da durch eine gute und ausreichende Ernährung der Allgemeinzustand vieler alter Menschen verbessert werden könnte. Nach Auskunft von Ernährungsmedizinern leiden mindestens 400000 überwiegend ältere Menschen aufgrund von Eiweißmangel an Druckgeschwüren. Im Jahr 2000 mußten 1,3 Mio. Patienten wegen wundgelegener Körperstellen behandelt wurden. Diese Zahl könnte mit ausreichend Eiweißzufuhr um 30-50% niedriger sein.

    Inkontinenzhilfen (Windeln mit einem Fassungsvermögen von bis zu 3,8 Litern) werden oft ohne Notwendigkeit und gegen den Willen der Pflegebedürftigen eingesetzt. Die Windeln werden früh beim Waschen angelegt, dann jedoch erst mittags und noch einmal abends gewechselt - eine große Strapaze für die Haut und beste Voraussetzungen für die Entstehung von Druckgeschwüren. Über solche Zustände beschweren sich dann die Angehörigen, und die Heimleitung gibt die Beschwerde an das Personal weiter. Auf den Pflegestationen entsteht noch mehr Zeitdruck und Frustration, denn bei gleichem Personalstand gibt es keine Möglichkeit, den Aufgaben gerecht zu werden.

    Es werden ohne richterliche Genehmigung freiheitsberaubende Maßnahmen und Fixierungen angewendet. Dekubitusprophylaxe (Maßnahmen gegen das Wundliegen) und -therapie finden kaum statt.

    Auch Gewalt in der Pflege ist heute keine Seltenheit mehr. Oft rührt sie von einer Überforderung der Pflegekräfte in den Heimen und der Angehörigen zu Hause. So werden ca. 600000 ältere Menschen im Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Auch in den Heimen leiden viele Bewohner unter seelischer und körperlicher Gewalt. So werden Bewohner nicht selten an das Bett und den Rollstuhl gefesselt. Auch verfallen manche der Pflegenden aufgrund der Arbeitsüberlastung in die Vorstellung, daß sie sich gegen widerspenstige Bewohner zur Wehr setzen müßten. Da wird dann schon mal derber zugefaßt.

    Geradezu erschreckend waren die Beispiele, die kürzlich im Themenkanon "Pflege" im ZDF gezeigt wurden. So starb z.B. ein Mann in einem Heim, dessen Frau sich über die grobe Behandlung beklagt hatte. Ihr Mann hatte Striemen am Körper, lag lange in der Windel. Einmal hatte er eine Beule am Kopf, die er nach Aussage einer Schwester schon immer gehabt haben soll. Der alte Mann wurde nicht gelagert und auch nicht krankengymnastisch betreut. Die Gelenke versteiften, er bekam einen Dekubitus. Der zwei Meter große Mann lag in einem viel zu kleinen Bett. Obwohl er bewegungsunfähig war, hatte er einen Arm- und einen Beinbruch. Die Schuld am Dekubitus wurde der Frau gegeben, denn diese hatte zusätzlich zu den monatlichen 3000 Euro für den Heimplatz eine Antidekubitusmatratze nicht aus eigener Tasche bezahlen wollen. Schließlich wandte sie sich an die Heimaufsicht.

    Auch in den Krankenhäusern kommt es durch fehlendes Personal immer häufiger zu Pflegefehlern. In der oben erwähnten Fernsehsendung wurde ein weiterer Patient gezeigt, der nach einer Operation, bei der er beinahe gestorben wäre, in eine Rehabilitationsklinik verlegt worden war. Dort bekam er aufgrund von Pflegefehlern Pilzbefall in den Leisten und ein Liegegeschwür von acht Zentimetern Durchmesser, welches bis auf den Knochen vereitert war. Auch der Luftröhrenschnitt war vereitert. Dies alles sind Schäden, die bei sorgfältiger Pflege nicht passieren. Nach zwölf Wochen nahm ihn die Frau nach Hause. Sie pflegt ihn seitdem mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes.

    Aber auch bei der häuslichen Pflege wird gespart. Die Pflegekasse hat in dem eben geschilderten Fall unglaubliche 9 Euro pro Tag für die Behandlungspflege bewilligt, obwohl der Patient mehrmals am Tag gelagert werden muß. Auch müssen Medikamente verabreicht, Blutdruck kontrolliert, die Trachealkanüle abgesaugt und andere Tätigkeiten verrichtet werden. Würde der Pflegedienst nicht einen Großteil der Leistungen umsonst erbringen, wäre die Versorgung des Patienten völlig unmöglich.

    Die aus Pflegefehlern entstehenden Folgekosten beliefen sich allein am Beispiel des Dekubitus im letzten Jahr für die Krankenkassen auf 1,5 Mrd. Euro - Geld das für eine angemessene Personalausstattung der Heime sicher sinnvoller eingesetzt wäre.

    Um diesen Problemen zu begegnen, hat der Gesetzgeber kürzlich das "Qualitätssicherungsgesetz" verabschiedet. Danach soll die Eigenverantwortung der Pflegeheime gestärkt werden (was bedeutet, daß sich der Gesetzgeber aus diesem Bereich weiter zurückzieht), und ein bundesweiter Pflegeheimvergleich soll mehr Transparenz ins Pflegesystem bringen. Kein Wort aber über mehr Personal oder eine Berücksichtigung der tatsächlichen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen.

    Die Lage läßt sich überspitzt auch so ausdrücken: In den Niederlanden wurde die Sterbehilfe legalisiert, in Deutschland hoffen die Verantwortlichen offenbar auf eine "biologische Lösung" des Problems.

    Menschenwürdige Pflege ist möglich, wenn der politische Wille dafür da ist. Die Ideen und Lösungen hierfür liegen seit langem auf den Tisch und werden von der BüSo und dem Club of Life immer wieder in die Öffentlichkeit gebracht. Es bedarf nur verantwortungsbewußter Bürger und Politiker.

    Frauke Richter

     

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