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Aus der Neuen Solidarität Nr. 20/2002

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Memorandum zum Nahost-Konflikt

Im Wortlaut. Das folgende Memorandum an die Regierung der Bundesrepublik Deutschland wurde von 118 Mitgliedern der "Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschungen und Dokumentation (DAVO) e.V." sowie weiteren 102 Personen unterzeichnet. Die Namen der Unterzeichner sind der Website der DAVO unter www.davo-online.de zu entnehmen.


Gewalt und Gegengewalt: Notwendigkeit der Ursachenbestimmung
Unsere Verantwortung als Deutsche

Als BürgerInnen der Bundesrepublik Deutschland, die in der Region des Nahen Osten leben, über den Nahen Osten arbeiten und sich über Jahre mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt beschäftigt haben, sind wir

Gewalt und Gegengewalt: Notwendigkeit der Ursachenbestimmung

Als noch während der ersten Intifada in Madrid die Nahostfriedenskonferenz stattfand und dann in den Osloer Verhandlungen den Palästinensern ein Staat in Aussicht gestellt wurde, schien die Hoffnung auf ein normales Leben und auf eine bessere Zukunft für die Kinder viele Wunden und durch die erste Intifada erlittene Traumata zu heilen, auch wenn Oslo hinter manche Forderungen der Palästinenser zurückfiel. Selbst die meisten der ursprünglich aus dem heutigen Israel stammenden Flüchtlinge begannen sich damit abzufinden, daß ihre Zukunft in einem palästinensischen Staat in der Westbank und im Gazastreifen liegt. Das Recht auf Rückkehr wurde zu einem symbolischen Recht. Man sollte das an ihnen begangene Unrecht anerkennen und sie wenigstens entschädigen.

Aber Oslo führte nicht zum Frieden, sondern endete in der zweiten Intifada, in einer noch brutaleren Spirale aus Gewalt und Gegengewalt, aus Widerstand und Unterdrückung. Diese Gewaltspirale bedroht inzwischen die Existenz der palästinensischen wie der israelischen Gesellschaft.

Noch schlimmer als Hoffnungslosigkeit sind verlorene Hoffnungen, und acht Jahre nach Oslo haben die Palästinenser alle Hoffnung verloren.

1. Auf Grund der Osloer Vereinbarungen sollten die Palästinenser am 4. Mai 1999 einen unabhängigen Staat proklamieren. Aber auf israelischen Druck und Drängen westlicher Politiker mußte Präsident Arafat die Proklamation des Staates zweimal auf inzwischen unbestimmte Zeit verschieben.

2. Während des gesamten Oslo-Prozesses wurden die Verhandlungen um die eigentlichen Streitpunkte (die Flüchtlingsfrage, Jerusalem, die Siedlungen und die Grenzziehung) immer wieder hinausgezögert. Statt über die Umsetzung eindeutiger UN-Beschlüsse zu diskutieren, wurden die UN-Beschlüsse selber - unter Umgehung der UN - zum Verhandlungsgegenstand.

3. Für die Besatzungsmacht bedeutete dies Zeitgewinn, um neue Realitäten zu schaffen: Die Westbank und der Gazastreifen wurden in sogenannte A-, B- und C-Zonen aufgeteilt. Die Demarkationslinien zwischen den Zonen werden seitdem von israelischen Soldaten kontrolliert, so daß der Zugriff des israelischen Militärs auf die Westbank und den Gazastreifen stärker wurde als vor Oslo. Der Großteil des in Oslo zur Debatte stehenden Gebietes befindet sich bis heute unter israelischer Verwaltung. Noch immer enteignet Israel in diesen Zonen Land, auf dem neue jüdische Siedlungen errichtet werden. Von 1991 bis 2000 stieg die Zahl der Siedler trotz des vereinbarten Siedlungsstopps von 91000 auf 200000. Übergriffe von fanatischen Siedlern auf Palästinenser häuften sich dadurch in einem erschreckenden Ausmaß. Die Westbank wurde in den 90er Jahren mit einem dichten Netz von unter israelischer Souveränität stehenden Straßentrassen überzogen, wodurch die räumliche Ausdehnung palästinensischer Städte und Dörfer unmöglich wird. Die Wirtschaft in den besetzten Gebieten kam dadurch fast zum Erliegen.

Oslo diente - auch wenn es von den Initiatoren nicht so intendiert war - faktisch dazu, in den besetzten Gebieten eine Art Bantustanlösung vorzustrukturieren, während offiziell über eine palästinensische Souveränität verhandelt wurde. Für die Menschen, die in dieser Realität leben, machte das die Friedensgespräche zu einer Absurdität. Die Lebenssituation selber wurde zu einer "strukturellen Gewalt" (Galtung), die sich - nachdem Ariel Scharon im Oktober 2000 mit seinem provokativen Spaziergang über den Tempelberg das Ende des Friedensprozesses einleitete - in der zweiten Intifada entlud. Ohne Hoffnung auf eine Zukunft und mit dem Gefühl, daß die Opfer der ersten Intifada umsonst waren, sehen immer mehr inzwischen herangewachsene Kinder der ersten Intifada nur noch den Weg in den Tod: den eigenen und den des Gegners.

Die Selbstmordattentate haben auch die Stimmung in Israel verhärtet und mit brutaler Gewalt deutlich gemacht, was Demonstrationen und UN-Resolutionen nicht vermochten: daß Israel eine Besatzungsmacht ist. Seitdem dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter und hat mit der militärischen Intervention der israelischen Truppen in Ramallah, Jenin und Bethlehem ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Unsere Verantwortung als Deutsche

Wir glauben, daß der Westen für die gegenwärtigen Entwicklungen mit verantwortlich ist. Gerade in der Bundesrepublik verzichten die meisten Politiker auf jede Kritik an Israel aus Angst, daß sie des Antisemitismus beschuldigt werden könnten. Unserer Meinung nach ist die kritiklose Unterstützung Israels eine versteckte Form des Antisemitismus und für das jüdische Volk schädlicher als jede wohlmeinende Kritik.

Das normale Leben in Israel ist zum Erliegen gekommen. Das Verhältnis zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels hat einen Tiefpunkt erreicht. Der Staat Israel hat in den letzten Monaten mehr Menschenleben verloren als während der Libanoninvasion. All dies war als direkte Folge der expansionistischen und rassistischen Politik gegenüber den Palästinensern vorherzusehen.

Unsere historische Verantwortung als Deutsche gegenüber den Opfern des Holocausts darf nicht bei den Juden stehen bleiben, sondern muß die ganze Kausalkette von Ereignissen, die durch den Holocaust ausgelöst wurden, mit einschließen. Ohne den Holocaust hätte es den Staat Israel in seiner jetzigen Form wahrscheinlich nicht gegeben. Seit über 50 Jahren bezahlen mittelbar auch die Palästinenser einen hohen Preis für die historischen Spätfolgen des Nationalsozialismus.

Wenn wir als Deutsche wirklich Verantwortung tragen wollen, dürfen wir uns angesichts von Massenmord und Vertreibungen nicht Zurückhaltung auferlegen, sondern sollten unser gesamtes Gewicht in die Waagschale werfen, damit die Gewaltspirale durchbrochen wird und das Blutvergießen auf beiden Seiten aufhört. Das ist nur möglich, wenn die nationalen Rechte beider in Palästina lebender Völker eingelöst werden.

Wir fordern deswegen die Bundesregierung auf:

Wir veröffentlichen das Memorandum in Absprache mit dem Vorsitzenden der DAVO, Prof. Dr. Günter Meyer.

 

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