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Aus der Neuen Solidarität Nr. 22/2002

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Grenzerfahrungen und Alltägliches von jungen Menschen mit Krankheit und Behinderung

Nachdenkliches aus: Lebenskandidaten - "Wir lassen uns nicht begraben, ehe wir tot sind." Attempto Verlag Tübingen GmbH.


An den Tod
Versuchskaninchen?

Die fast unendliche Geschichte oder das Leben hat das letzte Wort

Erst gestern schrieb ich als Nachricht für alle:
Laßt mich sterben!
Und seit heute mittag
will ich nichts anderes als leben.
Wie wohl tut es doch,
sich an eine Schulter zu lehnen,
vielleicht zu weinen,
zu spüren, da ist jemand, der mich mag
und der mich braucht.
Das allein gibt so viel neue Lebenskraft.
Und deshalb stehe ich schon morgen wieder an vorderster Front
und kämpfe ihn noch einmal,
den Kampf ums Überleben.


An den Tod

Seit sechs Jahren lebe ich mit dir Tür an Tür.
Vielleicht holst du mich schon morgen.
Es ist nicht leicht mit dir zu leben,
und doch,
je näher du mir kommst,
um so näher komme ich
dem Leben.


Versuchskaninchen?

Du fragst mich oft,
warum ich das tue.
Nach Zürich, Bern und Basel fahre
und mich als Versuchskaninchen hergebe,
mich vollspritzen lasse mit neuen Medikamenten
und mich nachher stundenlang erbrechen muß.
Du drängst mich oft,
damit aufzuhören.
Du sagst, das sei doch alles sinnlos.
Aber ich werde weitermachen
- vielleicht hilft es mir ja doch -
auch wenn nur
ein einziges anderes Kind diesen Krebs
dadurch überlebt, dann hat es sich gelohnt!


Die fast unendliche Geschichte oder das Leben hat das letzte Wort

Hermann, mein Tumor,
wird sterben.
Vergiftet mit Zytostatika,
mit Strahlen verbrannt.
Vertrieben aus meinem Gehirn.
Hermann, mein Tumor,
ist tot,
auf dem Tomogramm
nicht mehr zu erkennen.
Doch irgendwann wird Hermann
wieder zum Leben erwachen.
Er wird erneut
wachsen,
wird lebenswichtige
Hirnmasse verdrängen,
zerstören.

Dann wird er seine Geschichte
so erzählen:
Bea, meine Wirtin,
wird sterben.
Erblinden durch meine Lage,
verblöden durch meinen Einfluß.
vertrieben aus meinem Leben.
Bea, meine Wirtin,
ist tot.
Das Angiogramm zeigt
kein Leben mehr an.
Doch irgendwann
wird Bea
auferstehen.
Im ewigen Leben aber
werde ich sie
nie mehr
einholen können...

Wie lange es dauern wird, bis Hermann seine Geschichte
erzählen kann, ist ungewiß,
nur daß es soweit
kommen wird, ist sicher:

Aber bis dahin
bleibt mir
hier auf Erden
wertvolle Zeit
zum Leben.

Ihr ahnt, ich bin dem Tode nah, ihr denkt,
es gäbe keine Freude mehr für mich.
Oh, wie irrt ihr euch -
in mir ist eine Burg,
eine starke Burg der Hoffnung;
sie läßt sich nicht zerstören,
sie ist bunt, sie ist lebendig - noch immer!
Viele Türen und Torbögen sind zu erkennen,
sie führen überall und nirgends hin,
zu einem Zentrum, das nur ich allein kenne,
und zu dem nur ich den Weg durch den Irrgarten finden kann.
Wann immer ich möchte, kann ich dorthin gehen,
und ich finde wieder Freude da und Kraft,
denn dort sind schöne Erinnerungen und Gedanken
an liebe Menschen vereint.

Ich brauche kein Hilfsmittel, um dahin zu gelangen,
meine Willenskraft genügt, um den Weg zu finden.
Von außen seh' ich übel aus -
schwarze Schatten unter den Augen,
blasse Haut, blaue Lippen, haarloser Kopf;
zu schwach zum Stehen, eingefallen;
- all das läßt meinen Körper als Ruine
erscheinen.

Aber
in mir ist eine Burg,
eine starke Burg der Hoffnung,
sie ist bunt wie ein Regenbogen,
sie läßt sich nicht zerstören,
sie ist voller Leben,
noch immer.

 

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