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Aus der Neuen Solidarität Nr. 23/2002

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Den Frieden gewinnen

Von Lyndon H. LaRouche

Dokumentation. Der Hauptteil von Lyndon LaRouches Rede bei seinem Internetforum am 28. Mai 2002. Die Amerikaner gedachten am amerikanischen Volkstrauertag tags zuvor der gefallenen amerikanischen Soldaten früherer Kriege.


Das Konzept strategischer Verteidigung

In der heutigen Zeit möchte ich gerne darüber sprechen, welche Lehren aus der Betrachtung der menschlichen Seite, der menschlichen Erfahrungen des Krieges zu ziehen sind. Wir wollen damit den Volkstrauertag angemessen begehen.

Lassen Sie mich mit der Frage beginnen: Wo findet man in sich selbst nicht nur den Mut, in einem Krieg zu kämpfen, wenn es sein muß - sondern mehr noch als das: Wo findet man in sich die Kraft, über die nächste Woche oder über seine unmittelbare Nachbarschaft hinauszublicken und so zu denken und zu handeln, wie es die Konsequenzen unseres Verhaltens für die nächste oder übernächste Generation notwendig machen? Wir brauchen heute diesen Mut und diese Vernunft bei unseren Mitbürgern, damit sie so klar denken, wie es die derzeitige Krise von uns verlangt. Diese Herausforderung, in dieser Weise klar zu denken, ist anders, aber dennoch vergleichbar der Herausforderung jener Menschen, die in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts kämpften und starben.

Um die Quelle dieser Stärke zu finden, sollten Sie in Ihr Inneres sehen und sich mit der Geschichte Ihrer Familie auseinandersetzen. Was wissen Sie über Ihre Familie, was wissen Sie über Ihre Nation? Denken Sie darüber nach, daß Sie sterben werden, wie die Menschen vor Ihnen. Denken Sie nicht nur daran, was Ihnen das Leben heute bietet. Denken Sie darüber nach, wie Ihr Handeln, Ihre Reaktion auf die jetzige Krise von all jenen beurteilt würde, die gestorben sind und selbst nicht mehr eingreifen können, die aber in Ihrem Innern auf Sie blicken und fragen: "Kannst du tun, was getan werden muß - so wie wir es zu unserer Zeit getan haben?"

Ich beginne mit meiner Geschichte; vielleicht hilft Ihnen das dann, auch die Ihre zu betrachten. Meine persönlichen Erfahrungen in meiner Familie reichen an die 200 Jahre zurück. Meine Eltern wurden Ende des 19. Jahrhunderts geboren, meine Großeltern in den 1860er Jahren. Unsere Tischgespräche zuhause drehten sich oft um einen Ur-Urgroßvater, der zu seiner Zeit ziemlich berühmt war, weil er ein führender Abolitionist (Sklavereigegner) war und man ihm deshalb beträchtliche Schwierigkeiten gemacht hatte. Immer wieder kam das Gespräch beim Abendessen auf ihn - man erinnerte daran, was er zu dieser und jener Gelegenheit gesagt hatte usw. Und so etwas gibt es in jeder Familie. Meine Geschichte reicht so 200 Jahre zurück.

Was nun die Überschneidung der Familiengeschichte mit der Geschichte unserer Nation angeht, reicht sie noch viel weiter zurück. Meine Vorfahren kamen etwa um 1670 aus Frankreich und England nach Nordamerika. Einige gingen nach Pennsylvania, andere nach Quebec. Andere Vorfahren kamen in den 1860er Jahren aus Schottland und Irland. Einer, ein Urgroßvater, war ein schottischer Soldat, ein Kavallerist, der sich im Bürgerkrieg der Ersten Kavallerie von Rhode Island anschloß. Sein Bruder war ein berühmter Kapitän der Schiffahrtslinie White Star. Aber auch einige irische Vorfahren kamen in dieser Zeit nach Nordamerika. Hinzu kommt noch auf der französischen Seite in Quebec ein gewisser indianischer Einfluß - wenn ich von Zeit zu Zeit auf den Kriegspfad gehe, wissen Sie jetzt also, warum.

So hat jeder von uns seine besonderen eigenen Wurzeln in der Familiengeschichte, in der Geschichte seiner Nation und vielleicht noch anderer Nationen. Und wir wissen, daß wir sterblich sind, daß wir nur eine kurze Zeitspanne leben - in einer Aufeinanderfolge von Familien und in einer Nation. Wir denken daran, daß wir es wert sein wollen, daß man sich später an uns erinnert. Wir gedenken derer, die vor uns gestorben sind und deren Gesicht uns noch im Bewußtsein ist. Dies ist, allgemein gesprochen, das Modell für die positive Entwicklung jedes Kindes, jedes Heranwachsenden in der Gesellschaft. Die Familie, die Familienumgebung, die Wurzeln der Familie, die zwei, drei oder mehr Generationen zurückreichen, geben uns ein Gespür dafür, woher die Familie kam, wie die Nation entstanden ist und was für diejenigen wichtig war, die vor uns gestorben sind.

Wir sollte also, statt daran zu denken, wie wir uns heute "gut fühlen" können, uns selbst fragen: "Wie kann ich zufrieden sein, wenn ich tot bin? Wie kann ich in dem Bewußtsein sterben, etwas Gutes getan zu haben? Daß ich den Mut besaß, etwas Notwendiges zu tun?" Wir alle werden früher oder später sterben; so geht es uns allen. Aber es gibt Menschen, die im Krieg sterben. Und es macht einen gewissen Unterschied, ob man im Krieg stirbt oder unter normalen Bedingungen. Und ich halte es für angemessen, am Memorial Day 2002 über diesen Unterschied nachzudenken - denn wir befinden uns heute in einer ähnlichen Lage. Einige haben Krieg am eigenen Leibe erfahren, andere nicht. Aber Krieg ist Teil unserer Erfahrung, und viele Menschen in Amerika sind im Zuge der beiden Weltkriege ums Leben gekommen.

Man spricht oft von Helden, die in der Schlacht starben. Aber die meisten Menschen, die im Krieg sterben, sterben nicht in der Schlacht. Sie sterben an der "Reibung" des Krieges, wie Clausewitz es nennt - etwa bei Unfällen mit dem Geländewagen oder an Krankheiten etc. Als ich in Burma diente, bekamen es unsere Soldaten in einer Region im Norden Burmas mit "Buschtyphus" zu tun, einer Infektionskrankheit, die die Japaner aus anderen Teilen Asiens eingeschleppt hatten. Damals gab es keine Behandlungsmöglichkeit gegen diese Krankheit. So lagen viele Soldaten einfach nur im Lazarett und starben, ohne daß man helfen konnte. Ich sah viele sterben. Sie kehrten nicht zu ihren Familien nach Hause zurück.

Im gleichen Krankenhaus lagen auch drei sterbende Soldaten, deren Flugzeug - ich glaube, es war eine C-46 - beim Start abgestürzt war. Sie überlebten zwar den Absturz, aber sie hatten dabei zuviel Flugbenzin eingeatmet, und das war zuviel für ihre Lunge usw. Sie lagen in einer Art Koma. Ein anderer US-Soldat mexikanischer Herkunft war von britischen Militärpolizisten angeschossen worden, als er ein Dorf besuchte. Und diese Menschen lagen dort, Tag für Tag, und wurden gepflegt. Wir sahen sie da liegen. Eines Morgens waren sie dann weg. Sie waren alle in der Nacht gestorben. So sterben die meisten Menschen im Krieg - nicht in der Schlacht, sondern durch die Begleitumstände, die Reibung. Wir haben es erlebt.

Im letzten Jahrhundert kam es zu zwei Weltkriegen. Verschaffen wir uns eine Erinnerung, einen sinnlichen Eindruck. (Einige kurze Filmausschnitte werden gezeigt.) Hier sehen Sie Aufnahmen von amerikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Und jetzt sehen Sie Aufnahmen aus Deutschland aus der Zeit, als es sich auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitete.

Das Bild des Soldaten, der bergan über Stacheldraht gegen feindliches Maschinengewehrfeuer anstürmt, war eine häufige Erfahrung. So sind viele Amerikaner (im Ersten Weltkrieg) gestorben. Aber sie starben in Frankreich nicht nur in den Schützengräben, sondern auch an Kollateralschäden und Unfällen. Sie kehrten nicht zurück. Ihre Familie warteten vergeblich. Auch das haben die Amerikaner erlebt.

Es ging weiter: Die Deutschen marschieren in den Krieg. Man sieht die Mobilisierung. Es wirkt erschreckend. Man fragt sich: Was geht wohl in den Köpfen dieser Menschen vor sich? Man sieht die Schrecken der Nazizeit; die SS-Truppen marschieren, und die anderen Soldaten marschieren in den Krieg - einen Krieg, der mit der fast völligen Zerstörung Deutschlands enden wird. Und das war nur die deutsche Seite.

Wenden wir uns dem asiatischen Kriegsschauplatz zu, um etwas für heute daraus zu lernen. MacArthur war ein großer General, einer der größten der amerikanischen Geschichte. Er hat als Kommandeur das meiste für die USA erreicht. Er führte unter scheinbar verzweifelten Bedingungen einen Krieg im Pazifik und brachte ihn noch vor Hiroshima zu einem erfolgreichen Ende. Er ließ zwar auch einige große, schwere Schlachten kämpfen, von denen einige äußerst verlustreich waren, aber er kämpfte niemals eine Schlacht, die nicht absolut notwendig war. Er ließ viele Inseln, die von japanischen Soldaten besetzt waren, einfach links liegen, ohne zu versuchen, die Japaner von dort zu vertreiben. Warum sollte man Menschenleben mit dem Erobern von Inseln vergeuden? Man hatte sie isoliert, kontrollierte das Meer und den Luftraum. Warum sich abmühen? Man konnte später darauf zurückkommen. Es gab keinen zwingenden Grund, an diesen Stränden zu kämpfen oder diese Inseln zu besetzen. MacArthur besaß ein Gespür für die Ökonomie des Krieges.

MacArthur führte nicht Krieg, um zu töten. Das Ziel des amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg war nicht, Menschen zu töten - es gab vielleicht den einen oder anderen, der so dachte, aber nicht die Mehrheit. Das Ziel war, den Krieg zu gewinnen und so den Frieden gewinnen. Das ist der Sinn des Krieges: den Frieden zu gewinnen. Das war MacArthurs Politik. Es bestand keine Notwendigkeit, Japan zu besetzen. Meiner Meinung nach hat MacArthur niemals eine Invasion Japans vorgehabt. Und mit Sicherheit wäre ein General wie MacArthur niemals so verrückt gewesen, Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen.

Die Behauptung, wir hätten Japan besetzen müssen, ist eine Lüge. Warum war es nicht notwendig, Japan zu besetzen? Japan ist ein Inselstaat ohne ausreichende Rohstoffe oder vergleichbare Ressourcen. Japan lebt als moderne Volkswirtschaft von den Importen aus anderen Teilen der Welt, besonders aus Asien. Die Strategie MacArthurs im Pazifikkrieg bestand nicht darin, Japaner zu töten, sondern das Land zu einer friedlichen Kapitulation zu bewegen, indem man mit einer Luft- und Seeblockade verhinderte, daß Japan die für seine Wirtschaft und Kriegsmaschinerie benötigten Rohstoffe und Materialien erhielt.

Was viele nicht wissen, ist, daß der japanische Kaiser seit Anfang 1945 diplomatisch über einen Frieden verhandelte. Die Verhandlungen liefen über den Vatikan, und dort vor allem über das Büro von Kardinal Montini, dem späteren Papst Paul VI. Auch einige meiner Freunde waren an diesen Verhandlungen beteiligt. Die USA waren über ein Friedensangebot des japanischen Kaisers informiert.

Warum kam dieser Frieden nicht zustande? Zum Teil deswegen, weil die Briten und Amerikaner nach dem Tode Roosevelts keinen Frieden wollten. Zum Teil auch, weil einige Leute nicht Frieden, sondern Rache wollten. MacArthur und anderen war klar, daß zwar der Kaiser für Frieden war, aber einige japanische Generäle niemals kapitulieren wollten. Daher wollte er Japan durch eine strikte Luft- und Seeblockade, die fast hundertprozentig funktionierte, unter Druck setzen. Dies hätte Japan zur Kapitulation gezwungen, und die Generäle hätten sich dem Willen des Kaisers unterordnen müssen. Dann hätte es Frieden gegeben.

Tatsächlich war der Frieden, der nach Hiroshima und Nagasaki geschlossen wurde, inhaltlich der gleiche, über den der Kaiser über die vatikanischen Kanäle verhandelte. Es bestand nie die Notwendigkeit, daß die amerikanischen Truppen in Japan einmarschieren. MacArthurs Absicht war nicht, Japaner zu töten. Er wollte den Krieg gewinnen, indem er die strategische und logistische Stärke der USA so einsetzte, daß eine Lage entstünde, in der das japanische Volk und die japanischen Institutionen Frieden als Alternative zum Krieg akzeptieren würden. So haben wir früher Kriege geführt.

Es geht dabei um ein bestimmtes Prinzip. Vielleicht ahnen Sie schon, worauf ich hinaus will: Die heutige US-Militärpolitik ist, offen gesagt, unmoralisch und verrückt. Und ich hoffe, daß unser Land damit aufhört, weil dies dumm, unmoralisch und verrückt ist.

Das Konzept strategischer Verteidigung

Wir hatten früher eine andere Militärpolitik. Bevor MacArthur herausgeworfen wurde und Eisenhower aus dem Präsidentenamt ausschied, hatte Amerika eine andere militärische Tradition, ganz anders als die heutige oder die bei dem Vorgehen in Vietnam. Diese frühere Politik wurde im 18. Jahrhundert entwickelt. Es sind vor allem zwei Persönlichkeiten aus dieser Zeit, mit denen sich jeder, der die heutige Lage verstehen will, unbedingt auseinandersetzen sollte.

Der eine war das größte militärische Genie Frankreichs - nicht Napoleon, der war eher ein Verbrecher als ein militärisches Genie - , sondern Lazare Carnot, der zugleich auch ein berühmter Wissenschaftler war.

Lazare Carnot erhielt 1792 das Oberkommando über die französische Armee. Frankreich wurde damals gerade von praktisch allen europäischen Armeen überrannt. Es sollte in mehrere Teile geteilt und so zerstört werden. Carnot übernahm das Oberkommando in einer schier ausweglosen Situation. Aber innerhalb von zwei Jahren verwandelte er die scheinbar unvermeidliche Niederlage in einen vollständigen Sieg. Er reformierte die französische Armee. Er organisierte eine wissenschaftliche Mobilisierung, wie sie Franklin Roosevelt sicherlich verstanden und gerne imitiert hätte. So wurde die französische Armee auf dem europäischen Kontinent praktisch unbesiegbar. Jede Armee, die versuchte, nach Frankreich einzumarschieren, wurde besiegt, die Integrität Frankreichs verteidigt. Leider hat Napoleon später alles wieder ruiniert.

Zur gleichen Zeit lebte in Deutschland ein anderer führender Militär: Gerhard Scharnhorst. Scharnhorst war an der Militärakademie des berühmten Wilhelm von Schaumburg-Lippe ausgebildet worden. Dieses Ausbildungsprogramm hatte eines der größten Genies des 18. Jahrhunderts entwickelt: Moses Mendelssohn. Als Napoleon seine Grande Armée - eine Art Vorläufer der Waffen-SS - nach Rußland schickte, entwickelte die preußische Armee unter Scharnhorsts Einfluß eine Verteidigungsstrategie auf der Grundlage von Arbeiten eines angeheirateten Cousins von Friedrich Schiller (Wilhelm von Wolzogen, Anm. d. Red.) und Schillers Untersuchungen zum Freiheitskrieg der Niederlande und zum Dreißigjährigen Krieg. Diesen Plan legte die preußische Armeeführung dem russischen Zaren vor, und diese strategische Verteidigung resultierte in der vernichtenden Niederlage Napoleons.

Das Konzept der strategischen Verteidigung stimmt überein mit der Idee einer Bürgerarmee. Dieses Konzept einer Bürger-Reservearmee entstand in Frankreich unter Carnots Einfluß wie auch in Deutschland unter dem Einfluß Scharnhorsts.

Wir Amerikaner waren nicht die besten Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die Deutschen waren als einzelne Soldaten wesentlich effektiver. Es gibt darüber ausführliche Studien. Es lag im wesentlichen an dem in die Tiefe gehenden Ausbildungsprogramm und Reserveprogramm, das auf Scharnhorsts Vorstellungen beruhte. Man hat dann in den USA nach Jahren der Vernachlässigung die notwendigen Maßnahmen zum Aufbau einer stehenden Reserve ergriffen und Streitkräfte aufgebaut, die mit entsprechenden Problemen fertigwerden können.

Wir Amerikaner waren, als wir in den Zweiten Weltkrieg zogen, in militärischer Hinsicht meistens ziemliche Tölpel. Ich kann das aus eigener Erfahrung als Augenzeuge bestätigen. Aber wir haben den Krieg trotzdem gewonnen, weil unsere besten Kommandeure verstanden, wie man die unter Franklin Roosevelt wiederhergestellte wirtschaftliche Stärke Amerikas strategisch-logistisch so einsetzte, daß wir gewinnen. Die Vereinigten Staaten gewannen den Zweiten Weltkrieg nicht mit der Stärke, andere zu töten, sondern mit ihrer logistischen Stärke. Heute verfügen wir nicht mehr über Logistik, sondern nur über "Tötungsstärke". Wir haben nicht mehr die Fähigkeit, Kriege zu gewinnen. Wir haben nur die Fähigkeit, "permanenten Krieg" zu führen - bis sie dann plötzlich am Ende ist und zusammenbricht.

Ein anderer berühmter Mann, der oft mißverstanden wird, Niccolò Machiavelli, hat in seinen Schriften über das Werk des [römischen Geschichtsschreibers] Livius eine Militärpolitik entwickelt, worin er darlegt, warum man nach der Niederlage eines Gegners niemals die Lage nutzen darf, möglichst viele Feinde zu töten. Denn dann könnte der andere aus Verzweiflung ebenfalls wieder mit dem Töten beginnen. Statt dessen muß man seine Überlegenheit benutzen, um Bedingungen zu schaffen, unter denen der Gegner einer friedlichen Beilegung des Konfliktes zustimmt.

Genauso sollten wir die heutigen Probleme angehen. Wir sollten uns nicht als "Weltpolizist" aufspielen wie die Legionen des Römischen Reiches oder die Waffen-SS und auf der ganzen Welt Menschen umbringen, von denen wir behaupten, sie seien Schurken oder sie hätten Massenvernichtungswaffen oder bildeten Terroristen aus. Eine solche Politik ist idiotisch und kriminell. Früher wußten wir es besser: Man muß eine in die Tiefe gehende strategische Verteidigung aufbauen, die hauptsächlich auf realwirtschaftlicher Stärke beruht. Man muß die Arbeitsproduktivkraft steigern wie Roosevelt mit dem Aufschwung in den 30er Jahren. Man muß das Bildungswesen verbessern und neue Fabriken eröffnen. Man muß neue Arbeitsplätze schaffen, nicht im Konsumbereich, sondern in einer produktionsorientierten Gesellschaft. Wir brauchen eine funktionierende Landwirtschaft und einen funktionierenden Maschinen- und Werkzeugmaschinenbau. Wir müssen mit der Spaßgesellschaft, zu der wir verkommen sind, aufhören und uns statt dessen wieder in eine produktionsorientierten Gesellschaft verwandeln.

Die Vereinigten Staaten als Nation können ihre eigene Sicherheit weltweit garantieren, ohne einen einzigen Schuß abzugeben. Dazu müssen wir nur die richtigen Lehren aus der Geschichte der vergangenen Jahrhunderte und vor allem der Zeit Roosevelts ziehen, indem wir einen Wiederaufbauplan für die verrottete zusammenbrechende Weltwirtschaft vorlegen und der Welt erklären, daß wir unseren Teil beim Wiederaufbau übernehmen werden. (...)

Wenn es heute jemand wie Franklin Roosevelt an der Macht wäre, wüßten die Amerikaner, was zu tun wäre. Man friert alles [an Geldern] ein, was eingefroren werden muß, man unterzieht das Land einem geordneten Konkursverfahren und stellt wieder ein Weltwährungssystem mit festen Wechselkursen her. Glauben Sie mir, so etwas bekämen wir schnell durch. Dann muß man auf weltweiter Ebene wieder Handelsregulierungen und ein neues protektionistisches Zollsystem einführen. Man muß sicherstellen, daß die Arbeitnehmer nicht entlassen werden, und daß die Banken geöffnet bleiben, auch wenn sie eigentlich bankrott sind, damit der Handel weiterlaufen kann.

Die Regierung würde die Politik grundlegend ändern und großangelegte Infrastrukturprogramme zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beginnen, um die gesamte Wirtschaft wieder zu Wachstum anzuregen. Dies täten wir in Absprache und Zusammenarbeit mit Nationen auf der ganzen Welt, die sich in einer verzweifelten Lage befinden. Und wenn die USA erklären, daß sie dazu gewillt sind, dann würden sich - etwa wenn ich Präsident wäre - , alle anderen anschließen. Sie würden allem zustimmen, was ich vorschlage. Vielleicht verstünden sie manchmal nur zum Teil, wovon ich rede, aber sie würden zustimmen, weil sie in Zeiten wie dieser wahre politische Führung suchen. Sie wollen eine glaubwürdige politische Führung, die weiß, wovon sie redet und auch bereit ist, zu handeln, und darin glaubwürdig ist. Wenn sie davon überzeugt sind, werden sie mit uns zusammenarbeiten. Dann werden wir uns zusammensetzen und die Details ausarbeiten, und dann werden wir es tun.

Dazu müssen wir unseren Mut mobilisieren: den unserer nicht sehr mutigen Regierungschefs und den der Bevölkerung, sie dazu zu drängen. Wir können aus dieser Krise herauskommen, wir sind schon früher mit Schwierigkeiten fertig geworden. Ein Finanzsystem oder Währungssystem zu organisieren oder reorganisieren, ist ein hartes Stück Arbeit, aber keineswegs unmöglich. Wir werden etwa 25 Jahre brauchen, um den Schaden, der in den USA und weltweit in den letzten 25 Jahren angerichtet wurde, wieder zu beheben.

Wir können es schaffen. Dazu können wir auf Methoden zurückgreifen, die sich nicht grundsätzlich von denen unterscheiden, zu denen Franklin Roosevelt 1933 griff. Es hat damals funktioniert, und sogar die schon verwässerte Nachkriegsversion hat funktioniert. Und es wird wieder funktionieren. Persönlichkeiten wie Jean Monnet haben Europa nach dem Krieg wieder aufgebaut, und wir können es heute auch schaffen.

Wir können mit Rußland zusammenarbeiten und es wieder aufbauen. Die Märkte in China, Südostasien und Indien usw. bieten uns ein ungeheures Potential. Wenn wir ein System aufbauen, das ihnen die dringend erforderliche Entwicklung ermöglicht, werden sie die Märkte sein, die wir für unsere Produkte benötigen. Wenn wir zwischen den Staaten ein Kreditprogramm mit einer Laufzeit von 25 Jahren vereinbaren, können wir uns und den Rest der Welt aus den Schwierigkeiten herausbringen.

Wir müssen uns entscheiden, was für eine Welt wir aufbauen wollen. Keine Welt, in der wir allen anderen vorschreiben, wie sie ihr Land regieren sollen. Keine Welt, in wir andere Länder zu "Schurkenstaaten" erklären. Wir brauchen eine Welt, in der man sich auf relativ einfache Prinzipien verständigt: Jedes Volk hat das Recht, sich selbst als völlig souveräne nationalstaatliche Republik zu regieren.

Der frühere amerikanische Außenminister John Quincy Adams erklärte gegenüber den Nationen Südamerikas und der Welt, sobald die USA stark genug seien, würden sie die Briten und die Habsburger vom amerikanischen Kontinent vertreiben und eine Prinzipiengemeinschaft absolut souveräner Nationen aufbauen. Heute müssen wir das gleiche ganz klar sagen. Wir wollen keine Welt, die nach unserer Pfeife tanzen muß, keine Welt, in der Amerika Diktator oder Kaiser der Welt wird. Wir brauchen eine Welt aus völlig souveränen Nationalstaaten, die aus ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse heraus zusammenarbeiten und eine Prinzipiengemeinschaft bilden.

Vor uns steht eine gewaltige Aufgabe. Wir müssen die Weltwirtschaft wieder aufbauen und die Erde zu einem wirtschaftlich sicheren Ort machen. Ich glaube, daß wir erfolgreich sein können. Ich bin bereit. Wer noch?

 

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