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Aus der Neuen Solidarität Nr. 23/2002 |
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Pressestimme Deutschlandfunk (Radio), 27. Mai 2002
Aus einem Gespräch von Frank Capellan mit Uri Avnery, dem israelischen Friedensaktivisten und Publizisten.Capellan: Herr Avnery, wie kritisch darf ein deutscher Politiker gegenüber der israelischen Politik sein? Diese Frage ist in Deutschland durch die Kontroverse unter den Liberalen aufgeworfen worden.
Avnery: Meine Ansicht ist, daß Deutschland und Deutsche Israel genauso kritisieren sollen und mit denselben Maßstäben messen sollen wie jeder andere Staat der Welt. Ich bin gegen jegliche Sonderbehandlung, ob sie positiv oder negativ ist. Wir wollen ein Volk sein wie alle Völker, und ein Staat wie alle Staaten.
Capellan: Lassen Sie mich eine Äußerung von Jürgen Möllemann zitieren, weil Sie sagten, Sie kennen diese Äußerungen nicht. Möllemann hat dem Zentralrat der Juden in Deutschland vorgeworfen, dieser schüre mit seiner Intoleranz gegenüber israelkritischen Äußerungen selbst den Antisemitismus in Deutschland. Das ist ja eine Argumentationsweise, die aus der deutschen Geschichte leidlich bekannt ist. Halten Sie das für Demagogie?
Avnery: Wie gesagt, ich möchte mich nicht darüber äußern, denn um sich darüber zu äußern, muß man wirklich die Einstellung aller Seiten kennen und wissen, was alle Seiten gesagt haben. Ich habe manchmal den Eindruck, daß unsere jüdischen Freunde in Deutschland sehr übertreiben. Sie stellen sich vollkommen einseitig auf die Seite der israelischen Regierung von Herrn Scharon, das heißt einseitig gegen die israelische Friedensbewegung, gegen den Teil der öffentlichen Meinung in Israel, der gegen die jetzige Politik Scharons ist... Wir haben vor ein paar Tagen eine Riesendemonstration von 70000 Israelis in Tel Aviv gehabt, gegen die Politik dieser Regierung, gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete, gegen die kriegerischen Ereignisse gegen die Palästinenser. Das ist auch Israel, und meiner Meinung nach ist es das wirkliche Israel, das richtige Israel.
Capellan: Bestehen eigentlich Kontakte zwischen der Israelischen Friedensbewegung, zwischen Ihnen und dem Zentralrat der Juden in Deutschland? Redet man über die unterschiedlichen Auffassungen, die man da ja offenbar hat?
Avnery: Seit dem Tod von Ignatz Bubis bestehen überhaupt keine Beziehungen mit dieser Organisation. Diese Organisation ist heute einseitig und total auf seiten der rechtsradikalen Regierung in Israel, und darum haben wir mit ihr nichts zu tun, und sie haben mit uns nichts zu tun. Ich kenne überhaupt keine Beziehungen, auch nicht von anderen Friedensbewegungen in Israel.
Capellan: Wie bewerten Sie, daß der Likud-Block einen eigenen Palästinenser-Staat abgelehnt hat?
Avnery: Herr Scharon hat andere Ziele als den Frieden, und solange er am Ruder ist, wird es keinen einzigen Schritt in Richtung Frieden geben. Er möchte die palästinensischen Gebiete im Grunde an Israel annektieren, jedenfalls die Besatzung fortführen. Es wird nie zu einem Staat Palästina kommen, solange Herr Scharon am Ruder ist, und ohne einem Staat Palästina wird es nicht zu einem Frieden kommen. Es wird einfach ein Teufelskreis der Gewalt weiter bestehen. Die Palästinenser werden uns umbringen, wir werden sie umbringen, wir werden palästinensische Dörfer abschneiden, erdrosseln, sie werden weiter Selbstmordattentate in Israel ausüben, und es wird endlos so weitergehen, wenn nicht eine andere Politik betrieben wird.
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